„Zieh die Scheißhose endlich runter, du blöde Schlampe!“, kreischte er aufgeregt.
„Los, beeil dich! Sonst schneid ich deiner kleinen Göre die Finger ab!“ Sandras Wut über diese Drohung trieb ihr Zornestränen in die Augen. Sie hatte Angst um ihre Kleine und sie schämte sich. Sie wollte diesem Dreckschwein nicht noch mehr von sich zeigen.
„Mach schon, du blöde Kuh!“, kreischte der Mann. „Ich will deinen geilen…“, schrie er wie irrsinnig, dann krachte es ganz gewaltig und plötzlich war es still am anderen Ende der Leitung. Sandra blinzelte und hielt angespannt den Atem an. Sie drückte das Mobiltelefon fest an ihr Ohr. Während sie gespannt und hoffnungsvoll lauschte, zog sie ihre Jeans wieder nach oben und ging in die Knie, um nach ihrem BH zu tasten. Sie fand ihn, doch vergaß ihn augenblicklich, als sie die Stimme im Telefon hörte.
„Sandra?“, sagte Stefan Berger merkbar gelöst und kaum außer Atem, „Sie können sich jetzt wieder anziehen. Unser Freund ist gerade damit beschäftigt, seine Schneidezähne zu sortieren.“
Mein Gott, dachte Sandra, er hat ihn tatsächlich erwischt. „Danke“, stammelte sie, dann weinte sie hemmungslos vor Erleichterung und Freude. Sie setzte sich ins Gras, blickte nach oben in das tiefe Blau des wolkenlosen Himmels und fühlte, wie die tonnenschwere Last auf ihrer Seele ganz langsam von ihr abfiel.
Keine dreihundert Meter entfernt kniete Stefan Berger vor dem bewusstlosen Häufchen Mann, das er eben mit heruntergelassener Hose erwischt und mit einem einzigen knallharten Schlag, in dem etwa sechzig Prozent Professionalität und vierzig Prozent nackte Wut steckten, auf die harten Bretter des Zwischenbodens geschickt hatte. Der Staub, den Bergers Einschreiten aufgewirbelt hatte, schwebte unpassend friedlich im durch die schmalen Ritzen der Scheune scheinenden, warmen Sonnenlicht. Zufrieden betrachtete er sein Opfer, die blutende aufgeplatzte Lippe und die wirren, verklebten Haare auf der fortschreitenden Glatze des Mannes. Der Stalker war nicht mehr der Jüngste, erkannte Berger, doch die Spezialbehandlung, die er sich für dieses Schwein ausgedacht hatte, sollte er trotzdem durchstehen können.
Dieser kleine, dicke Haufen Abschaum würde so schnell niemanden mehr belästigen, das stand für Berger fest. Doch erst musste er hier abwarten, bis es dunkel war, dann konnte er ihn hier raus schaffen. Als er den Führerschein des Mannes betrachtete, seinen Namen las, hatte er schon eine ungefähre Idee, wie er mit dieser Evolutionsbremse zu verfahren hatte. Der zweite Ausweis, den er bei dem Mann fand, erklärte augenblicklich, warum sämtliche Versuche, ihn auszuforschen, erfolglos geblieben waren. Der Mann war ein verdammter Polizist.
Er fand sie in ihrem Wohnzimmer, wo sie auf der kleinen Ikea-Couch zusammengekauert auf ihn wartete. Als sie ihn erblickte, schluchzte sie in ihrem leisen Weinen auf und erhob sich. Sie fiel ihm erleichtert um den Hals. „Danke“, schniefte sie und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Sie weinte und zitterte, ihre Tränen benetzten seine Haut dort, wo die obersten drei Knöpfe seines Ripshirts geöffnet waren. Stefan hielt sie fest und redete beruhigend auf sie ein.
„Und er wird mir nichts mehr tun?“, flüsterte sie leise. Sie hob ihren Kopf und sah ihn aus großen, blass grauen Augen an. Ihr Kajal war verschmiert und die Tränen hatten dunkle Bahnen auf geröteten Wangen hinterlassen.
„Ich denke, er wird die Motivation dazu verloren haben, wenn ich mit ihm fertig bin“, antwortete Berger vage. Sie nickte zufrieden und atmete erleichtert aus. Er hielt sie nur fest, flüsterte beruhigend auf sie ein und fragte sich, wie es Nina wohl gerade erging. Es befiel ihn ein urplötzliches Gefühl der Sorge, das ihn gleichermaßen überraschte wie verstörte. Ausgelöst durch dieses Gefühl der Nähe und den Duft einer Frau, die er in seinen Armen hielt, gefiel ihm der Gedanke überhaupt nicht, dass Nina etwas passiert sein könnte. Er verspannte sich, als er daran dachte, dass sie sich schon ewig nicht mehr gemeldet hatte und auch seine Mails nicht beantwortet wurden.
