»Wahrhaftig, ich schwöre,« sprach er, »jetzt kann ich mich nicht mehr über den jungen Mann wundern. Ich bewillkommne Sie, Enkelin meines geliebten Billewicz! Erkennen Sie mich noch?«
»Ich erkenne Euer Durchlaucht!« antwortete das Mädchen.
»Aber ich hätte Sie nicht erkannt, weil ich Sie zum letztenmal sah, als Sie noch ein Kind waren. Schlagen Sie nur ruhig Ihre Augen auf! Bei Gott! glücklich ist der Taucher, der solch eine Perle herausholt! Wehe dem Unglücklichen, der sie einmal besaß und dann verlor! – – Solch ein Unglücklicher steht in der Person dieses Ritters jetzt vor Ihnen, – erkennen Sie ihn auch?«
»O ja,« flüsterte Alexandra und senkte wieder die Augen.
»Er ist ein großer Sünder, ich bringe ihn zu Ihnen zur Beichte. Legen Sie ihm eine Buße auf, die Ihnen beliebt; aber versagen Sie ihm nicht die Absolution, damit die Verzweiflung ihn nicht zu noch größeren Sünden treibe. – Lassen wir die jungen Leute allein,« wandte sich der Fürst an den Miecznik und Pani Wojnillowicz, »es geziemt dem dritten nicht, einer Beichte beizuwohnen.«
Pan Andreas und Alexandra blieben allein.
Ihr Herz schlug wie das einer Taube, über der der Habicht seine Kreise zieht. Auch er war sehr aufgeregt; seine sonstige Sicherheit im Auftreten verließ ihn vollständig.
Lange Zeit standen sie schweigend beieinander, dann begann er mit dumpfer Stimme:
»Sie erwarteten nicht, mich hier zu sehen?«
»Nein,« antwortete kaum hörbar das Mädchen.
»Wahrhaftig, ich glaube, wenn neben Ihnen ein Tatar stände, wären Sie nicht weniger erschrocken. – Fürchten Sie sich nicht! Sehen Sie nur, wieviele Menschen um uns herum sind. Und selbst, wenn wir beide allein wären, brauchten Sie doch nichts zu fürchten. Ich habe mir zugeschworen, Sie stets zu achten. Haben Sie doch Vertrauen zu mir!«
Sie hob ihre Augen und sah zu ihm auf.
»Wie könnte ich zu Ihnen Vertrauen haben?«
»Es ist wahr, ich habe arg gesündigt; aber das ist alles gewesen und wird nie wieder vorkommen. – Als ich nach dem Zweikampf mit Wolodyjowski im Bette lag und dem Tode nahe war, da sagte ich mir: Du wirst sie dir nicht mit dem Säbel, nicht durch Gewalt, sondern durch gute Taten gewinnen. – Auch ihr Herz ist nicht von Stein; ihr Zorn wird verrinnen ... sie wird deine Besserung sehen und dir verzeihen. – Und da habe ich mir zugeschworen, mich zu bessern, und ich werde diesen Schwur halten. Auch Gott hat sich dann meiner erbarmt. Er sandte mir Wolodyjowski, der mir ein Schreiben des Fürsten brachte. Er brauchte mir den Brief nicht auszuhändigen; aber er tat es, – ein guter Mensch! – Da ich mich durch den Brief unter dem Schutze des Fürsten befand, brauchte ich mich den Gerichten nicht zu stellen. Ich habe dem Fürsten gebeichtet wie ein Sohn dem Vater; er hat mir nicht nur alles verziehen, sondern auch versprochen, alles in Ordnung zu bringen und mich vor der Bosheit der Menschen zu schützen. Gott segne ihn für dies alles! Alexandra, ich werde nunmehr kein Verbannter sein; ich werde alle für meine Ungerechtigkeiten entschädigen; ich werde mich mit den Menschen aussöhnen und mir Ruhm erwerben. – Panna Alexandra, was denken Sie darüber? Wollen Sie mir nicht wenigstens ein gutes Wort geben?«
Er faltete die Hände, als bete er zu ihr.
»Kann ich Ihnen glauben?« antwortete Alexandra.
