Daher kauften sie auch ein Baguette im Lidl, weil frisch aus dem Elektro-Back-Offen die selben vorgebackenen Industrie-Baguette und Brötchen, wie draußen im Vorraum, im Lidl um fast die Hälfte billiger sind. Alles andere hatte Martin zu Hause in seinem Kräutergarten beziehungsweise in seiner Küche. Er bereite seinen Essig und sein Salat-Öl selber her, indem er Kräuter in billigem Essig (oder Essig aus billigen Wein selbst vergoren) und in Sonnenblumenöl einlegte und somit aromatisierte. Das träufelte er einfach so über den Salat herüber, Pfeffer und Salz und damit langte es ihm. Doch ab dem Frühjahr wucherte bei ihm der ganze Kräutergarten und so holte er Büschel-weise, schon die Taschenlampe benützend, Salbei, Thymian, Rosmarin, Ysop, Oregano, Basilikum, Brunnenkresse, Brenn-Nessel-, Erdbeer- und Brombeer-Blätter ins Haus, wusch sie kurz ab und klopfte sie in einem Küchensieb einigermaßen trocken. Dann gab er sie in einen hohen Topf, einem Meßbecher, goss Öl, Essig und Wein dran, warf eine oder einige Knoblauchzehen dazu und eine geschälte und grob zerschnitten Zwiebel ebenfalls. Zucker und Salz und Pfeffer kamen auch noch dran. Das alles wurde mit Milch aufgegossen und mit einem Pürier-Stab im zylindrischen Becher klein gemixt. Fertig war das Jogurt-Salat-Dressing. Die Säure im Essig oder Zitronensaft lässt die Milch gerinnen, weswegen man auch keinen Joghurt benötigt. Abschmecken und genießen. Das gelang immer.
Zu Hause bei Martin bereiteten sie sich erst einmal einen Espresso, denn sie waren doch schon ziemlich mitgenommen. Martin wusch sich noch das Gesicht und die Arme bis zum Ellenbogen kalt, damit er wacher wurde. Franzi tat im gleich.
In der Küche packte er Putenbrust und den Eisbergsalat aus. Letzteres ist eigentlich eine fade Partie, doch mit den frischen Salatkräutern kann auch ein Eisbergsalat, zudem noch mit Martin´s Spezial-Dressing, lecker schmecken. Es ist wie mit dem Fleisch: Man kann aus dem letzten Mist was Leckeres machen, wenn man Ideen hat und kochen kann. Die meisten können es nur „regular“, heißt es im Spanischen, was durchschnittlich heißt, aber im Grunde nur „schlecht“ bedeutet.
Da beide großen Hunger durch die frische Luft und den ganzen Ausflugs-Tag hatten, entschloss sich Martin zu schnell und kurz Gebratenem. Aus der Putenbrust schnitt er mit seinem feinsten Küchenmesser Schnitzel, die er im Anschluss mit einem Gummi-Hammer feiner klopfte, salzte und pfefferte ein Wenig eine Seite des Schnitzel, legte frische Salbei-Blätter auf die eine Hälfte des Schnitzelstückes und faltete es. Mit einem kleinen Edelstahl-Spieß, mit dem eigentlich Rouladen zusammengehalten werden, steckte er die beiden gefalteten Hälften zusammen und drückte sie mit seiner Hand fest, bis alle Schnitzel so verarbeitet waren. Dann öffnete er eine Flasche Rotwein goss ihm und Franzi ein langstieliges Rotwein-Glas ein Drittel voll, riss sich ein Bier auf, setzte an, trank die Halb-Liter Flasche in einem Ansatz aus und fragte dann erst, ob Franzi auch eins haben will. „Ja“ war die Antwort und, „das habe ich auch noch nicht gesehen! In einem Zug ohne Luft zu holen, und weg war es. Du musst ja einen Brand wie eine Kuh haben, äh, wie ein Bär!“ lachte Franzi. „Ja!“ sagte er und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Es war nicht auszuhalten. Aber bevor die Hauptarbeit nicht erledigt war, wollte ich mich dem archaischen Laster des Durst-Löschens nicht hingeben, schon gar nicht mit Bier denn danach werde ich erfahrungsgemäß ziemlich faul...“ Erst dann füllte Martin einen Halb-Liter Krug mit kaltem Leitungswasser und schüttete es in einem Zug hinterher.
