Die Tür öffnete sich und ins Zimmer trat Harasimowicz.
»Erlauchtigster Pan Fahnenträger von Orsza!«
»Was gibt's?« fragte Kmicic.
»Der Pan Hetman läßt Sie zu sich bitten. Der Pan Hetman!«
»Sofort, ich kleide mich nur noch um. – He! die Kleider her! aber schnell, zum Teufel!«
In einigen Minuten war Kmicic mit seiner Toilette fertig.
Er sah außergewöhnlich schön aus in seinem Brokatkaftan, der mit silbernen Sternen reich bestickt war und auf der Schulter von einem großen Saphir zusammengehalten wurde. An der Seite hing ein mit Saphiren geschmückter Säbel, und im Gürtel trug er als Abzeichen seiner Würde den Rittmeisterstab.
Pan Michail sah ihn seufzend an, und als Kmicic hinter der Tür des Zeughauses verschwunden war, sagte er:
»Natürlich, jedes Weib muß ihm den Vorrang geben.«
»Oho! Wälzen Sie nur von meinen Schultern dreißig Jahre herunter,« meinte Zagloba.
Der Fürst war schon in voller Toilette, als Kmicic sein Zimmer betrat.
»Ich danke Ihnen, daß Sie sich beeilten, hierher zu kommen,« sagte der Fürst.
»Ich bin stets bereit, Eurer Durchlaucht zu dienen.«
»Und das Banner?«
»Erwartet Ihre Befehle.«
»Können Sie sich auf Ihre Leute verlassen?«
»Sie gehen ins Feuer für Sie.«
»Das ist gut. Solche Leute kann ich gut gebrauchen. Und auch solche wie Sie, die zu allem bereit sind. – Ich wiederhole Ihnen immer wieder, daß ich auf niemanden rechne außer auf Sie.«
»Meine Verdienste, Euer Durchlaucht, können sich mit denen erfahrener Krieger nicht messen. Aber, wenn wir gegen die Feinde des Vaterlandes ziehen werden, weiß Gott, so werde ich nicht hinter den anderen zurückbleiben.«
»Ich will die Verdienste der alten Soldaten nicht gering schätzen, aber die Verhältnisse können sich so zuspitzen, daß selbst die Treuesten schwanken werden.«
»Möge Gott den verderben, der Sie in der Minute der Gefahr verläßt!«
Der Fürst sah Kmicic scharf in die Augen.
»Und Sie – werden Sie mich nicht verlassen?«
Der junge Ritter fuhr empor.
»Durchlaucht!«
»Was wollen Sie sagen?«
»Durchlaucht, ich habe Ihnen alle meine Sünden gebeichtet: es waren ihrer viele, so viele, daß nur Ihr gütiges Vaterherz mir Verzeihung gewähren konnte. Aber unter all diesen Sünden war eine nicht vertreten: die Undankbarkeit.«
»Und die Treulosigkeit? – Sie haben mir gebeichtet, wie man einem Vater beichtet, und ich habe Ihnen nicht nur verziehen, wie ein Vater dem Sohne verzeiht, ich habe Sie liebgewonnen wie einen Sohn, den Gott mir versagte. – Seien Sie mir ein Freund!«
Der Fürst reichte ihm seine Hand: der junge Ritter ergriff sie, und ohne zu schwanken, drückte er sie an seine Lippen.
Danach trat eine lange Pause ein. Plötzlich sagte der Fürst:
»Panna Billewicz ist hier!«
Kmicic erblaßte und sagte leise einige unverständliche Worte.
»Ich habe extra nach ihr geschickt, um diesen Mißverständnissen zwischen euch ein Ende zu machen. Sie werden Sie heute noch sehen; die Trauerzeit um den Großvater ist schon abgelaufen. Und ich habe bereits, obgleich ich nicht weiß, wie mir der Kopf vor lauter Arbeit steht, mit dem Miecznik gesprochen.«
Kmicic griff an seinen Kopf.
