Nach reiflicher Überlegung beschloss er, dieser Sache nachzugehen. Im Internet hatte er nichts Wesentliches über das Haus gefunden, also musste er andere Quellen anzapfen. Deshalb begab er sich nach einem ausgedehnten Frühstück, die Teller und Schalen ließ er wieder mal vorerst stehen, in die Garage und holte seinen betagten Mercedes heraus. Der hatte, wie sein Besitzer, auch schon bessere Tage gesehen. Er wollte in die Stadt fahren. Denn er hatte ein Ziel.
„Jungfernpfad 14, sachten Se. Dat is doch draußen in – in --, na wie heißt dat da, in, ähh, in Ingelborn. Dat Dorf da draußen. Wat interessiert Sie denn dat Dorf? Da is doch nix los? Da draußen.“ Der dicke Mann vom Katasteramt konnte sich keine Beweggründe vorstellen.
„Ja wissen Sie Herr“, --- jetzt hatte er doch den Namen vergessen, der draußen neben der Tür stand. „Kleinschmitt de Name, Klaus Kleinschmitt, mit zwei Ke und zwei Te.“ Kleinschnitt mit zwei Ke und zwei Te lachte fröhlich ob seines Witzes. Der Gag war zwar nicht besonders lustig, aber nicht jeder konnte „Pfeiffer“ heißen mit drei F, eins vor dem Ei, zwei hinter dem Ei.
Slot lachte trotzdem. „Ja wissen Sie Herr Kleinschmitt, das ist eine Sache, die dem Oberbürgermeister sehr am Herzen liegt. Es wird eine Festschrift geben über Ingelborn und deshalb brauche ich ein paar Informationen. Es liegt dem Oberbürgermeister wirklich sehr am Herzen. Sie können ihn auch gerne anrufen.“
„Nää, nää, mit Oberbürgermeisters will ich nix am Hut hahm. Dat brauchen wir nich hier. Dat kriegen wir schon so hin. Ich bin getz fünfundreißich, nä – sechundreißich Jahre hier in dat Katasteramt, ich kenn hier allet. Wirklich allet. Da brauchen wir kein Oberbürgermeister zu. Also wat is interessant für Ihne Ihre Festschrift. Sie können allet haben, wat Sie wolln.“
Kleinschmitt öffnete wirklich interessante Quellen. Er hatte, auch aus eigenem Interesse, versteht sich, denn er war im Angelverein Vorsitzender, Zugang zu allen möglich Unterlagen. Auch solchen, die schon vor geraumer Zeit entstanden waren. Sie mussten lediglich im städtischen Computernetz zu finden sein.
„Jungfernpfad 14, dat ham wer doch jeleich. Getz is dat hier so ne Sache. Dä Jungfernpfad jibets ers seit 1952. Ers da wurde dat Gelände bebaut. Wat is datt denn?“ Kleinschmitt beugte sich tief über seinen Monitor. In Schwarzweiß waren viele Striche, Schraffuren und Schriften zu sehen. Anscheinend ein Plan, aber viel komplizierter. „Mommentde mal! Da muss ich watt gucken.“ Kleinschmitt ging an einen anderen Computer, ließ sich unter Schnaufen und Gestöhne auf dem Bürostuhl nieder und hackte auf der Tastatur herum. So viel körperliche Behändigkeit hatte Slot ihm gar nicht zugetraut.
Irgendwann, Slots Gedanken waren bereits weit abgeschweift, kam er zurück. „Vielleicht interessiert Sie dat ja. Getz is dat viel komlizierter als ich dat jedacht hab. Dä Jungfernpfad hieß früher nich Jungfernpfad, sondern hatte jar kein Name. Dat war nur son Feldweg. Wissen Se, aufm Acker en Wech, mehr nich. Un da ist einjezeichnet, dat dat da 1944 ne Flack jejeben hat, also gegen die Fluchzeuche zu schießen, die vonne Feinde. Un dann war daen Bunker jeplant. Aber et is nich klar, ob dat Ding auch jebaut wurde. Damals. Denn irjendwann konnt ja jeder machen, wat e wollte.“
Slot fiel fast vom Stuhl, als er das hörte. Ein Bunker im Jungfernpfad. Vielleicht.
„Können Sie“, er musste sich erst räuspern, „können Sie feststellen, wo der Bunker gelegen haben könnte, wenn es ihn denn tatsächlich gegeben hat?“ Slots Hände schwitzen.
„Aber sischer dat. Ich brauch blos die beiden Karten übernanderzulejen, un dann seh ich dat. Mit Elektronik is dat heute jar kein Problem mehr. Früher hätt ich gez in dat Archiv im Keller jemusst, un Sie hätten in ner Woche wiederkommen können. Muss ma gucken. So, gez hab ich dat. Dat wäre an die Stelle jewesen, wo heute dat Haus Nummer 14 steht. Jungfernpfad Nummer vierzehn, janz sischer.“
Slot hielt die Luft an. „Was ist denn mit den Bunkerplänen passiert?“
„Dat kann isch Ihnen nit sagen. Da hab ich nix. Aba dat bedeutet au nix. Viernvierzich fünfnvierzich hat keiner an das Katasteramt jedacht. Da hat ma annen Keller jedacht, wenn die Fliejer kamen un Bomben schmissen.“
Er sah weiterhin interessiert auf seinen Monitor.
