1 ...7 8 9 11 12 13 ...24 Zufrieden über die erstaunten Blicke seiner Gäste lehnte er sich zurück.
„Halten Sie sich fest, Kapitän Sidorow, es könnte ein wenig holprig werden“, lächelte Zhang Akuma, dann fuhren sie los.
Der schwere Wagen bahnte sich seinen Weg mühelos durch den weichen Sand des Strandes und erreichte festen, felsigen Boden. Die Straße, die vom Kai wegführte, war nur grob in den massiven Fels der Insel gesprengt worden. Für eine genauere Planie war noch keine Zeit gewesen, da die Insel erst kürzlich für ihren neuen Zweck requiriert worden war. Der Motor brummte tief und gleichmäßig, als der Fahrer die Geschwindigkeit etwas erhöhte. Im dämmrigen Restlicht der untergehenden Sonne erkannte man Buschwerk und niedrige Bäume am Straßenrand, unterbrochen durch kahle Stellen aus Felsbrocken und Geröll, Überschussmaterial, das vom Straßenbau stammte und ebenfalls noch nicht abtransportiert worden war. In regelmäßigen Abständen waren Laternen errichtet worden, welche jedoch noch nicht an das Stromnetz der Insel angeschlossen waren und deshalb dunkel blieben.
Der Wagen passierte einen Schranken, der von einem Wachhäuschen gesichert wurde. Die Posten trugen die Felduniform der Armee, die Gesichter unter den schweren Stahlhelmen waren geschwärzt. Der Kommandant der Sperre war jedoch wieder ein Mann der Kaiserlichen Garde, wie man an den Abzeichen seiner Uniform und dem roten Barrett erkennen konnte. Alle drei Soldaten salutierten, als das Geländefahrzeug an ihnen vorbeifuhr. Es folgte nun ein Abschnitt der Straße, der breiter und besser eingeebnet war. Die Vegetation zog sich zurück und machte einem flachen Feld Platz, welches mit mehreren Baracken und sonstigen Gebäuden bebaut war. Zehn Meter hohe Masten erleuchteten das Feld und man konnte erkennen, dass an den meisten Gebäuden noch gebaut wurde. Außerdem sah man, dass mit der Errichtung eines Metallzaunes begonnen worden war.
„Hier werden wir eine Infanteriebrigade stationieren“, erklärte Zhang Akuma seinen Gästen.
„Die Bauarbeiten sind recht gut im Zeitplan“, ergänzte er, dann hatten sie die Baustelle passiert.
„Wird das hier ein regulärer, zusätzlicher Stützpunkt deiner Streitkräfte?“, wollte Wanja Nikitin wissen. Immerhin, dachte er, eine ganze Brigade auf so einer kleinen Insel…
„Nur Wachpersonal“, antwortete Akuma.
„Es kommen stürmische Zeiten auf uns zu und da will ich diese besondere Insel einfach nur ausreichend gesichert wissen“, ergänzte er geheimnisvoll, ließ das Thema dann aber bleiben. Nikitin und Sidorow nahmen‘s nickend zur Kenntnis. Nun begann die Straße, sich langsam die Abhänge des zentral gelegenen Hügels hochzuwinden. Der Fahrer schaltete einen oder zwei Gänge zurück und verringerte die Geschwindigkeit.
„Mein Vater hatte vor, diese Insel zu einem Rückzugsort auszubauen, wenn ihn die Amtsgeschäfte im Kaiserpalast ermüdeten“, erklärte Akuma weiter.
„Durch seine…“, er stockte, schien nach dem richtigen Wort zu suchen, dann fuhr er fort.
„Durch seine Krankheit hatte er jedoch keine Möglichkeit mehr, sich vom Fortschritt der Arbeiten persönlich zu überzeugen.“
Wanja Nikitin glaubte einen Ausdruck aufrichtigen Bedauerns in den Augen des Kaisers, seines Freundes, zu entdecken.
„Es tut mir sehr leid, was mit deinem Vater passiert ist, Akuma“, sagte er.
„Wie ich dir schon telegrafiert habe, hat der Tod des Kaisers uns alle tief getroffen. Mein Vater bat mich, dir seine tiefste Anteilnahme und sein ausdrücklichstes Bedauern über deinen Verlust auszudrücken.“
„Ich danke dir und deinem Vater“, erwiderte Akuma. Wanja indes sprach weiter.
„Er war ein unglaublich großartiger Mann. Damals in Moskau, als ich ihn kennenlernen durfte, habe ich gespürt, über welche Kraft und Ausstrahlung er verfügte. Er war ein wahrer Führer.“
„Ja, das war er“, stimmte Akuma zu.
„Und trotzdem hat niemand seinen Tod zu verhindern vermocht“, schloss er bitter.
„Du hast die Verschwörung aufgedeckt und die Verbrecher gerichtet, Akuma“, munterte Wanja seinen alten Freund auf.
„Du hast deinem Vater Ehre bereitet.“
Kaiser Zhang Akuma blickte in die Augen seines Freundes, lächelte dankbar und wandte sich schließlich ab, um aus dem Fenster zu blicken. Das allerletzte Licht des Tages glitzerte golden auf der leichten Dünung des Golfs, weit draußen konnte man schwach die Umrisse der Konowalow erkennen, als sich das Fahrzeug immer weiter den Berg hinauf quälte . Ja, das habe ich , dachte der junge Kaiser. Mein Vater wäre bestimmt stolz auf mich, er hätte es selber kaum besser machen können.
