„Sag endlich, was du willst!“, forderte sie den Anrufer erneut heraus. Sie konnte nicht mehr sitzenbleiben und stand rasch auf.
Sie fühlte das kühle, frische Gras an ihren nackten Füßen, als er schließlich doch was sagte.
„Du siehst heute ganz besonders geil aus, meine Süße“, sagte die dunkle Stimme in ihrem Handy.
„Ich mag es, wenn du dein Haar offen trägst.“ Sie fühlte, wie eine einzelne Träne des Zorns und der Hilflosigkeit über ihre Wange lief.
„Ich sehe, du warst brav!“, lobte die Stimme des Mannes.
„Ich mag es, wenn du ein folgsames Mädchen bist.“ Ihr Blick wanderte mechanisch nach rechts und blieb an der Wäscheleine hängen, die sie zwischen den beiden alten Zwetschkenbäumen in ihrem Garten gespannt hatte. Auf einem der beiden Bäume hatte sie auch eine Schaukel aufgehängt, zum Spielen für die Kleine, die im Kindergarten war und nicht den Hauch einer Ahnung hatte, was ihre Mutter jetzt gerade und mittlerweile seit fast einem Jahr mitmachte.
„Ach, fick dich, du Perversling!“, ächzte sie müde.
„Ich möchte, dass du dein Shirt ausziehst“, sagte der Mann unbeeindruckt, während sie noch die Unterwäsche betrachtete, die sie auf der Wäscheleine aufgehängt hatte.
„Du weißt ja, Süße, sonst kümmere ich mich um deine Kleine, und das möchtest du doch nicht, oder?“ Sie konnte seine Atmung hören, die vor Erregung schneller geworden war und nun beinahe Ähnlichkeit mit einem leichten asthmatischen Keuchen hatte. Sie drehte sich langsam um und betrachtete die Häuser und Felder in ihrer Nachbarschaft, die sie über den Zaun sehen konnte, der ihren kleinen Garten und das unauffällige Wohnhaus umschloss.
„Nana, meine Süße, du kannst mich nicht sehen. Du wirst mich niemals entdecken können.“ Dann lachte der Mann schäbig und sie fühlte sich ertappt. Der Mann lachte immer noch, als sie eine zweite Stimme in ihrem linken Ohr hörte.
„Tun Sie, was er will, Sandra“, sagte Stefan Berger.
„Halten Sie ihn hin, ich brauche noch etwa zweieinhalb Minuten.“
Berger, der mit Sandra Bäumler über einen in ihrem Ohr versteckten Empfänger in Verbindung stand, betrachtete den kleinen Bildschirm auf seinem Schoß. Er trug ein Headset, durch das er die Unterhaltung zwischen Sandra und ihrem ungebetenen Verehrer mitverfolgen und gleichzeitig Instruktionen an seine Klientin weitergeben konnte.
„Nur Mut, Sie schaffen das schon“, munterte er sie auf, dann hörte der Mann am anderen Ende der Leitung zu lachen auf.
„Los jetzt!“, befahl er barsch.
„Runter mit dem Shirt. Ich will deine Titten sehen. Sofort!“ Sandra Bäumler, eine ausnehmend gut aussehende Frau Mitte dreißig, von ihrem Alkoholikergatten endlich geschieden und mit ihrem kleinen Mädchen Malena glücklich in trauter Zweisamkeit lebend, atmete tief durch, bevor sie den ersten Träger ihres Shirts langsam nach unten schob. Unbewusst tauchten wieder Erinnerungen und Gesprächsfetzen in ihren Gedanken auf, von den vielen Besuchen bei der Polizei. Niemand hatte sie wirklich ernst genommen und dann, als eine Fangschaltung auf ihrem Handy installiert worden war, hatte sich der Drecksack nicht mehr gemeldet. Als ob er gewusst hatte, dass sie ihn bei einem Anruf erwischen würden.
Sie hatte tatsächlich Ruhe gehabt, für einige wenige Monate, dann hatten die Anrufe wieder begonnen, kurz nachdem die Fangschaltung wieder entfernt worden war. Stets mit diesen Drohungen gegen die kleine Malena, die am schlimmsten für Sandra waren. Das Stöhnen und die Abartigkeiten dieses Perversen hätte sie wegstecken können, nicht jedoch das Gefühl der Verwundbarkeit ihrer kleinen Familie.
„Mach schon, verdammt. Zieh das verschissene Shirt aus und zeig mir deine großen Titten! Ich will sie sehen!“
Sandras Zorn wuchs, als sie den zweiten Träger des Shirts nach unten schob und sich langsam daran machte, den dünnen, weißen Stoff abzulegen. Sie würde jenem unbekannten Mann, der irgendwo in ihrer Nähe lauerte und sie beobachtete, ihre Brüste zeigen. Das Shirt landete im feuchten Gras und der Mann meldete sich wieder.
