Slot trat ein paar Schritte zurück. Er konnte nicht erkennen, wo die Geheimtüre war, wo der Tresor. Er ging noch weiter zurück. Bis heran an das Fenster. Der Anblick des Regals war irgendwie merkwürdig. Noch konnte er nicht erraten was ihn anzog, was ihn störte, was ihn an diesem Regal, was ihn an den Büchern, so komisch vorkam.
Er ging um die Ecke, um das Regal zu umrunden. Das aber war nicht möglich, denn der Raum nebenan war vom Flur aus nicht zu betreten. Als er den Weg endlich gefunden hatte, kam ihm das Zimmer recht klein vor. Er ging wieder zurück, mehrere Male hin und her. Es fehlte Raum, zwei Meter vielleicht. Irgendwie war dieser Bungalow völlig verbaut. Die Maße stimmten hinten und vorne nicht. Mal waren die Wände zu dick, mal sprangen Mauern aus der Linienführung.
Draußen begann es zu dämmern. Die Nacht kam in die verwinkelten Ecken schneller als erwartet. Die Beleuchtung wollte Slot nicht anschalten, das wäre zu auffällig gewesen für die Nachbarn. In diesem Haus hatte schon seit Tagen kein Licht mehr gebrannt. Da wäre es doch verwunderlich, wenn sich so schnell ein Nachfolger für den zurückgezogenen Einzelgänger gefunden hätte. Außerdem wäre es doch recht peinlich, wenn die Polizei vor der Türe stünde und wissen wollte warum er im Haus herumgeisterte. Er musste sich also etwas einfallen lassen.
I/8.
Für Rabenhorst waren die Befehle böhmische Dörfer, für ihn ergaben sie keinen Sinn. Zwar war die Mannschaft erst wenige Wochen an Bord, zwar hatten sie bisher lediglich Übungen auf dem Boot abgehalten, um im Kampf mit dieser völlig neuen Technologie bestehen zu können, aber bisher war immer die Prämisse gewesen: kämpfen, siegen, vernichten. Jetzt aber war der Kampf verboten. Leise sollten sie sein, unauffällig, die Fahrt an sich war die Aufgabe. Dazu bräuchten sie aber nicht die neueste Entwicklung im U-Boot-Bau. Ein wenig kam er sich feige vor. Er sollte Kisten transportieren. Von A nach B. Keine Aufgabe für eine kämpfende Truppe.
„So sind wir also zum Frachter verkommen. Zum Unterwasserfrachter. Wegen ein paar Kisten lassen wir die Kameraden im Stich. Das kann doch wohl nicht wahr sein.“
Der Kommandant lag auf dem Bett und knurrt nur. Keine Antwort, keine Stellungnahme, keine Meinung.
„Und was soll dieser Unsinn mit dem Funkverkehr. Da sollen wir doch mit dem primitiven Schulheftchen unsere Funksprüche verschlüsseln und haben mit der ENIGMA das sicherste Verschlüsselungsgerät aller Zeiten an Bord. Das soll einer verstehen, ich nicht.“
Er hielt „Don Karlos“, das schmächtige Bändchen, in den Händen wie einen angefaulten alten Knochen.
„Klaus, es stinkt, sage ich dir. Als ich den Obergruppenführer gesehen habe, dachte ich mir gleich, Erich, hier stinkt’s. Nur einmal bin ich ihm begegnet. Ich lege auch keinen Wert auf weitere Begegnungen. Ich habe mich erkundigt. Konrad, Dr. Herrmann Konrad, General der SS und Obergruppenführer. Zuständig für alle KZs und alle Wunderwaffen. V1, V2, Düsenjäger, Reichsflugscheibe und weiß der Henker was. Ein ganz hohes Tier. Wer dem widerspricht ist gleich im KZ.“
„Was weißt du von KZs?“
„Geheim, sicher, aber man hört so einiges. Meine Schwester hatte einen Bekannten, einer, der das Maul nicht halten konnte. Den hat die Gestapo abgeholt. War über ein halbes Jahr weg. Und als er zurückkam, hieß es, er sei im KZ gewesen. Meine Schwester hat ihn gefragt. Er hat sie dann in seine Wohnung gezogen und hat sein Hemd ausgezogen. Meine Schwester ist bald umgefallen. Narben überall. Auf dem Rücken, der Brust, den Armen. Schreckliche Narben. Danach hat er sein Hemd wieder angezogen und hat nur gesagt: ‚Ich habe nichts gesagt.‘ Danach hat meine Schwester nichts mehr gefragt. So viel zu den KZs. Und Konrad ist da irgendwie Chef. Weitere Fragen?“
Rabenhorst starrte auf die Papiere. Die Dieselmotoren hämmerten ihren Takt, das aber hörten sie nicht mehr. Es war alltäglich.
