»Der Hetman ist immer so vor einem Kriege,« bemerkte der alte Oberst Stankiewicz zu Zagloba. »Aber je finsterer er vorher ist, desto schlimmer steht's für den Feind. Am Tage der Schlacht, da wird er wieder heiter sein.«
»Auch der Bär brummt vor dem Kampfe, um seine Wut gegen den Feind anzuspornen,« erwiderte Zagloba.
»Aber sehen Sie nur, Panowie, der Bischof Parczewski ist kreidebleich,« sagte Stanislaus Skrzetuski.
»Weil er am Tische eines Ketzers sitzt und sich fürchtet, etwas Unreines zu verzehren,« erläuterte leise Zagloba. »Ich rate euch allen, ein Kreuz über das Essen zu schlagen; denn wer sich gut hütet, den hütet auch Gott.«
»Was Sie da sagen! – Bei uns in Groß-Polen gibt es viele Lutherische und Calvinisten; aber daß die das Essen verhexen, davon hat man noch nie etwas gehört.«
»Eure Lutherischen haben jetzt aber mit den Schweden unterhandelt,« sagte Zagloba. »Ich, an Stelle des Fürsten, würde die Gesandten nicht bewirten, sondern mit Hunden zu Tode hetzen lassen. Sehen Sie nur diesen Löwenhaupt an, wie der stopft! Wie heißt eigentlich der andere?«
»Das müssen Sie Pan Michail fragen,« sagte Pan Skrzetuski.
Wolodyjowski aber sah und hörte nichts; er war ganz in den Anblick Alexandras versunken.
»Wie schön sie ist!« wiederholte er bei sich wohl zum hundertstenmal. »Wie himmlisch schön! Herr Gott, sieh doch auf meinen Kummer nieder und rette mich aus dieser trostlosen Verlassenheit. Wie sehne ich mich nach einer mitfühlenden Seele. So viele hat man mir schon vor der Nase weggeschnappt!«
Im Saale wurde es immer lauter und lauter; man sprach eifrig den Getränken zu. Die Obersten diskutierten über den Verlauf des künftigen Krieges, Pan Zagloba erzählte laut von der Belagerung von Zbaraz! Es schien, als wenn der Geist des unsterblichen Jeremias in diesen Räumen weilte und die Brust dieser alten Soldaten mit Mut erfüllte.
Die große Uhr, die in der Ecke stand, begann Mitternacht zu schlagen, und im gleichen Augenblick erzitterten die Wände des Schlosses, und die Scheiben klirrten jammernd in den Fensterrahmen. Fürst Janusz ließ zu Ehren der Gäste Kanonen abschießen.
Plötzlich rief jemand:
»Wasser, gebt Wasser! Der Bischof ist ohnmächtig geworden.«
Alle sprangen von ihren Plätzen auf, um besser sehen zu können, und draußen erdröhnte ein zweiter, dritter und vierter Schuß.
»Vivat die Republik! Mögen alle ihre Feinde untergehen!« brüllte Zagloba los; aber die folgenden Schüsse übertönten seine Worte.
Die Schlachta begann laut zu zählen:
»Elf – zwölf – neunzehn – zwanzig!«
»Ruhe da, der Fürst will sprechen!« rief man mit einem Male an verschiedenen Stellen der Tafel.
»Der Fürst will sprechen!«
Im Saale wurde es plötzlich still, und aller Augen wandten sich auf Radziwill, der aufrecht mit dem Becher in der Hand dastand. Doch welch ein Schauspiel bot sich den Augen der Anwesenden. Das Gesicht des Fürsten war einfach erschrecklich anzusehen. Es war dunkelrot, fast blau, und ein krampfhaftes Lächeln verzerrte seine Züge. Sein für gewöhnlich schon kurzer Atem war noch kürzer; die Brust hob sich hoch unter dem Goldbrokat, die Augen waren von den Wimpern fast ganz bedeckt.
»Was ist's mit dem Fürsten? Ist er unpäßlich?« verbreitete sich ein erregtes Flüstern im Saal.
Eine Unheil verheißende Ahnung durchzog alle Herzen, eine fieberhafte Erwartung lag auf jedem Gesichte.
Der Fürst begann in kurzen, abgerissenen Sätzen zu reden:
»Panowie! – Viele von euch – werden sich wundern, – vielleicht wird Sie sogar mein Toast erschrecken. – Aber, wer mir vertraut, – wer aufrichtig das Wohl des Vaterlandes wünscht, – wer meinem Hause ergeben ist, – der wird bereitwillig seinen Becher erheben und mit mir rufen: Vivat König Karl-Gustav, – der von heute an uns gnädig regiere!«
»Vivat!« wiederholten die Gesandten Löwenhaupt und Shitte und einige ausländische Offiziere.
