Vor dem König liegt ein Stoß ungesäuerter Gerstenfladen. Jetzt nimmt er das oberste Brot und bricht es in vier Stücke. Das erste reicht er Hamutal, das zweite Schaffan, das dritte dem Befehlshaber seiner Leibwache, der Maassjah heißt. Das letzte Stücklein des Brotes läßt er dem Kinde Mathanjah überbringen, das es sofort seinem braunen Spielgenossen, dem tanzfreudigen Ebedmelech, zwischen die Zähne schiebt. Josijah selbst hat eine sehr hastige Art zu essen. Weiß er, daß eine uralte Überlieferung empfiehlt, an diesem Abend rasch der Speise zu genießen? Denn in Eile aßen die Kinder Israels, ehe sie unter des Herrn wundertätiger Führung aufbrachen, das Schilfmeer zu durchschreiten. Nein, des Königs Hastigkeit rührt nicht von solcher Erinnerung her. Alles an ihm ist Ungeduld, vielleicht Tatendrang, vielleicht heimliche Unruhe. Rasch wechseln die Empfindungen der Davidsöhne. Auch Josijahs Gottfreude ist einer plötzlichen Fahrigkeit gewichen. Eine ganze Weile schon pocht er mit seinen Fingerknöcheln auf die Tischplatte. Dann ruft er zu Schaffan hinunter:
»Ist alles geschehen, was die Lehre gebietet? ... Nichts sei zwischen dem Herrn und mir ... Worauf wartet man ... Man lese doch ...«
Ahikam, der Geheimschreiber, scheint diesen Befehl schon lange erwartet zu haben, denn er reicht die vorbereitete Rolle sogleich seinem Vater. Der Lehrer des Volkes entfaltet sie bedachtsam, ohne sich der Ungeduld des Königs zu unterwerfen, und beginnt mit leiser und einschläfernder Stimme:
»Beobachte den Monat der Ährenreife, damit du opferst das Passah dem Herrn, deinem Gott, denn im Monate der Ährenreife hat dich herausgeführt der Herr, dein Gott, aus Ägyptenland, nachts ...«
»Nicht das ...« Der König unterbricht Schaffan heftig ... »Das brauche ich nicht ... Wissen aber will ich, ob alles befolgt und gehalten wird in der Stadt nach des Herrn Weisung? ... Ißt man bittere Kräuter? ... Wurden die Pfosten und Oberschwellen mit der Ysopstaude bestrichen? ...«
Ohne eine Antwort abzuwarten, wendet sich Josijah plötzlich um und weist, obgleich schon mehrere Becher vor ihm stehen, auf Jirmijahs Becher hin. Dieser füllt ihn, wie ihm bedeutet wurde, zur Hälfte mit dem dunkelroten Wein und reicht ihn dem König dar. Josijah blickt dem Priestersohn aus Anathot eine Weile lang von fern in das Gesicht. Dann trinkt er den kredenzten Wein. Gleich darauf wird er wieder ungeduldig:
»Was gibt es? ... Möge man doch lesen ... Nicht Schaffan ... Schaffans Stimme ist müde ... Ein andrer lese ... Die Satzung vom Kriege will ich hören ... Dieser hier lese ... Wer ist es? ...«
Der Zeremonienmeister verkündet Jirmijahs Namen und Herkunft. Der steht plötzlich, hervorgehoben aus dem ganzen Gefolge, neben dem alten Schriftmeister und hält die Griffe der beiden Stäbe in der Hand, auf welche das Buch der wiedergefundenen Lehre aufgerollt ist. Hätte man ihm gestern gesagt, er werde seine Stimme im Angesichte des Königs erheben müssen, er wäre vermutlich dem Ehrendienste ferngeblieben. Jirmijah ist von scheuer und menschenfliehender Art. Er liebt es nicht, zu leuchten und sich hören zu lassen. Jetzt aber, da des Königs Befehl so unerwartet ihn trifft, jetzt erfüllt ihn nicht die geringste Schüchternheit, als müsse es so sein und habe seinen Sinn, daß es so ist. Schaffans dürrer Zeigefinger bezeichnet ihm die Stelle. Er hebt die Rolle nahe ans Gesicht. Staunend hört er seine eigene Stimme, die mit den gemessen wandernden Zeilen Gottes Wort dem Könige verkündet. Er bemerkt irgendeine fremde Zumischung oder Schwebung in seiner Stimme, der er selbst mit geneigtem Haupte lauscht:
»Wenn du zum Kriege ausziehst gegen deinen Feind, und du siehst Roß und Wagen und zahlreicher Volk als du selbst, dann fürchte dich nicht ...«
»Dann fürchte dich nicht ...« wiederholt der König beifällig, als freue er sich, daß Gottes Wort mit seinem eigenen Herzen so erwünscht übereinstimme. Ruhig fährt Jirmijah in der Lesung fort. Von Zeile zu Zeile dünkt ihn die fremde Zumischung in seiner Stimme stärker zu werden:
– »Wer ein neues Haus gebaut und es noch nicht eingeweiht, der gehe und kehre zurück in sein Haus, daß er nicht sterbe im Felde und ein andrer weiht es ein.
