Bezeichnend ist ebenfalls, dass die Werbung, durch die sich die Zeitung finanzierte, ausschließlich von einer Naziorganisation kam, die inzwischen ihren festen Platz in der Regierung erreicht hat, was sie wahrscheinlich auch der festen Lesergemeinschaft des KLEINEN SPIELGEFÄRHTEN verdankt.
Heute sagt Melberg, er habe von dem Hintergrund dieser Zeitung nichts gewusst, ebenfalls nichts von den Nazis, er sei konservativ. Seine Konservativität reicht jedoch weit genug zurück, um doch mit den Nazis geliebäugelt zu haben, was jedoch keinen allzugroßen Einfluss darauf hatte, was weiterhin mit der kleinen Zeitschrift passierte. Zudem bestreitet er beständig, je über die Reinheit der Rasse ge-, oder sich gar dafür ausgesprochen zu haben. Es ist anzunehmen, dass seine Meinung darüber nur durch sein Unterbewusstsein in alle seine Texte eingeflossen ist, da eine andere Vermutung eine Verleumdungsklage nach sich ziehen würde.
Niemand konnte sich erklären, dass Theobald Melberg allerorts als Experte für die Schriften der Tenderbilts, insbesondere Frederico Tenderbilts, ausgerufen wurde, allein die Tatsache, dass er es war, der sich als solcher ausrief, machte die Sache verständlicher.
Auch war er es, der die erste Biographie über den damals hoch gehandelten Schriftsteller Frederico Tenderbilt schrieb, die leider weniger Biographie, als vielmehr eine Anthologie seiner Aufsätze, die durch einen kommentierenden Begleittext übergeleitet wurden, welche das Bild eines Irren malt, dessen Familie schon immer schwachsinnig gewesen war und bei dem es reiner Zufall zu sein schien, dass er überhaupt schreiben konnte, wurde. In einer Pressekonferenz antwortete Melberg auf die Frage, ob er Frederico überhaupt schon einmal begegnet sei, das wäre nicht nötig, er habe all sein Wissen ( ! ) aus den Werken und der Familienchronik schließen können, im Übrigen lehne er den Kontakt mit frei herumlaufenden Irren ab. Soviel zu den Expertenmeinungen.
In Zusammenarbeit mit Frau Doktor Vera Allenstoon nahm der bekannte Fremdsprachenexperte Professor Dr. Dr. phil. etc. Allessandro Garivelli eine intensive Untersuchung der Werke Fredericos vor, die sich weit von der Arbeit Melbergs abhebt. Noch vor Erscheinen des Bandes 'Frederico Tenderbilt – Deutung und Interpretation seines Gesamtwerkes in drei Akten' von oben genannten Persönlichkeiten, starb Melberg bei einem Autounfall, der sich in seinem Wohnzimmer ereignete. Er trat auf ein kleines Spielzeugauto, das sein Sohn Raphael auf dem Boden hatte liegen lassen und rutschte darauf aus. Folge: Genickbruch. Für seinen Sohn war es ein schwerer Schlag, da es sich um das dritte Auto handelte, das er in diesem Monat verlor. Die beiden Autoren, die im Anschluss an die Beendigung ihres Buches heirateten und noch vor dem Beginn ihres nächsten gemeinsamen Buches wieder geschieden wurden (Titel: 'Vom Leben zu zweit und darüber hinaus'), beziehen sich in ihrem Werk weniger auf die angebliche Verrücktheit des Autoren, als vielmehr auf seine literarischen Leistungen. Über 'Duelle mit schlechtem Ausgang schrieben sie:
"Eines der witzigsten und geistreichsten Gedichte, die ich in meinem Leben gelesen habe. Es ist ganz klar, dass der Autor damit den Leser lediglich amüsieren, nicht aber ein literarisches Meisterwerk erreichen wollte. Ganz eindeutig festzustellen sind die sozialkritischen Aspekte, die in vielen, vor allem der späteren Werke Tenderbilts, zu erkennen sind. A.G."
"Meiner Meinung nach ist das Gedicht langweilig. Es hat keine Tiefe, verschlüsselt das, was es aussagen will in keiner Weise, ist wenig subtil, im Versmaß oft holprig und weist einen naiven Bezug zur Dichtkunst überhaupt, die in fast allen Werken Tenderbilts zu erkennen ist, auf. V.A."
Nicht selten in ihrem gemeinsamen ersten Buch weichen die Meinungen der beiden Autoren in Einzelheiten voneinander ab, die Frage, weshalb dennoch eine Heirat nicht nur in Betracht, sondern auch durchgezogen wurde, bleibt offen: möglicherweise wird sie in 'Vom Leben zu zweit und darüber hinaus' beantwortet, Bestellnummer: INPN 28-38567-AGVA. Von der Bewertung der Literatur losgelöst, erscheint es interessant, wie sich die Autoren in ihrem Vorwort zur Familie Tenderbilt äußern:
"Wir sind übereingekommen, dieses Buch über einen bedeutenden Autoren unserer Zeit, Frederico Tenderbilt, zu schreiben, da sein Werk, gerade weil seine Familie in dem Verdacht steht, seit Generationen Schwachsinn in jede neue Generation einfließen zu lassen, besonders interessant erscheint. In den letzten Jahren rückten die Tenderbilts zunehmend in den Mittelpunkt und das Interesse der Gesellschaft, so ist es uns eine Pflicht, eine Studie der literarischen Fähigkeiten dieser Familie anzufertigen.A.G."