Aber rings im Saale herrschte Stille. Die Obersten und die Edelleute sahen sich mit erschrockenen Augen an, als wenn sie sich fragten, ob der Fürst nicht den Verstand verloren habe. Schließlich erschollen einzelne Rufe:
»Haben wir recht gehört? Was bedeutet denn das?«
Dann erfüllte ein unheimliches Schweigen wieder den Saal.
Radziwill stand noch immer auf seinem Platze; er atmete tief auf, als hätte er eine schwere Last von sich abgewälzt. Sein Gesicht nahm wieder die gewöhnliche Farbe an. Er wandte sich an den Pan Komorowski:
»Es ist Zeit, daß Sie den Vertrag verlesen, den wir heute unterzeichnet haben, damit die Schlachta weiß, wie sie sich zu halten habe. Lesen Sie!«
Komorowski erhob sich, rollte das vor ihm liegende Pergament auf und begann zu lesen:
»Da wir es nicht für möglich halten, unter den jetzigen obwaltenden Umständen weiter zu leben, und nachdem wir jegliche Hoffnung auf die Hilfe Seiner Majestät des Königs verloren haben, sehen wir, Edelleute und die Stände des litauischen Großfürstentums, uns bewogen, der Not zu gehorchen und uns unter das Protektorat des Königs von Schweden zu stellen. Wir stellen dagegen folgende Bedingungen:
1. Wir wollen gemeinsam gegen gemeinsame Feinde kämpfen, ausgenommen gegen den König von Polen.
2. Litauen wird nicht Schweden einverleibt, es tritt mit ihm in eine Union, wie es vorher durch eine Union mit Polen verbunden war.
3. Die Stimmfreiheit im Landtage darf ihm nicht genommen werden.
4. Die Religionsfreiheit darf nicht angetastet werden.
Solange Pan Komorowski las, herrschte im Saale tiefes Schweigen. Als er jedoch mit dem Satze schloß: »Diesen Vertrag bekräftigen wir für uns und unsere Nachkommen durch unsere Unterschriften,« da entstand ein Flüstern im Saale, als wenn der erste Windstoß eines nahenden Gewitters durch die Wipfel eines Waldes fährt.
Aber noch bevor das Gewitter zum Ausbruch kam, erhob sich der weißhaarige Oberst Stankiewicz und begann zu flehen:
»Gnädigster Fürst, wir können unseren Ohren nicht trauen. Um Gottes willen, kann man denn, – darf man denn sich von seinen Brüdern, vom Vaterlande lossagen und mit dem Feinde paktieren? Erlauchtigster Fürst, gedenken Sie des Namens, den Sie tragen, gedenken Sie Ihrer Verdienste, gedenken Sie des bisher unbefleckten Ruhmes Ihres Geschlechtes und zerreißen Sie dieses schändliche Papier! Ich weiß, daß ich Sie nicht allein in meinem Namen darum bitte, sondern im Namen aller hier anwesenden Ritter und der ganzen Schlachta. Fürst, tun Sie das nicht! Jetzt ist es noch Zeit! – Erbarmen Sie sich Ihrer selbst, – erbarmen Sie sich unser, – erbarmen Sie sich der Republik!«
»Tun Sie es nicht! – Erbarmen! Erbarmen!« erschollen Hunderte von Stimmen.
Alle Obersten sprangen von ihren Plätzen auf und traten zum Fürsten; der alte Stankiewicz warf sich mitten im Saale auf die Kniee und hörte nicht auf zu flehen:
»Tun Sie es nicht! Erbarmen Sie sich unser!«
Radziwill erhob sein mächtiges Haupt, seine Augen funkelten vor Zorn.
»Schickt es sich, daß ihr den anderen das Beispiel des Ungehorsams gebt?« brach er los. »Ziemt es Soldaten, ihren Heerführer zu verlassen und gegen ihn zu revoltieren? Wollt ihr mein Gewissen sein? Wollt ihr mich lehren, was für das Wohl des Vaterlandes gut ist? Hier ist kein Landtag, und man hat euch nicht eures Rates wegen hierher berufen. Die Verantwortung vor Gott, die trage ich allein.« Und er schlug mit der Hand auf seine Brust und sah die Soldaten zornsprühend an. »Wer nicht für mich ist, der ist wider mich!« rief er nach einer Minute aus. »Ich habe euch gekannt, ich wußte, was da kommen würde. – So wisset denn, daß das Schwert über euren Häuptern schwebt.«
»Fürst-Hetman!« flehte der alte Stankiewicz, »erbarmen Sie sich Ihrer selbst und unser!«
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