Von denen, welche mutig in der Schlacht dem Heer vorangehen, Fürsten, Herzöge verändert sich die Rolle der Führung mit der Verlagerung der Macht hin zu denjenigen, welche aus dem Hintergrund führen, als Mätressen, als »graue Eminenzen«, mit Manipulation, Intrigen und Betrug, entwickelt sich weiter hin zu den Führern und Aufrührern, welche die inneren Kräfte von Menschen mobilisieren.
Den momentanen Gipfel der Führung und des Lehrens nehmen Menschen ein, welche andere Menschen inspirieren, ihnen ihren Spirit, ihren Geist eingeben, etwas bewirken, ohne selbst materielle oder ideelle Gewalt ausüben zu müssen, zu diesen Menschen gehören Gandhi, Einstein und die mittlerweile ins Massenhafte gewachsene Menge der Motivationstrainer, professionellen Redner und Politiker, wie sie bei TED-Talks 13auftreten, aber auch Prominente aller Art und die Fernsehprediger.
Da nur wenige später herrschen können, ist Schule überwiegend auf die Erziehung zum Beherrschtwerden ausgelegt. Am leichtesten lassen sich Menschen beherrschen, wenn sie beherrscht werden wollen, wenn sie gerne tun, was ihre Herrscher möchten. Die Technik, diesen Zustand zu erreichen, nennt man Motivation. Motivation wird überwiegend durch Pädagogen gelehrt.
Die vier großen Bereiche der Bildung: Vorschule, Schule, Berufsausbildung und Weiterbildung entsprechen den Bedürfnissen der Erziehung in Herrschaftssystemen. Dabei konzentriert sich die Herrschaftsvorbereitung auf die Schule. Deshalb gibt es auch die Schulpflicht.
Das Schulsystem in Deutschland untersteht gemäß Art. 7 Abs. 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland dem Staat. Ursprünglich gedacht, um die Bauern zu zwingen, ihre Kinder wenigstens für die Sonntagsschule von der Arbeit auf dem Hof freizustellen, ist Schule bis heute gesetzlich festgelegt eine Staatsaufgabe, deren Angestellte im Interesse der jeweils herrschenden Staatsform tätig sind. Hierin unterscheidet sich die Koranschule in nichts von den modernen mehrgliedrigen Schulsystemen.
In diesem Text wird vorwiegend am Beispiel des Lernens das Spiel mit der Macht im mehrfachen Sinne betrachtet. Unter anderem:
•als Anwendung spieltheoretischer und spielerischer Elemente auf den Umgang mit Machtverhältnissen,
•als spielerisches Herangehen an das Leben in Machtstrukturen in sicheren Lernumgebungen und Lernsituationen,
•in der Betrachtung der Struktur und Bewegung von Machtverhältnissen als Spiel der Kräfte, insbesondere des Begehrens nach Status-, Lust und Identitätsveränderungen,
•als Austesten von Möglichkeiten für die Entwicklung der eigenen Leistungsfähigkeit für Machtausübung.
Motivation richtet sich auf sechs Bereiche in zwei Feldern.
Die Bereiche im Feld der extrinsischen, ausserhalb der Person liegenden Motivation, verbunden mit dem und abhängig von dem Status der handelnden Personen sind:
•Sollen, die gesellschaftliche Norm, der Auftrag,
•Müssen, der Zwang, die Anerkennung von Notwendigkeit,
•Dürfen, Erlaubnisse und Zuständigkeiten.
Die Bereiche im Feld der intrinsischen, innerhalb der Person liegenden Motivation, welche die Identität der handelnden Personen beschreiben, sind:
•Können, die Erweiterung der Fähigkeiten und Fertigkeiten,
•Wollen, Entscheidungskraft und Durchsetzungsvermögen,
•Mögen, Wünsche, Sehnsüchte und Begehren.
Die Ausübung der Tätigkeit selbst schliesslich erzeugt Zustandsveränderungen und kostet Energie oder setzt Energie frei. Diese Energie äussert sich als Lust, beziehungsweise Frust. Rickert hat dazu ein schönes Gedicht verfasst:
»Sechs Wörtchen nehmen mich in Anspruch jeden Tag:
Ich soll, ich muß, ich kann, ich will, ich darf, ich mag.
Ich soll, ist das Gesetz, von Gott ins Herz geschrieben,
das Ziel, nach welchem ich bin von mir selbst getrieben.
Ich muß, das ist die Schrank’, in welcher mich die Welt,
von einer, die Natur von andrer Seite hält.
Ich kann, das ist das Maß der mir verlieh’nen Kraft,
der That, der Fertigkeit, der Kunst und Wissenschaft.
