„Aber ... Deneb, das ist Irrsinn! Sie will nicht einmal deine Königin sein. Sie will nicht zu dir gehören. Willst du sie etwa zwingen, dein zu sein?“
„Du verstehst das nicht, Sarir. Ich liebe sie!“
„Willst du sie nach Avior zurückholen? Sie hier einsperren? Gegen ihren Willen mit ihr Kinder zeugen? Schalte dein Gehirn ein! Wie kannst du sie lieben? Du kennst sie doch gar nicht! Nur, weil sie dich damals gerettet hat? Weil du ein paar Stunden mit ihr verbracht hast? Nur deshalb setzt du dein Leben aufs Spiel? Wirklich!“ Er streifte sich durch seine Haare und schien nun wahrlich aufgebracht zu sein. „Dieser Mensch ist an allem schuld. Sie hat dich verändert. Wärst du ihr niemals begegnet, währst du noch immer der König, den ich kenne und dem ich vertraue. Der König, der die richtigen Entscheidungen trifft.“
„Ich treffe die richtigen Entscheidungen für unser Volk.“ Nun war ich zum ersten mal in meinem Leben richtig sauer auf meinen besten Freund. Begann sich jetzt etwa auch schon Sarir, gegen mich zu wenden. Die Person, der ich hier noch vertrauen konnte? Er stellte hier nicht nur meine Entscheidungen in Frage, sondern auch meine Kompetenz als König. Das konnte ich so nicht hinnehmen. Aber was sollte ich von ihm schon erwarten? Lacy hatte mich und meine Sichtweise tatsächlich verändert. Sie hatte mir aufgezeigt, wie wertvoll ein Menschenleben sein kann und das man sie nicht vernichten, sondern vielmehr vor sich selbst beschützen musste. Auch, wenn sie mich dafür hassen würden. Sarir und all die anderen Voids hatten nie wirklich Kontakt zu einem Menschen gehabt. Gerade Sarir hatte sich nie wirklich auf sie eingelassen, schon damals nicht, als wir auf der Erde waren. Wie sollten sie mich da auch verstehen können? Es fehlte ihnen an Kontakt und nähe. Eigenen Erfahrungen mit diesem Volk.
„Du weißt doch noch nicht einmal, was Liebe ist, also erzähl mir nichts davon! Ich gehe mich jetzt umziehen und du führst deine Befehle aus. Ihr alle …“, ich wand mich zu den Voids, die uns schweigend beobachtet hatten. „…erfüllt eure Befehle.“
Mit diesen wütenden Worten verließ ich den Raum, eilte in mein Gemach und tauschte meine Uniform, die ich sonst nur zu großen Anlässen trug, gegen eine, die fürs Kämpfen gemacht war. Auch, wenn sich die Kleidung hauteng an meinen Körper schmiegte, war sie dennoch leicht und angenehm zu tragen. Wie eine zweite Haut. Das Logo auf dieser Uniform war etwas dezenter gehalten und auch der Umhang war um einiges kürzer. Reichte mir gerade so bis kurz zu meinen Hüften.
Unsere Waffen waren besonders. Für Voids waren sie vollkommen nutzlos und ungefährlich aber für Menschen tödlich. Wir hatten Jahre damit verbracht, sie zu entwickeln und zu perfektionieren. Sie pulverisierten das Gehirn in nur wenigen Sekunden. Ohne das Gehirn, war ein Mensch nicht mehr in der Lage zu leben. Das Gehirn und das Herz waren die essentiellen Quellen allen Lebens der Menschen.
Es erschien mir ewig her zu sein, dass ich eine Waffe benutzt hatte. Wir hatten viele Verschiedene hergestellt. Welche, die nur funktionierten, wenn man sie in der Nähe eines Menschen anwandte. In etwa so, wie eine Pistole nur ohne Kugeln. Die Person, auf die man zielte würde sterben und je näher ein anderer Mensch stand, würde es ihm entweder schaden oder sie nahmen nur ein Geräusch wahr. Dann gab es da noch welche, die auf Distanz töten konnten und eine ganz besondere Art, die sie lediglich bewegungsunfähig machte, ohne sie zu töten.
Nachdem ich alles hatte, was ich brauchte, machte ich mich auf den Weg zum Abflugplatz. Große Scheinwerfer erleuchteten den Platz. Sarir diskutierte bereits mit ein paar Männern. Ich erkannte, dass er die Besten der Besten mitnehmen wollte. Sie alle waren Teil meiner Leibgarde und trugen ihre typischen dunkelblauen Uniformen.
