Er schloss die Haustür hinter sich und trat durch den wohlduftenden Plätzchendunst. Er hörte den Fernseher aus dem Wohnzimmer. Es wurde über die unheilvollen Ereignisse in Magdeburg berichtet. Was nicht weiter verwunderlich war, denn auch auf der Arbeit hatte heute niemand von etwas anderem gesprochen. Er warf einen Blick in die Küche, doch da war niemand. Ein Stapel von leeren Eierkartons fiel ihm auf, die fein säuberlich auseinandergefaltet und aufgeschichtet waren.
Alina lag im Wohnzimmer auf der Couch, halb zugedeckt, und schien zu schlafen. „Hallo mein Schatz“, sagte er leise, und sah wie sie sich regte. „Hi“, murmelte sie müde. Er trat neben sie und küsste sie auf die Stirn.
„Ich hab Plätzchen gebacken.“
„Das hatte ich vermutet.“
„Ich bin heute nicht zur Arbeit gegangen“, sagte sie und schlug die Decke zurück. „Kurz nachdem du heute Morgen weg warst, wurde mir speiübel. Ich hab Dr. Andris angerufen und abgesagt.“
„Warum um alles in der Welt backst du dann Plätzchen?“, fragte er lächelnd.
„Um noch ein paar Eierkartons zu leeren.“ Sie setzte sich aufrecht auf die Couch. „Na ja, und um mich davon abzulenken, wie übel mir ist.“ Ihre blonden Haare hatte sie zusammengebunden, doch der Knoten hatten sich gelöst, sodass einige Strähnen in ihr Gesicht fielen. Alexander fiel auf, wie müde und abgeschlagen der Blick aus ihren braunen Augen war. Er setzte sich neben sie und blickte zum Fernseher hinüber. Dort waren die Bilder zu sehen, die er bereits kannte. Die linke Hälfte des Bildschirms zeigte die Samenbank, wie sie zuvor ausgesehen hatte: ein sechsstöckiges, weißes Gebäude mit Flachdach und kleinen Fenstern, das ein wenig abseits auf einer Grünfläche stand. Die rechte Hälfte zeigte die gegenwärtige Situation in bewegten Bildern: Ein unheilvolles, zertrümmertes Gebilde aus weißem Stahl und grauem Geröll, das halb Ruine und halb Flugzeug zu sein schien, aus dem an vielen Stellen noch immer Flammen schlugen. Der Himmel war dunstig, die Luft schien noch immer staubig und verrußt. Die Grünfläche war als solche nicht mehr zu erkennen, sie war zu kargem, toten Boden verbrannt. Feuerwehrleute liefen umher, Rettungskräfte tummelten sich, Menschen weinten. „Noch immer bergen die Rettungskräfte Opfer aus den Trümmern“, berichtete die männliche Off-Stimme mit bedrücktem Tonfall. „Bis jetzt wurde ein Großteil der Passagiere aus den Trümmern geholt, von denen scheinbar niemand überlebt hat. Ebenso der Pilot, bei dem es sich nach den derzeitigen Erkenntnissen um den Attentäter gehandelt hat. An Bord des Flugzeuges befand sich nach dem derzeitigem Stand zudem eine erhebliche Menge Sprengstoff, die bei dem Aufprall zur Explosion gebracht wurde. In dem Gebäude hielten sich zum Zeitpunkt des Anschlags etliche Angestellte, Mediziner und Wachleute auf, über die bis jetzt noch nichts bekannt ist; angesichts der nahezu vollständigen Zerstörung des Gebäudes muss allerdings auch hier mit weiteren Todesopfern gerechnet werden.“ Die linke Hälfte der Vorher-Nachher-Gegenüberstellung verschwand, und die bedrückende Szenerie füllte nun den ganzen Bildschirm aus. Die Kamera wandte sich von dem Gebäude ab und schwebte über ein Gebiet, das direkt an die ehemalige Grünfläche angrenzte und wohl so etwas wie eine Vorstadtsiedlung gewesen war. Auch hier waren massive Zerstörungen zu sehen, doch die Kamera blieb auf Abstand, vielleicht um die Zuschauer nicht allzu sehr zu verstören. Alexander fragte sich, wie ein Pilot mit einer gewöhnlichen Langstreckenmaschine ein vergleichsweise kleines Gebäude derart zielgerecht hatte zerbersten können. „Auch im Bereich der Einflugschneise ist vieles zerstört worden. Das Flugzeug hat beim Anflug über die Siedlung mehrere Häuser gestreift. Auch hier gibt es Tote und Verletzte. Bis die erste Bestandsaufnahme abgeschlossen ist, wird noch eine ungewisse Zeit vergehen. Wir erleben damit einen traurigen Höhepunkt der bisherigen Anschlagsserie in Deutschland, sowie in ganz Europa.“
Alexander wandte den Blick vom Fernseher, der auf einer teuren Nussbaumkonsole stand, und betrachtete die eingerahmten Bilder, die daneben angeordnet waren. Es waren Fotografien von Alinas Eltern. Bei Ihrer Hochzeit. Unter dem großen Apfelbaum in ihrem Garten. An einem Badestrand, mit Sonnenbrillen und gebräunter Haut. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass sie auf keinem der Bilder lächelten. Die Fernsehbilder mussten Alina unweigerlich daran erinnern, wie sie ihre Eltern verloren hatte. Er legte seine Hand auf die ihre.