»Wie kann ich das alles Eurer Durchlaucht je vergelten?«
»Ich habe dem Pan Miecznik nachdrücklich gesagt, daß es mein Wille ist, daß Ihr Euch trauen laßt, und er wird nichts dagegen einwenden. Das Mädchen wird er allmählich darauf vorbereiten, noch ist die Zeit dazu da. Von Ihnen allein hängt jetzt alles ab, und ich werde glücklich sein, wenn Sie diese Belohnung aus meinen Händen erhalten werden. Und dies wird nicht die letzte sein, denn Sie können es weit bringen. – Nun ja, Sie haben gesündigt, weil Sie jung sind. – Sie haben aber schon Ihren Namen auf dem Schlachtfelde mit Ruhm bedeckt; die ganze Jugend ist bereit, Ihnen zu folgen. Ich schwöre es Ihnen, Sie werden es weit bringen! Ihr Geschlecht ist nicht dazu geschaffen, um geringe Stellungen einzunehmen. Wissen Sie eigentlich, daß Sie mit dem Hause, dem meine Frau entstammt, verwandt sind? – Junger Mann, Sie müssen nur gesetzter werden, und die Heirat ist das beste Mittel dazu. Freien Sie das Mädchen, das Ihnen ans Herz gewachsen; aber vergessen Sie nicht, aus wessen Hand Sie Ihre Frau bekommen haben.«
»Euer Durchlaucht, ich bin fast von Sinnen vor Freude. Mein Leben, mein Blut, – alles, alles gehört Ihnen. Was kann ich tun, um Ihnen meinen Dank abzustatten? Sagen Sie! Befehlen Sie!«
»Vergelten Sie Gutes mit Gutem. – Vertrauen Sie mir, und seien Sie eingedenk, daß auch das, was ich dem Scheine nach vielleicht nicht tun sollte, stets im Interesse des öffentlichen Wohles geschieht. Verlassen Sie mich nicht, selbst wenn Sie Verrat und Abtrünnigkeit sehen sollten, wenn Bosheit und Niedertracht ihre Köpfe triumphierend erheben sollten und mich selbst –«
Der Fürst brach plötzlich ab.
»Ich schwöre,« sagte Kmicic begeistert, »ich schwöre bei meiner Ritterehre, daß ich Eurer Durchlaucht bis zum letzten Atemzuge treu bleiben werde.«
Kmicic erhob seine leuchtenden Augen, aber erschrak, als er auf die veränderten Züge des Fürsten sah. Sein Gesicht war rot, große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, und in den Augen glühte ein unheimliches Feuer.
»Was ist Ihnen?« sagte beunruhigt der Ritter.
»Nichts, nichts.«
Radziwill erhob sich, schritt schnell zum Betpult, ergriff das darauf stehende Kruzifix und begann mit keuchender Stimme:
»Schwören Sie bei diesem Kreuze, daß Sie mich bis zum Tode nicht verlassen wollen!«
Trotz all seiner Bereitwilligkeit sah Kmicic ihn doch verständnislos an.
»So schwören Sie doch! Bei den Leiden Christi, schwören Sie!« wiederholte der Hetman.
»Bei den Leiden Christi – ich schwöre!« sagte Kmicic und legte seine Hand auf das Kreuz.
»Amen!« sagte feierlich der Fürst.
Die Wände des weiten, hohen Gemaches gaben leise das »Amen!« zurück. Kmicic sah unverwandt und erstaunt dem Hetman ins Gesicht.
»Nun sind Sie schon mein!« sagte der Fürst.
»Ich habe immer Eurer Durchlaucht angehört,« antwortete eilig Kmicic. »Aber erklären Sie mir, Durchlaucht, um was es sich handelt. Warum zweifeln Sie an mir? Droht Ihnen irgend welche Gefahr?«
»Die Stunde der Prüfung naht,« sagte finster der Fürst. »Wissen Sie denn nicht, daß Pan Gosiewski, Pan Judycki und der Witebsker Wojewod mich in den Abgrund stürzen wollen? Die Zahl der Feinde meines Hauses wächst, Verrat geht vor sich, und dem Vaterlande droht das Verhängnis. Daher sage ich, die Stunde der Prüfung naht.«
Kmicic schwieg; aber die letzten Worte Radziwills vermochten nicht, die Dunkelheit zu klären, die ihn umgab. Vergeblich bemühte er sich zu erraten, welche Gefahr in diesem Augenblick dem Fürsten drohen konnte. War er denn nicht jetzt mächtiger denn je? Standen ihm nicht übergenug Truppen zur Verfügung? Gosiewski und Judycki hatte er in seiner Gewalt, und der Witebsker Wojewod war zu ehrenhaft und ein zu guter Patriot, als daß er angesichts des Feindes an inneren Zwiespalt und an Feindseligkeiten dachte.
»Bei Gott! ich verstehe nichts!« rief Kmicic, der es noch nicht gelernt hatte, sich zu beherrschen.
»Heute noch werden Sie alles begreifen,« sagte Radziwill. »Kommen Sie, jetzt wollen wir in den Saal gehen.«
Sie durchschritten mehrere Zimmer. Aus der Ferne tönten ihnen die Klänge eines Orchesters entgegen, das ein vom Fürsten Boguslaw hergesandter Franzose dirigierte. Man spielte gerade ein Menuett, das damals am französischen Hofe sehr beliebt war. Die leisen Töne mischten sich mit den Stimmen der zahlreichen Gäste. Radziwill blieb einen Augenblick stehen und lauschte.
»Verhüte Gott,« sagte er, »daß nicht alle, die ich jetzt als meine Gäste begrüße, morgen meine Feinde sein mögen.«
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