»Euer Durchlaucht,« erwiderte Kmicic, »ich hoffe, daß unter ihnen keiner ist, der zu den Schweden übergehen wird.«
Radziwill fuhr unwillkürlich zusammen und blieb stehen.
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Nichts, Euer Durchlaucht, ich sehe nur ehrenhafte Krieger, die sich hier unterhalten.«
»Gehen wir hinein. Die Zeit und Gott wird uns darüber belehren, wer ein ehrenwerter Ritter ist.«
Vor der Tür standen zwölf wunderhübsche Pagen, die in Samt und Seide gekleidet waren. Beim Herannahen des Hetmans stellten sie sich in zwei Reihen auf.
»Ist Ihre Durchlaucht schon im Saale erschienen?« fragte der Fürst.
»Jawohl, Euer Durchlaucht.«
»Und die Gesandten?«
»Die sind auch schon hier!«
»So öffnet!«
Beide Flügel öffneten sich, und aus dem Saale ergoß sich ein Lichtstrahl auf die Hünengestalt des Fürsten, der in Begleitung von Kmicic und der Pagen das Podium betrat, wo die Sessel für die auserlesenen Gäste standen.
Es ging sofort eine Bewegung durch den Saal, aller Augen wandten sich dem Fürsten zu. Dann erschallte aus Hunderten von Kehlen einmütig der Ruf:
»Es lebe Radziwill! Er lebe! Es lebe der Hetman!«
Der Fürst verbeugte sich nach allen Seiten und begann, seine Gäste zu begrüßen. Außer der Fürstin saßen noch auf der Estrade: Die zwei schwedischen Gesandten, der moskovitische Gesandte, Pan Korf, Pan Komorowski, der Bischof Parczewski, Pater Bialozor, Pan Hliebowicz, der Wojewod von Smudien und Schwager des Hetmans, der junge Pac, der Oberst Ganchoff, Oberst Mirski, Weißenhof, der Abgesandte des kurländischen Fürsten, und mehrere Damen aus dem Gefolge der Fürstin.
Kmicic, der durch den fürstlichen Thron verdeckt war, ließ seine Blicke in der Menge umherschweifen: er suchte diejenige, die in diesem Augenblicke seine ganze Seele und seine ganzen Gedanken erfüllte.
»Sie ist hier! Eine Minute – und ich, sehe sie, spreche sie!« wiederholte er, immer mehr seine Augen anstrengend und in größere Aufregung geratend. Sein Blick gleitet unruhig über Federn, Blumen, Atlas und Samtstoffe und blühende Gesichter. – »Nirgend und nirgend sie!« – Endlich, da am Fenster, erblickte er eine weiße Gestalt. Dem Ritter wurde es dunkel vor den Augen. »Das ist Alexandra, die teure, liebe.«
Das Orchester spielte wieder, und die Menge zu seinen Füßen bewegte sich; er aber hörte nichts und sah nur sie. Er war völlig geistesabwesend. Das war dieselbe Alexandra, die er in Wodokty gesehen hatte, und doch eine andere. In dem ungeheuer großen Saale, unter den vielen Menschen erschien sie kleiner, zarter und kindlicher. Er hätte sie in seine Arme nehmen und an seine Brust drücken mögen. Und doch war sie dieselbe. Dieselben Gesichtszüge, die Korallenlippen, dieselben Wimpern, die das Gesicht beschatteten, und dieselbe Stirn, klar und ruhig.
Als die Musik verstummte, hörte er die Stimme des Hetmans neben sich: »Folgen Sie mir!«
Kmicic erwachte und stand auf.
Der Fürst stieg von der Estrade herunter und mischte sich unter seine Gäste. Auf seinem Gesichte lag ein freundliches, gutherziges Lächeln. Alle Augenblicke blieb er stehen und unterhielt sich mit den Damen und kleineren Edelleuten, die er mit Liebenswürdigkeiten überschüttete. So gelangte er auch zu dem Miecznik von Rosien, Pan Billewicz.
»Ich danke Ihnen, alter Kamerad,« sagte er, »daß Sie hierher gekommen sind, obwohl ich ein gutes Recht hätte, Ihnen zu zürnen. Von Billewicze nach Kiejdane sind es keine hundert Meilen, und Sie sind ein so seltener Gast in meinem Hause.«
Der Miecznik verbeugte sich tief.
»Derjenige, der Eurer Durchlaucht die Zeit stiehlt, versündigt sich am Vaterlande.«
»Fast war ich schon daran, an Ihnen Rache zu nehmen und nach Billewicze zu kommen. Ich darf doch hoffen, Sie würden einen alten Kameraden freundlich aufnehmen?«
Der Pan Miecznik wurde vor Freude rot.
