»Ausgezogene Krapfen!«
»Stimmt! Ausgezogene Krapfen hat sie gesagt!«, war Martina sicher.
»Die habe ich noch nicht gegessen, oder? Ich bin ja mittlerweile auch Fan von deinen Puddingbrezeln, aber die hatten sie gerade nicht, deswegen habe ich mir gedacht…«
Pytlik nickte.
»Alles bestens! Du hast gut eingekauft und die Sträubla – oder wie man auch noch sagt: ausgezogenen Krapfen – sind hier in der Region und im Landkreis das viel bekanntere und traditionellere Gebäck als meine Puddingbrezeln. Die Sträubla werden auch in erster Linie für die Kommunion, Konfirmation und bei Hochzeiten an die Familien, Freunde und geladenen Gäste verteilt. Aber die bekommst du auch sonst ganzjährig in jeder Bäckerei. Da kommt jetzt noch Puderzucker oben drüber und du wirst sehen, die sind wirklich sehr lecker.«
»Das heißt dann aber auch, du hast da jetzt keinen Schock erlitten und wirst so ein leckeres Sträubla – richtig? – jetzt auch mit mir essen?«, war Martina etwas in Sorge. Pytlik lachte erneut.
»Keine Angst! Tatsächlich konnte ich einige Wochen nach der Abschlussveranstaltung diese Dinger nicht mehr sehen und riechen, geschweige denn essen! Und meine Puddingbrezeln sind mir halt immer noch heilig, aber mittlerweile kann es ab und zu auch wieder mal ein Sträubla sein.«
»Na, dann bin ich ja beruhigt!«, sagte Martina und wollte anschließend aber doch noch wissen, was in dem Bericht stand. Pytliks Miene wurde nun ernster, und während er den Tisch deckte, erzählte er.
»Ich habe dir damals von der ganzen Geschichte nur am Rande erzählt, und da das ohnehin in die Zeit gefallen war, als du mit deinen Eltern und deinem Bruder die Skandinavienrundreise gemacht hast, hast du das, glaube ich, gar nicht so registriert. Ist auch besser so!«
»Ich erinnere mich nur schwach!«, gestand Martina.
»Ist auch egal! Irgendjemand hatte aus irgendeinem Grund die tolle Idee, ähnlich den bekannten Wahlen einer Bierkönigin, einer Weinkönigin, einer Apfelkönigin und was es sonst noch alles an Königinnen gibt, im Landkreis Kronach die Wahl einer Sträublakönigin durchzuführen. Und um dem Ganzen eben nicht die Krone einer Königin aufzusetzen, sondern passend zum althergebrachten, traditionellen Sträubla aus dem Landkreis Kronach einen entsprechend passenden Titel zu finden, wurde aus der Königin kurzerhand eine ›Kunnl‹ gemacht. Jetzt wirst du dich natürlich wieder fragen, was eine ›Kunnl‹ ist.«
Martina nickte erwartungsvoll.
»Ich muss ganz ehrlich gestehen«, holte Pytlik etwas aus, »mir war das bis zu meiner Nominierung als Jurymitglied auch nicht bekannt. Grundsätzlich ist ›Kunnl‹ in den hiesigen Breitengraden nichts Anderes als der Rufname für eine Frau, die auf Kunigunde getauft wurde.«
»Aha! Das hast du aber exzellent erklärt, Herr Hauptkommissar.«
Pytlik nahm das Kompliment mit einer entsprechenden Geste dankend an. Dann fuhr er fort.
»›Kunnl‹ ist darüber hinaus aber auch so eine Art Sammelbegriff für allerlei unterschiedliche Menschen mit speziellen Eigenschaften – so würde ich das mal bezeichnen! Also das typische Waschweib in irgendeinem Dorf ist halt dann die ›Tratsch-Kunnl‹, diejenige, die alles immer gleich brühwarm weitererzählt, ohne zu wissen, ob es auch wirklich stimmt. Die Schulkollegin, die keiner mag, weil sie immer nur gute Noten schreibt und auf keiner Party zu sehen ist, ist eben einfach ›voll die Kunnl‹. ›Kunnl‹ kann aber auch positiv besetzt sein, und so hat man sich eben entschlossen, der Person, die letztendlich als die beste und qualifizierteste private Sträublabäckerin im Landkreis gekürt werden sollte, den Titel der ›Sträubla-Kunnl‹ zu verleihen.«
»Gut, ich glaube, das habe ich soweit verstanden«, bestätigte Martina.
»Und wie viele standen da zur Auswahl?«, wollte sie danach wissen.