„Gibt es schon neue Informationen?“, fragte ich ihn und zog mir währenddessen meine Handschuhe an. Es war bitterkalt um diese Uhrzeit. So kalt wie die Atmosphäre zwischen meinem besten Freund und mir. Ich war schon als Kind keine Person gewesen, der, wenn er wütend war, Dinge herumwarf, sich prügeln wollte oder anderweitig an die Decke ging. Ich war da mehr der stille Typ, der zu einem uneinnehmbaren Eisklotz wurde und seiner ganzen Umgebung nur noch mit eisiger Kälte entgegentrat.
„Ja, die gibt es. Sie werden dir aber nicht gefallen.“ Na klasse ...
Deneb
Wir stiegen in mein Shuttle und während alle ihre Plätze einnahmen, brachte Sarir mich auf den neusten Stand.
„Scheinbar hat die Menschheit in den letzten 5 Jahren so etwas wie ein Sondereinsatzkommando ins Leben gerufen.“
„Moment, wieso wussten wir davon nichts?“ Es gab kein Fünkchen an digitalen Wellen und Daten, die wir nicht abfangen konnten. Seien es Telefonate, E-Mails oder gar Textnachrichten aller Art.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht haben sie auf altmodische Art und Weise kommuniziert. Mit Briefen zum Beispiel.“
„Und Postkarten oder was?“, grummelte ich und stieß den Gurt meines Sitzplatzes beiseite. Zeitgleich überkamen mich die Erinnerungen meines Absturzes. Hätte ich mich damals angeschnallt, wäre ich Lacy wohl niemals begegnet. Zumindest, wäre ich nicht so schwer verletzt gewesen, sodass ich mich ihr ausliefern musste. Aber alles hätte und alles wenn brachte mir auch nichts. Es war jetzt eben so, wie es war.
„Jedenfalls haben sich die europäischen Länder zusammengeschlossen und wohl in Russland eine Art Zentrale aufgebaut. Wir verfolgten den Van bis nach Nordrussland. Dort brachte man sie auf eine Insel.“
„Welche?“, fragte ich und sah erwartungsvoll aus dem Shuttle. Wie lange brauchte man denn für einen Start, verdammt! Lacy… Was wollten sie von ihr? Etwa Informationen? Wenn sie ihr auch nur ein Haar ... Dann wäre nicht einmal ihr Gott dazu in der Lage, ihnen zu helfen! Aber wie hatten sie herausgefunden, dass sie in Avior gewesen war?
„Die Solowetzky-Inseln. Sie liegen im Weißen Meer, etwa 150km vom Polarkreis. Es gibt sechs von ihnen, allerdings haben sie insgesamt nicht mehr als 1000 Einwohner. Dafür allerdings viel Wald, Flüsse und Seen. Perfekt für ein Versteck, wenn du mich fragst.“ Endlich ertönte das Geräusch der Triebwerke. Je länger wir hier saßen, desto mehr Zeit verstrich, in denen Lacy bei ihnen gefangen war. Es war mein Fehler. Ich hätte mir denken können, dass die Menschheit etwas plante. Aber ich hatte sie unterschätzt. Zu sehr an meine Macht geglaubt. Ich hatte Lacy mit hineingezogen. Wenn sie verletzt war, war es meine Schuld. Noch nie hatte ich mich so hilflos gefühlt. Die Erde erschien mir viel zu weit weg. Was konnten sie ihr nur alles angetan haben? Dieses menschliche Herz in mir litt Höllenqualen.
„Ihre Tarnung ist ein altes, kleines Kloster. Es liegt mitten im Nichts an einem See.“ Sarir öffnete seinen kleinen Projektor und schob mir ein Hologramm einer Kirche entgegen. Ich zoomte heraus, um mir ein besseres Bild von der Umgebung machen zu können. Unendlich erschien der Wald, der dieses Bauwerk umschloss. Hohe Kiefern und Fichten zierten die Natur. Der See erstreckte sich in vielen Kilometern. Flüsse mündeten darin, die wohl ebenfalls etliche Tausend Meter lang waren. Verflochten zu langen Kanälen, zerschnitten sie die Landschaft. Es war tatsächlich das perfekte Versteck.
Endlich hob das Shuttle ab und in wenigen Minuten waren wir im Kosmos.
„Wie hat Lacy das Fliegen eigentlich vertragen?“, fragte ich Sarir und rieb mir nervös die Hände. Ich war noch immer sauer auf ihn, allerdings war die angst um Lacy so vereinnahmend, dass mir dieser Streit momentan egal war. Noch nie zuvor hatte ich angst verspürt. Nun wusste ich, wie sich diese anfühlte. Wie sie in deine Adern kroch, durch dein Blut floss und deinen Körper erzittern ließ. So mussten sich die Menschen gefühlt haben, als meine Leute über sie hergefallen sind ... Angst war eine schrecklich, quälende Emotion. Ich blieb sonst immer die Ruhe selbst. Nichts brachte mich aus dem Konzept. Was war nur mit mir los? Weshalb benahm ich mich jedes Mal so geistlos, wenn es um sie ging?
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