– Und wer einen Weinberg gepflanzt und seiner Frucht noch nicht genossen, der kehre zurück in sein Haus, daß er nicht sterbe im Felde und ein andrer Mann genießt sie.
– Und wer einer Frau sich verlobt und hat sie nicht heimgeführt, der kehre zurück in sein Haus, daß er nicht sterbe im Felde und ein andrer Mann freit sie.
– Dann aber sollen die Vögte zum Heere noch also sprechen: Wer furchtsam und zaghaften Herzens ist, der gehe und kehre zurück in sein Haus, damit nicht feige werde das Herz seiner Brüder gleich seinem Herzen ... Und dann erst, wenn die Vögte diese Rede gehalten zum Heer, erst dann sollen die Führer die Scharen mustern und an die Spitze treten.«
Der König hat sich weit vorgebeugt und murmelt, Jirmijah gespannt anstarrend, die Sätze der Lehre mit, die für einen König und Feldherrn eine schier unerträgliche Last bedeuten müssen. Was bewegt sein schönes Gesicht, das jetzt nicht mehr funkelt, sondern wie von geheimsten Erwägungen verwölkt ist? Warum hat er die Lesung gerade dieses Teiles gefordert? Er scheint der Satzungen noch immer nicht satt zu sein, die mild für das Volk, streng für den Herrscher klingen:
»Lies weiter ... du aus Anathot ... Wie heißest du? ... Das mit der belagerten Stadt will ich hören ... Nichts sei zwischen dem Herrn und mir ...«
Jirmijah senkt die Augen wieder auf die Rolle. Tiefes Schweigen. Mancher wundert sich über die unabweisliche Macht, die des jungen Menschen Stimme so rasch gewonnen hat:
»Wenn du dich einer Stadt näherst, sie zu belagern, so biete ihr vorerst den Frieden an ...«
»Und belagerst du sie«, ruft der König laut und voll Freude über sein gutes Gedächtnis, »und greifst du sie an, so vernichte ihre Fruchtbäume nicht und lege die Axt nicht an sie ... So heißt es ...«
Josijah macht ein kurzes Zeichen, daß die Lesung beendet sei. Dann wendet er sich, nachsinnenden Auges, an Jirmijah:
»Du hast gut gelesen ... Du aus Anathot ... Stark und schön wird deine Stimme, wenn sie Gottes Wort spricht ... Ich möchte sie wieder hören ...«
Dieses große Lob des Königs erregt, wie es so üblich ist, das gefällige Mit-Lob der Hofleute und Fürsten an der Tafel. Selbst Schaffan nickt zufrieden, und Ahikam, sein ernster Sohn, lächelt erleichtert, als habe sich eine drohende Verwicklung glücklich gelöst. Nur einer ist gelb vor Wut und kann nicht an sich halten: Eljakim. Der älteste Königssohn wirft die Rosenknospe, die er eben zerrupfen wollte, mit einer Bewegung des Ekels von sich. Sein mageres Gesicht, aus dem durch den sprossenden Bart ein wulstiger Mund hervorsticht, verzerrt sich. Ehe der König noch das allgemeine Gespräch freigegeben hat, fährt er in die Höhe und ruft:
»Die Herrlichkeit des Königs verzeihe seinem Knechte dieses Wort ... Doch gar nicht schön finde ich die Stimme des Mannes aus Anathot ... Und nie, nie wieder möchte ich sie hören ...«
Die ganze Runde erstarrt über die Frechheit des ältesten Prinzen, der es gewagt hat, dem Lobspruch des Königs sein eigenes Mißurteil entgegenzusetzen. Für Schaffans und Ahikams Ohren ist es klar, daß sich hinter dem dreisten Ausbruch mehr verbirgt als einfacher Widerspruch. Soll man es zu denken wagen, daß der künftige König, indem er den Vorleser tadelt, das Vorgelesene, Gottes Lehre, treffen will? Niemand rührt sich. Selbst die beiden Kinder spüren, daß etwas höchst Gefährliches vorgefallen ist. Mathanjah unterbricht sein Spiel, Ebedmelech seinen Tanz. Furchtsam suchen verdeckte Blicke das Antlitz Josijahs, das sich dunkel verfärbt hat. Sie sehen, wie die Faust des Königs jenen Becher, den ihm Jirmijah gereicht hat, immer fester umkrampft hält. Im nächsten Augenblick wird er ihn gegen den Sohn schleudern, ungeachtet der Entweihung des Gottesmahles. Da legt sich eine mattweiße fleischige Frauenhand auf Josijahs bräunliche Faust, die sich langsam wieder entspannt und den Becher losläßt. Um der reinen Freude des Passah willen, dessen Erneuerung sein Werk ist, ringt der König sich einige heisere Silben ab:
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