Er spürte, wie die Straße wieder eben wurde, dann erschien eine weitere Straßensperre mit Soldaten. Der Wagen wurde durchgewunken und hielt schließlich auf einem Vorplatz aus feinem, weißem Kies. Der Motor erstarb und ein Bediensteter erschien sofort, um die Tür zu öffnen. Der Kaiser deutete nach draußen.
„Nach Ihnen, meine Herren.“ Dann, als die drei Männer ausgestiegen waren und die Blicke der beiden Sowjets auf dem Gebäude verharrten, welches am höchsten Punkt der Insel stand, lächelte Akuma.
„Willkommen auf Pang De!“
Bei dem Gebäude handelte es sich um einen alten Tempel, welcher ursprünglich von den wenigen Bewohnern der Insel errichtet worden war. Später, als die Insel vom seligen Kaiser entdeckt und er die Einheimischen enteignet hatte, führte man das traditionelle Gebäude einem neuen, herrschaftlicheren Zweck zu. Der alte Kaiser hatte umfangreiche Umbauten und Erweiterungen befohlen, sodass vom eigentlichen kleinen Holztempel fast nichts mehr übrig geblieben war. Nun zierte, wenn man es so nennen wollte, ein riesiger rechteckiger Holzbau, drei Stockwerke hoch und mit hohen Türmen an den vier Ecken, die höchste Stelle der Insel. Das Holz war weinrot und dunkelgrün gestrichen worden, die Dächer hatte man altmodisch kunstvoll mit geschnitzten Holzdrachen und Tigerköpfen verziert. Eingedeckt waren die Dächer mit Tonziegeln aus einer örtlichen Fabrikation des nahen Festlandes. An drei der vier Türme waren Fahnenmasten angebracht und heute, zur Feier des Tages, war neben der Kaiserlichen Flagge und dem Familienwappen der Zhangs auch die rote Flagge der Sowjetunion gehisst worden. Hammer und Sichel grüßten den Sohn des Parteisekretärs, der dies wohlwollend zur Kenntnis nahm. Durch ein breites metallenes Tor, welches nun für die Gäste des neuen Kaisers geöffnet wurde, gelangte man hinter die zweieinhalb Meter hohe Steinmauer, die das Gebäude allseitig umschloss. Die Krone der Steinmauer war mit drei Reihen Stacheldraht gespickt. Jeweils an den Ecken des sechseckigen Mauerrings waren Wachtürme postiert, die allerdings noch nicht fertiggestellt waren, wie man an den Bambusgerüsten und den davor aufgestapelten Steinhaufen unschwer erkennen konnte. Der Rasen, den man zwischen der Steinmauer und dem Gebäude angelegt hatte, war fleckig und teilweise kahl. Buschwerk oder andere Zierpflanzen suchte man vergeblich. Die Besatzungen der Türme sollten schließlich freie Sicht auf alles haben, was sich hier innerhalb der Mauern bewegte.
Durch die zahlreichen schmalen Fenster drang gedämpftes, warmes Licht in die zunehmende Dunkelheit. Eiserne, kunstvoll geschmiedete Gitter waren vor den Fenstern ins Holz eingelassen, sodass nur eine Maus vielleicht unerkannt ins Innere vordringen konnte. Aus glatten, breiten Granitstufen gebaut, führte eine Treppe vom Eisentor empor zur zweiflügeligen Eingangstür, die beidseitig von je einer Wache der Kaiserlichen Garde gesichert wurde. Die Soldaten nahmen Haltung an und senkten den Blick, als Kaiser Zhang Akuma und seine Gäste an ihnen vorüber schritten und im Inneren des Gebäudes verschwanden. Drinnen wurden sie vom Personal erwartet, das ordentlich aufgereiht aufmarschiert war. Zhang Akuma genoss die beeindruckten Blicke seiner Gäste, die nicht wussten, welche Sinnesreizung sie zuerst ins Auge fassen sollten. Ein riesiger Kristallleuchter thronte majestätisch in der Mitte der hohen Empfangshalle und spendete warmes, helles Licht aus Dutzenden Lampen. Zusätzliche Leuchten, golden und aus Kristallen gefertigt, erhellten die kunstvoll gearbeiteten Wandverkleidungen. Wanja Nikitin und Kapitän Sidorow sahen geölten Bambus, schweren Brokat und feinste Seide, rot und golden, silbern und durchsichtig mit Applikationen aus Goldfaden. Sie hörten das Klimpern des Kristalllusters und das Plätschern des steinernen Brunnens, der direkt unterhalb des Lusters im Zentrum des Raums situiert war. Eine drei Meter hohe Fontäne spielte mit Lichteffekten, die offensichtlich unter Wasser ihren Ursprung hatten. Der Boden war mit feinstem weißen Marmor belegt und auf Hochglanz poliert worden. Rote und beige Läufer aus schwerem Garn führten quer durch den Raum auf die breite Holztreppe zu, auf der man nach oben auf die Galerie gelangte. Große Porzellanvasen standen in den Ecken und neben der Stiege, gefüllt und geschmückt mit weißen Lilien und Pfingstrosen in prachtvollem Purpur. Üppige Gestecke aus Chrysanthemen trugen ihren Teil zum Dufterlebnis bei, das den Raum erfüllte.
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