»Sie können es! Ich schwöre bei Gott, Sie müssen es!« sagte Kmicic erregt. »Sehen Sie, der Fürst und Wotodyjowski glauben mir doch. Sie beide kennen alle meine Vergehen und doch glauben sie mir. – Warum sollten allein Sie mir nicht glauben?«
»Weil ich die Tränen sah, die durch Ihre Schuld vergossen wurden; – weil ich Gräber sah, die noch nicht mit Gras bewachsen waren.«
»Auf den Gräbern wird Gras wachsen, und die Tränen werde ich selbst trocknen.«
»Erst müssen Sie das getan haben.«
»Geben Sie mir nur die Hoffnung, daß Sie mir gehören werden, wenn ich meine Seele geläutert habe. – Sie haben es leicht zu sprechen: Erst müssen Sie das getan haben. Ich will ja alles tun, was aber, wenn Sie während dessen einen anderen wählen? Wahrhaftig, ich kann den Verstand über diesen Gedanken verlieren. Im Namen Gottes flehe ich zu Ihnen, versprechen Sie mir, daß ich Sie nicht verliere, solange ich mich nicht mit Ihrer Schlachta ausgesöhnt habe. Denken Sie daran, Sie haben mir selbst das geschrieben. – Ich bewahre diesen Brief auf, und jedesmal, wenn mir schwer ums Herz sein wird, werde ich ihn lesen. – Ich begehre nichts weiter: nur wiederholen Sie mir noch einmal, daß Sie warten, daß Sie keinen anderen heiraten werden!«
»Sie wissen ja selbst, daß ich das nach dem Testamente meines Großvaters gar nicht darf. Mir bleibt nur das eine, mich in ein Kloster zu vergraben.«
»O, das würde mein Tod sein! Bei allen Heiligen bitte ich Sie, denken Sie nicht mehr an das Kloster. Ich möchte Ihnen hier in Gegenwart aller zu Füßen fallen und Sie bitten, das nicht zu tun. Ich will Sie mir durch gute Taten erobern, denn ich liebe Sie wahnsinnig. Als Sie Wodokty verließen, habe ich angefangen, Sie zu suchen, bis ich schließlich hörte, daß Sie in Billewicz bei dem Pan Miecznik seien. Lange kämpfte ich mit mir: soll ich hingehen oder nicht? Aber ich wagte es nicht; denn noch hatte ich nichts getan, um mir Ihr Vertrauen wieder zu gewinnen. Da erbarmte sich der gute Fürst meiner und rief Sie hierher, damit ich Sie vor dem Auszuge ins Feld noch einmal sehen konnte. – Ich bitte Sie nicht, lassen Sie sich morgen mit mir trauen, ich bitte nur um ein gutes Wort, ehe ich in den Krieg ziehe. Ich will nicht umkommen; aber auf dem Schlachtfelde ist alles möglich, ich werde mich doch nicht hinter den anderen verstecken. Alexandra, du mußt mir verzeihen, wie man einem Sterbenden verzeiht!«
»Gott schütze Sie,« sagte das Mädchen weich.
Pan Andreas begriff gleich, daß seine Worte den gewünschten Eindruck gemacht hatten.
»Mein Herz, ich danke dir dafür. Und ans Kloster denkst du nicht mehr?«
»Fürs erste nicht.«
»Vergelt's dir Gott.«
Und wie im Frühling das Eis schmilzt, so begann allmählich zwischen ihnen das Mißtrauen zu schwinden, sie fühlten, daß sie sich einander wieder näherten. Es ward ihnen leichter ums Herz, und ihre Augen leuchteten klar. Und doch hatte sie ihm nichts Bestimmtes versprochen, und er war klug genug, keine großen Versprechungen schon jetzt von ihr zu fordern.
Sie begriff, daß sie ihm den Weg zur Besserung nicht verlegen durfte, die er mit seiner ganzen Seele erstrebte. An seiner Aufrichtigkeit zweifelte sie keine Minute; er war nicht der Mann, der es verstand, sich zu verstellen. Aber in ihrer noch nicht erloschenen Liebe, die all die Enttäuschungen, all den Kummer überlebte, lag der Hauptgrund, daß sie ihn nicht zurückwies, daß sie ihm nicht die Hoffnung raubte. Ihre Liebe zu ihm war bereit, immer zu glauben und ins Endlose hinein zu vergeben.
Inzwischen hatte der Hofmarschall verkündet, daß das Essen aufgetragen, und es Zeit sei zur Tafel zu gehen. Es entstand eine allgemeine Bewegung im Saal. Man schritt paarweise zum Speisesaal, voran Graf Löwenhaupt, der die Fürstin führte. Ihnen folgte Baron Shitte, dann der Bischof Parczewski mit dem Pater Bialozor; beide sahen finster und niedergeschlagen aus.
Fürst Janusz führte Pani Korf, und Kmicic ging mit Alexandra, er fühlte sich als der glücklichste unter all diesen Magnaten, hatte er doch den größten Schatz bei sich am Arme.
Der ungeheuer große, hufeisenförmige Tisch bog sich unter der Last des goldenen und silbernen Geschirrs. Fürst Janusz, als naher Verwandter vieler königlicher Häuser, nahm den obersten Platz der Tafel ein; alle, die an ihm vorbeigingen, verbeugten sich tief.
Des Hetmans Züge trugen den Stempel der Unruhe, er bemühte sich heiter zu scheinen; aber die neben ihm Sitzenden bemerkten, daß sich seine Stirn oft mit Wolken bedeckte, daß seine Augen unruhig von einem Gesicht zum andern umherirrten und dann auf verschiedenen Obersten haften blieben. Und – eigentümlich! Die hohen Würdenträger neben dem Fürsten, die Abgesandten, der Bischof, Pater Bialozor und andere mehr waren ebenfalls verstimmt und unruhig. Während an den Enden der Tafel schon fröhliche Stimmen und Gelächter erschallten, blieb es in der Mitte ganz ruhig, nur wenige einsilbige Worte fielen, und bedeutungsvolle Blicke wurden gewechselt.
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