Im Erdgeschoss nahm er die gleichen Messungen vor. Auch hier war der vier Quadratmeter große Raum nicht zu finden. Es fehlte sogar hinter dem Bücherregal im großen Zimmer zum Garten eine noch größere Fläche. Da erinnerte sich Slot an die offene Geheimtür mitten in dem großen Holzregal, das er durchs Fernglas bei seiner Beobachtung der Hausdurchsuchung gesehen hatte. Er fühlte sich auf einmal ein wenig wie ein kindlicher Indianer auf dem Kriegspfad und auch erinnert an Sherlock Holmes mit seinen Kriminalfällen. Geheimräume und verborgene Gänge hatten ihn schon als Kind fasziniert. Dunkel erinnerte er sich aber daran, dass er sie auch ein wenig gefürchtet hatte. Slot war nie ein Held gewesen. In dieser Richtung bestanden bei ihm keine Ambitionen.
Wenn, so sagte er sich, die Polizei den verborgenen Eingang gefunden hatte, dann musste er ihn auch finden können. Er versuchte seine damalige Position im Wald zu bestimmen. Das war gar nicht so einfach, denn von hier aus gesehen war der Wald eine durchgehende grüne Fläche. Aber er konnte sich vage daran erinnern, dass die Öffnung direkt gegenüber der Terrassentür gelegen hatte. Das Regal aber sah an dieser Stelle stabil und bodenständig aus. Ein solides, handgearbeitetes und sauber eingepasstes Stück Möbel, das die gesamte Wand einnahm. Und doch fiel bei sehr genauer Betrachtung eine winzige Kleinigkeit auf. Der Glanz der Politur der Oberfläche hatte an einer Stelle ein wenig gelitten. So groß wie eine Hand, allerdings lediglich auf der eines Seite des doppelt ausgeführten senkrechten Regalbretts. Als hätte jemand hier öfter als an anderen Stellen Hand angelegt. Slot nahm beiderseits dieser Stelle ein paar Bücher heraus und legte sie auf den Boden. Hinterher konnte er sich nicht mehr daran erinnern, in welcher Reihenfolge sie zuvor im Regal gestanden hatten. Dies aber fiel im erst viel später ein.
Das Brett auf der Seite, an der die Gebrauchsspuren waren, stand nicht, wie bei normalen Regalen, senkrecht auf der Rückwand, sondern war schräg eingebaut. Hier war also die Türe zum geheimen Raum, in den er schon gesehen hatte. Hätte das Brett senkrecht auf der Rückwand gestanden, könnte niemand das Regalteil herausklappen. Die Rückseite hätte geklemmt. Wie allerdings die Türe zu öffnen war; Slot hatte keine Ahnung.
Wenn die Polizei, so sagte er sich, wenn die Polizei den Öffnungsmechanismus gefunden hatte, dann musste er ihn doch auch finden können. Er versuchte sich an die Geschichten zu erinnern, die er in seiner Jugend gelesen hatte. Wie hatten die Autoren damals das Öffnen von Geheimtüren beschrieben? Er konnte sich nicht recht erinnern. Aber irgendwo musste doch ein Mechanismus verborgen sein. Ein Knopf, ein bewegliches Brett, ein Rad, ein Schalter.
Ein Schalter! Das Zeitalter der Elektrizität war ja schließlich schon geraume Zeit angebrochen. Warum also sollte das Tor zum Geheimnis nicht elektrisch betrieben werden? In der Nähe des riesigen Bücherregals gab es zwar nur wenige Lichtschalter, die aber schalteten lediglich die Lampen. Slot probierte alle möglichen Schalter aus. Nichts passierte an der Bücherfront. Schließlich setzte er sich an den Tisch auf das Sofa. Neben seinem Fuß lag der Bodenschalter für die Stehlampe zwischen Sofa und Bücherregal.
„Na, dann du auch noch!“, sagte er laut und überhaupt nicht überzeugt und trat mit Wut auf den Schalter. Die Stehlampe ging nicht an, die Glühbirne musste wohl hin sein. Aber ein feines, ganz leises Summen lenkte seine Aufmerksamkeit in Richtung der vermeintlichen Türe. Sie stand sperrangelweit auf. Slot erschrak heftig und starrte ungläubig auf die Öffnung. Mit großer Langsamkeit beugte er sich hinunter und drückte vorsichtig mit der Hand, er wollte ja nichts kaputtmachen, den Schalter erneut. Wieder ertönte das Summen, die Tür schloss sich und rastete mit einem kaum hörbaren Klack ein. Die Öffnung war verschwunden. Wieder drückte er auf den Knopf und erneut öffnete sich die Pforte zum großen Geheimnis. Ganz ohne „Sesam öffne dich!“ Nur mit dem primitiven Fußschalter einer Stehlampe, die nicht funktionierte.