»Aus jeder Stadt beziehungsweis jeder Gemeinde im Landkreis wurde zunächst vorab eine Bewerberin ausgewählt«, begann Pytlik zu erklären.
»Das lief alles eher formlos ab, denn die einschlägigen Kandidatinnen, die dafür infrage kamen, waren in den Stadt- oder Gemeindeverwaltungen ja bekannt.«
Martina wunderte sich.
»Gab es denn überhaupt keine männlichen Bewerber?«
Pytlik schürzte die Lippen und dachte nach.
»Zumindest war bei den letztendlich 18 Auserkorenen kein Mann dabei! Die wurden, nachdem in den Verwaltungen jeweils eine kleine oder größere Kandidatenliste vorlag, kurzerhand im Rahmen einer Sitzung bestimmt und zogen in den nächsten Vorentscheid ein. Hier musste ich noch nicht mit eingreifen. Die 18 Bewerberinnen mussten sich einem Team, bestehend aus den Geschäftsführern der einheimischen Bäckereien, zunächst vorstellen, danach erzählen, warum und wie lange sie privat schon Sträubla backen, und anschließend mussten sie sich einigen spezifischen Fragen der Fachleute stellen. Die füllten dann einen Bewertungsbogen aus, anhand dessen am Schluss drei Frauen als Finalistinnen feststanden. Und mit denen ging es jetzt ans Eingemachte – auch für mich!«
Jetzt war Martina wieder im Bilde.
»Verstehe! Also jetzt kommst du ins Spiel?«
Pytlik nickte. Seine Miene ließ erahnen, dass die Erinnerung daran ihn nicht mit Freude erfüllte.
»Genau! Die Aufgabe bestand nun darin, dass jede Einzelne der drei Finalistinnen an einem Samstagmorgen zuhause bei sich Sträubla backen musste vor dem Hintergrund der gestellten Situation, jemand hätte bei ihr für eine Kommunion 50 Sträubla bestellt. Die Jury bestand aus fünf Personen: im Wechsel waren immer zwei Chefs der Bäckereien dabei und dann als feste Jurymitglieder drei Personen des öffentlichen Lebens, denen man eine gewisse Affinität zu dem Thema nachsagte.«
Martina unterbrach ihn.
»Du also, weil bekannt ist, dass du der Puddingbrezel-Mann bist. Richtig?«
Pytlik nickte gequält.
»Ich habe damals ja erst von meiner Sekretärin Gundi Reif erfahren, dass ich bei uns intern schon ›Puddingbrezel-Kunnl‹ genannt werde.«
Martina lachte, dann erzählte Pytlik weiter.
»Der Chef des Backhauses hat mich da ins Spiel gebracht und, naja, einen Polizeihauptkommissar in einer Jury sitzen zu haben, ist ja auch für die Öffentlichkeitsarbeit eines solchen Events nicht gerade verkehrt. Ich erinnere mich noch an jede einzelne Überschrift in den Berichten der Tageszeitungen, als der Wettbewerb lief. Die haben sich mit kreativen Einfällen wirklich überboten, das kann ich dir sagen!«
Martina konnte es sich vorstellen und wollte dann noch wissen, wer noch mit zum Team gehörte.
»Letztendlich«, fuhr Pytlik fort, und man konnte dem Hauptkommissar jetzt deutlich ansehen, dass er mit seinen Gedanken immer noch beim Inhalt des Berichts war, den er gelesen hatte, »waren bei der Abschlussveranstaltung im Kreiskulturraum in der Jury vier Bäckereichefs, der Landrat, die Vorsitzende des Vereins für Tradition und Kultur im Landkreis Kronach und ich.«
Martina war etwas überrascht.
»Das heißt, der Landrat war auch bei den drei Terminen vor Ort jeweils schon dabei?«
Pytlik nickte und winkte gleichzeitig mit einer Hand ab.
»War politisch gerade eine schwierige Zeit für ihn, der brauchte ein bisschen positive Presse. Dass er sich dadurch als Sträublaliebhaber und -spezialist geoutet hat, hat sich bestimmt nicht negativ auf seine Beliebtheitswerte ausgewirkt. Aber langer Rede kurzer Sinn: Was hier steht unter der Überschrift ›Schummelei bei der Wahl zur Sträubla-Kunnl!‹, ist ja unfassbar! Letztendlich steht hier ja sogar, dass alle Jurymitglieder im Verdacht stehen, ihre Bewertung zu Gunsten einer bestimmten Kandidatin – logischerweise der Gewinnerin – abgegeben zu haben.«
Martina legte die Stirn in Falten
»Ist nicht dein Ernst, oder?«
Pytlik nickte vehement und schnell.
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