„Wenn wir ENIGMA nicht mehr benutzen dürfen, kann das nur eins bedeuten.“ Der Kommandant hustete und streckte sich. „Es kann nur bedeuten, dass der Code verraten wurde. Oder dass die Tommys ein Gerät erbeutet haben. Oder dass einer übergelaufen ist. Verrat halt. Deshalb jetzt diese primitive Masche. Zuerst kommt die Seitenzahl, dann die Zeilennummer und dann kommen die Nummern für die Buchstaben. Fein säuberlich nacheinander. Du musst lediglich hinterher sehen, wo ein Wort zu Ende ist. Und weil jedes Mal eine neue Seite und eine neue Zeile genommen werden, ist der Code unknackbar. Es sei denn, du weißt, welches Buch du nehmen musst. Das Großdeutsche Reich hat viele Bücher, das ist die Auswahl groß. Ein primitives, aber wirkungsvolles Verfahren. Nur das Buch unseres Führers sollten sie nicht nehmen. Da steht zu wenig drin.“
Er lachte gepresst, denn er wusste, dass ihn dieser Spruch das Leben kosten konnte.
„Und was bedeutet das, ‚Der Zielhafen wird bei Erreichen des Endpunktes übermittelt‘, das verstehe ich nicht.“ Rabenhorst drehte die Schreibmaschinenseiten in der Hand herum, als wolle er die Blätter kneten.
„Verstehe ich auch nicht. Aber auf der Position sollen wir zum ersten Mal senden. Präzise 13 Uhr 15 Berliner Zeit „XQH“. Nur XQH sonst nichts. Ein Mal. Mehr nicht. Zu kurz, um angepeilt zu werden. Eine Sache von Sekunden. Über ‚Kurier‘, unserem Kurzsignalverfahren, Bruchteile von Sekunden, ein Knacken im Äther, mehr nicht. Und dann noch auf einer völlig verqueren Frequenz. Auf der gleichen Frequenz kommt dann die Anweisung zurück. Da muss dann der Schiller ran. Wir werden das selbst machen und es nicht dem Funkmaat überlassen. Der lacht sich doch tot, wenn wir mit dem Heftchen da ankommen.“
„Ich geh wieder in die Zentrale und lass den Zwei WO den Kurs abstecken. Jetzt wissen wir wenigsten, wo wir hinwollen. 28 Grad 11 Minuten Nord, 14 Grad 24 Minuten West, ein paar Seemeilen vor der Nordwestküste von Fuerteventura. Das gehört, glaube ich, zu Spanien. Inseln vor Afrika. Hoffentlich ist die See tief genug um sich vor Fernaufklärern zu verstecken. Das fehlte uns noch, dass uns auf den letzten Metern der Tommi die Bonbons aufs Dach schmeißt.“
Plötzlich krachte der Kommandolautsprecher. „Horchposten an Kommandant: Horchalarm! Schraubengeräusche auf 15 Grad, Einzelläufer. Entfernung geschätzt 8 Meilen.“
Kommandant und Eins WO sprangen auf und hasteten in die Zentrale.
I/9.
Neben der äußeren Kellertreppe lag das Fenster, durch das er eingestiegen war. Der morsche Rahmen ließ sich leicht wieder zurückschieben und musste von außen so aussehen, als sei das Fenster geschlossen. Mit einem Drehhaken im Inneren konnte Slot das Holzteil weitgehend fixieren. Er hatte Glück gehabt, dass der Haken bei seinem Einsteigen noch nicht das Fenster versperrt hatte. Dann nämlich wäre der morsche Rahmen gleich auseinandergebrochen.
In der großen Stahltüre zur äußeren Kellertreppe steckte von innen ein Schlüssel. Zum großen Erstaunen Slots ließ sich das Schloss spielend leicht aufsperren und die Türe schwang geräuschlos auf. Es schien, als sei dieser Kellerzugang bewusst leicht begehbar gehalten worden. Als sei diese Türe einer der wichtigeren Ein- und Ausgänge des Hauses gewesen. Diesen Schlüssel musste er haben.
Am nächsten Tag betrat Slot bereits in aller Herrgottsfrühe das Haus des Kunsthändlers. Heute fühlte er sich schon wesentlich besser in der ungewohnten Umgebung. Außerdem hatte er zwei Taschenlampen mitgenommen. Eine winzig kleine, um auch bei Dämmerung kleine Ecken untersuchen zu können, und eine recht große, langlebige, um im Keller und an Stellen, die die Nachbarn von außen nicht einsehen konnten, suchen zu können. Was er eigentlich suchte, wusste er nicht, aber das konnte sich ja ändern.
Die Regale mit den Aktenbergen überging er einfach. Eine einzelne Mappe hatte er geöffnet, darin aber lediglich uralte Ausgabenabrechnungen aus den frühen 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gefunden. Da war er noch nicht einmal geboren gewesen. Immer wieder umkreiste er das Treppenhaus ins Erdgeschoss. Irgendwie war der Aufgang völlig verbaut. Es fehlten drei bis vier Quadratmeter Fläche, die der Kellerraum eigentlich mehr gehabt haben müsste. Als er ein Metermaß fand, begann er systematisch nachzumessen. Es fehlte ein Raum zwei mal zwei Meter groß, neben der Treppe, direkt unterhalb der Bibliothek. Der fehlende Raum konnte auch nicht von Kaminröhren oder Belüftungsschächten herrühren, denn die hätten ja irgendwelche Öffnungen im Keller oder sonstwo gehabt.
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