„Weißt Du, dass wir vor sieben Hundert Jahren hier weder im Wald gestanden, noch soweit das Auge reicht, Wald gesehen hätten. Alles kahl und Ackerland. Die Pest und der Dreißig-Jährige Krieg haben dafür gesorgt, dass der Wald wieder entstehen konnte. All der Wald war gerodet für Holzkohle zur Verhüttung für die Metallgewinnung, Gebrauchs-Keramik-Brennen oder einfach nur für´s Kochen und für´s Heizen. Weg. Nix mehr da. Das Magdalenen-Hochwasser an Rhein, Main und Donau und ihren Nebenflüssen und Unwetter in ganz Europa, weil überall die Wälder weg waren, haben dann noch den letzten Überlebenden der Pest den Rest genommen. Weil zuvor eine Dürre den Boden ausgetrocknet hatte, konnte der trockene Boden den plötzlichen über Tage hinweg dauernden Stark-Regen nicht sofort aufsaugen und die Saat auf den Feldern wurden samt Erde die Flüsse hinab geschwemmt. Richtige Schlammlawinen müssen das gewesen sein. Viel Menschen sind einfach im Schlamm ersoffen oder samt Dörfer in die Flüsse gespült worden. Man sieht diese Gräben auch noch im Limes-Stadtwald von Schwalbach. Sie werden teilweise fälschlich als alte Postweg-Routen bezeichnet. Das ist reiner Blödsinn. Ein Teil der Hohl-Wege sind Postwege, das stimmt schon. Doch die anderen sind keine Hohlwege, es sind durch die Schlammlawinen ausgewaschene Erosionsgräben.“ Franzi staunte Bauklötze: „Und nun ist Hessen das waldreichste Bundesland! Das ist kaum zu glauben!“
„Stell Dir einfach mal die Sky-Line und Frankfurt ohne Wald an allen Seiten herum vor. Die Wetterau hat ja jetzt auch kaum Wald und ist Agrar-Wüste. Drum herum um Frankfurt so naggisch ohne Wald, wie die Wetterau. Selbst der Odenwald ohne Wald. Ich kann mir das zwar nicht vorstellen, es würde aber sicher noch übler aussehen...“
„Ich finde die Sky-Line sehenswert.“ sagte Franzi.
„Es sind schon technische Leistungen, die Wolken-Kratzer. Aber im Vergleich zu der Statik eines Grashalmes im Wind, sind die technischen Leistungen der Natur unvergleichlich und die Leistungen des Menschen ein lächerlicher Abklatsch. Womöglich ist es das, was mich an der Sky-Line absolut nicht beeindruckt, sind diese Pseudo-Leistungen. Auch die sportlichen Leistungen des Menschen messe ich an dem, was in der Natur geboten wird und die Natur ist eindrucksvoller: Gewichtheben bei Ameisen, Weit- und Hochsprung beim Hunde-Floh, Schwimmen beim Taumelkäfer und unzähliges mehr. Das Rad wird pausenlos von uns Menschen neu erfunden, statt doch gleich die Natur zu erforschen mit den technischen Möglichkeiten, die wir heute haben, deren Meisterleistungen als Vorbild zu nehmen und sich danach zu richten. Ja. Ich bin ein Miese-Peter, Franzi. Aber ich habe Recht und das weiß ich!“ grinste Martin sie an. Sport betreibe ich nur, um mich körperlich fit zu halten, nicht aber, um mich mit oder an den Leistungen anderer zu messen. Das ist eh Unfug und schädigt den Körper und die Gesundheit. Es soll Spaß machen, sich zu bewegen und keinen Leistungsdruck bedeuten. Den haben wir doch schon eh die ganze Zeit. Man muss doch nur die Glotze andrehen und schon steht man als Frau unter den Druck, genauso jung und hübsch sein zu müssen, wie die dummen Fick-Mäuse, die sich in der Werbung auf Kühlerhauben von neuen Kfz-Modellen rekeln oder Rochet-Schoko-Kugeln Georg Clooney oder dessen Espresso klauen oder sonst einen Mist. Und der Alte steht unter dem Druck, eben so einen neue Limousine sich kaufen zu müssen, auf deren Kühlerhaube sich eine hübsch bebeinte Fick-Maus in der Glotze rekelt. Super!“ Martin sprach Wahrheiten an, die sonst keiner in seinem Umfeld wahrnahm. Franzi dachte wohl über das gesagte nach, kam es Martin so vor. Er umschlang ihre Hüfte und sagte: „Franzi denk nicht so viel über meinen Blödsinn nach. Es stimmt schon, was ich sage, aber es langt schon, dass man sich das gerade dann bewusst macht, wenn man sich besonders unter Druck gesetzt fühlt. Dann merkt man, dass man durch die Werbung Wünsche auf´s Auge gedrückt bekommt, die man ohne TV gar nicht haben würde, weil es eh nur Trug-Vorstellungen sind. Daher sollte man sich nicht von der Werbung und all dem Leistungsdruck fangen lassen. Das ist alles künstlich. Man macht ihn sich häufig nur selbst, diesen Stress und die Werbung will, dass man durch Konsum dieser Creme oder Kauf eines neuen Autos sich Ersatzbefriedigung schafft, die man normal nie brauchen würde. Doch solange die Sonne noch wärmt, sollten wir beide noch draußen sein. Machen wir uns daher lieber auf den Weg zum Kurpark, statt hier zu philosophieren. Das können wir nachher auch noch beim Kochen und beim Abendessen.“ Sie spazierten einen steilen Weg hinab zur Kronberger Straße, um aber zuvor Richtung Stadtmitte von Bad Soden nach rechts in die Allee namens Waldstraße einzubiegen, deren beider Fahrtrichtungen mit einem breiten Grünstreifen voneinander getrennt sind. Der Grünstreifen, aus kurz gehaltener Wiese gestaltet, auf der locker Birken wuchsen, wurde von einzelnen Sträuchern unterbrochen. Aus der Wiese wuchsen in dieser Jahreszeit verschieden-farbige Iris-Lilien und Anemonen, vereinzelt schon hier und da eine verfrühte Tulpe oder noch eine Narzisse.