Mit etwas mulmigem Gefühl betrat Slot das enge Gemach. Links neben dem schmalen Eingang befanden sich zwei kleine Schalter und ein größerer. Er drücke auf den obersten kleinen Schalter, und sofort flammte blendend helles Neonlicht auf. Hecktisch schaltete er wieder zurück, sofort verlosch das Licht. Slot hoffte, dass draußen niemand die plötzliche Lichtfülle gesehen hatte. Der kleine Schalter darunter ließ eine kleine rote Lampe an der Wand aufleuchten, die draußen im Garten wohl kaum zu sehen war. Der dritte Schalter war der große und Slot legte ihn ohne nachzudenken um. Wieder das Surren, wieder schloss sich die Türe und ein schrecklicher Gedanke überkam ihn: Wenn dieser Schalter die Türe nicht wieder öffnen würde, wäre er verloren, eingesperrt in diesen engen Raum, ohne die Möglichkeit zu entkommen.
Herzklopfen, als er den Schalter wieder umlegte. Aufatmen, als die Tür wieder aufschwang. Slot fühlte sich dem Tode entronnen. Was aber, sagte er sich, wenn der Strom ausfällt. Bleibt dann die Türe zu und der Besucher gefangen? Er untersuchte die Innenseite des Verschlusses und fand, verborgen unter einem gelochten Deckel, einen stählernen Hebel, aufzuziehen nach innen, mit der Aufschrift „Open“ und „Closed“. Anscheinend hatte der englischsprachige Erfinder der Technik also auch an Katastrophen gedacht.
Jetzt hatte er Muße sich in dem Raum umzusehen. Eng gedrängt standen Regale aus Metall. Alle waren leer geräumt. Hier hatte wohl die Polizei einiges beschlagnahmt. Das hatte er ja beobachten können. Drei der Wände waren weiß gestrichen. An einer dieser Wände hing ein Rahmen mit einer Inschrift. „Silendo Libertatem Servo“ war da geschrieben. Da Slot nie Latein gelernt hatte, konnte er mit der Inschrift nichts anfangen. Die vierte Wand schien aus Metall zu sein. Aluminium oder gebürsteter, blanker Stahl. Slot war kein Fachmann, um das zu ergründen. Der Fußboden wies eine Menge Schrammen auf. Die ehemals helle Bodenfarbe war fast gänzlich weggeschrappt. Anscheinend waren die Regale häufig hin- und hergeschoben worden. Jedes Mal zu den Wänden hin und wieder zurück. Warum der häufige Umbau nötig war, konnte er nicht erkennen. Von der Razzia der Polizei konnten die Schrammen am Boden allerdings nicht sein. Die hätten die Dinger einmal verschoben, und das wäre es dann gewesen. Grübelnd stand er im Raum und betrachtete das Chaos.
Er klopfte die Wände ab, in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis zu finden. Nichts. Er betätigte noch einmal alle Schalter innerhalb des Geheimraums und im großen Wohnzimmer mit der Bücherwand. Nichts. Schließlich holte er wieder das Metermaß und begann, die Räume nun auch im Erdgeschoß zu vermessen. Wiederum fehlte eine Fläche. Da, wo die stahlverkleidete Wand war. Oder halt auf der anderen Seite zur Treppe. Aber auch da waren die Wände stabil und Klopfen blieb ohne Ergebnis. Trotzdem hätte hier ein Raum sein müssen, rund ein Meter tief und so breit wie der Geheimraum, wenn man mögliche Wände abrechnete. Er kletterte durch eine Luke zum flachen Dachboden des Bungalows, um eine Erklärung zu finden. Hier aber lagen lediglich zwei Stapel mit Dachziegeln. Ansonsten war die Decke durchgehend aus Beton, ohne Fugen, eine einzige, glatte Fläche. Auch hier also kein Hinweis.
Aber in einem schlichten Bungalow konnte doch eine solche Fläche nicht einfach ungenutzt und unentdeckt bleiben. Im Erdgeschoss und im Keller. Slot kletterte wieder herunter, öffnete wieder die Geheimtüre und schloss sich in dem Raum ein. Das fahle Licht der Neonröhren beleuchtete den Raum mit kaltem Licht. Auch den anderen Schalter, den mit dem kleinen roten Licht an der Decke, legte er um. Dann stand er in der Mitte des Raums und starrte die metallene Wand an. Hier musste des Rätsels Lösung liegen. Einen anderen Platz konnte er sich nicht vorstellen.
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