Die Inflation ist eine Störung des Gleichgewichtes zwischen Angebot und Nachfrage nach Sozialprodukt. Sie vernichtet Guthaben und Schulden. Wenn 12 Jahre lang in einer Volkswirtschaft eine jährliche Inflationsrate von 6 % herrscht, dann verlieren die Menschen die Hälfte ihrer Ersparnisse. Angenommen, ein Mensch hat als Altersvorsorge 50.000 Euro angespart, dann hat er nach 12 Jahren Inflation zwar immer noch 50.000 Euro, aber er kann sich damit nur noch halb so viel kaufen wie vorher. Die inflationäre Preisentwicklung hat die Kaufkraft seiner Ersparnisse halbiert.
Was für einen Sparer, der für sein Alter vorsorgen will, tragisch ist, kann für jemanden, der Schulden hat, höchst angenehm sein. Wenn jemand 50.000 Euro Schulden hat, dann muss er zwar nominell ebenfalls 50.000 Euro tilgen, in einer Inflation tut er das aber mit „wertlosen“ Euros. Für die Staaten, die heute so gut wie allesamt verschuldet sind, ist das ein Anreiz, eine inflationäre Wirtschaftspolitik zu betreiben. Eine Regierung, die bei hoher Staatsverschuldung Jahr für Jahr Geld aus dem Haushalt für die Tilgung der Schulden abzweigt, muss dafür an anderer Stelle sparen und gefährdet wegen der erforderlichen Sparmaßnahmen die eigene Wiederwahl. Da ist es doch wesentlich leichter, Staatsschulden durch eine Inflation abzubauen. Nach 9 Jahren Inflation mit einer Inflationsrate von 8 % kann sich ein Staat bereits zur Hälfte entschulden. Allerdings verlieren die Menschen dann auch die Hälfte ihrer Ersparnisse.
Die Inflation hat nicht nur den Nachteil, dass Sparguthaben entwertet werden, sondern sie trägt auch wesentlich dazu bei, dass die gesamte Wirtschaftstätigkeit gedämpft wird. Der wirtschaftliche Druck, der die heimische Wirtschaft schrumpfen lässt, kommt dabei in nicht geringem Ausmaß aus dem Ausland. Moderne Volkswirtschaften stehen nämlich über den internationalen Handel mit anderen Volkswirtschaften in Verbindung und damit auch untereinander im Wettbewerb.
Wir wollen annehmen, die heimische Wirtschaft macht eine Inflationsphase durch, dann steigen die Preise der heimischen Waren und Dienstleistungen. Wir nehmen ferner an, die heimische Wirtschaft steht in Konkurrenz zu einer ausländischen Volkswirtschaft ohne Inflation. Dann bleiben die Preise der ausländischen Waren stabil. Dadurch gewinnen die ausländischen Waren einen Preisvorteil gegenüber den heimischen Waren. Die ausländischen, billigeren Waren werden deshalb verstärkt importiert und im Inland gekauft.
Gleichzeitig wird die Ausfuhr einheimischer Produkte ins Ausland behindert, denn wenn die Preise der heimischen Produkte über die Preise der ausländischen Waren hinauswachsen, geht die Bereitschaft des Auslandes, die teureren heimischen Waren zu kaufen, zurück. Die teuren heimischen Waren treffen also im Inland wie im Ausland auf die preisgünstigeren ausländischen Waren, ihr Absatz geht sowohl im Inland als auch im Ausland zurück. Den heimischen Herstellern bleibt daher nichts anderes übrig, als die Produktion ihrer Waren zurückzufahren, sie entlassen Arbeitskräfte, Arbeitslosigkeit macht sich breit, die Kaufkraft im Inland geht zurück, und die Nachfrage nach heimischem Sozialprodukt fällt noch weiter ab. Auf diese Weise schrumpft die gesamte inländische Wirtschaft.
Wenn die Wirtschaft wieder in Gang kommen soll, bleibt der heimischen Wirtschaft unter den Bedingungen des freien Marktes nichts anderes übrig, als die Preise ihrer Produkte zu senken. Dazu bieten sich zwei Möglichkeiten an: die Erhöhung der Produktivität oder die Abwertung der heimischen Währung.
Um die Preise der heimischen Produkte senken zu können, müssen die Produktionskosten gesenkt werden. Da die wenigsten Volkswirtschaften irgendeinen Einfluss auf die international gültigen Rohstoffpreise nehmen können, bleiben den Unternehmen als Hilfe in der Not im Wesentlichen nur die verstärkte Rationalisierung und die Senkung der Lohnkosten. Beides geht zu Lasten der Arbeitnehmer und erzeugt eine soziale Krise, denn die verstärkte Rationalisierung setzt Arbeitskräfte frei. Immerhin sind die Rationalisierung und die Lohnkürzungen geeignet, die Stückkosten zu senken, und dadurch können die Unternehmen ihre Waren zu geringeren Preisen verkaufen.
