1 ...8 9 10 12 13 14 ...24 Der Kaiser blieb schließlich vor dem Brunnen stehen und wandte sich an einen älteren Diener, bei dem es sich um den Verwalter des Anwesens handelte. Der Mann verbeugte sich tief und nahm die Anordnungen Akumas nickend entgegen.
„Shikai, bring unsere Gäste auf ihre Zimmer und lass das Gepäck nachkommen. Anschließend lass das Essen auftragen.“
Der Mann nickte mehrmals und verbeugte sich noch tiefer, um sich dann rückwärts gehend zu entfernen.
„Herr Kapitän, lieber Wanja“, sagte Akuma zu seinen Gästen, „ich schlage vor, dass wir uns in einer halben Stunde im kleinen Saal zum Abendessen treffen. Bis dahin entschuldigt mich bitte, ich habe noch einige Anrufe zu tätigen.“
Der Kaiser nickte seinen Gästen zu, verbeugte sich höflich und begab sich nach oben, um schließlich in einem der vielen Zimmer zu verschwinden.
„Wenn die gnädigen Herren mir bitte folgen würden“, schnurrte der Verwalter Shikai.
„Ihre Räume sind für Sie bereit.“
Nun waren es die beiden Russen, die die breite Treppe nach oben schritten, um sich für das Abendessen frisch zu machen.
Etwa zwei Stunden später, nach einem üppigen chinesischen Mahl mit unzähligen schmackhaften Gängen, waren Kaiser Zhang Akuma und sein Studienfreund Wanja Nikitin allein in der Bibliothek des Anwesens. Kapitän Oleg Sidorow hatte sich bereits auf sein Zimmer zurückgezogen, da seine Anwesenheit bei der eher privat gehaltenen Besprechung in der Bibliothek nicht erwünscht war. Der Kapitän war ein getreuer Sozialist und wahrer Gefolgsmann der Partei, doch er musste nicht alles wissen, hatte Nikitin entschieden und ihn deshalb nach dem Nachtisch und dem köstlichen Jasmintee mit einem entschuldigenden Lächeln für den Abend entlassen. Außerdem hatte der Kapitän sie alle bei Tisch mit einigen Anekdoten bestens unterhalten und somit seinen Teil zur Belustigung und Zerstreuung des Kaisers beigetragen. Nun, als er die hohen Holzregale betrachtete, in denen hunderte alte Bücher fein säuberlich aufgereiht auf neugierige Leser warteten, und er an einem Glas Wodka nippte, fragte er sich, was sein alter Freund wohl für wichtige Neuigkeiten präsentieren würde. Die ganze Reise nur für etwas Konversation und Schwelgen in alten Zeiten, das konnte er kaum als einzigen Grund dafür ansehen, dass er sich hierher, auf diese kleine Insel begeben sollte.
„Ich danke dir, mein Freund“, sagte Zhang Akuma, der nun neben Nikitin getreten war und im Gegensatz zu dem Russen kein Glas in der Hand hielt, „dass du den langen Weg auf dich genommen hast und meiner Einladung gefolgt bist.“
„Sehr gerne, Akuma“, lächelte Nikitin.
„Es hat sich alleine wegen des Essens und diesem guten Tropfen hier schon gelohnt.“
Er hob das Glas und prostete seinem Freund zu.
„Doch ich glaube kaum, dass du mich deswegen zu dir gebeten hast“, ergänzte er ernster. Zhang Akuma lächelte geheimnisvoll, als er seinen Freund an dessen Schulter berührte und ihn zur Mitte der Bibliothek führte.
„Komm Wanja, ich möchte dir etwas zeigen.“
Auf dem großen, runden Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, war eine Weltkarte ausgebreitet, die, so glaubte Nikitin zu erkennen, die politischen Grenzen der Nationen und Reiche darstellte, wie sie derzeit ihre Gültigkeit hatten. Er sah in dunklem Rot sein eigenes Land, die Sowjetunion, die sich vom Golf von Alaska in Nordamerika im fernen Osten über das eisige Sibirien bis zu den Stränden der Ostsee im Westen ausdehnte. Er sah die korrekt gezogene Grenzlinie im Südosten, wo die beiden Reiche der Freunde direkt aneinandergrenzten, dann den weiteren Grenzverlauf im Südwesten, wo die sozialistische Union bis an die Grenze zu Persien reichte. Er folgte dem Grenzverlauf, der sich entlang des Kaspischen und des Schwarzen Meeres bis hin zur Demarkationslinie mit Ungarn und, weiter nördlich, bis zum okkupierten Polen erstreckte. Im äußersten Norden hatte sein Land keinen Nachbarn mehr. Das gesamte Nordpolarmeer stand unter der Kontrolle der Sowjets und Ansprüche anderer Nationen, wenn sich denn jemand traute, welche zu stellen, wurden schlicht ignoriert. Auch das Staatsgebiet des Kaiserreiches China, in einem helleren Rot auf der Karte eingetragen, war in seiner Ausdehnung riesenhaft. Nikitin nippte an seinem Wodka, genoss den Geschmack, und betrachtete die Karte genauer. Das Kaiserreich der Mitte erstreckte sich von der gemeinsamen Grenze mit der Sowjetunion im Norden über Burma und Kambodscha bis an das Inselreich Indonesien im Süden. Vom Ostchinesischen Meer bis zu den Hängen des Hindukusch im Westen war man Untertan des Chinesischen Kaisers. Einzig Indien, das unter britischer Herrschaft stand, gehörte in diesem Teil der Welt nicht zum Reich der Mitte.
