„Guten Abend Herr Slot. Wir kommen wegen des Unfalls direkt vor Ihrem Haus. Wir versuchen herauszubekommen, was passiert ist. Können Sie uns sagen, was Sie gehört oder gesehen haben?“
„Kommen Sie doch rein, es ist zwar etwas unaufgeräumt, aber das wird Ihnen hoffentlich nichts ausmachen.“ Perry Slot führte die Frau und den Mann ins Wohnzimmer.
„Also ich war in meinem Arbeitszimmer, als der Wagen kam. Sein Motor hat gequalmt und dann ist er gegen den Baum gefahren. So furchtbar schnell war er aber nicht gewesen. Ich verstehe nicht, dass jemand umgekommen ist. Er war recht langsam. Und dann ist der Motor explodiert. Und dann hat es noch zweimal geknallt. Und dann war Ruhe. Das Auto hat gebrannt und einige Leute haben versucht zu löschen. Das hat aber nicht geklappt. Bis der LKW-Fahrer kam und gelöscht hat. Und dann kam ja auch schnell die Feuerwehr. Aber dass jemand gestorben ist, bei dem Aufprall, kann ich gar nicht glauben. Er war doch gar nicht schnell!“
„Wie schnell?“
„Ich glaube, man hätte mitrennen können. Für ein Auto nicht schnell.“
„Was glauben Sie, wie lange hat es gedauert, bis der Motor explodiert ist. Vom Aufprall am Baum bis zur Explosion?“ Die junge Polizistin wollte es genau wissen.
„Keine Ahnung. Nicht lange. Vielleicht zehn Sekunden. Ich habe nicht darauf geachtet.“
Und dann überlegte er sich, dass er doch ziemlich unhöflich war. Sie standen immer noch im Wohnzimmer herum und etwas zu trinken hatte er den Leuten auch nicht angeboten.
„Wollen Sie sich nicht setzen? Möchten Sie was trinken?“
„Nein Danke. Wir würden nur kurz in Ihr Arbeitszimmer schauen um zu sehen, wie der Überblick von dort aus ist.“
„Bitte, kommen Sie mit.“
Er führte sie in seine Schreibstube, die Beamten begaben sich hinter den Schreibtisch, blickten im Stehen und im Sitzen durch die Scheibe auf das Geschehen dort draußen.
„Haben Sie gesessen oder gestanden?“
„Ich glaube, ich habe gesessen. Und dann bin ich wohl aufgestanden.“
Als sie hinausgingen bekam er noch mitgeteilt, dass möglicherweise noch jemand von der Kripo käme. Später vielleicht. Oder in den nächsten Tagen.
Zwei Tage später kam dann tatsächlich einer. Eigentlich waren es zwei. Aber der Zweite sagte nichts, machte nichts und war einfach nur da. „Kommissar Keller, mein Kollege Wagner. Ich hätte Sie gerne gesprochen.“
Keller nahm nur kurz das Arbeitszimmer zur Kenntnis, griff aber beim angebotenen Kaffee zu und lehnte auch die Kekse nicht ab. Er setzte sich einfach im Wohnzimmer in den Sessel, das Fenster im Rücken, und Perry Slot blieb nichts anderes übrig, als auf dem Sofa Platz zu nehmen, ihm gegenüber, mit Blick in den Garten draußen. Wagner, der Schweiger, strich durch den Raum und musterte, scheinbar mit großer Aufmerksamkeit, den Fernseher, das große Bücherregal, die Bilder und die Tapete. Besonders letztere schien ihn außerordentlich zu interessieren. Perry Slot kam sich ein bisschen vergackeiert vor. Das aber war den übrigen Anwesenden egal. Sie sahen sich jetzt vielmehr genauer im Zimmer um, denn das gehörte zu ihrer Methode, sich von Menschen ein Bild zu machen.
Slot war Zigarettenraucher, das zeigten die verschiedenen überquellenden Aschenbecker auf allem möglichen Tischen. In einer Ecke neben dem Sofa hatte sich eine beträchtliche Sammlung verschiedenster Flaschen angehäuft, bei denen zu erkennen war, dass es sich um Alkoholika handelte. Auf dem Esstisch in der Ecke befand sich noch ein Teller vom Frühstück und der eines vergangenen Mittagessens. Wie viel Tage es alt war, ließ sich nicht mehr erkennen. Die Tischdecke hatte auch schon bessere, vielleicht sogar sauberere Zeiten gesehen, und die Weste, die Slot trug, zeigte deutliche Spuren der Speisen der vergangenen Tage. Auf dem Fernseher war deutlicher Staub zu sehen, lediglich die Mattscheibe selbst erstrahlte in hellem Glanz. Keller schloss aus diesen Eindrücken blitzschnell, dass sein Gegenüber unverheiratet war, nicht von einer Freundin in seiner Ruhe gestört wurde und sich eine Putzfrau nicht leisten konnte. Damit fühlte er sich in seinem Weltbild von alleinstehenden Herren wieder einmal bestätigt.