Aber auch der Staat muss seine Kosten senken. Man wird vom Staat fordern, dass er Staatsangestellte entlässt oder ihre Löhne senkt und Ausgaben für Gesundheit, Bildung und andere Staatsaufträge kürzt. Damit steckt der Staat in der Zwickmühle. Denn einerseits soll er sparen, andererseits soll er helfend einspringen, um soziale Härten zu mildern. Notfalls sollte er sich sogar verschulden, um angesichts der sozialen Krise helfen zu können.
Die andere Möglichkeit, die Preise der eigenen Produkte gegenüber dem Ausland zu senken, ist die Abwertung der eigenen Währung. Wir stellen uns dazu vor, die Währungseinheit des erfundenen Landes Teuerland heiße ein Pfund, und für ein Pfund bekommt man einen US-Dollar. Ein heimischer, teuerländischer Teppich soll 100 Pfund kosten, und wenn dieser Teppich exportiert wird, dann kann ihn ein Amerikaner für 100 Dollar kaufen. Umgekehrt soll ein amerikanischer Laserdrucker 100 Dollar kosten, der auf dem teuerländischen Markt für 100 Pfund angeboten wird. Diese Preise sollen als angemessen gelten, so dass bei einem ausgeglichenen Handel Einfuhr und Ausfuhr ebenfalls ausgeglichen sind.
Wenn nun in Teuerland die Inflation einsetzt, steigt dort das Preisniveau so weit an, dass der Teppich eventuell 200 Pfund kostet. Wegen des Umtauschkurses Dollar gegen Pfund von 1:1 kostet der Teppich in den USA dann 200 Dollar, das ist für den amerikanischen Markt viel zu teuer, und daher kauft kein US-Amerikaner diesen Teppich. Der Export nach den USA ist hierdurch schwer behindert, bzw. er kommt ganz zum Erliegen. Andererseits kostet der amerikanische Laserdrucker nach wie vor 100 Dollar, das bedeutet, er ist auf dem teuerländischen Markt für 100 Pfund zu haben. Dagegen kostet ein teuerländischer Drucker unter dem Einfluss der Inflation mittlerweile 200 Pfund. Gemessen am inflationär erhöhten Lohn- und Preisniveau in Teuerland gilt ein Laserdrucker für nur 100 Pfund als besonders preiswert. Daher kaufen die Teuerländer bevorzugt die amerikanischen Drucker.
Weder die teuerländischen Teppichhersteller noch die teuerländischen Druckerhersteller können unter diesen Umständen ihre Produkte im gewohnten Umfang verkaufen. Ihr Umsatz bricht ein. Sie schränken daher ihre Produktion ein und entlassen Arbeitskräfte. Das wiederum führt zu einer geringeren teuerländischen Kaufkraft, was einen zusätzlichen Rückgang der Nachfrage nach Produkten jeglicher Art zur Folge hat, die Rezession in Teuerland verstärkt sich. So weit hatten wir den Fall vorher schon diskutiert.
Der Import billiger Waren nach Teuerland ist inflationsbedingt sprunghaft angestiegen, während der Export eigener Produkte fast abgestorben ist. Wegen des gestiegenen Warenimports aus den USA fließt Geld aus Teuerland in die USA ab, gleichzeitig kommt wegen des zusammengebrochenen Teppichexports nach den USA kein Geld mehr aus den USA nach Teuerland zurück. Die umlaufende Geldmenge in Teuerland nimmt deshalb beständig ab. Die Leistungsbilanz von Teuerland weist ein bedenkliches Defizit auf, und die Teuerländer können mittlerweile in den USA nur noch über Kredit einkaufen, sofern sie überhaupt noch Kredit auf dem Finanzmarkt bekommen.
Zur Lösung des akuten Problems kann Teuerland seine Währung abwerten. Angenommen, das Pfund wird im Verhältnis 1:2 abgewertet, dann bekommt man für ein (neues) Pfund nur noch einen halben Dollar, bzw. für einen Dollar bekommt man 2 (neue) Pfund. Der teuerländische Teppich kostet zwar weiterhin 200 Pfund, weil man aber für 1 Dollar jetzt 2 Pfund bekommt, kostet der Teppich jetzt wieder 100 Dollar. Das ist der Kaufpreis, den ein Amerikaner vor der Inflation bezahlen musste. Der Export teuerländischer Teppiche nimmt also wieder den alten Umfang an. Für einen Teuerländer kostet der amerikanische Laserdrucker nach wie vor 100 Dollar, nach der Abwertung sind das aber jetzt 200 (neue) Pfund. Das ist derselbe Preis, den man auch für einen heimischen, teuerländischen Drucker bezahlen muss, so, wie es vor der Inflation war. Der Import amerikanischer Drucker geht also wieder auf den Stand vor der Inflation zurück. Die Abwertung der eigenen Währung unterstützt den Export eigener Produkte und erschwert den Import fremder Erzeugnisse.
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