Schon während der ersten Strophen des Grußpsalms hat sich der Hof um den König versammelt und an der Tafel niedergelassen. Der wissende Chananjah kennt alle Namen und verrät sie dem unwissenden Jirmijah. Dort, der sehr alte Mann, der den Sitz zwischen den beiden Königssöhnen einnimmt, das ist Schaffan in Person, der große Schriftmeister und Lehrer des Volkes. Höchste Ehrfurcht wird ihm gezollt. Obgleich er keinem priesterlichen oder königlichen Amte vorsteht, so übertrifft doch sein Platz an Würde den des Staatskanzlers, den des obersten Befehlshabers der Leibwache, und selbst der erste »Hüter der Schwelle«, der den Tempeldienst verwaltet, muß sich mit einem geringeren Sitz begnügen. Schaffan aber scheint sich der Ehre seines langen ruhmgekrönten Lebens nicht recht erfreuen zu dürfen. Sein eingeschrumpftes Gesichtchen mit den roten wimperlosen Augen brütet trübe vor sich hin, als mache sich der Schriftmeister heimlich Vorwürfe, durch Erkennung und Entzifferung des wiedergefundenen Gesetzes eine zweifelhafte Zukunft eingeleitet zu haben. Denn es ist schlimmer, von einer Satzung abzufallen, deren man kundig ist, als sie in Unwissenheit zu übertreten. Schaffans Sohn Ahikam, der Geheimschreiber des Königs, hat sich an der Tafel nicht niedergelassen. Die Augen dieses hochgewachsenen, etwas steifen Menschen wandern aufmerksam zwischen den beiden Übermächten seines Lebens hin und her, zwischen dem großen Vater und dem großen König. Man sieht ihm an, daß er aufopferungsvoll bereit ist, diese eigenwilligen Übermächte in Einklang zu bringen.
Josijah aber kümmert sich um sein Gefolge nicht. Er hat Hamutal an seine Seite gezogen, die Frau, die er zur Königin gemacht hat. Sie ist nicht die Mutter seines ältesten Sohnes Eljakim, der, auf dem ihm gebührenden Sitz höhnisch hingelagert, sich Mühe gibt, allen Anwesenden einschließlich seines Vaters die deutlichste Mißbilligung kundzutun. Der Kronprinz hat für diese Haltung seine Gründe, und Chananjah kennt diese Gründe. Der Mutter des ältesten Sohnes gebührt der Rang der Königin, und nur sie als einziges Weib hat Zutritt in den inneren Hof. Josijah aber setzt sich über dieses Herkommen hinweg. Er liebt Hamutal und teilt einzig mit ihr sein Lager seit vielen Jahren. Welche andre Frau dürfte Königin sein? Hamutal hat dem Gatten zwei Söhne geboren. Doch Joachas, der Siebzehnjährige, scheint leider nur langsam mannhaft und scharfsinnig werden zu wollen. Schaffan, der den Unterricht des Prinzen überwacht, beklagt sich bitter darüber, daß die helle, gute Seele des Joachas eine dunkle Vernunft besitze, während der helle Verstand Eljakims an eine dunkle Seele gebunden sei. Die Wesenheiten der Prinzen entschleiern sich durch ihr Gehaben. Beide sprechen kein Wort. Joachas beugt sich mit einem kindisch verlorenen Lächeln über den Tisch. Seine Finger spielen und modeln ruhelos an einem unsichtbaren Gegenstand. Eljakim sitzt gelangweilt zurückgelehnt. Mitunter reißt er aus dem Blumenkranz, den er nach fremder Sitte um die Stirn trägt, eine Blüte ab, zerzupft sie, reibt die Blätter zwischen den Händen, um dann mit geschlossenen Lidern den Duft einzusaugen.
Josijah und Hamutal aber haben nur Augen für ihr jüngstes Kind, den kleinen Mathanjah, von dem sie sich auch nicht für eine einzige Stunde trennen. Dies ist der Grund, warum der fünfjährige Mathanjah anstatt seines Kinderschlafes das Gottesfest genießen darf. Und er genießt es, das merkt man seiner Jubelstimme an, deren durchdringendem Kreischen kein königlicher und kein elterlicher Verweis Einhalt gebietet. Das Kind spielt und balgt sich in dem freien Raum unterhalb der Tafelbühne mit einem gleichaltrigen Spielgefährten, der Ebedmelech gerufen wird, ein aus Äthiopien nach Jerusalem verschlagener Mohrenknabe und ein wunderlich anmutiger Tänzer ist. Jeder Schritt des kleinen Kuschiten wird zum Tanzschritt. Und wenn der wilde Davidsohn ihn gerade nicht mit irgendeinem Spielansinnen bedrängt, so dreht und dreht sich Ebedmelech selbstversunken in der ihm eingefleischten Tanzanbetung irgendeiner schwarzen Gottheit mitten im Vorhof des Herrn.
