Es war ruhig im Solar. Viel zu ruhig. Er konnte das Getrappel und Geflatter der Raben in ihren Verschlägen hören, ihr Gekrächze und Geschnatter, und auch das Plätschern des Kristallbrunnens im Zentrum unterhalb der runden Kuppel. Der Wind wehte durch die geöffneten Fenster und befeuerte das Spiel der unzähligen Glocken und Klanghölzer. Doch er vernahm keine Stimmen, keine geflüsterten Unterhaltungen, die sonst aus dem Kreis des Rates immer durch das Atrium schwebten. Der Alte blickte nach links, nach rechts, sah sich um und fand sich schließlich nahe der runden Tafel wieder, die auf einer Ebene ein paar Steinstufen unter ihm um den ebenfalls tiefer liegenden Kristallbrunnen angeordnet war und an der die Sitzungen des Rates abgehalten wurden. Dann sah er die Becher, die umgekippt auf dem Tisch lagen, und den Wein, der vergossen worden war. Der Alte sah Porzellanteller und Tassen, die zerbrochen auf dem harten Steinboden lagen. Ein Regal mit alten Lehrbüchern war umgestürzt.
Er wusste, dass hier irgendetwas nicht stimmte, dann hörte er die Stimme in seinem Rücken.
„Ich weiß, wen du suchst, alter Mann.“
Erschrocken fuhr der alte Arzt herum und sah sich einem Mönch in einer orangen Robe gegenüber. Dieser hatte die Kapuze über seinen Kopf gezogen, sodass sein Gesicht nicht zu erkennen war. Die Hände des Mönchs waren in der weiten Robe verborgen, auch seine Füße konnte man nicht sehen. Der alte Mann spürte instinktiv die Gefahr, die von diesem Mönch ausging, und wich zurück. Schritt für Schritt entfernte er sich, stolperte aus dem Zentrum des Kreises heraus auf die Steinstufen zu.
„Wer seid Ihr?“, fragte er mit schwächlicher Stimme, obwohl irgendetwas tief in seinem Herzen die Antwort auf diese Frage bereits kannte. Der Mönch näherte sich lautlos, folgte dem alten Mann.
„Es ist nicht von Bedeutung, wer ich bin“, sagte er mit dunkler, ruhiger Stimme.
„Es ist nur wichtig, dass ich bin.“ Der Abstand hatte sich verkleinert, er betrug vielleicht ein Dutzend Meter oder weniger.
„Ihr seid es“, flüsterte der alte Leibarzt des Kaisers, der glaubte, die Stimme unter dem schweren Stoff der Kapuze erkannt zu haben.
„Ich kenne Euch.“ Mit zittrigen Fingern deutete er auf den Mönch, der sich unaufhaltsam näherte.
„Was wollt Ihr von mir? Wo sind all die anderen?“ Der Mönch, der bisher seine Hände unter der Robe verborgen gehalten hatte, ließ nun etwas Silbernes aufblitzen.
„Du weißt vermutlich, warum ich hier bin“, sagte der Mönch, „doch dieses Wissen wird dir nichts nützen.“
Immer näher kam er dem alten Mann, der nun einen Blutfleck am dunklen Boden des Solars entdeckte. Dann sah er noch einen und schließlich einen dritten.
„Was habt Ihr getan?“, flüsterte der alte Mann, „was bei allen Göttern habt Ihr, hast du getan, Akuma?“
Die Klinge schoss nach vorne und bohrte sich unterhalb des Brustbeins durch die Lunge des kaiserlichen Arztes, um am Rücken blutspritzend wieder auszutreten. Der alte Mann spürte, wie ihm die Beine versagten, doch er fiel nicht. Der Mönch hatte ihn mit Gewalt am Hals gepackt und hielt ihn aufrecht. Es schmerzte gar nicht mal so sehr, stellte er überrascht fest und hob seinen Arm an die Kapuze des Mönchs. Als er den schweren Stoff nach hinten schlug und in die Augen des jungen Kaisers sah, entdeckte er ein tödliches Glitzern, das ihn zutiefst schockierte.
„Deine Zeit ist vorbei, Weiser Mann“, flüsterte Akuma seinem nach Luft röchelnden Opfer zu.
„Für dich und deinesgleichen ist in meinem neuen Reich kein Platz mehr.“ Dann drehte Kaiser Zhang Akuma die Klinge des schlanken Schwertes und zerfetzte das Herz des alten Arztes.