"Über dieses Buch: Der Name Tenderbilt sollte inzwischen jedem ein Begriff sein, nicht unbedingt der des Autors, aber immerhin der Name. Tenderbilt stand einmal nur für Verrücktheit, Schwachsinn, bestenfalls ausgefallenen Humor. Heute ist das anders. Die Tenderbilts haben einen Autoren, wahrscheinlich nicht den letzten, hervorgebracht und wir wollen sehen, was es mit ihm auf sich hat.V.A."
Eigentlich hätte man sich von diesem Werk mehr erwarten können, da es immerhin von zwei namhaften Kapazitäten geschrieben wurde, doch offensichtlich stand der private Kleinkrieg der Erarbeitung einer vernünftigen, analytischen Beurteilung der Arbeit Fredericos im Weg. Er wurde jahrelang als Schriftsteller ignoriert, niemand nahm ihn ernst. Später dann schien es unmöglich, ihn zu ignorieren, da sein Gesamtwerk inzwischen stark angewachsen war. Über seine Gedichte schrieb man: "Nett, aber wenig aussagekräftig."/"Hübsch, aber wenig aussagekräftig."/"Witzig, aber wenig aussagekräftig." Je nach Art des Gedichts wurden die Adjektive verändert. In der Jubiläumsausgabe des Bandes 'Duelle mit schlechtem Ausgang' findet sich jedoch folgendes Gedicht, das in der Welt der Literatur und Poesie Aufsehen erregte und Frederico endlich in den Olymp der geheiligten Dichter des Landes erhob, wo er zusammen mit Shakespeare Tee trinken konnte:
"Ich weiß nicht ob
mein kopf
bin ich
mein armer kopf
Taiga"
Was dieses Gedicht anging, so waren sich Frau Doktor Vera Allenstoon und Prof. Dr. Dr. phil. etc. Allessandro Garivelli völlig einig:
"Dieses Gedicht, dem der Verfasser bewusst keinen Namen gegeben hat, hat die Tiefe, die viele seiner anderen Werke vermissen lassen. Es zeigt, durch seinen kurzen und prägnanten Telegrammstil, dass sich das lyrische Ich in einer Situation befindet, in der es nicht mehr weiter weiß. Es stellt sich die essentielle Frage, ob etwas ist, so scheint es, doch schon die nächste Zeile klärt auf, dass es eigentlich der Existenzialismus ist, um den es geht. 'mein kopf', es geht darum, wer oder was er ist, wie es auch in der sofort angeschlossenen nächsten Zeile heißt: 'bin ich'. Diese Frage nach dem Sein, nach der Existenz, nach dem Gott und dem Universum, sie bleibt vorerst noch unbeantwortet. Dann wieder die Wiederholung der Metapher 'kopf', die hier für den Geist, das innere Wesen aller Dinge steht, nach dem gestrebt werden soll. Er wird als 'arm' bezeichnet, womit gemeint ist, dass für den menschlichen Geist kein Entkommen aus dieser Welt möglich ist. 'Taiga', der Abschluss dieses phantastischen Werkes, bietet viele Interpretationsmöglichkeiten. Zum einen könnte es bedeuten, dass, wenn es doch einen Ausweg auf die implizite Frage nach der Erkenntnis über alles Sein, geben sollte, die Antwort in Russland zu suchen sei. Andererseits versucht der Autor durch diesen völligen Gegensatz zu dem Vorangegangenen einen so starken Kontrast aufzubauen, dass er sie der Lächerlichkeit preisgibt. Dadurch will er zeigen, dass eine Suche nach dem Sinn des Lebens völlig wirkungslos bleiben wird."
Besonders in Russland. Offensichtlich hatte Prof. Dr. Dr. phil. etc. Allessandro Garivelli das Gedicht noch nicht gelesen. Ähnlich der Meinung Frau Dr. Vera Allenstoons äußerte sich auch die Weltpresse nach Erscheinen der neu aufgelegten und erweiterten Fassung: "Endlich ein Gedicht, das sich von den üblichen Gedichten Tenderbilts durch seinen erfrischenden Humor und seine unergründliche Tiefe abhebt. Ein wahres Meisterwerk!"/"Noch nie wurde die Frage nach dem Sinn des Lebens in derart komplexer und gleichzeitig hintergründiger Weise (dar)gestellt. Weiter so!"/"F.T. fasst mit seinem neuen Gedicht ein heißes Eisen an. Die Russlandpolitik der USA in derartiger Weise darzustellen erfordert Mut. Hoffentlich bleibt es nicht das letzte politische Gedicht von ihm!"
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