„Wir müssen drei Dinge besprechen“, sagte Alina, und schien diese direkt aufzählen zu wollen, doch dann verharrte sie zwischen zwei Atemzügen und begann, auf ihrem kleinen Finger herumzukauen.
„Das Kinderzimmer?“, ließ sich Alexander vernehmen.
„Ich würde sagen, wir nehmen den Raum mit den ganzen alten Umzugskartons. Wir müssen ihn leerräumen und irgendwie schalldicht machen.“
„Ich werde mich darüber schlau machen.“
„Du darfst nicht im Internet recherchieren.“
Er wollte widersprechen, doch hatte sie damit nicht vielleicht recht? Es klang so, als ob sie recht hätte.
„Ich werde es auch so hinbekommen.“
„Das denke ich auch“, sagte Alina und schenkte ihm ein Lächeln, das ihm wohl ihr Vertrauen signalisieren sollte; tatsächlich war es jedoch ein ziemlich schiefes Lächeln.
„Der zweite Punkt wäre folgender … Wir brauchen jemanden, der auf das Baby aufpasst, während ich morgens arbeite.“ Sie kaute noch immer auf ihrem Finger, und Alexander bereitete sich darauf vor, ihn mit einer resoluten Handbewegung aus ihrem Mund zu ziehen, um zu verhindern, dass sie ihn noch ganz aufaß. Er hasste es, wenn sie das tat. Seine Mutter hatte diese Angewohnheit auch gehabt.
„Es wäre am einfachsten, du würdest kündigen.“
„Das kann ich nicht“, antwortete Alina, ließ ihren kleinen Finger frei und verschränkte die Hände, so als wollte sie ein Gebet anstimmen. „Und das hängt direkt mit dem dritten Punkt zusammen.“
Sie erhob sich vom Sofa und stellte sich in die Mitte des Raumes. „Was fällt dir an mir auf?“, fragte sie ernst.
Er überlegte ein Weilchen. „Dass du wunderschön bist?“ Im ersten Moment wusste er nicht, worauf sie hinauswollte. Aber er meinte völlig ernst, was er sagte, denn Alina gehörte zu der Sorte von Frauen, die in nahezu jeder Situation schön waren; selbst wenn sie so offensichtlich übermüdet und erschöpft vom vielen Erbrechen war wie jetzt.
Sie lachte auf, und es war kein fröhliches Lachen; dennoch klang es in seinen Ohren so lieblich wie ein zartes Glockenspiel in einer milden Frühlingsbrise. „Schau auf meinen Bauch, Schatz.“
Alexander blickte auf ihren Bauch. Er war unter ihrem hellrosa Strickpullover verborgen, und sie zog ihn hoch, damit Alexander freie Einsicht hatte. Er versuchte, mit den Augen eines Fremden darauf zu blicken. Man konnte auf die Idee kommen, dass die Besitzerin dieses Bauches ein paar Weihnachtsplätzchen zu viel verdrückt hatte. Das lag aber nur daran, dass Alina gertenschlank war, sodass die leichte Rundung unter ihrem Busen tatsächlich ein wenig auffiel. Doch ein Außenstehender wusste ja nicht, was der Grund dafür war. Vor Weihnachten war das nicht so gewesen, dessen war Alexander ziemlich sicher. Bestimmt hatte das viele Essen ebenso seinen Teil dazu beigetragen. Andererseits konnten sie heilfroh sein, dass Alina derart lange in Form geblieben war, was bestimmt keine Selbstverständlichkeit darstellte. Ihm war jedenfalls nichts davon aufgefallen, bevor sie ihren Pullover hochgezogen hatte. Sie war in den letzten Wochen fast immer später als er zu Bett gegangen, weil sie an einer Idee für einen neuen Roman gearbeitet hatte (oder, wie Alexander vermutete, um im Internet nach neuen Schreckensmeldungen zu suchen). Er hatte sie daher abends nicht beim Umziehen gesehen, sondern nur irgendwann im Dunkeln gespürt, wenn sie sich zu ihm unter die Decke gekuschelt hatte. Unzählige Male hatte er seine Hand auf ihren Bauch gelegt oder sein Ohr daran gehalten, aber eine ungewöhnliche Rundung war ihm dabei nicht aufgefallen.
Konnte da wohl ein Außenstehender argwöhnisch werden?
Alinas eigene Wahrnehmung war in dieser Frage bestimmt weitaus empfindlicher als die seine.