Kaiserlicher Palast
Peking, Chinesisches Kaiserreich
21. April 1934
Für die Zusammenkunft war einer der kleineren Audienzsäle des Palastes ausgewählt worden. Der rund fünf Meter hohe, eher schlicht gehaltene Raum maß nur knappe vierzig mal zwanzig Meter und war damit rund fünf Mal kleiner als der Krönungssaal. Der Boden war mit grau geflammtem Granit gepflastert, die Wände zierten einfache Holzvertäfelungen aus hellem Bambus, unterbrochen durch eher schmucklose Wandteppiche aus der Provinz Mongolei. Die Teppiche zeigten Kampfszenen aus den Eroberungsfeldzügen des späten sechzehnten Jahrhunderts. Man konnte die riesigen kaiserlichen Heere erkennen, auch den ruhmreichen Feldherren, sowie den unterlegenen Khan der Mongolen, der seine Waffen dem Eroberer unterwürfig zu Füßen legte. Die wenigen Fenster des Raumes befanden sich an der Westseite. Im schwach rötlichen Glimmen der untergehenden Sonne tanzten Staubpartikel in der stickigen Luft des Saales. Gegenüber der großen zweiflügeligen Eingangstür, die noch verschlossen war, befand sich eine durch vier steinerne Stufen erhöhte Plattform, die etwa zehn Meter breit und in der Mitte des Saales situiert war. Ein einfacher Holzthron stand im Zentrum der Plattform. Lediglich das kaiserliche Siegel auf der Lehne des Throns sowie ein geschnitzter Holzdrache über dem Haupt des Kaisers schmückten den alten herrschaftlichen Stuhl. Ein aus dickem Garn gewebter Teppich, violett mit goldenen Einfassungen, führte von der Doppelflügeltür quer durch den langen Saal, über die vier Stufen nach oben zum Thron.
Auf diesem Teppich, knappe zehn Meter vor den steinernen Stufen des Podests, stand nun seit etwa zwanzig Minuten eine hochrangige Gruppe von Personen. In vorderster Reihe befand sich in makelloser schwarzer Uniform, mit Goldtressen und umfangreicher Ordensspange, der Oberkommandierende der Kaiserlichen Flotte, Großadmiral Lin Aang. Der große, korpulente Admiral hatte seine wenigen verbliebenen grauen Haare streng nach hinten gekämmt und hielt seine schwarze Offiziersmütze in der linken Hand. Die rechte Hand ruhte entspannt am Knauf des gekrümmten Offizierssäbels, der locker an seiner Seite hing. Direkt neben ihm, fast einen Kopf kleiner und etwa dreißig Kilo leichter, in olivgrüner Uniform, schwarzen Reiterstiefeln und ebenfalls mit Offizierssäbel, wartete der Stabschef der Armee, Marschall Hu Jonghyun. Der wesentlich jüngere Kommandant der Kaiserlichen Landstreitkräfte und damit Befehlshaber über knappe fünf Millionen Soldaten ließ keine Regung erkennen, seine Haltung war kerzengerade, sein Blick ruhte schon seit Minuten auf dem schlichten Holzthron. Zur Rechten des Marschalls schließlich wartete – wesentlich unruhiger und angespannter – Marschall Chen Shixin, Kommandant der Luftflotte, des modernsten und jüngsten Teils der gesamten Kaiserlichen Streitkräfte. Er trug die schneeweiße Paradeuniform mit schwarzer Hose und schwarzen Stiefeln, seine weiße Offiziersmütze trug er – wie alle anderen anwesenden Offiziere – in seiner linken Hand. Hinter den drei obersten Kommandanten der Streitkräfte wartete eine Gruppe von weiteren hochrangigen Offizieren.
Es waren verschiedene Adjutanten, Stabsoffiziere und Stellvertreter, allesamt hochdekorierte Kriegsveteranen, erfahren und kampferprobt. Schließlich räusperte sich der Chef der Luftflotte und wandte sich an seine beiden hochrangigen Kollegen.
„Wie lange will uns der Kaiser wohl noch warten lassen?“, flüsterte er, ohne seinen Kopf zur Seite zu drehen. Nur die neben ihm stehenden Männer und ein paar der weiter hinten wartenden Offiziere konnten seine Worte hören. Die Wachen der Kaiserlichen Garde standen in ihren traditionellen roten Uniformen und den überdimensional langen Zweihandschwertern wie gefährliche Boten aus längst vergangenen Tagen jeweils links und rechts der Offiziersgruppe. Ebenso waren sie vor dem erhöhten Podest und an der gegenüberliegenden Seite des Raumes, neben der Eingangstüre, von ihrem erfahrenen Kommandanten postiert worden. Keiner der elitären Wachsoldaten hörte die Worte des alten Offiziers. Wie als Antwort auf die Frage Marschall Chens, erschien ein kleiner, schwarz gekleideter Mann auf dem Podest. Eine unsichtbare Tür, die sich in der Wand hinter dem Thron befand, hatte sich lautlos geöffnet. Der kleine Mann pochte mit einem goldenen Stab auf die harten Steinfliesen des Podests und kündigte den Kaiser an.
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