Und dann glaubte er an dieser glatten, glänzenden Wand Spuren erkennen zu können. Nicht Flecken von schmutzigen Fingern, von einem Menschen möglicherweise, der sich abgestützt haben könnte, weil Regale im Weg gestanden hatten, sondern ganze Handflächen. Mit den Fingern nach unten, zum Boden gerichtet. Von der halben Höhe des Raumes bis an die Decke. Als hätte jemand diese Wand nach unten verschoben. Ohne Griffe, ohne irgendein Gestänge, das ihm geholfen hätte.
Slot stellte sich vor die Wand, legte beide Hände auf die glatte Fläche, drückte dagegen und bewegte die Hände nach unten. Und die Wand gab nach. Federleicht. Als hätte sie kein eigenes Gewicht. Langsam glitt sie nach unten und gab einen kleinen Raum frei. Vielleicht einen Meter breit. Unverputzt. Roh vermauert. Mit einem breiten Loch im Boden. Slots Herz begann zu bis zum Hals zu pochen. Angst beschlich ihn. Sein Magen reagierte mit Unwohlsein. Einen halben Meter über dem Boden ließ sich die Wand nicht weiter absenken. Über diese kleine Hürde musste er hinwegsteigen, um an die Öffnung im Boden zu kommen. Dann blickte er hinab. Er hatte erwartet, einen kleinen Raum im Keller zu finden. Ein Versteck für kleine, wichtige, wertvolle Gegenstände oder Unterlagen. Dieser Raum aber reichte tiefer. Viel tiefer. Eine Leiter führte hinab. An der Decke baumelte ein elektrischer Kran. Tief unten, am Ende des Schachts, klein wie eine Postkarte, hellgrau gestrichener Beton. Die gleiche Farbe wie im Geheimraum. Anscheinend aber nicht verkratzt, beleuchtet von blinkendem Neonlicht.
I/10.
Flugzeug Typ Ju 290 A5, Kurs 210 Grad, 4 Mann Besatzung,2 Piloten, Navigator, Funker, 2 Passagiere, 4,1 Tonnen Fracht, im Anflug auf die Puerto de la Cruz, die Südwestspitze von Fuerteventura. Flughöhe rund 30 Meter, Marschgeschwindigkeit 340 Kilometer pro Stunde.
Dr. Herrmann Konrad, der hochrangige SS-Obergruppenführer und Vertrauensmann Adolf Hitlers, lehnte sich auf dem unbequemen Segeltuchsitz neben der Ladefläche zurück. Trotz der heftigen Bewegungen der Windböen in dieser niedrigen Fluglage wollte er sich nicht anschnallen. Bisweilen musste er sich festhalten, um nicht aus dem Sitz geschleudert zu werden. Konrad war schlecht gelaunt, die heftigen Bewegungen während der Flugreise machten ihm zu schaffen. Der Pilot hatte ihm aber versichert, dass so tief geflogen werden musste, denn Amerikaner und Engländer hatten hochentwickelte Funkmessgeräte entwickelt, die sie Radar nannten und mit denen sie Flugzeuge auf große Entfernungen orten konnten. Der Pilot hatte ihm nicht gesagt, dass es Geräte in Flugzeugen gab, die auch niedrige Objekte erkennen konnten. Deshalb hatte Konrad schließlich eingewilligt. Sein Gegenüber, ebenfalls ein hochrangiger nationalsozialistischer Funktionär, war erst gar nicht gefragt worden.
„Die Schaukelei ist zu Kotzen. So schlecht bin ich ja noch nie geflogen worden.“
„In Friedenszeiten und bei Lufthoheit ist es halt gemütlicher, Obergruppenführer. Die Zeiten sind aber vorbei.“
„Kamerad, jetzt brechen wieder Friedenszeiten über uns herein. Deshalb hauen wir ja auch alle ab. Aber immerhin. Wie sagte unser großartiger Reichsmarschall Göring: ‚Hauptsache, 10 Jahre gut gelebt!‘ Recht hat der Dickwanst. Aber sie werden ihn hängen, wenn sie ihn erwischen. Sie werden ihn hängen …“. Konrad lehnte sich wieder zurück und fühlte sich bei dem Gedanken, nicht erwischt zu werden, gleich wesentlich besser.
