„Steuermann, Ausweichmanöver!“, brüllte sie, während sie wieder auf ihrem Sessel Platz nahm und sich anschnallte.
„Gefechtsstation, Gegenmaßnahmen ergreifen!“, befahl sie äußerlich nun völlig ruhig und setzte sich den Kevlarhelm auf. Ihr Blick glitt aus dem Brückenfenster und hinüber zu den Phalanx CIWS Gatlingkanonen, die jedoch untätig blieben. Nina beschlich ein tiefes, sehr schlechtes Gefühl, als sie erst auf die RIM-162 ESSM Flugabwehrraketen in ihren ebenfalls regungslosen MK 29-Startern und dann auf das bleiche Gesicht Lieutenant Hoods blickte, der sie beinahe panisch ansah.
„Was ist los?“, knurrte Nina und wusste eigentlich bereits, wie die Antwort lautete.
„Ich habe keine Ahnung, Ma’am“, gab der junge Offizier kleinlaut zurück.
„Alle Systeme scheinen tot zu sein“, erklärte er völlig überfordert von der Situation, auf die ihn kein Lehrgang und keine Simulation vorbereitet hatten.
Das Brückenschott sprang auf und Captain Peters platzte mit verschlafenem Gesichtsausdruck herein. Das Schiff beschleunigte nun auf volle Fahrt, änderte seinen Kurs und bot der anfliegenden Rakete ein möglichst kleines Ziel, doch der Flugkörper hielt unbeirrt auf sie zu.
„Meldung XO, was geht hier vor?“, brüllte Captain Peters, dessen massiger Körper auf dem vibrierenden und sich nach backbord neigenden Deck leicht schwankte. Er griff nach einem Nachtsichtglas und trat ans breite Panzerglasfenster.
„Sir, wir werden…“, fing Nina an, als ein blendend weißer Blitz die Brücke erhellte und das Schiff einen wilden Satz zur Seite machte. Beinahe gleichzeitig rollte die Druckwelle einer gewaltigen Explosion heran und traf die Brücke mit voller Wucht. Brütende Hitze drang durchs immer noch offene Schott ins Innere der engen Kommandozentrale, während Körper wild durch die Luft gewirbelt wurden, an Wände und Konsolen krachten und schließlich irgendwo auf den Stahlplanken zu liegen kamen.
Nina wurde unter dem fast einhundertzwanzig Kilo schweren Athletenkörper Captain Philips begraben, als dieser gegen sie geschleudert wurde und sie mit sich niederriss. Unfähig, sich zu bewegen, überfiel sie schlagartig Panik, da sie durch das Gewicht auf ihren Rippen und der unerträglichen Hitze in der Zentrale kaum Luft bekam. Ihre Gedanken rasten, sie versuchte zu verstehen, was hier passiert war. Die Rakete war zum Zeitpunkt der Explosion noch fast zwei Kilometer von der Stockdale entfernt gewesen, doch irgendetwas hatte sie trotzdem getroffen. Ihr fiel die Meldung ihres Sonaroperators wieder ein, dass sie mit Aktivsonar angepeilt worden waren. Ein Torpedo? Der Alarm plärrte eindringlich, die Sirene hämmerte unwirklich in ihr malträtiertes Gehör. Nur schwach vernahm sie vereinzeltes Stöhnen der Verwundeten, jemand hustete, ein anderer weinte. Dann hörte sie das Röhren der Raketentriebwerke, und schloss die Augen in Erwartung einer weiteren Explosion.
Kaiserlicher Palast
Peking, Chinesisches Kaiserreich
18. April 1934
Er trug einen schlichten, schwarzen Anzug in traditionellem Stil, dazu glänzend polierte, edle Lederschuhe aus den nördlichen Provinzen. Sein schwarzes Haar war ölig glatt nach hinten gekämmt, ein schmuckloses rotes Taschentuch steckte in seiner rechten Brusttasche. Den leichten Regen, der aus tiefhängenden, grauen Wolken unablässig auf die braunen Ziegeldächer der Hauptstadt fiel, spürte er kaum. Sein Blick durchdrang die Nebelschleier, die wie schmutzig weiße Wattefetzen unter ihm vorbeizogen, und verlor sich in der dunklen Ferne einer mondlosen Nacht. Seine Gedanken überschlugen sich, während er versuchte, sich zu entspannen. Er zwang sich, seine verkrampft hinter dem Rücken verschränkten Hände zu lösen, und atmete tief durch. Immer wieder hatte ihm diese alte Entspannungsmethode seiner ruhmreichen Vorfahren, die ihm seine geliebte Amme bereits im zarten Alter von fünf Jahren beigebracht hatte, Erleichterung verschafft. Doch heute gelang es ihm nicht, die Last und Schwere von seinen breiten Schultern abzuschütteln.