„Und wie fühlst du dich jetzt?“
„Es geht so.“ Sie rieb sich die Augen mit Daumen und Zeigefinger der freien Hand. „Ach ja, Harald hat noch angerufen. Weil wir ihn doch zum Dank zum Essen einladen wollten. Er hat gemeint, er würde es vorziehen, nicht mit uns zu essen. Wir sollen ihm nicht böse sein.“
Alexander zog die Stirn kraus. „Ist er jetzt etwa beleidigt? Herrje, ich glaub’s ja nicht. Dann isst er eben nicht mit uns, mir soll es recht sein. So, wie er sich aufgeführt hat, kann er froh sein, dass ich so ruhig geblieben bin. Früher hätte ich ihm eine gegeben.“
„Schatz, er macht sich eben auch Sorgen um uns, und außerdem hat er uns wirklich einen sehr großen Gefallen getan … also sei nicht wütend auf ihn.“
„Er hatte wenigstens Spaß dabei, uns diesen Gefallen zu tun. Oder auch nicht, keine Ahnung. Aber lass uns doch nicht über ihn sprechen.“
Alina strich sich die Strähnen aus dem Gesicht, zog das Gummiband aus ihren Haaren und band sie von neuem zusammen. „Nein, wir müssen uns wirklich über etwas anderes unterhalten“, sagte sie dann mit ernster Miene und wies mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Fernsehbildschirm. Dort wurde gerade das Bild eines deutsch-polnischen Grenzüberganges gezeigt. Die Off-Stimme erklärte, dass die Bundesrepublik Deutschland die Grenzkontrollen aufgrund der Terrorgefahr ab sofort deutlich zu verschärfen beabsichtigte. „Du weißt, was das bedeutet?“
Alexander ließ einen langen Atemzug entweichen und nickte langsam.
„Heute morgen hatte ich wieder Besuch. Von diesen Kindern der Endzeit. Diesmal waren es zwei. Ich hab durch den Türspion geschaut. Sie haben sehr lange vor der Tür gewartet und immer wieder geklingelt. Zwanzig Minuten lang ging das so, erst dann sind sie gegangen.“
„Wir sollten uns eine Schrotflinte anschaffen und nächstes Mal damit vor die Tür gehen!“
„Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht irgendwo die Polizei sehe. Auf dem Weg zur Arbeit. Oft schon, wenn ich nur hier aus dem Fenster schaue. Das war früher nicht so, und es wird jeden Tag schlimmer.“
„Scheint mir auch so.“
„Der Mann von Bonn. Man weiß bis heute nicht, was sie dort mit ihm angestellt haben.“
„Stimmt.“
„Und nun das.“ Sie starrte auf den Bildschirm. Ihre Augen glänzten, und die Bewegungen der Fernsehbilder spiegelten sich darin. „Jetzt gibt es nur noch dich.“
Es war das erste Mal, dass Sie über dieses Ereignis ein Wort verloren. Wahrscheinlich hatten sie beide einen Tag lang Zeit gebraucht, um das Geschehene zu begreifen.
Die monotone Off-Stimme fuhr fort, ihre Botschaften zu verkünden, wie ein unheilvolles Rezitativ. Man hatte erfahren, dass seit dem Anschlag die komplette Stromversorgung in dem Gebäude ausgefallen war; eine gefahrensichere Notstromanlage hätte erst in den kommenden Tagen installiert werden sollen. Die Stickstoffbehälter, in denen normalerweise eine Kühltemperatur von rund zweihundert Grad minus herrschte, versuchte man derzeit aus den Trümmern zu bergen (Alexander hegte den Verdacht, dass die Bergung von verschütteten Personen tatsächlich zweitrangig war); jedoch musste man davon ausgehen, dass die Behälter allesamt schwer beschädigt waren. Und sollte dies nicht der Fall sein, so war es doch anzunehmen, dass ihr Inhalt aufgrund des Stromausfalls und der Hitze, die in dem Gebäude entstanden sein musste, nicht mehr zu gebrauchen war.
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