„Die Stockdale steht unter dem Kommando der 7. US Flotte und ist in Okinawa stationiert, aber das wissen Sie wahrscheinlich auch schon.“ Berger nickte.
„Gut. Das Schiff wurde also Mitte Mai ins Ostchinesische Meer abkommandiert, in die Nähe der Senkaku-Inseln. Sollte dort Flagge zeigen, wie man so sagt. Den Chinesen vor Augen führen, dass sie da unten nicht tun und lassen können, was sie wollen.“
„Davon wusste ich nichts“, sagte Berger einsilbig.
„Sie hat mir nichts davon erzählt.“
„Kein Wunder, Junge“, schnaubte der Chief.
„War ein geheimer Einsatz, Top Secret.“
„Und warum wissen Sie es dann?“, wollte Berger wissen. Sein schlechtes Gefühl wuchs von Minute zu Minute, er wollte endlich wissen, was los war.
„Ich hab da so meine Kontakte, Crowe“, brummelte der Chief und trank sein Bier.
„Also, am 18. Mai dampfte die Stockdale auf nordöstlichem Kurs durch das Ostchinesische Meer. Um etwa 23:30 Ortszeit wurde die letzte Positionsmeldung des Schiffes empfangen.“
Berger spürte, wie sich trotz der hochsommerlichen Temperaturen eisige Kälte in seinem Inneren ausbreitete. Der Chief fuhr fort.
„Seitdem: Nichts mehr. Keine Meldung, keine Sichtung, nicht der geringste Hinweis auf das Schiff und seine Besatzung.“
Berger sagte nichts, glaubte nicht, was er hörte. Der alte Mann verschwand aus seinem Gesichtsfeld, das sich seltsam einengte. Er vergaß auch seinen Gast im Keller und beinahe hätte er vergessen, dass der Chief ihm gegenübersaß. Sein Gehirn versuchte die Informationen zu verarbeiten, die eben auf ihn eingeprasselt waren. Ein verschwommenes Bild Ninas erschien vor seinem geistigen Auge, sie lächelte nicht, sie sah ihn hilfesuchend an.
„Alles klar, Junge?“, fragte der Chief, der sich vorgebeugt hatte und Bergers Unterarm festhielt. Berger blinzelte ein paar Mal, verdrängte dieses komische Gefühl und versuchte, sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
„Ja“, flüsterte er leise.
„Jaja, fahren Sie fort, Chief“, forderte er den alten Mann auf. Dann griff er nach seinem Bier, denn sein Hals war urplötzlich so trocken geworden wie eine staubige Seitenstraße in Mogadischu.
Also berichtete Master Chief Williams. Über das Verschwinden der USS Stockdale war augenblicklich eine Nachrichtensperre verhängt worden. Nur sehr wenige, hohe Offiziere der 7. Flotte in Okinawa und beim Stab in Washington wussten etwas von der Sache. Anscheinend, so zumindest hatte die Quelle des Chiefs in Erfahrung gebracht, hatte der Außenminister einen Termin beim chinesischen Botschafter, oder der Botschafter war beim Außenminister, das wusste er nicht mehr so genau. Auf jeden Fall gab es eine inoffizielle Anfrage, ob den Chinesen etwas aufgefallen sein könnte und ob sie etwas über den Verbleib der Stockdale wüssten.
„Das ist aber verdammt ungewöhnlich, Chief“, kommentierte Berger dieses Anfragen des Außenministers.
„Ungewöhnlich? Das ist eine verdammte Sauerei, Junge“, knurrte Williams.
„Diese Ärsche in Washington informieren die verdammten Chinesen, bevor sie selbst den Hauch einer Ahnung haben, was mit dem Schiff geschehen ist.“
„Vermutlich wissen die Chinesen genau, wo die Stockdale ist“, sagte Berger bestimmt und erntete einen zustimmenden Gesichtsausdruck des Chiefs.
„Wie kommen Sie darauf, Crowe?“, wollte dieser wissen.
„Ich kenne dieses Volk, Chief. War mal für längere Zeit da unten zu Gast, könnte man sagen. Dabei habe ich einiges gelernt. Und wenn die Chinesen sagen, sie wüssten leider nichts und wenn sie dabei auch noch lächeln, dann wissen sie genau Bescheid. Das ist absolut sicher, glauben Sie mir.“
Bergers Blick war böse, seine Erinnerungen an seine Gefangenschaft erklommen die tiefen Abhänge seines Gedächtnisses, versuchten sich aus den Verliesen zu befreien, in die er sie verbannt hatte. Er schloss die Augen und zwang die Geister der Vergangenheit zurück in die tiefe Schwärze, aus der sie gekrochen waren.