„Wat is datt dann? November 1945, direkt nachem Krich, wurde datt erste Haus jebaut. Lang vor de Währungsreform 48. Wer konnt dat dann da bezahlen, damals? Da muss isch doch ma gucken. Wie ging denn dat? Dat is jaen Ding! Da hat doch wer 45, direkt nachem Krich dat Haus jebaut. Mittn aufn Acker. Aufn Platz, wo später dat Haus Nummer 14 steht. Für achthundert Reichsmark jekauft dat Jrundstück. Vonne Stadt. Bar jezahlt. Donnerwetter. Un jebaut mit de Jenemijung vonne Stadt. De muss aba jute Beziehungen jehabt haben. Vitamin B. musse eben haben.“
Kleinschmitt lachte über seinen Witz. Kleinschmitt schien sowieso gerne über seine eigenen Witze zu lachen.
„Ist bekannt, wer das Grundstück gekauft und wer das Haus gebaut hat?“
„Sischer dat! Steht alles hier drin! Dat is preussische Jründlichkeit. Jekauft hat dat Grundstück vonne Stadt eine jewisse Gerlinde Konrad, jeborene Schneider. Jeboren am 25. Februar 1918 in Berlin. Wann se jestorben is, steht hier nit drin. Aba wenn se hier bei uns jestorben is, dann kann ma dat rauskriejen. Wollnse dat wissen?“
„Nein danke, muss nicht sein, das ist schon genug. Wer hat denn aber das Anwesen später übernommen? Kann man das rausbekommen?“
„Sischer dat. Dat steht alles hier drin. Dafür sin wa ja dat Katasteramt. Jeerbt hat dat Anwesen, also Jrundstück un Jebäude, Juann Jarzia, dat mussn Verwandter jewesen sein. 1986. Dat hört sich an wien spanische Verwandter. De konnte de Erschaftssteuer wohl auch bar bezahlen, denn et jibt keinen Eintrach über ne Hypothek. 1995 jibet dann hier nochn Eintrach, dat dat Haus umjebaut wurde, mit Baujenehmijung vonne Stadt. Auch da au noch kein Eintrach vonne Hypothek. Mann, dat müssen reiche Leut jewesen sein die Jarzias. Alle Penunse bar ausse Tasche! Wer kann dat schon?“
Slot verabschiedete sich überschwänglich von Klaus Kleinschnitt mit zwei Ke und zwei Te, nicht ohne darauf hingewiesen zu haben, den Herrn Oberbürgermeister der Stadt von seinem zuvorkommenden Mitarbeiter im Katasteramt Kenntnis zu geben.
„Dat brauchen Se nit. Isch geh in drei Wochen in Rente, angeln un so. Da brauch isch so wat nit mehr. Aber trotzdem: Nix für unjut. Bisie Tage!“
I/12.
Langsam schwebte die Maschine dicht über das Wasser. Heftige Windböen ließen das Flugzeug taumeln. Dann kam urplötzlich das Land näher, rechts, vom Fenster aus, zuerst kaum zu sehen, ein qualmendes Ölfass und dann unmittelbar darauf ein heftiger Aufprall, Steine wurden von den Rädern hochgeschleudert, schlugen gegen die metallene Außenwand. Das ganze Flugzeug wurde heftig durchgeschüttelt. Obergruppenführer Dr. Herrmann Konrad, im Auftrag des Führers unterwegs, hielt sich krampfhaft am Sitz fest, obwohl er stramm angeschnallt war. Landungen auf Feldflugplätzen hatte er zwar schon oft erlebt, eine so schlechte Piste war ihm allerding noch nicht begegnet. Rumpelnd kam die Maschine zum Stehen.
„Maschine sichern, auftanken und tarnen. Wollen doch nicht, dass der Tommy entdeckt, wer hier zu Besuch ist.“ Befehle gingen Konrad schon immer glatt von den Lippen. „Außerdem: Wer ist zuständig für die Piste? Muss geglättet werden. Aber flott. Ist ja ein Saustall. Wer soll denn hier landen?“
Draußen war ein Kübelwagen vorgefahren, der Navigator hatte die Türe geöffnet und eine kleine Leiter herausgeklappt. Das Empfangskomitee, vier Mann hoch, war angekommen. Konrad ordnete seine Kleidung, rückte Pistole und Mütze gerade und trat hinaus. Draußen ein warmer, heftiger Wind. „Passatwinde“ ging es ihm durch den Kopf.
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