»Was heißt nächste Steps? Wann sind diese nächsten Steps? Und wie lange dauern die?«
Pytlik hatte sich an die Arbeitsplatte gelehnt, die Arme verschränkt und Martina zugewandt. Sie stand langsam auf und lief wider Erwarten ruhigen Schrittes in Richtung Terrassentür. Dann drehte sie sich um.
»Es kann jetzt alles sehr schnell gehen! Die werden in den nächsten Tagen alles noch einmal unter die Lupe nehmen und auswerten. Aber nachdem bereits in vielen Punkten Einigkeit über die weitere Strategie besteht, möchte man so schnell wie möglich vorankommen. Das heißt,…«
Pytlik unterbrach sie plötzlich, seine Stimme klang energisch und verärgert.
»Wann? Ich frage: wann und wie lange?«
Martina machte sich nun auf den Weg in die Küche. Auch sie nahm vom Tisch einige Dinge mit.
»Ich werde morgen nach Hause fahren, um bis Mitte der Woche einiges zu erledigen und mich mit meiner Familie zu treffen. Ich gehe davon aus, dass ich bereits am nächsten Wochenende schon wieder rüberfliegen werde.«
Es machte den Anschein, dass Martina ihm erst gar nicht die Möglichkeit geben wollte, die beleidigte Leberwurst oder den vernachlässigten Partner zu spielen.
»Du kannst dich doch noch erinnern, was wir damals am Starnberger See so vor uns hin philosophiert haben. Dass wir es einfach versuchen würden, aber immer in dem Bewusstsein, dass eine Beziehung auf diese Entfernung ganz besonderen Belastungen ausgesetzt sein kann. Noch dazu mit unseren Jobs! Jetzt ist es halt nun einmal so, dass wir eine Sondersituation haben und wir das entweder hinbekommen oder nicht.«
Pytlik war bedient und spürte, dass er ohnehin keine Möglichkeit hatte, die Dinge irgendwie zu seinen Gunsten zu beeinflussen.
»Gut! Nächstes Wochenende also! Bleibt nur noch die Frage: wie lange? Wie lange wirst du dieses Mal weg sein?«
»Das weiß ich noch…«
»Doch!«, fuhr Pytlik plötzlich aus der Haut. Er hatte die Beherrschung verloren und zeigte deutlich, dass er wegen dieser Nachricht durcheinander war.
»Doch! Du weißt es ganz bestimmt schon! Du möchtest es nur nicht jetzt und hier sagen, weil du Angst hast, mir den eigentlich schönen Samstag und das schöne Frühstück mit dir zu versauen! Aber keine Angst, ist schon versaut! Also: Wie lange wirst du weg sein?«
Martina hatte die Spülmaschine geöffnet und Teller und Geschirr hineingetan. Sie drehte sich um und stand nahe vor Pytlik, der die Arme verschränkt hatte und an ihr vorbeischaute.
»Vielleicht für sehr lange!«
***
Nach dem gemeinsamen Frühstück war zwischen Pytlik und Martina das große Schweigen ausgebrochen. Der Hauptkommissar hatte das Gefühl, dass der Verlauf des Vormittags ziemlich genau ihren Planungen entsprochen hatte. Während er vorgab, im Garten einige Dinge erledigen zu müssen, führte sie zunächst Telefonate, bevor sie sich dann verabschiedete mit dem Hinweis, in der Stadt ein paar Sachen einkaufen zu müssen.
Eine Weile war sie schon weg, und der Hauptkommissar saß auf der Couch in seinem Wohnzimmer und grübelte. Hatte er womöglich überreagiert? Stand es ihm überhaupt zu, einer Frau, die er zwar liebte, deren Berufsleben er aber nicht beeinflussen wollte und konnte, für eine Entscheidung zu ihren Gunsten zu kritisieren? Musste er sich nicht vielleicht eingestehen, dass er jetzt mit den Geistern, die er gerufen hatte, auch leben musste? Er beschloss, zunächst einmal kein weiteres Öl ins Feuer zu gießen. Er wusste, dass es ihn einiges an Anstrengung kosten würde, sich Martina gegenüber bis zu ihrer Abfahrt am nächsten Tag normal zu verhalten, aber er wollte sich dieser Herausforderung stellen.
Sie hatte seinen Haustürschlüssel mitgenommen und kam am frühen Nachmittag mit einigen Tüten in der Hand zurück. Sie begrüßte ihn mit einem freundlichen »Hallo!«, stellte danach die Einkaufstaschen erst einmal ab und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Der Hauptkommissar war zwar einerseits etwas irritiert, dass sie anscheinend die aktuelle Situation und das Gespräch vom Vormittag komplett ausblendete, andererseits war er aber auch froh darüber. Dann begann er, seinen Plan in die Tat umzusetzen.
