Es stand fest: Jedes Land hatte mit seinen eigenen Vorräten auszukommen oder sich an die Hoffnungen zu klammern, die die Wissenschaft bot.
Das war das eindeutige Ergebnis von vier Wochen endlos scheinender Verhandlungen.
Die letzte Sitzung wurde rasch geschlossen. Man entließ sich gegenseitig mit guten Wünschen und vagen Zusicherungen, weiterhin Wege zu suchen, wie man am effektivsten zusammenarbeiten könne. Die Kanzlerin flog noch am selben Abend von Tokio nach Berlin zurück.
Innerhalb der nächsten Tage wurden zwei Meldungen öffentlich, die die Menschen aufhorchen ließen. Erstens: Ab sofort hatte jede Frau im austragungsfähigen Alter die Möglichkeit, auf ihrem zuständigen Rathaus einen sogenannten Antrag auf Zuteilung eines Samenpräparates zu stellen.
Zweitens: Ab der kommenden Woche sollte jeder einzelne männliche Bürger im zeugungsfähigen Alter zur Abgabe einer Samenprobe einberufen werden.
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SAMSTAG, 15. NOVEMBER 2025
Freut mich, dass ihr mal wieder gemeinsam vorbeischaut“, sagte Harald, als er mit hinkendem Gang aus der Küche trat. Er hielt in der rechten Hand eine Packung Würfelzucker, in der anderen ein Milchkännchen.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte Alexander. Es kam ein wenig lustlos heraus, und er hoffte, dass Harald dies nicht bemerkte.
Alina und er waren heute bei seinem Bruder eingeladen und saßen am Kaffeetisch in seiner kleinen, junggesellenhaft eingerichteten Wohnung, in die er nach dem frühen Tod seiner Frau gezogen war. Auf dem Tisch stand ein Marmorkuchen, den Alina im Supermarkt gekauft hatte, wo sie auf dem Weg hierher kurz vorbeigegangen waren. Haralds Wohnung lag nur zwei Straßen von ihrem Haus entfernt, zwischen ihrem Haus und der Praxis von Dr. Andris. Doch es war alles andere als ein Besuch nach dem Motto Ach-was-haben-wir-uns-lange-nicht-mehr-gesehen. Der Anlass war ein weiteres Problem, das sich ergeben hatte, eine weitere Lektion in dem Tutorial Wie verberge ich mein ungeborenes Kind vor der heimtückischen Außenwelt? von Alina und Alexander Schalk.
„Bruderherz, ich bin nicht querschnittsgelähmt oder so“, entgegnete Harald mit einem traurigen Lächeln und stellte Milch und Zucker auf den Tisch, dann humpelte er an seinen Platz und schnitt den Kuchen an.
Er war damals mit seiner Frau Beate in einen üblen Verkehrsunfall geraten. Ein Lkw hatte ihnen die Vorfahrt genommen. Seine Frau hatte es nicht überlebt. Er hinkte seitdem und lachte nicht mehr.
Er trug ein grau-blau-weiß kariertes Hemd und sah mit seinem Bart und der braunen, sommersprossengefleckten Haut wie der klassische Holzfällertyp aus. Ein blasser Holzfäller mit etwas eingefallenen Augen.
Alexander dachte daran, wie sich die Zeiten doch gewandelt hatten. Er erinnerte sich, er hatte früher immer beim Schachspielen gegen Harald gewonnen. Nicht, weil er besser gewesen war, sondern weil er schummelte. Ihrer Mutter war es ein großes Anliegen gewesen, ihre beiden Söhne an die Kunst des Schachspiels heranzuführen, da sie dies für eine kultivierte und intelligenzfördernde Freizeitbeschäftigung hielt. Alexander hatte das Schachspielen stets geliebt. Harald hatte viel lieber auf der Wiese neben ihrem Elternhaus mit den Nachbarskindern Fußball gespielt, doch dies war nur möglich, wenn seine Mutter nicht zuhause war, da sie dieses Spiel in höchstem Maße missbilligte, und, so sie ihren Sohn dabei erwischte, alle erdenklichen Anstrengungen unternahm, ihn wieder zurück ins Haus zu holen, und dies meistens mit Erfolg.
Und wenn sie da war, und ihn gerade die Langeweile quälte, so ließ Harald sich eben von Mal zu Mal von seinem jüngeren Bruder zu einer öden Partie Schach überreden. Es war ihm klar, dass Alexander schummelte, doch es war ihm herzlich egal, sodass dieser sich stets unglaublich gerissen vorkam, in der Annahme, sein Bruder hätte nichts bemerkt.
