»Krieg! Krieg!« echoten die Zuhörer.
»Je kühner ein Führer handelt, desto sicherer ist er seiner Soldaten,« fuhr Zagloba fort. »Panowie! Wir wollen hingehen und dem Fürsten unsere Gesinnung zeigen. Wir wollen unter den Fenstern des Hetmans laut rufen: »Krieg den Schweden!« Panowie, folgt mir!«
Zagloba sprang von seinem Platze herunter und führte die Schlachta unter die fürstlichen Fenster mit dem Rufe: »Krieg den Schweden! Krieg den Schweden!«
Da stürzte aus dem Flur Pan Korf heraus. Er war ungewöhnlich verlegen; hinter ihm kam der Oberst der fürstlichen Reiter, Pan Ganchoff. Beide redeten der Schlachta gut zu, ruhig auseinander zu gehen.
»Wie kann man nur den Gesandten mit solcher Mißachtung begegnen,« flehte Pan Korf. »Sie geben ja den Soldaten das schlechte Beispiel der Zügellosigkeit. Wer hat Sie zu alledem angestiftet?«
»Ich,« sagte Zagloba. »Sagen Sie dem Fürsten in unserer aller Namen, daß wir ihn bitten, fest zu bleiben, daß wir bis zu unserem letzten Blutstropfen treu zu ihm stehen werden.«
»Ich danke Ihnen im Namen des Pan Hetman. Aber nun gehen Sie ruhig auseinander. Mehr Besonnenheit, Panowie, sonst werden Sie das Vaterland ganz ins Verderben stürzen. Einen schlechten Dienst erweist der Republik, wer heute die Gesandten beleidigt.«
»Was gehen uns die Gesandten an, wir wollen kämpfen, aber nicht unterhandeln!«
»Nun wohl, Ihre Tapferkeit erfreut mich. Aber heute ist noch nicht der rechte Augenblick da; er wird bald kommen. Bevor Sie ins Feld ziehen, ruhen Sie sich aus. Es ist Zeit, einen guten Imbiß und Trunk zu sich zu nehmen.«
»Er hat wirklich recht, bei Gott!« gab als erster Zagloba zu.
»Es ist wahr! Es ist wahr! Wenn der Fürst unsere Meinung kennt, so haben wir jetzt weiter nichts zu tun.«
Man zerstreute sich; die meisten gingen zu den Seitenflügeln, wo zahlreiche Tische mit Speisen standen. Pan Zagloba spazierte sehr zufrieden mit sich selbst an der Spitze der Ritter zu den gedeckten Tischen.
»Habt ihr es gesehen,« redete er Skrzetuski und Wolodyjowski an, »kaum hatte ich mich der Menge gezeigt, so weckte ich gleich in allen die Liebe zum Vaterlande. Ganz sicherlich bekomme ich eine Auszeichnung, wenn ich auch der Ehre halber diene. – Was seid Ihr denn stehen geblieben, Pan Michail, und könnt Eure Augen gar nicht von dem einfahrenden Wagen abwenden?«
»Sie ist es,« sagte Pan Michail. »Bei Gott, sie selbst ist es!«
»Wer ist sie denn?«
»Panna Billewicz.«
»Jene, die Ihnen den Korb gab?«
»Ja, seht sie bloß an, seht! Muß ich ihretwegen nicht vor Kummer dahinwelken?«
»Na, Geduld,« sagte Zagloba. »Lassen Sie mal sehen.« In dem Wagen saß ein stattlicher Edelmann mit grauem Schnurrbart, an seiner Seite Panna Alexandra, wie immer ruhig und ernst.
Pan Michail sah sie traurig an und verbeugte sich tief, sie aber bemerkte ihn nicht unter all den Menschen.
»Sie ist wirklich eine wahre Panna und viel zu fein für einen Soldaten, Pan Michail,« sagte Zagloba. »Ich muß gestehen, sie ist wirklich eine Schönheit; aber ich für mein Teil ziehe solche vor, bei denen man nicht gleich erkennt, ob's eine Kanone oder ein Frauenzimmer ist.«
»Wissen Sie nicht, wer dort in dem Wagen angekommen ist?« fragte Pan Michail einen nebenstehenden Edelmann.
»Das sollte ich nicht wissen! Pan Tomasz Billewicz ist's, der Miecznik von Rosien. Den kennen alle hier. Er ist ein alter Diener und Freund Radziwills.«
An diesem Tage zeigte sich der Fürst den versammelten Edelleuten erst am Abend. Er dinierte mit den Gesandten und einigen hohen Würdenträgern, die an der vorhergegangenen Beratung teilgenommen hatten. Er erließ den Befehl, daß seine Regimenter sich zum Abmarsch bereit halten sollten. Das ganze Schloß war von Truppen umringt, als solle unter seinen Mauern eine Schlacht stattfinden.