„Was ist los?“, fragte Sandra Bäumler, löste ihre Umarmung, trat einen Schritt zurück und sah ihn aus verweinten Augen an. Sie hatte seine Anspannung instinktiv gespürt.
„Es ist nichts“, log er und lächelte beruhigend.
„Sie müssen nun keine Angst mehr haben.“ Sandra erwiderte sein Lächeln zaghaft.
„Es ist vorbei“, flüsterte Stefan Berger.
Insel Daqin Dao
Golf von Bohai, Chinesisches Kaiserreich
29. April 1934
Die Insel war eine von mehreren einer kleinen Gruppe, situiert unmittelbar an der Engstelle, die den Golf von Bohai vom Gelben Meer trennte. Sie war nicht die größte der Inseln, auch nicht die schönste. Eigentlich ein massiver Felsblock, der sich im Zentrum fast zweihundert Meter über dem ruhigen Meer auftürmte, war sie wenigstens gesäumt von einigermaßen ansehnlichen Sandstränden.
Doch diese Insel war keine Urlaubsinsel für Naturliebhaber oder Angelausflügler, weshalb, anstatt von Palmen oder Kiosken für Fischereibedarf, am Strand Wächter der Kaiserlichen Garde zu finden waren, wenn man sie in ihrer Tarnuniform überhaupt zu entdecken vermochte. Die Soldaten versteckten sich im Unterholz des Dickichts am Rande des Strandes, patrouillierten in Zweiergruppen die schäumende Brandung entlang oder beobachteten aus getarnten Wachtürmen mit starken Feldstechern das nahe Meer bis zum Horizont. Die Wachhunde, die manche von ihnen an kurzen Leinen mitführten, bellten nur im Notfall und gaben ansonsten keinen Ton von sich. Die einzige Anlegestelle der Insel war ein langer Holzkai, der fast zweihundertfünfzig Meter weit ins Meer hinaus reichte, um dort auch tiefer liegenden Schiffen das Anlegen zu ermöglichen.
Zwei symmetrisch angeordnete Wachtürme mit Granatwerfern und MG-Nestern beleuchteten bereits bei beginnender Dämmerung mit Dutzenden starken Scheinwerfern die Landungszone und überwachten alles und jeden, der hier festmachte. Weiter draußen, stets in gegenseitigem Sicht- und Funkkontakt mit den Wachtürmen und den Patrouillen, umkreisten mehrere graue Schnellboote der Kaiserlichen Marine die Insel, stets wachsam und lauernd. Das leise Tuckern ihrer Dieselmotoren war noch am Strand zu hören.
Noch weiter draußen waren weitaus stärkere Diesel am Werk, als sich das Schlachtschiff Konowalow, flankiert von ortskundigen Wachbooten der Kaiserlichen Marine, langsam durch die schwache Dünung auf den vorgesehenen Ankerplatz zubewegte. Die Konowalow, ein fünfunddreißigtausend Tonnen schweres Schlachtschiff aus neuester sowjetischer Produktion, hatte ihre schweren Geschütze sorgsam unter Schutzhauben verborgen, als sie mit angetretener Ehrenformation im warmen Licht des Sonnenuntergangs ihren Liegeplatz erreichte. Die schweren Ankerketten lösten sich und schossen ratternd ins dunkelblaue Wasser, um bereits nach knappen vierzig Metern zum Stillstand zu kommen. Für einen Stahlkoloss wie die Konowalow waren die seichten Gewässer des Gelben Meeres stets mit Vorsicht zu genießen, wenn man nicht als Havarie auf einer der zahlreichen Sandbänke enden wollte. Der kleine Anlegesteg der Insel war für das riesige Schlachtschiff daher völlig ungeeignet.
In einigem Abstand zur Konowalow, vielleicht zweieinhalb Seemeilen westlich und nördlich, kreuzten die Ban Chao, eines der alten, schweren Schlachtschiffe, sowie der moderne Kreuzer Zhanshan. Die Kanonen dieser beiden schweren Einheiten der Kaiserlichen Marine waren im Gegensatz zur Konowalow nicht in Ruhestellung arretiert, sondern bemannt und einsatzbereit. So ganz ohne Aufsicht wollte man ein Schiff der Größe und Kampfkraft einer Konowalow nun doch nicht bis kurz vor die Haustür der chinesischen Hauptstadt dampfen lassen. Vorsicht war besser als Nachsicht und außerdem hielten sich die beiden Schiffe dezent im Hintergrund.
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