Dann, ein paar Jahre später, hatte Harald ihm schließlich seine Verabredung für den Unterstufenball am Gymnasium ausgespannt. Ob sein großer Bruder sich dabei gerissen vorgekommen war, wusste Alexander nicht, aber er nahm es an. Hatte er sich damit an ihm rächen wollen, für all die unfairen Schachpartien, die er über sich hatte ergehen lassen müssen? Dies hatte er ihm damals, vor Wut und verletztem jugendlichen Stolz vorgeworfen, doch Harald hatte ihn nur ausgelacht und ihm einen Vogel gezeigt. Und dennoch, insgeheim glaubte Alexander zu wissen, dass er es ihm damit hatte heimzahlen wollen.
„Kaffee?“, fragte Harald, und ehe Alexander antworten konnte, hatte er ihm bereits eingegossen.
„Danke“, sagte dieser geistesabwesend.
Er sah seinen Bruder genau dreimal im Jahr: an seinem eigenen Geburtstag, sowie an dem von Harald und an dem von Alina. Es war auch schon vorgekommen, dass sie sich zu Weihnachten einen Besuch abgestattet hatten. Das war in Alexanders Augen vollkommen ausreichend.
Vor etwa anderthalb Jahren hatte sich herausgestellt, dass Harald einen Gehirntumor hatte. Er nahm es scheinbar gelassen hin und ging seitdem regelmäßig zur Chemotherapie. Für Alexander war dies jedoch kein Grund gewesen, sich nun öfter mit ihm zu treffen. Alina war diejenige, die sich scheinbar die meisten Sorgen machte. Sie telefonierte regelmäßig mit Harald und fragte nach seinem Befinden. Wahrscheinlich stellte er eine Art Verwandschaftsersatz für sie dar.
Auch Alina bekam eine Tasse Kaffee.
Sie unterhielten sich eine Viertelstunde über dieses und jenes, dann kam Alexander zum Thema. „Weshalb wir aber zu dir gekommen sind …“
„Richtig“, warf Harald ein. „Lasst uns doch gleich zur Sache kommen. Was habt ihr auf dem Herzen?“
„Was ich dir jetzt sage, liegt unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Es darf absolut niemand davon erfahren, verstehst du?“ Unwillkürlich versuchte sich Alexander an irgendeine Situation in seiner Kindheit zu erinnern, in der sein großer Bruder eines seiner Geheimnisse verraten hatte; doch so sehr er auch grübelte, in den fünf Sekunden, die er sich dazu Zeit nahm, es fiel ihm nichts ein.
Hör doch jetzt um Gottes Willen auf damit , sagte er sich selbst und ballte die Faust. Was hat das denn im Moment für eine Bedeutung?
„Absolut niemand“, wiederholte er, und es musste für Harald so wirken, als warte sein Bruder auf den einsetzenden Trommelwirbel oder auf eine dramatische Orchesteruntermalung. In Wahrheit wollte er damit Alina ganz bewusst zeigen, dass er sie ernst nahm, so wie sie es sich von ihm gewünscht hatte – dass sie keinen Grund hatte, sich allein mit ihrer Angst zu fühlen, dass er fest zu ihr stand. Er lächelte ihr augenzwinkernd zu und fühlte sich fast ein bisschen edelmütig.
„Du hast mein Wort“, sagte Harald und fasste ihn freundschaftlich auf die Schulter. Alexander bemerkte nebenbei, dass Haralds Bart an manchen Stellen bereits ergraut war. Und wieder blitzte ein Erinnerungsfetzen auf: Harald war immer furchtbar stolz auf seinen Bartwuchs gewesen. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr hatte Alexander ihn nie mehr rasiert gesehen. Er selbst war nicht so üppig bewachsen und bevorzugte ohnehin totalen Kahlschlag. Erneut musste Alexander sein eigenes Gedächtnis für die Ausdauer bewundern, mit dem es diese nervtötenden, dummen und nutzlosen Erinnerungen an die Oberfläche brachte, wie tote, vergammelte Tintenfische, die von der Flut an einen Badestrand gespült wurden.
„Wir erwarten ein Kind, und zwar bereits seit mehreren Monaten.“
Harald hatte gerade einen Schluck von seinem Kaffee genommen, den er, wie seit seiner Jugendzeit schon, schwarz und ohne Zucker trank. Eigentlich hätte er sich auf melodramatische Weise daran verschlucken und in einen Hustenanfall ausbrechen müssen, hätte die Tasse zitternd auf den Tisch zurückstellen und mit großen Augen ungläubig stammeln müssen: „Was …? Aber – wie ist das denn möglich, du lieber Gott?“ Doch anstatt etwas Vergleichbares zu tun, leerte Harald seine Tasse in einem langsamen Zug, stellte sie zurück auf ihren Platz, faltete die Hände und sagte: „Nun, das weiß ich ja schon.“
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