Es verbreitete sich unter der Schlachta das Gerücht, daß der Fürst Gosiewski hätte festnehmen lassen, weil er sich geweigert hätte, seine Truppen mit denen Radziwills zu vereinigen. Im ganzen aber nahmen die Vorbereitungen zum Feldzuge, die Bewegungen der Regimenter, das Auffahren der Geschütze die Aufmerksamkeit der Edelleute so in Anspruch, daß sie sich weiter keinen Grübeleien hingeben konnten.
In den riesigen Eßsälen der Seitenflügel, in denen die Schlachta speiste, sprach man vom Kriege, vom zehntägigen Brande Wilnas und von den Nachrichten, die aus Warschau eingetroffen waren. Man war empört über den Friedensbruch der Schweden und bereit, gegen den Feind zu ziehen. Die Erfolge der Schweden, die Kapitulation von Ujscie, die Gefahr, die Masovien drohte, und der unvermeidliche Fall von Warschau, dies alles beunruhigte die Gemüter keineswegs, sondern stärkte im Gegenteil ihre Energie. Es war ja begreiflich, daß die Schweden bisher siegreich vorgedrungen waren, denn noch hatten sich ihnen keine reguläre, polnische Truppen entgegengestellt. Mit einem Fürsten Radziwill würden sie sich schwerlich messen können, und das Vertrauen zum Fürsten wurde immer größer, als seine Obersten erklärten, daß sie die Schweden im offenen Felde unbedingt besiegen würden.
»Anders kann es gar nicht sein!« erläuterte Pan Michail Stankiewicz, ein alter, erfahrener Soldat. »Ich erinnere mich sehr gut der früheren Kriege und weiß, daß die Schweden sich immer in einem befestigten Lager verteidigten. Ins freie Feld herauszukommen hatten sie keinen Mut, und taten sie es einmal, so erlitten sie eine völlige Niederlage. Nicht durch einen Sieg, sondern durch Verrat und die Unfähigkeit der Landwehr haben sie Groß-Polen gewonnen.«
»Das ist richtig,« stimmte Zagloba bei. »Das ist man nur ein sehr schwaches Volk, die Schweden; ihr Grund und Boden taugt nichts, die Ernten sind immer schlecht. Da nähren sie sich dann von Fichtenzapfen, die sie mahlen und dann essen. Oder sie suchen die Meeresufer ab und begnügen sich mit dem, was die Wellen ihnen zutragen. Eine fürchterliche Armut herrscht bei ihnen; deshalb ist auch kein Volk der Erde gieriger nach fremdem Eigentum als sie. Die Tataren haben doch wenigstens Roßfleisch genug, sie sehen aber fast das ganze Jahr hindurch kein Fleisch. Und wenn der Fischfang schlecht ausfällt, so krepieren sie vor Hunger. – Aber dafür sind sie vorzügliche Taucher. Wenn das Meer mit Eis bedeckt ist, so springen sie in ein Loch, das sie ins Eis geschlagen haben, und kommen aus einem anderen mit einem lebenden Hering im Munde wieder herausgekrochen.«
»Ach, was Sie sagen!«
»Auf der Stelle will ich tot hinschlagen, wenn ich das nicht mindestens hundertmal mit eigenen Augen gesehen habe. – Was nun ihr Heer anbetrifft, na, die Infanterie, die ist ja allenfalls passabel; aber die Kavallerie, behüte Gott! Sie haben ja auch keine Pferde in ihrem Land, so daß sie gar nicht in ihrer Jugend reiten lernen.« – – –
Nach dem Diner ließ der Fürst die Obersten: Mirski, Stankiewicz, Ganchoff, Charlamp, Wolodyjowski und Sollohub einzeln zu sich berufen. Alle kehrten sie vom Fürsten mit irgend einer Auszeichnung oder einer Belobung zurück; der Fürst forderte von ihnen nur Vertrauen und Treue. Mit Ungeduld erwartete Radziwill die Ankunft Kmicic'. Er befahl, ihn sofort nach seinem Eintreffen zu ihm zu schicken.
Kmicic kam erst am Abend an, als die Gäste bereits begannen, sich in den erleuchteten Sälen zu versammeln. Im Zeughause traf er Wolodyjowski an, der ihn mit den anderen Offizieren bekannt machte.
»Ich bin hocherfreut, Sie und Ihre berühmten Freunde hier zu treffen,« sagte Kmicic und drückte warm die Hand des kleinen Ritters. »Es ist mir, als ob ich meinen eigenen Bruder wiedersähe. Sie können mir das getrost glauben, denn ich verstehe es nicht, mich zu verstellen. Ich wiederhole hier vor aller Ohren, ohne Sie säße ich längst schon hinter Schloß und Riegel. – Gebe Gott dem Vaterlande mehr solche Männer wie Sie sind!«
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