„Kannten Sie das Auto?“
„Nein!“ Perry Slot hatte den Wagen vorher noch nie gesehen. Autos dieser Marke pflegten außerdem gemeinhin gelb zu sein. Rote Flitzer kamen von einer anderen Firma. Eigentlich immer.
„Kennen Sie den Fahrer?“
„Ich habe den Fahrer gar nicht gesehen. Es war zu weit weg und dann stand die Feuerwehr mit den Tüchern davor. Ich habe keine Ahnung.“
Keller kramte in seiner Jackentasche und brachte ein Foto hervor.
„Kennen Sie diesen Mann“. Auf dem Foto lächelte ein gut Vierzigjähriger mit schütterem Haar in die Kamera.
„Ja, der wohnt hier ein paar Häuser weiter auf der rechten Seite. Direkt vor dem Feld. Der große Bungalow. Ich kenne ihn aber nicht. Kein Kontakt. Das ist ein verschlossener Kerl. Ziemlich arrogant. Grüßt nicht. Lädt niemanden ein. Ich hab mal gehört, er sei Kunsthändler. Aber das ist auch schon alles.“
„Wie gut kennen Sie sich hier aus?“
„Mich gibt’s hier seit meiner Kindheit. Ich kenne hier jeden Baum und jeden Stein. Meine Eltern hatten schon dieses Haus. Ich war immer hier, bis auf die Zeit, als ich studiert habe.“
„Was haben Sie studiert?“
„Philosophie.“
„Wo?“
„In Tübingen, in London und dann in Freiburg. Warum fragen Sie?“
„Ach, nur so. Was machen Sie jetzt? Also, mit was verdienen Sie jetzt ihr Geld?“
„Ich bin Schriftsteller.“
„Aha.“
Die Pause, die entstand, war ein wenig peinlich, glaubte Perry Slot. Er trank einen Schluck Kaffee und knabberte an seinem Keks, Keller trank einen Schluck Kaffee und knabberte an seinem Keks, und der schweigsame Wagner betrachtete hoch aufmerksam die Tapete.
„Saß der Kunsthändler von nebenan im Auto?“
„Ja!“
„Ist er wirklich tot?“
„Ja!“ Die Einsilbigkeit des Kommissars war wirklich zum Kotzen.
„Die Geschwindigkeit war zu niedrig. Am Auto sind doch kaum Schäden gewesen. Der Air-Bag ist doch auch aufgegangen.“
„Er ist eines natürlichen Todes gestorben.“
„Aha.“
„Und es ist geschossen worden.“
„Also doch kein natürlicher Tod!“
„Doch. Es ist auf den Motor geschossen worden. Kaliber .50 BMG, 12,7 mal 99 Nato. Das geht vorne rein und kommt hinten wieder raus. Panzerbrechend. Wie durch Butter. Ein Geschoss, das Scharfschützen verwenden. Ein Profi!“
„Aha.“ Perry Slot war verblüfft. So viel Aufwand, um zu Tode zu kommen, hätte er seinem Nachbarn, dem Kunsthändler, gar nicht zugetraut.
„Merkwürdig.“
„Was finden Sie merkwürdig?“ Jetzt wollte Keller es doch genauer wissen.
„Seit wann wird auf Kunsthändler geschossen. Und dann sterben die einfach so natürlich“, quasi in vorausseilendem Gehorsam. Aber den letzten Teil dachte er sich nur.
„Das wüssten wir auch gerne. Haben Sie einen Schuss gehört. Vor der Explosion des Motors?“
„Nein, nach der Explosion hat es noch zweimal geknallt. Aber eine ganze Zeit später.“
„Das waren die Reifen. Vorher nicht?“
„Keine Ahnung, ich habe nichts gehört.“
„Vielen Dank Herr Slot. Wenn wir noch weitere Fragen haben, werden wir uns wieder an Sie wenden. Danke, wir finden schon selbst hinaus.“
Keller erhob sich schnaufend aus dem tiefen Sessel, trank seinen Kaffee aus und eilte in Richtung Haustür. Perry Slot konnte sich nicht bremsen, sich jetzt an den schweigsamen Wagner zu wenden, der seinen Blick nur mühsam von der Tapete lösen konnte. „Hat Ihnen meine Tapete gefallen?“
Wagner tauchte aus tiefer Versenkung auf und blickte verstört auf Perry Slot.
„Hä?“
Das also war das angekündigte wichtige Verhör durch die hiesige Kriminalpolizei.
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