Martin erzählte ihr, dass diese Allee in jeder Jahreszeit wunderschön ist, außer natürlich bei Regen im Winter, denn es blüht immer etwas. Im Vorfrühling blühen in Massen auf der Wiese Winterlinge, zitronen-gelbe Anemonen und gleichzeitig Unmengen von Schneeglöckchen, die dann nahtlos von tausenden von blass-lila-farbenen Elfen-Krokusse in ihrer Blütenpracht abgelöst werden. Auch machte er auf verschiedene Gärten der alten Villen aufmerksam, die noch Stil-voll angelegt wurden und nicht so Plastik-elastik neo-modern wie die ganz-körper-isolierten blüten-weißen Wohnwürfel, die heutzutage in schlichtester Geschmacklosigkeit von neureichen möchte-gern Brokern auf große Grundstücke gestellt werden und deren Hausfassade mit gekalkten Kieselsteinen eingefasst sind, an jeder Haus-Ecke ein Buchsbaum steht, die Bewohner aber garantiert namentlich nicht wissen, was das für ein Unkraut ist und es nur deswegen gepflanzt wurde, weil es kaum Pflege braucht, selten geschnitten werden muss, wenn überhaupt und vom Designer-Gärtner hoch-preisig überteuert für viel Geld den Hohlkörpern namens Hauseigentümer angedreht wurde. Ganz im Gegensatz zu den alten Villen hier oberhalb vom Kurpark, wo die Wiesen durchsetzt mit wild wachsenden Duft-Veilchen, Krokusse aller Farben und Anemonen erblühten. Es waren noch Park-ähnliche weiträumige Erholungsgärten im Kleinen, den Park-Anlagen englischer Herrschaftsanwesen nachempfunden und kein minimalistisches Roll-Rasen-Design geschmackloser Koks-Nasen aus der virtuellen Finanz-Welt. Franzi war überwältigt von der Schönheit der Anwesen. Wohnen müsse sie nicht darin, betonte sie. Aber es ist so schön, sich das ansehen zu können.
„In Königstein-Mammolshain gibt es auch noch tollere Anwesen. Neben dran hat man aber als Kontrast die von mir dargestellten koks-weißen Wohnwürfel futuristischer Architekten, eingebettet in einer riesen Fläche aus Roll-Rasen mit hochsicherheits-Technik Video-Überwacht, drauf gepflanzt. Hier hingegen ist diese Villensiedlung noch in sich harmonisch und nicht so grundsätzlich zerrissen, wie in Mammolshain. Da hat im übrigen die Familie meines Ex-Arbeitgebers aus Venezuela eine Villa. Bei einer Radtour ist mir auch einer seiner Leibwachen, Romulus, aus Caracas und eine seiner bildhübschen Enkel-Töchter, Cecilia, über den Weg gelaufen. Doch haben sie mich nicht erkannt, denn sie haben hier nicht mit mir gerechnet und ich hatte keine Lust gehabt, mich zu erkennen zu geben. Es war jedenfalls ein Schock für mich, das dann auch noch bestätigt zu bekommen. Ich hatte ja selbst nicht damit gerechnet. Doch Dr. Trebell hat bestätigt, dass die hier eine Villa hätten.“
Die Terrasse der Eisdiele hatte schon lange keine Sonne mehr, denn sie zeigte nach Osten und war daher von der Häuserfront am Nachmittag beschattet. Das hatte Martin nicht auf dem Schirm. Daher holten Sie sich jeder eine Eis-Waffel und gingen zurück in den Park und setzten sich in die Sonne. Als die Sonne weg war, war das Eis bei beiden auch aufgegessen und sie beschlossen nun, gemütlich einkaufen zu gehen. Tengelmann und Rewe sind beiden zu teuer und die Qualität ist auch nur eingebildet besser als bei den Discountern. Deswegen gingen sie beim Lidl einkaufen, der eingegrenzt zwischen der Sulzbacher und der Königsteiner Straße liegt. Sie brauchten nur Puten-Brust und Salat. Astrid, eine ehemalig Mietschülerin von Martin und Maria hat gerade „Dienst“ in der Leibnitz-Bäckerei im Vorraum vom Lidl und er sah sie. Doch er hatte keine Lust, sie zu begrüßen und sie nahm ihn auch nicht war. Ob sie ihn mit einer „Anderen“ einkaufen gehen sehen würde, war im ziemlich scheiß-egal und er erzählte auch Franzi, dass die Frau an der Theke, die auch noch nicht ganz unattraktiv sei, aber eben ausgeprägt gehirn-blond wie Stroh, mit ihm und Maria die Schulbank gedrückt hätte. Franzi zeigte sich besorgt, weil sie selber sehr eifersüchtig sei, doch Martin beruhigte sie, denn Maria wisse, dass beide heute zusammen unterwegs seien. Dass Astrid das Maria brühwarm auftischen würde, sei Glas klar, aber wurscht, weil angekündigt.
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