»Leider aber habe ich so wenig Zeit,« fuhr der Fürst fort. »Aber zur Hochzeit Ihrer Verwandtin, der Enkelin des verstorbenen Pan Heraklus, da werde ich bestimmt kommen.«
»So möge ihr Gott möglichst schnell einen Bräutigam schicken!« rief der Miccznik.
»Ich stelle Ihnen hier Pan Kmicic, den Bannerträger von Orsza, vor. Er stammt von den Kmicic', die unmittelbar mit den Radziwills verwandt sind. Sie haben gewiß schon seinen Namen von Pan Heraklus gehört. Er liebte ja die Kmicic' wie seine Verwandten.«
»Meine Hochachtung,« sprach Pan Billewicz, etwas verlegen wegen der hohen Abstammung des jungen Ritters.
»Stets zu Ihren Diensten, Pan Miecznik,« sagte nicht frei von Stolz Pan Andreas. »Pan Oberst Heraklus war mir ein zweiter Vater, und wenn sich auch seine Wünsche nicht verwirklichen, so werde ich nie aufhören, alle Billewicz' so zu lieben, wie meine nächsten Verwandten.«
»Besonders,« dabei legte der Fürst familiär seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes, »gibt es eine Panna Billewicz, die er nie aufgehört hat zu lieben, und von der er mir schon vieles erzählt hat.«
»Und jedem ins Gesicht werde ich ein gleiches von ihr erzählen,« fiel Kmicic erregt ein.
»Gemach, gemach!« beruhigte ihn der Fürst. »Sehen Sie, Pan Miecznik, was für ein Hitzkopf er ist. Zwar hat er ja schöne Streiche gemacht, aber da er unter meiner besonderen Protektion steht, und wenn Sie noch ein gutes Wort für ihn einlegen, so wird es uns beiden doch gelingen, für ihn bei dem Richter Gnade zu erwirken.«
»Ihre Durchlaucht werden alles erreichen, was Sie wünschen,« antworte Pan Billewicz.
»Nun, so führen Sie mich zu Ihrer Verwandtin. Ich werde recht erfreut sein, Panna Billewicz wieder zu sehen. Möge Pan Heraklus' Traum in Erfüllung gehen!« »Mit Freuden werde ich Eurer Durchlaucht dienen! – Das Mädchen sitzt dort mit einer Verwandten von ihr, Pani Wojnillowicz. Ich bitte nur Euer Durchlaucht, sie nicht streng zu richten, wenn sie verlegen wird; ich hatte noch keine Zeit, zu ihr davon zu sprechen.«
Zum Glück sah Alexandra Pan Andreas schon von weitem, als er sich ihr mit dem Fürsten näherte. So gewann sie Zeit, sich etwas zu fassen. Sie wurde bleich, und ihre Füße begannen zu zittern. Lange wollte sie ihren Augen nicht trauen und blickte auf den jungen Ritter wie auf einen Geist vom Jenseits. Sie hatte geglaubt, daß dieser Unglückliche irgendwo in den Wäldern umherstreiche, ohne Obdach, verfolgt wie ein wildes Tier, oder daß er im Gefängnisse sehnsüchtigen Auges durch die vergitterten Fenster auf die Gotteswelt blicke. Gott allein kannte den Schmerz, der damals ihr Herz erfüllte, nur Gott allein wußte, wieviele Tränen sie über sein schreckliches, wenngleich nicht unverdientes Geschick vergossen hatte. – Und jetzt sieht sie ihn hier in Kiejdane frei und stolz an der Seite des Hetmans, in Brokat und Samt gekleidet, den Oberstenstab im Gürtel, mit hoch erhobenem Haupte und gebieterischem Lächeln auf dem Gesichte. Und der Hetman selbst stützte sich vertraulich auf seine Schulter.
Sich widersprechende Gefühle durchzogen die Seele des jungen Mädchens; eine Erleichterung, als wenn jemand eine große, sie bedrückende Last von ihren Schultern herunternähme; ein unbestimmtes Bedauern über so viele unnütz vergossene Tränen und soviel Kummer; eine Unzufriedenheit, wie sie jeder rechtlich empfindende Mensch fühlt, wenn er schwere Sünden und Vergehen unbestraft sieht, und eine Freude, gemischt mit einer an Furcht grenzenden Bewunderung für diesen Mann, der es vermochte, sich aus einer so verzweifelten Lage herauszufinden.
Der Fürst, der Miecznik und Kmicic näherten sich Alexandra. Das Mädchen senkte die Augen, und ohne zu sehen, fühlte sie, daß die Herren näher und näher kamen und dicht vor ihr stehen blieben. Sie erhob sich entschlossen und verbeugte sich tief.
Der Fürst stand ihr wirklich gegenüber.
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