„Maschinenraum, bereit machen für AK!“, befahl Korvettenkapitän Anna Maria Hohenstein. Äußerste Kraft , so der Befehl, würde das alte Schiff bis an die Grenzen belasten.
„L.I.“, fuhr sie mit befehlsgewohnter, ruhiger Stimme fort, sah dabei den Leitenden Ingenieur der Prinz Eugen direkt ins schweißnasse Gesicht, „ich will 23 Knoten haben. Sorgen Sie dafür, dass das Schiff die auch hergibt!“
„Jawohl, Frau Kapitän!“
Der L.I., der mit ölverschmierter Arbeitsuniform vor Hohenstein stand, salutierte und machte sich wieder auf, zurück hinunter in die brütende Hitze des Maschinenraums. Dort würde er die zwölf kohlebefeuerten Wasserkessel bis an ihre Leistungsgrenze treiben, und damit das alte Schiff hoffentlich nicht überfordern. Als er das Schott der Brücke passierte und sich im Laufschritt entfernte, hatte Hohenstein bereits den nächsten Befehl auf ihren vollen, nur leicht geschminkten Lippen.
„Meldung von Ausguck und Horchraum einholen! Ich will wissen, ob wir allein hier draußen sind, oder ob Schiffe in der Nähe stehen.“
Eine Strähne ihres blonden Haares hatte sich aus dem Knoten gelöst, den sie unter der weißen Offiziersmütze verborgen hatte, und war ihr vor die Augen gerutscht. Elegant schob sie die widerspenstige Strähne wieder unter die Mütze zurück und rückte diese zurecht. Im leicht verzerrten Spiegelbild der dunklen Brückenfenster kontrollierte sie unauffällig ihre Uniform. Sie trug einen schwarzen Zweiteiler, bestehend aus einer Damenhose und einem Oberteil mit acht goldenen Knöpfen und einfachen Goldtressen. Die Schneiderei der Admiralität hatte diese Uniform extra für sie entworfen, da man es ihr nicht zumuten wollte, eine Standarduniform der Herren tragen zu müssen. Darunter trug sie eine weiße Bluse mit schwarzer Halsschleife, die Ordensspange auf ihrer linken Brust war noch relativ dünn besetzt. Die schweren, wasserabweisenden Lederstiefel waren überraschend bequem und auch warm, ihr dicker Offizierswollmantel hing griffbereit an einem Haken neben dem Brückenschott. Ölzeug und Sturmhauben für die Brückenbesatzung waren in einem nahen Schrank verstaut.
Man hatte ihr dieses Kommando übertragen und ihr die Aufgabe gestellt, den mittlerweile abgelösten Kommandanten, der sein Dasein seit Neuestem in einer Nervenheilanstalt im Salzkammergut fristete, durch ihre Schiffsführung vergessen zu machen. Die Prinz Eugen war beim letzten gemeinsamen Manöver mit der Kaiserlichen Kriegsmarine in der Ostsee durch äußerst mittelmäßige Leistungen sehr unangenehm aufgefallen. Korvettenkapitän Hohensteins Aufgabe bestand nun darin, herauszufinden, was die Gründe und Ursachen für diese schlechten Leistungen waren. Hohenstein hatte sich vorgenommen, dieses erste ihr allein übertragene Kommando zur vollsten Zufriedenheit der Admiralität in Rijeka auszuführen. Deshalb war sie hier und auf so eine Gelegenheit hatte sie lange gewartet.
Es dauerte vielleicht eine halbe Minute, dann erhielt sie Meldung. Sowohl die Seeleute, die die Ausgucks auf den hohen Masten des Schiffs besetzten, als auch die Chargen im Bauch des Schiffes, die mit ihren empfindlichen Unterwassermikrophonen ins dunkle Wasser der Nordsee hinaus lauschten, konnten keine anderen Schiffe feststellen. Hohenstein nickte zufrieden, obwohl sie auch wusste, dass die Leistungsfähigkeit der Mikrophone durch die hohe Geschwindigkeit des Schiffes stark beeinträchtigt war.
„Erster Offizier“, befahl sie, „Gefechtsstationen besetzen! Annahme der Übung:“
Sie wartete einen Augenblick, sah in die angespannten Gesichter der vor ihr wartenden Männer, dann ergänzte sie: „Mehrfachangriff auf die Prinz Eugen. Erstens: Ortung eines Unterseebootes, also befehlen Sie die entsprechenden Gegenmaßnahmen. Zweitens: Ausguck meldet Feindflugzeug im Anflug von Achtern und drittens: feindlicher Zerstörer auf Backbord voraus. Peilung noch unklar, Entfernung ebenso unklar. Die genauen Werte bekommen Sie noch von mir.“
Sie sah nervöse Gesichter bei den jüngeren Offizieren und ruhigere Mienen bei den älteren Unteroffizieren.