„Da reden Sie mir aus der Seele, Junge“, lächelte der Chief erleichtert.
„Ich verwette alles, dass die Chinesen das Schiff oder zumindest die Besatzung haben und nicht rausrücken.“
„Was gedenkt die Navy oder die Regierung in dieser Sache zu unternehmen?“, fragte Berger den Chief, obwohl er die Antwort eigentlich bereits wusste. Schließlich hatte er den regierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten höchstpersönlich kennen gelernt. Diese Begegnung war eines jener besonderen Vergnügen gewesen, die sich Berger in seinem turbulenten Leben lieber erspart hätte. Andererseits, wenn dieser Schwachkopf von Präsident nicht gewesen wäre, hätte er auch Nina niemals kennen gelernt. Das Leben war schon seltsam, dachte Berger.
„Raten Sie mal, Junge“, blaffte Williams mit säuerlichem Gesichtsausdruck.
„Sie nehmen doch nicht für einen Augenblick ernsthaft an, dass unser von Herzen geliebter Präsident James auch nur das geringste Risiko in Kauf nimmt und wegen dieser Sache bei den Chinesen interveniert? Dass er die Seals schickt? Oder die Rangers? Nein, vorher friert die Hölle zu!“
Die Farbe im blassen Gesicht des alten Chiefs glich einem ungesunden Rot, Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Und Berger hatte keinen Grund, eine andere Meinung zu vertreten. Eventuelle Überlebende würden momentan sicher nicht gesucht oder gar gerettet werden. Nicht unter dieser Regierung, das stand klar fest. Also mussten sie die Sache anders angehen.
„Gibt es irgendwelche Beweise, dass das Schiff angegriffen oder sonst wie in Seenot geraten sein könnte?“, fragte Berger. Der Chief schüttelte nur den Kopf.
„Anscheinend gab es atmosphärische Störungen, die sämtliche Funkverbindungen in diesem Teil des Ostchinesischen Meeres unterbunden hätten. So gab es keinen Kontakt zum Schiff. Es stand auch nicht unter Satellitenbeobachtung und der nächste Vogel, der die Stelle überflogen hat, konnte nichts Verdächtiges entdecken.“
Berger nickte und dachte nach. Alles klang ganz nach einem hinterlistigen Angriff unter Anwendung von massiver Störwirkung. Die Chinesen mussten koordiniert vorgegangen sein, sie mussten vorbereitet und entschlossen gewesen sein. Sie hatten es mit einem kampfstarken Gegner aufgenommen, der in puncto Bewaffnung überlegen war, und trotzdem hatten sie die USS Stockdale von der Oberfläche des Meeres verschwinden lassen wie ein billiger Jahrmarktzauberer eine Münze in seinen magischen Händen. Das Schiff war also weg, vermutlich lag es am Grund des Meeres. Es abzuschleppen und irgendwo zu verstecken war wohl aufgrund der Satellitenüberwachung nicht möglich gewesen. Doch die Besatzung, oder zumindest ein Teil davon, konnte durchaus noch am Leben und irgendwo von den Chinesen versteckt worden sein. Zumindest hoffte er das.
„Das Meer ist an dieser Stelle nicht sonderlich tief“, stellte Master Chief Williams fest.
„Wenn die Stockdale auf Grund liegt, müsste man sie vom Satelliten oder einem Flugzeug aus sehen können. Außerdem besteht die Möglichkeit, einen solch massiven Stahlrumpf mittels Magnetanomaliedetektoren zu entdecken.“
„Ich vermute mal, dass beides durchgeführt worden ist und dass nichts entdeckt wurde?“, sagte Berger und trank einen weiteren Schluck Bier.
„Keine Ahnung. Das kann meine Quelle mir nicht bestätigen. Aber wenn sie etwas gefunden hätten, dann wäre doch bestimmt schon längst etwas an die Öffentlichkeit gedrungen, oder?“, fragte der Chief.
„Mit Sicherheit. So was lässt sich nicht ewig geheim halten. Das Gleiche gilt für diese Nachrichtensperre aufgrund der Geheimhaltungsstufe. Das ist nicht für die Ewigkeit. Mitte Mai ist das Schiff verschwunden, jetzt haben wir Ende August. Das sind fast dreieinhalb Monate. Lange geht das nicht mehr gut, dann platzt die Bombe.“
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