Zhang Akuma, Prinz und Thronfolger des Chinesischen Kaiserreiches, atmete ein letztes Mal tief durch, dann drehte er sich um und verließ den offenen Balkon, einhundertfünfzig Meter oberhalb des riesigen, mit rotem Marmor gepflasterten Platzes, den sein Volk den „Platz der eintausend Toten“ nannte. Ein Name, der der tatsächlichen Anzahl der dort unten niedergemetzelten Menschen nicht mal ansatzweise entsprach. Zhang wischte sich mit dem Taschentuch aus seiner Brusttasche die Feuchtigkeit aus dem Gesicht, während er sich vor einem wandhohen Kristallspiegel prüfend betrachtete. Er war tadellos frisiert und rasiert, sein dünner Oberlippenbart zierte symmetrisch gestutzt die ebenso dünnen Lippen. Sein kantiges Kinn und die an sich eher untypischen, offenen und wachsamen Augen verliehen ihm etwas Herrschaftliches, etwas Weltmännisches – etwas Kaiserliches.
Zufrieden damit, wie er sich präsentierte, wandte er sich vom Spiegel ab und marschierte durch den leeren Korridor, vorbei an Gemälden seiner unzähligen Vorfahren. Die Sohlen seiner bequemen Schuhe klapperten auf dem rosafarbenen, polierten Granit, seine Schritte hallten durch die dämmrige Weite der riesigen Palastanlage. Zwei Soldaten nahmen in ihrer Prachtuniform Haltung an, als er sich der breiten, doppelflügeligen Tür näherte. Die Tür war mit Blattgold belegt und mit Feinarbeiten aus Türkis, Rubin und Lapislazuli verziert. Beide Soldaten senkten ihr Haupt, als er sie erreichte, und traten zur Seite. Wie von Geisterhand geführt, öffnete sich ein Flügel der beinahe fünf Meter hohen Tür. Zhang trat ein und der Zugang schloss sich lautlos hinter ihm.
„Seine kaiserliche Hoheit, Prinz Zhang Akuma!“, vermeldete ein ebenfalls in schlichtem Schwarz gekleideter Lakai, der sich unter dem knappen Dutzend Personen befand, die sich in dem riesigen Zimmer aufhielten. Zhang empfand die stickige Wärme als beengend und erdrückend. Er hätte am liebsten die großen Fenster aufgerissen und kühle, frische Nachtluft den stinkenden Muff nach draußen wehen lassen. Doch die Fenster waren fest verriegelt und hinter schwerem Brokatstoff verborgen. Es roch nach Krankheit und Verfall, als er sich zu der Gruppe Männer gesellte, die am Bett seines Vaters Wache hielten. Sofort wandte sich einer der Männer, ein sehr alter, gebeugter Greis mit knotigen Händen, krummem Rücken und einem langen weißen Bart, an ihn.
„Prinz Akuma“, nannte er ihn, so wie er dies seit seiner Geburt vor beinahe fünfunddreißig Jahren tat, „es ist gut, dass Ihr hier seid.“ Zhang nickte dem greisen Leibarzt des Kaisers zu und versuchte, sich an den Gestank zu gewöhnen, der vom Bett her drang.
„Wie geht es meinem Vater heute?“, fragte er mit ausdruckslosem Gesicht. Er spürte, wie er zu schwitzen begann, ausgelöst durch die unerträgliche Schwüle der stinkenden Luft.
„Er spricht nicht mehr, Eure Hoheit“, antwortete der alte Mann.
„Sein Körper verfällt, seine Augen sind indes noch voller Leben, voller Kraft, seht selbst…“ Der Arzt deutete auf das große Bett, das inmitten des Raumes stand, überdacht von einem Baldachin aus goldener Seide.
Zhang zwang sich dazu, die paar Schritte zurückzulegen und sich dem Bett zu nähern. Der Kaiser wirkte unpassend winzig und zerbrechlich, wie er so vor ihm lag, gebettet auf weiße Seide, mit kränklich gelber, schweißnasser Haut, die ehemals feisten Wangen eingefallen, die knochigen Hände lagen kraftlos gefaltet auf seiner Brust, die sich kaum merkbar hob und wieder senkte. Als Kaiser Zhang Kibum seinen Sohn bemerkte, gewahrte man dies am Ausdruck seiner ungewöhnlich klaren Augen. Er blickte den Prinzen an und man konnte sehen, wie sich sein von Krankheit und Alter zerfressener Körper anspannte. Prinz Akuma spürte, dass der Kaiser etwas sagen wollte, doch er brachte nur ein unterdrücktes Röcheln zustande. Akuma ignorierte den stinkenden Todeshauch, der ihm entgegenwehte, und ließ sich auf der Bettkante nieder. Er fasste die kraftlose Hand des Kaisers. Die Haut des alten Mannes fühlte sich heiß und feucht an, dann war sie plötzlich wieder kalt.
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