Franzi fragte, ob sie irgendwie helfen kann und Martin bat sie vom Eisbergsalat-Kopf soviel abzureißen, wie sie glaubt, dass beide zusammen essen würden. Er gab ihr eine Edelstahl-Schüssel, wo sie die grob zerrissenen Blätter hinein geben konnte. Martin hatte seine eigene Methode, Salat und frische Kräuter klein zu schneide. Die runden Seitenwände seiner Edelstahl-Schüsseln erlaubten ihn, mit einer Edelstahl-Buchsbaum-Schere am Schüssel-Rand in den Salat hinein zu stoßen und gleichzeitig mit der sich selbst öffnenden Schere zu zu schneiden, so dass, wenn er die Schüssel auf dem Schoß immer ein Stück weiter drehte, in kürzester Zeit fein geschnittenen Salat hatte. Die Kräuter schnitt er auf gleicher Weise in einer kleineren Schüssel noch feiner und mischte sie dann unter. Das Salat-Dressing kam erst direkt vor dem Verzehr auf den Salat. Darüber noch ein paar Fingerspitzen voll frisch gehackter Brunnen-Kresse und ein paar Scheiben Tomaten. Das hatte er bereits vorbereitet, während Franzi sich zwischenzeitlich in Martin seiner rot-gelb-rot gestreiften Hängematte etwas entspannte, nach dem er die Salbei-Schmetterlings-Schnitzel bereitete. Während er den Salat und das Dressing bereitete, konnten die ätherischen Öle des Salbei schon einmal in das Fleisch vorm Braten einziehen. Er goß vor dem Einheizen etwas Weißwein in die Bratpfanne zu den Schnitzeln und wendete sie nach einigen Minuten.
„So Franzi. Bald ist es soweit. Ich wisch den Tisch noch schnell ab und decke ihn ein und mach die Pfannen heiß. Ich möchte Bratkartoffeln dazu machen. Ich habe schön saubere Kartoffeln, die ich dafür normal nicht schäle, weil die erstklassig maschinell gewaschen sind, also die Schale dünn und sauber ist. Wenn Du die Bratkartoffeln lieber ohne Schale möchtest, müsstest Du mir das jezze sagen, bevor ich die Kartoffeln in Scheiben schneide!“
„Nein. Martin. Ich bin kein Pienzchen. Ich schäle die Kartoffeln auch nicht, wenn sie schön sauber sind.“
Super. Direkt unter der Schale sind auch die meisten hochwertigen Nährstoffe, die man sonst in die Tonne kloppen würde und auch die Aromen. Die Giftstoffe in den Kartoffeln sind soweit in den üblichen Sorten herausgezüchtet, dass man am Tag 2,8 kg frische, schon grüne Kartoffeln essen müsste, um nach einiger Zeit Vergiftungserscheinungen bei einem Erwachsenen bemerken zu können, las ich in Wikipedia oder sonst wo. Was also früher galt, muss heute an alten Weisheiten nicht mehr von Bedeutung sein. Ein Glück. Und wenn die Kartoffeln dreckig sind, kommen sie direkt im 5kg Sack bei mir in die Waschmaschine und werden mit mehreren klar-spül-Gängen einfach nur kalt gewaschen und schon ist´s erledigt. Die zehn Kilogramm Bärlauch, die ich jeden April im Niedwald an der Nidda am Hotel Ramada sammele, wasche ich auch so, allerdings mit zweifachem Schleudergang danach, bevor ich das Zeug einfriere und nach und nach mit Sonnenblumen-Öl zu Bärlauch-Pesto verarbeite.“ erzählte Martin während er die Pfannen vorheizte. Den Tisch hatte er schon eingedeckt. Franzi krümmte sich in der Hängematte vor Lachen, über die Erzählung, wie Martin sein Gemüse wäscht.
„Und frischen Spinat vom Türken vom Limes-Marktplatz drüben in Schwalbach, der ist relativ sandig. Den wasch ich auch mit der Waschmaschine allerdings nur einmal schleudern...“ setzte er oben drauf. „Dafür habe ich extra ein großes Netz aus Nylon-Gardinen genäht, damit ich das Zeug in der Waschmaschine waschen kann.“
Franzi konnte sich nicht mehr halten und ermahnte Martin aufzuhören, sonst hätte sie morgen den ganzen Tag Muskelkater und das wäre gar nicht lustig, denn morgen wird sie die Frisch-Obst-und-Gemüse-Theke als erstes in Ordnung bringen müssen und schwere Bananen-Kisten hin und her wuchten müssen, was sie normal unter Kraft-Training wegstecke, ihre Mitarbeiter allerdings als Qual ansehen würden, obwohl sie zehn Jahre jünger sind als Franzi, sagte sie.
„Dann solltest Du langsam zu Tisch kommen, denn wenn wir essen darf ich nicht reden, sagt mir meine Erziehung. Zumindest haben wir von unserem Vater, wenn wir sonntags zusammen zu Mittag aßen, immer mit dem Handrücken von ihm recht schmerzhaft auf den Mund gehauen bekommen. War schon ein Arschloch, der Typ. FDP-Alt-Nazi halt.
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