Ich will, die höchste Kron’ ist dieses, die mich schmückt,
der Freiheit Siegel, das mein Geist sich aufgedrückt.
Ich darf, das ist zugleich die Inschrift bei dem Siegel,
Beim aufgethanen Thor der Freiheit auch ein Riegel.
Ich mag, das endlich ist, was zwischen allen schwimmt,
ein Unbestimmtes, das der Augenblick bestimmt.
Ich soll, ich muß, ich kann, ich will, ich darf, ich mag,
Die sechse nehmen mich in Anspruch jeden Tag.
Nur wenn du stets mich lehrst, weiß ich, was jeden Tag
ich soll, ich muß, ich kann, ich will, ich darf, ich mag.« 14
Status, Lust und Identität sind Hauptkomponenten einer Führung, welche Zwang und Gewalt zwar einschließt, sich aber nicht darauf beschränkt. In der bewussten Handlung, der Tat von Menschen realisiert das Ungetrennte, das Atome von Sollen, Müssen, Dürfen, Können, Wollen und Mögen - Status, Lust und Identität.
Macht, Gender und Sprache
Motivationsbücher werden von Pädagogen genauso gern gelesen wie von Führungskräften in Politik und Wirtschaft. Offensichtlich besteht hier ein ähnliches Problem: Wie kann ich dafür sorgen, dass andere Menschen tun was ich möchte? Im Wort »möchte« steckt »Macht«, noch in der Möglichkeitsform, als Wunsch. Dieser Wunsch kann auch so ausgedrückt werden: »Wie kann ich meinen Wunsch nach Macht realisieren?«
Herrschaft wird nicht nur über körperliche Gewalt ausgeübt, Herrschaft beginnt schon bei der Sprache, verbaler Gewalt. Die Macht der Worte und die Macht der Faust koexistiert, machmal in einem Menschen vereint, manchmal auf verschiedene Menschengruppen verteilt. Krieger und Priester, Legislative, Judikative und Exekutive, Papst und König, Wissenschaft und Politik sind verschiedene Agenten der Gewaltausübung. Und es gibt die Gegengewalt von Seiten der Beherrschten: Die Opposition, die Renitenz, die Verweigerung, den Dienst nach Vorschrift, den Streik, die Revolution.
Dass es die Möglichkeit der Herrschaft von oben nach unten gibt, glauben die meisten Menschen sicher zu wissen, dass es eine Herrschaft von unten nach oben gibt, erstaunt immer wieder. Unten und Oben sind Kategorien von Hierarchien. Herrschaft und Knechtschaft sind Kategorien von Beziehungen.
»Herrschaft« bedeutet gemeinhin Machtausübung. »Frauschaft« gibt es nur als seltene Bezeichnung für ein weibliches Team. Das Thema der Nutzung männlicher oder weiblicher Sprachformen in einem Dokument ist ein Thema der Macht und der Herrschaft. Die Reduzierung des Menschen auf den gesunden weißen, reichen Mann ist erst spät entstanden. Männlich kommt ursprünglich von Mensch 15, nicht von Mann.
Schon die Benutzung von »Sie« oder »Du« entscheidet über die angestrebte Distanz. Die Kenntnis und die Benutzung von Vorname, Titel oder Nachname entscheidet über die Anerkennung von Status. Die Kombination des Pronomens mit dem Vornamen oder dem Nachnamen sagt etwas aus über die realen oder gewünschten Machtverhältnisse:
•Du und Vorname - Vertrautheit, Brüderlichkeit, Zuneigung
•Sie und Vorname - die Dienstbotenanrede, Distanz und Abwertung
•Sie und Titel und Nachname - Distanz und Hochachtung.
Die Okkupation von Rechten, welche sich aus dem Menschsein ergeben, durch gesunde weiße reiche Männer unter Ausschluss des ganzen Reichtums der anderen Geschlechter wie Frauen, Lesben, Schwule, Transsexuelle, Intersexuelle, Androgyne, Zwitter, ist nur eine Seite des Ausschlusses von Macht durch den Ausschluss aus der Sprache und historisch spät entstanden. In einigen Gesellschaften sind diese Abweichler von der Vorstellung der Zweigeschlechtlichkeit schon immer Bestandteil der Gesellschaft als Muxe in Juchitan (Mexiko), Hijra in Indien oder Katoy in Thailand. Dieser Ausschluss von der Macht galt und gilt historisch auch Kindern, Alten, Armen, Kranken, Ausländern, Farbigen, Behinderten, Andersgläubigen und den Leuten aus dem Nachbardorf und korrespondiert bis heute mit dem Ausschluss von Bildung auf Grund von Reichtum, Herkunft oder Wohnort.
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