„Ich finde, es sieht wirklich süß aus“, sagte er leise, während im Hintergrund verletzte Menschen, nur als blutverschmierte Bündel zu erkennen, auf Bahren geladen und zu den Kolonnen aus Krankenwagen und Notarztwagen transportiert wurden. Wie schon so oft fiel ihm auf, dass seine Frau wirklich einen wunderschönen Bauchnabel hatte. Er war nahezu perfekt kreisrund und innen fast völlig glatt. Als ob jemand mit dem Finger ein Loch in trocknenden Ton gedrückt hätte. Er wollte zu ihr gehen, sie küssen und ihren Bauch streicheln, in dem ihr gemeinsames Kind gerade wohlgeborgen vor sich hin schlummerte und darauf wartete, in das Licht der Welt gezogen zu werden. Doch sie zog den Pulli wieder herunter und räusperte sich, und es klang, als wolle sie zum geschäftlichen Teil der Unterhaltung übergehen. „Jedenfalls kann ich so nicht mehr vor die Tür gehen. Gestern hatte ich zwei Strickpullover übereinander an. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich geschwitzt habe. Nicht, weil mir so warm war, weißt du. Sondern vor Angst, weil ich pausenlos befürchtet hab, irgendjemand könnte es doch sehen und eine Bemerkung machen … Ist zum Glück nicht passiert. Aber ich hab mich den ganzen Morgen quasi hinter den Empfang gekauert und versteckt.“
„Das brauchst du wirklich nicht. Man sieht gar nichts.“ Einen Moment lang tauchte in Alexanders Gedanken das Bild von Harald auf, wie er in seiner Politikerpose am Kaffeetisch saß und, die rechte Hand demonstrativ schwenkend, auf ihn einredete. Wie wollt ihr die Schwangerschaft vor den Leuten geheim halten? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du damit durchkommst, Brüderchen, das glaubst du doch nicht wirklich? Hast du überhaupt eine Ahnung vom Leben, Alex, hm? Ich glaube nicht. Ich kann es mir wirklich nicht vorstellen, dass du überhaupt einen Schimmer davon hast, wie die Dinge im Leben laufen. Es kostete Alexander alle erdenkliche Geisteskraft, diese so oft gehörte Stimme zum Verstummen zu bringen und das Bild von Harald innerlich fortzuwischen. Natürlich hatten Alina und er auch über dieses Problem diskutiert, so, wie sie über jeden weiteren Schritt debattiert hatten, ausgenommen natürlich die Frage, was in einigen Jahren sein würde … Doch daran wollte er jetzt nicht denken. Viel lieber hätte er sich daran erinnert, was sie bezüglich des Babybauches besprochen hatten, doch es wollte ihm ums Verrücktwerden nicht einfallen. Hatten sie überhaupt irgendetwas ausgemacht? Er war sich plötzlich nicht mehr sicher.
„Glaubst du etwa, dass es bis zum Schluss so bleibt?“
„Ich weiß es doch nicht.“
Er streifte sein Hugo-Boss-Jackett ab (es war dasselbe, das er an dem Tag getragen hatte, an dem er die Kapsel mit dem Geschenk seines großen Bruders im Mund gehabt hatte) und löste seinen oberen Hemdknopf. Alina stand auf und ging hinaus auf den Flur, wo er sie an der Garderobe herumknistern hörte; wahrscheinlich suchte sie gerade etwas in einer ihrer zahlreichen Handtaschen, die fast die Hälfte der großen Garderobenwand einnahmen, die dort hing. Die Berichterstattung aus Magdeburg endete soeben, und die Wettervorhersage wurde präsentiert. In den nächsten Tagen war mit neuen Schneefällen und weiterhin mit Minustemperaturen zu rechnen.
Nach kurzer Zeit kam sie zurück und setzte sich neben ihm auf die Couch. In ihrer Hand lag eine schmale Injektionsspritze aus Kunststoff, die mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt war. Der Kolben war aus mintgrünem Plastik gefertigt, und die spitze, metallene Kanüle wies direkt auf Alexander, so als ob er an einer obskuren Variante von Wahrheit oder Pflicht teilgenommen hätte.
Wahrheit , schoss es ihm schlagartig durch den Kopf. Ich nehme Wahrheit.
Einen Moment lang starrte er nur fragend auf ihre Hand; dann sagte er, ohne zu wissen, ob er gerade scherzte oder nicht: „Wir sollen uns einen Schuss setzen? – Ich kann mich nicht erinnern, dass wir etwas Derartiges abgemacht hatten.“
Alina seufzte und legte die Spritze neben sich auf die Couch. Dann schlug sie die Beine übereinander, und Alexander befürchtete bereits, sie würde nun ebenfalls eine ganz bestimmte Politikerpose einnehmen, doch sie stützte ihren Kopf auf die rechte Hand und legte die andere auf seine eigene, um sie sanft zu streicheln.
Читать дальше