„Meine Herren, Ausführung!“, befahl Hohenstein lautstark und scheuchte ihre Untergebenen auf. Sie sah auf die silberne Taschenuhr in ihrer Hand, ein Geschenk ihres Vaters zur ersten Fahrt als junger Fähnrich.
21:35 Uhr.
Dann nahm sie auf dem Stuhl des Kommandanten Platz und sah dem hektischen Treiben auf der Brücke aufmerksam zu. Während sie durch das Panzerglas der Brückenfenster ins Freie auf die sich drehenden roten Alarmleuchten blickte, kamen ihr bruchstückhaft Erinnerungsfetzen in den Sinn. Sie sah das freundliche Gesicht ihres Vaters, ihres Förderers und Unterstützers, wie er sie liebevoll anlächelte.
„Steuermann, auf Zickzackkurs gehen. Geschwindigkeit Äußerste Kraft beibehalten. Kursänderung jeweils nach zwei Minuten!“, befahl der IO. Die einzige Möglichkeit, ein getauchtes U-Boot auszumachen, war das Orten von verdächtigen Geräuschen in der Horchstation des Schiffes. Dies war aber bei der Geschwindigkeit, die der Panzerkreuzer jetzt machte, und dem Lärm, den er dabei verursachte, beinahe unmöglich.
Korvettenkapitän Hohenstein sah die Geschützmannschaften in ihren feuerfesten Anzügen und den Helmen, wie sie die beiden vorderen 24er Geschütztürme bemannten, und erinnerte sich daran, wie sie als junge Offiziersanwärterin an der Akademie vor verschlossenen Türen gestanden hatte. Ohne die Intervention ihres Vaters wäre sie nicht einmal aufgenommen worden, ganz egal, wie glänzend ihr Aufnahmetest auch ausgefallen war. Und zu diesem Test hätte man sie beinahe gar nicht antreten lassen. Sie schaute auf die Uhr, notierte sich die Zeit, als sie die 19er und 15er Geschützrohre an den gepanzerten Feuerschlitzen der Kasematten erscheinen sah, und erinnerte sich daran, wie sie mit Auszeichnung promoviert hatte, an das säuerliche Gesicht des Admirals, als dieser ihr zur bestandenen Abschlussprüfung gratulieren hatte müssen. Ihr, der einzigen Frau, die es jemals an die Marineakademie in Rijeka geschafft hatte. Sie sollte aber auch gleichzeitig wieder die letzte sein, der dies gelang. Zumindest, wenn es nach dem altgedienten Admiral ging.
„Vorderes Hauptgeschütz gefechtsklar!“, meldete der Erste Offizier und Hohenstein notierte sich die Zeit.
„19er Geschütze steuerbord und backbord bemannt und gefechtsbereit!“, ging die nächste Meldung bei ihr ein.
„Heckgeschütz ebenfalls bemannt und gefechtsbereit!“, ergänzte der Erste Offizier.
Anna Maria Hohenstein notierte sich die Zeiten und konnte die Blicke des IO spüren, mit denen er sie musterte. Mühlmann, so hieß er, Linienschiffsleutnant Roman Mühlmann war ein mittelmäßiger Offizier, der es trotz seiner 42 Jahre noch nicht zu einem eigenen Kommando gebracht hatte. Diese Kommandierung hier als Erster Offizier auf diesem alten Kahn war das Höchste, was er bisher zustande gebracht hatte. Er ließ sie spüren, was er davon hielt, unter einer Frau zu dienen, zeigte ihr dies mit unverhohlener Abscheu im Ausdruck seiner wässrigen Augen. Ein Mann konnte ruhig unter einer Frau dienen, dachte er manchmal, im Schlafzimmer, wenn die Frau auf dem Mann saß und seine Dienste stöhnend entgegennahm. Doch auf einem Kriegsschiff der Kriegsmarine – undenkbar. Man sollte dieser Frau zeigen, wo ihr Platz in der Gesellschaft war, dachte er manchmal. Er würde sie nur zu gerne züchtigen, dachte er weiter, besonders dann, wenn er ihre langen Beine betrachtete, oder verstohlen einen Blick auf ihre Brüste warf, wenn sich diese unter dem weißen Uniformhemd deutlich abzeichneten. Doch momentan empfand er nur Abscheu für dieses Weibsstück, wie sie so herablassend ihre impertinenten Befehle an ihn richtete und ihn ebenso klar fühlen ließ, was sie von seiner Schiffsführung hielt. Und all dies konnte sie nur tun, weil ihr Herr Papa mittlerweile der verdammte Reichskanzler in der Regierung in Wien war.
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