„Was wir hier vor uns haben, ist – wie du sicher längst erkannt hast – eine Karte der Machtverhältnisse, wie wir sie zum heutigen Tage als Status Quo vorliegen haben.“
Kaiser Zhang Akuma hatte einen dünnen Zeigestab aus Bambus zur Hand genommen, mit dem er nun auf die Karte zeigte. Er erklärte in kurzen Worten, was der Russe bereits selber erkannt hatte, und zeigte mit dem Bambusstab mal hierhin und mal dorthin. Dann packte er den Rand der Karte und riss sie schwungvoll vom Tisch.
„Und das“, strahlte er, als eine weitere Weltkarte zum Vorschein kam, „das ist die Welt, wie ich sie mir vorstelle.“
Wanja Nikitin hätte beinahe sein Glas fallen lassen, als er sich diese neue Karte ansah. Sein Blick löste sich mühsam vom Tisch und er beobachtete seinen alten Freund, wie dieser mit starrem Blick auf die von ihm entworfene Karte stierte. Seine Augen glänzten und er hatte die Hände zu Fäusten geballt. Nikitin glaubte, Schweißperlen auf der sonst immer trockenen Stirn des Kaisers zu entdecken, als dieser ihn nun ansah.
„Unsere beiden stolzen Nationen haben in jüngster Vergangenheit schmerzliche Niederlagen gegen denselben Feind einstecken müssen“, knurrte der Kaiser.
„Die verhassten Briten haben unsere beiden Reiche gedemütigt, indem sie unsere stolzen Armeen mit Hinterlist und mit Hilfe ihrer Vasallen besiegten. Gemeinsam jedoch werden wir diese rothaarigen Teufel und ihre feigen Verbündeten vor unseren Panzern hertreiben und sie mit aller Macht zermalmen. Die Schande der Niederlage wird dann vergessen sein und eine neue Ära der Macht und des Friedens wird für unsere starken Nationen beginnen.“
Kaiser Zhang Akumas Blick war eiskalt, als er fortfuhr.
„Darüber, mein Freund“, flüsterte er beinahe, „solltest du mit deinem Vater sprechen, denn das“, er deutete auf die Karte auf dem Tisch, „ist der wahre Grund für deinen Besuch, Wanja.“
Wanja Nikitin schluckte, betrachtete sein leeres Glas und wünschte sich ein volles herbei. Dann blickte er wieder auf die Karte, besah sich die Details diesmal ruhiger und aufmerksamer und stellte fest, dass ihm diese Karte weitaus besser gefiel, als diejenige, die nun zerknittert auf den Holzdielen des Bodens lag. Er konnte das Lächeln nicht verhindern, das sich langsam auf seine Lippen stahl, als er den Kaiser ansah.
„Ich glaube, mein Vater wird sehr interessiert sein“, murmelte er, dann hielt er dem Kaiser sein Glas hin.
„Glaubst du, ich könnte noch so einen bekommen?“ Der Kaiser lächelte, dann lachte er kurz laut auf.
„Selbstverständlich, mein Freund“, grinste er.
„Das und noch viel mehr erwartet dich, wenn wir unsere Kräfte vereinen.“
Es dauerte nicht lange, dann lachte auch Nikitin.
Panzerkreuzer Prinz Eugen
Nordsee
04. Mai 1934
Die Nacht war sternenklar und eiskalt. Böiger Wind frischte auf und schob die kabbelige See von Norden und Osten gegen den Rumpf des schweren Panzerkreuzers. Die Prinz Eugen stampfte leicht und pflügte mit achtzehn Knoten auf nordwestlichem Kurs Richtung Shetland Inseln. Derzeit befand sich das Schiff in etwa auf Höhe der norwegischen Hafenstadt Stavanger, die sich keine hundert Seemeilen querab im Osten befand. Weit im Norden türmten sich schwarze Wolkenbänke über die dunkle See, drohende Vorboten einer nahenden Schlechtwetterfront.
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