Trotz des siebzehnjährigen Joachas ist Hamutal eine schöne Frau mit jugendlichen Gliedern und gelassen runden Bewegungen. Aus ihren großen Kuhaugen strahlt der sinnige Geist der Eintracht und Schlichtung. Man sieht es der Königin an, daß sie die Schönheit ihres Körpers kennt und deren Erhaltung Zeit und verständige Mühe opfert. Sie trägt die kunstreiche Haartracht der Ägypterinnen, die Stirne völlig frei. Ihr Untergewand ist weiß, ihr Obergewand nicht, wie es die Hoffarbe will, himmelblau, sondern weinrot. Zu Ehren des Herrn hat sie den großen Schmuck angelegt, staunenswerte Ohrgehänge, Halsketten, mehrere übereinander, Armspangen, Reifen, Ringe, goldne Schlangen um die Fußgelenke. Ihre Finger- und Zehennägel sind mit goldenem Lack überzogen. Wie liebt es Josijah doch, Hamutal reich geschmückt zu sehen. Seine rötliche Hand ruht auf ihrer lässig mattweißen. Sie nickt lächelnd zu den leisen Worten, die er ihr anvertraut. Dabei suchen ihre Augen immer wieder den tollenden Mathanjah und eifern die beiden Wartesklaven an, in der Obsorge nicht müde zu werden.
Längst hat das Ostermahl begonnen. In Reihen eilen die auftragenden Leviten und Priester unterster Ordnung mit Schüsseln und Krügen zwischen den Tischen der Speisenden umher. Mit peinlichster Sorgfalt und Einhaltung des Gebotenen hat die Priesterschaft, den einzelnen Ämtern gemäß, das große Freudenmahl zugerichtet, sie hat geschlachtet, entblutet, zerlegt, die menschliche Speise geschieden von dem Anteil des Herrn und der Hebe seiner Diener. Doch nicht genug damit, in der umfassenden Regelung der Dinge, die den Scheitel des Himmels mit der Mitte der Erde verknüpft, durfte nichts vergessen und unbedacht bleiben. Auch die geopferten Erstlinge des Feldes, Gemüse, Früchte, Gewürze, die wohlschmeckenden Zutaten des Mahles, mußten auf ihre Zulässigkeit beschaut und geprüft werden. Steht nicht die ganze Schöpfung des Herrn unter der Scheidung des Guten vom Bösen, des Reinen vom Unreinen, des Verbotenen vom Erlaubten? Durch diese Scheidung gewinnt der hin und her taumelnde Mensch Halt und Richtung. Mehrere Tempelämter sind eingesetzt, über diese Scheidung, die das ganze All im Größten und Kleinsten betrifft, mit heiligem Skrupel zu wachen. Wild wuchert die Schöpfung im gesegneten Nissanmond. Doch nicht jede Pflanze, nicht jede Frucht ist gleich vor dem Herrn, so wie durch ein unbegreifliches Vor-Urteil nicht jeder Mensch vor ihm gleich ist. Raute, Fenchel, Bergkoriander, Wiesensenf und was sonst an Genießbarem frei wächst, unterscheidet sich in seiner Gottbezogenheit von allen gezüchteten Gemüsen. Keine Frühgurke, kein Kürbis gleicht dem andern in seinem Opferwert, und jede einzelne Olive, so winzig sie auch ist, muß vorerst auf ihre Würdigkeit geprüft werden. Denn Adonai Elohim ist der ausschließende Herr des Lebendigen, der Gott der Jugendfrische seines Alls. Das geringste Gebrechen, die leiseste Fäule, der nichtigste Wurm im Fruchtfleisch gilt ihm als Bote des Todes. Und obgleich er selbst den Tod als höchste Macht über seine Welt gesetzt hat, offenbart er ihn als das schlechthin Unreine, Verunreinigende und zu Verwerfende.
Man sieht den von Gast zu Gast eilenden Dienstpriestern die Erregung der Stunde und die Mühe der Zurüstungen an, die sie geleistet haben. Wäre ihre Zahl nicht so groß, die Einteilung nicht so genau, so mancher Jüngere und Ungeschickte verlöre den Kopf.
Jirmijah steht neben Chananjah hinter dem Rücken des Königs. Er kann seine kurzsichtigen Augen über das verschwimmende Treiben des großen Freudenmahles schweifen lassen, denn bisher wurde seiner Aufwartung noch nicht bedurft. Er und sein Nachbar halten jeder einen Goldbecher in der linken und den entsiegelten Tonkrug in der rechten Hand. Es ist ein eigens gekelterter Königstrank. Chananjahs Krug enthält einen goldklaren, Jirmijahs Krug einen blutroten Wein.
Читать дальше