„Sehr schön, meine Süße. Und jetzt der BH. Ich mag diesen schwarzen. Den mag ich ganz besonders, weißt du? Ich will, dass du ihn jetzt aufknöpfst und dich dann ganz langsam zu mir drehst, damit ich deine großen Titten sehen kann.“
Sandras Finger fanden den Verschluss des BHs an ihrem Rücken, während ihre Gedanken wieder abschweiften.
Sie erinnerte sich daran, wie sie nach den unzähligen Enttäuschungen, die sie mit den Behörden erlebt hatte, schließlich auf jene Website gestoßen war, die sie wieder etwas hoffen ließ. Sie hatte das Kontaktformular ausgefüllt und keine zwei Tage später war ein Mann mit dunklem, etwas längerem Haar und braun gebranntem Gesicht freundlich lächelnd vor ihrer Tür gestanden. Stefan Berger, so war sein Name. Sie brauchen meine Hilfe? Ja, sie brauchte seine Hilfe. Und nun war hoffentlich bald alles vorbei, dachte sie, als der Verschluss ihres BHs aufsprang und der dünne schwarze Stoff nach unten rutschte. Instinktiv bedeckte sie ihre Brüste mit Armen und Händen und erntete dafür sofort wütenden Protest.
„Weg mit den scheiß Händen, ich kann nichts sehen. Und dreh dich verdammt noch mal nach rechts, Ich will alles sehen.“
„Tun Sie, was er sagt, um Gottes Willen, Sandra. Dieser Idiot hat gerade die Richtung bestätigt, die das Programm ermittelt hat. Ich glaube, ich hab ihn. Halten Sie ihn nur noch für eine Minute oder zwei bei Laune, dann erwisch ich ihn.“
Die unbeabsichtigte Richtungsbestätigung des durch seine fortgeschrittene Erregung offensichtlich leichtsinnig gewordenen Anrufers deckte sich mit Bergers ermittelter Position. Ausgehend von seinem Beobachtungspunkt im Dachstuhl hinter der löchrigen Giebelverschalung, aus Sandras Blickrichtung und den Wünschen des Anrufers kannte er nun die vermutliche Position des Perversen relativ genau. Er ließ alles stehen und liegen und verließ Sandras Haus durch die Vordertür.
„Jaa“, stöhnte der Anrufer, als Sandra all ihren Mut zusammennahm, ihren Ekel und ihr Schamgefühl überwand und ihre Arme sinken ließ. „Du hast so geile Titten, ich halt’s kaum aus“, keuchte der Anrufer an ihrem Ohr.
„Und jetzt“, keuchte er weiter, „runter mit der Hose. Ich will deinen Arsch sehen!“ Sandra schluckte und schloss die Augen. Sie zitterte, als sie dachte: Beeil dich, Stefan Berger. Ich halte das hier nicht mehr länger aus!
Berger trug einen schwarzen Trainingsanzug mit drei silbernen Streifen und einem großen Emblem des Herstellers in derselben Farbe auf dem Rücken. Die Kapuze des Anzuges hatte er sich über den Kopf gestülpt, eine schwarze Sonnenbrille verdeckte seine wachsamen Augen. Er war nach links abgebogen, als er Sandras Haus verlassen hatte, und lief nun über einen asphaltierten Weg auf eine Gruppe von kleinen Scheunen zu, die etwa dreißig Meter abseits des Weges standen. Berger begegnete einem anderen Jogger und einem Radfahrer, die er freundlich und unauffällig grüßte. Sein Blick wanderte nach links und blieb kurz auf der mittleren, der größten der drei Scheunen haften. Oben, etwa einen halben Meter unterhalb des Firstbalkens, befand sich ein Loch in der Verschalung, mehr oder weniger kunstvoll in einer Herzform ausgeschnitten. Und dahinter saß der Stalker, wusste Berger, dort musste er sein.
Er lief weiter, bis er sich auf Höhe der Scheunen befand und durch das Herzloch nicht mehr gesehen werden konnte. Durch sein Headset lauschte er dem einseitigen Gespräch und hörte den Stalker, wie er Sandras Brüste ein weiteres Mal enthusiastisch lobte. So wie er sich anhörte, rechnete er kaum mit unerwartetem Besuch. Das war sehr leichtsinnig, dachte Berger. Als er nach links abbog und durch das etwa zwanzig Zentimeter hohe Gras in Richtung Scheune huschte, lächelte er böse. Sandras Jeans befanden sich auf halber Höhe ihres Hinterns, sodass der Stalker bereits den kleinen, roten Tanga erkennen konnte, den sie trug.
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