„Sie werden ihn nicht erwischen. Auch er wird die Flatter machen. Oder er geht zu den Amerikanern. Die Amis bringen doch keinen aus einer Regierung um. Das könnte ja sonst Schule machen und sie selbst treffen. Denken Sie an Kuba, an die Philippinen, den spanisch-amerikanischen Krieg bis 1902. Wie viele Menschen hat General Arthur MacArthur umbringen lassen? Die verbrennen sich doch nicht die Finger. Denken Sie an die Indianer im eigenen Land. Da kommt nichts.“
„Wie auch immer“, Konrad kam dicht an sein Gegenüber heran, sein Stimme wurde leise, „die Juden werden schon Krawall machen. Aber es wird wie immer sein“, seine Stimme wurde wieder lauter, siegessicherer, „die Kleinen wird man henken und die Großen lässt man laufen.“ Er lachte laut auf. „Und deshalb mein Lieber, wollen wir uns auf unsere Aufgabe konzentrieren und unseren Großen den Weg in ein unbehelligtes Dasein ebnen. Die Reichsautobahn erster Klasse bis nach Südamerika!“ Er begleitete seine Worte mit einer allumfassenden Geste. „Und über den Rest unserer Sache lässt sich nur sagen: Wer redet, weiß nichts, wer weiß, redet nicht. Darauf wollen wir uns erst einmal verlassen.“
Eine Weile schwiegen sie und starrten auf die endlose Wasserfläche wenige Meter unter ihnen.
„Wie gut hätte das alles werden können. Ein paar Monate noch und das Blatt hätte sich gewendet. Nur ein paar Monate noch.“ Konrad sah sein Gegenüber an und sinnierte weiter. „Was meinen Sie, was ich für Pläne dabei habe. Da drüben in den Kisten. Waffen, Waffen sage ich Ihnen, gegen die die Alliierten nichts dagegensetzen könnten. Überschnelle Flugzeuge. Bomben von unvorstellbarer Zerstörungskraft. Raketen von Berlin bis Washington. Aber wir kommen zu spät. Verrat sage ich Ihnen, es kann nur Verrat sein.“
„Obergruppenführer, konzentrieren Sie sich jetzt auf Ihre Aufgabe. Der Führer selbst hat Sie beauftragt. Unser Chef, Heinrich Himmler selbst hat Sie beschworen, Erfolg zu haben. Sie müssen die Linie aufbauen: Deutschland, Italien, Rotes Kreuz, katholische Kirche, Spanien, Südamerika. Retten Sie an Kameraden, was zu retten ist. Bevor sie vom Iwan gefressen werden oder die Amis sie auf ihre Seite ziehen. Das sind Sie Ihrem Heimatland schuldig.“
„Heimatland und schuldig?“ Konrad zeigte ein hässliches Grinsen. „Wissen Sie, was Himmler, der treue, der mutige Heinrich von mir verlangt hat? Ein Flugzeug wollte er von mir. Abhauen wollte er. Mit den Amis verhandeln wollte er. Ich bin ihm nichts schuldig. Er, er allein hätte uns verraten!“
„Was haben Sie ihm gesagt?“
„Ich habe Herrn Himmler am Telefon gesagt, dass ich kein Flugzeug für ihn freimachen könne. Alle Flugzeuge seien im Auftrag des Führers in der Luft. Alle verteidigten das Heimatland, das Großdeutsche Reich also.“
„Alle, außer denen, die wegen Spritmangels am Boden bleiben mussten.“
„Alle, außer denen, die wegen Spritmangels am Boden bleiben mussten!“
Beide grinsten sich an. Sie wussten genau, dass die meisten am Boden standen und keinen Sprit hatten. Außer dem einen, in dem sie saßen. Für dieses Flugzeug war genug Sprit vorhanden gewesen.
„Wir nähern uns jetzt der Insel und erkunden die Landebahn. Wenn die Herren sich jetzt anschnallen wollen. Die Piste soll nicht besonders glatt sein.“ Der Funker hatte nur kurz seinen Kopf aus der Führerkanzel herausgestreckt. Die beiden Herren waren ihm unheimlich.
I/11.
Slot hatte Angst. Dieser Bau überschritt alles, was er sich vorgestellt hatte. Alles, was er sich wagte vorzustellen. Er fühlte ein merkwürdiges Ziehen in der Magengegend. Unwohlsein und Hunger zugleich. Er sah auf die Uhr. 20 Uhr 43. Mehr als zwölf Stunden war er nun schon in diesem Haus. Zwölf Stunden, ohne etwas zu essen oder zu trinken. Wie ein reißender Wolf fiel der Hunger über ihn her. Betäubte seine Sinne und lähmte seinen Willen. Der einzige Gedanke in ihm: Raus hier, schnell an die frische Luft, weg von diesem schrecklichen Ort.
Am nächsten Morgen konnte er sich nur vage daran erinnern, dass er alle Türen geschlossen, das Licht auf allen Ebenen gelöscht und sogar den Stecker der Stehlampe gezogen hatte, mit der die Geheimtüre zu öffnen war. Der Weg aus dem Kellerschacht hinaus war ihm nicht mehr bewusst. Wie aber hätte er sonst hinausgelangen können. Slot überlegte, was zu tun war. Wie konnte es kommen, dass unter diesem lächerlichen Bungalow ein so großer Keller sein konnte. Unerklärlich.
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