»Na, alles bekommen, was du gesucht hast?«
Martina nickte und legte ihre Jacke über einen Esszimmerstuhl. Dann packte sie nach und nach alles aus, um es Pytlik zu zeigen.
»Wollen wir heute Abend nicht essen gehen? Ich habe gesehen, da hat ein neuer Italiener aufgemacht.«
»Wo?«, fragte Pytlik nach und war dabei in Gedanken versunken. Er hatte sich die Tageszeitung genommen und las sehr interessiert einen Bericht.
»Na, da in der Fußgängerzone, gegenüber von dem Telefonladen. Weißt du, wo ich meine?«, beschrieb Martina. Pytlik reagierte nicht.
»Da wo der Hahn auf der Katze auf dem Hund auf dem Esel sitzt. Weißt du wo?«, prüfte sie ihn und lächelte voller Erwartung. Pytlik schaute kurz auf.
»Ja, ja, ich weiß, wo das ist!«
Sie stützte ihre Fäuste in den Hüften ab und stellte sich vor ihn.
»Ich kann es einfach nicht fassen! Hörst du mir überhaupt zu? Ich erzähle dir die Geschichte von den Bremer Stadtmusikanten und du sagst einfach nur: ›Ja, ich weiß wo das ist!‹ Dann schlug sie mit der Rückseite ihrer Hand leicht gegen die Zeitung, so dass Pytlik zu ihr hochschauen musste.
»Entschuldige bitte, aber ich lese hier gerade etwas sehr Interessantes. Also, wie nochmal? Italiener, heute Abend? Ja, sehr gerne! Aber für diese schlechten Nachrichten heute Morgen lädst du mich bitte ein!«
Martina blaffte, drehte sich um und lief in Richtung Küche.
»Also gut, ich lasse mich auf den Deal ein. Was ist denn eigentlich so wichtig in deiner Zeitung?«
Pytlik hatte die Stirn in Falten gelegt und schien über den Inhalt eines Berichts tatsächlich erstaunt zu sein. Er legte das Papier vorsichtig auf den Wohnzimmertisch und ließ sich dann wieder zurück an das Rückenpolster fallen.
»Ich habe Kuchen und Gebäck mitgebracht. Soll ich uns einen Kaffee machen?«, kümmerte sich Martina. Pytlik stimmte zu und begann dann zu erzählen.
»Ach, du weißt doch, dass ich im Frühjahr bei so einem Wettbewerb als Jurymitglied eingeladen war, wo es darum ging, die beste Sträublabäckerin im Landkreis Kronach zu küren.«
Pytlik hatte sich erhoben und lief ebenfalls in die Küche, wo Martina an die Arbeit gegangen war. Sie fragte interessiert nach.
»Du und Jurymitglied? Ja, da war etwas, an das ich mich dunkel erinnere. Musstest du da nicht immer jeweils schon in aller Herrgottsfrüh vor Ort sein, um von Anfang an alles zu sehen und es dann auch entsprechend zu beurteilen?«
Pytlik hob die Augenbrauen so, als würde ihm die reine Erinnerung daran schon wieder Kopfschmerzen bereiten.
»Hör mir bloß auf damit! Mir wird schon ganz anders, wenn ich jetzt noch daran denke! Diesen Geruch, der überall in den Häusern gleich war, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Und diese Hitze noch dazu. Ich bin ja jedes Mal, wenn wir fertig waren, rausgegangen und war fix und alle!«
Martina hatte gerade die Papierverpackung aufgemacht, und Pytlik musste gleich laut loslachen.
»Na, da hast du doch sogar welche mitgebracht!«
Martina verstand nicht, was er meinte.
»Was denn?«
»Na da!«, deutete Pytlik auf die beiden Gebäckteile, die neben einem Stück Erdbeerkuchen und einem Stück Käsesahnetorte gestapelt waren.
»Anscheinend hast du ja selbst in der Bäckerei zwei Sträubla bestellt!«
Martina war verwundert und musste nun auch lachen.
»Ach echt? Ich wusste ja nicht, wie die Dinger heißen und habe halt dann einfach so mit dem Finger draufgezeigt. Aber ich glaube, die Verkäuferin hat nicht gesagt, dass das Sträubla wären. Wie hat sie die nochmal genannt?«
Pytlik holte zwei Tassen und Teller aus dem oberen Schrank und gab die Antwort souverän. Er wusste, dass es stimmen musste.
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