„Kann man denn zu freundlich oder zu ehrlich sein, Upper?“
„Hier bei mir, in der Zeit ohne Zeit, gibt es natürlich kein zu freundlich oder zu ehrlich, denn bei uns gibt es weder Archetyp noch Schatten. Bei uns gibt es das pure Sein. Auf der Erde ist das allerdings anders.“
„Wieso gibt es dann hier im Moment Streit unter den Anwesenden?“, meldete sich Erhard skeptisch zu Wort. „Wenn doch alle hier im `Ich bin` Zustand sind, dann ist jeder Konflikt hinfällig, sogar überflüssig. Oder sehe ich das falsch?“
„Jain, Erhard. Das ist möglich, weil ihr alle zur Begrüßung Lindas noch einmal in euer Erden-Sein geschlüpft seid. Das ist auch wichtig, denn nur so kann ich Lindas Bericht authentisch in die große Chronik eingeben. Eure Attribute sind im Augenblick von Lindas Ankunft wieder aktiviert worden. Verstehst du?“
„Okay, ich glaube, ich habe es verstanden. Wir alle hier sind im Augenblick so, wie wir es während unseres Aufenthalts auf der Erde waren. Korrekt?“
„Ja, in etwa ja.“
„Also, Upper“, setzte Hannah neu an, „damit ich das richtig verstehe: Wenn ich auf der Welt bin und ich meine Schattenanteile nicht dabei habe, dann kann ich also zu freundlich oder zu ehrlich sein? Ich bin deshalb den anderen suspekt? Sobald ich aber meinen Schattenanteil habe, geht das nicht mehr und bin ihnen nicht mehr suspekt?“
„Ja genau. Sobald du den Schatten in dir trägst, ist der negative Gegenpol zur Freundlichkeit und Ehrlichkeit hinzugefügt. Deine Mitmenschen sehen dich als „ganz“ an, weil die gewohnte Polarität hergestellt ist. Die Menschen brauchen auf der Erde die Polarität, sonst könnten sie keine Erfahrungen sammeln.“
„Was sind das denn für Polaritäten“, fragte Max neugierig nach.
„Da gibt es zum Beispiel Gut und Böse, schwarz und weiß, hell und dunkel,
Ying und Yang, Tag und Nacht. Ich könnte dir noch viele weitere Beispiele
nennen. Es geht darum zu jedem Pol einen Gegenpol zu haben.“
„Wenn ich also auf der Welt bin, muss ich erkennen, was korreliert?“
„Ja, so ist das, Max.“
„Puh, da bin ich aber froh, dass ich es mir doch noch anders überlegt hatte und sofort wieder nach Hause gegangen bin. Das wäre mir viel zu kompliziert gewesen. Die Erfahrung, den Weg in die Nisthöhle zu machen, war für mich schon Aufregung genug gewesen. Gut, dass ich wieder hier bin.“
Upper beruhigte Max. „So anstrengend, wie sich das für dich vielleicht im Moment anhören mag, ist es nun auch wieder nicht. Du musst nicht denken Max, dass die Menschen sich immerzu damit auseinandersetzen müssten. Das wäre auch ihrem Auftrag nicht unbedingt zuträglich. Denn wenn es sich so verhielte, würden die Menschen einen großen Teil ihrer Verweildauer damit verbringen zu erkunden, wer gut von uns komponiert wurde. Das wäre zum einen viel zu aufwendig und zum anderen Quatsch.“
„Die Menschen auf der Erde sagen oft so treffend: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wo demgemäß ein Archetyp ist, ist auch ein Schattenanteil?“, fragte Hannah nach.
„So ist es“, bestätigte Upper.
„Wieso gibt es dann aber auf der Erde Menschen, die nur ihren Archetyp leben und verehrt werden?“
„Ja, das ist eine gute Frage. Du hast recht, Hannah, die gibt es. Da gab es zum Beispiel Mutter Theresa, die ihr eigenes Leben ganz beiseite stellte und sich aufopfernd um die Kranken und Armen kümmerte. Oder Buddha zum Beispiel, er setzte sich einige Zeit unter einen Baum und war von da an nur noch gut. Die Menschen nannten ihn den Erleuchteten. Es gibt noch eine ganze Reihe Menschen mehr, die ich nennen könnte. Eins ist allen gemeinsam: Sie reisten mit Archetyp und Schatten zur Erde. Nach einiger Erfahrungszeit auf der Erde, erkannten sie ihren Schatten und legten ihn ab. Ihre Mitmenschen wiederum erkannten dies und bewunderten sie dafür. Alle waren zunächst von ihresgleichen. Wenn du so willst, konnten alle Menschen einen Abgleich zu sich selber machen. Wären Mutter Theresa oder Buddha allerdings gleich ohne ihren Schatten angereist, wären sie mit Sicherheit in ihren Augen nichts als Sonderlinge gewesen.“
„Gehörte ich zu den sogenannten Sonderlingen“, wollte Linda wissen?
„Ja, in gewisser Weise schon. Zumindest so lange, bis Kanep dir deinen Schattenanteil überbracht hatte.“
„Welchen Archetyp hast du mir damals mitgegeben?“
„Du willst es aber genau wissen, Linda.“
„Ich glaube, es ist mein verdammtes Recht, die ganze Wahrheit zu erfahren, Upper. Weißt du, ich fühlte mich so manches Mal regelrecht verarscht von euch.“
„Linda! Wie sprichst du mit uns?!“ Tomasin war entsetzt über Lindas Respektlosigkeit.
„So, wie ich es schon lange tun wollte, Tomasin! Verflixt noch eins, denkt ihr, ihr könnt alles machen? Denkt ihr, ihr dürft euch alles herausnehmen?“
„Ja, das können wir!“ Upper dröhnte mit lauter Stimme dazwischen, dass der Boden wieder bebte. Langsam verlor er die Geduld. Er fühlte sich mehr und mehr durch Linda Fragerei in die Enge getrieben.
„Beruhigt euch alle mal wieder“, versuchte Fridolin zu beschwichtigen „Bedenkt, Linda hat immer noch viel Quod in sich. Außerdem hat die überdurchschnittlich große Menge an Quod bei ihr bewirkt, dass sie die Erinnerung an Zuhause nie ganz verloren hatte und später zum Großteil sogar wiedererlangte. Ich, für mein Teil, kann verstehen, dass Linda so reagiert. Wenn ich so versuche mich in sie hineinzuversetzen, dann glaube ich, würde ich genauso reagieren wie Linda. Mich wundert es nicht, dass sie wütend ist und Rechenschaft von uns fordert.“
„Hm“, Upper dachte nach. „Wahrscheinlich hast du Recht, Fridolin. Wir wollen Mal nicht so sein. Nun gut! Du hast mich nach deinem Archetyp gefragt. Linda, ich sag´s dir: Dein Archetyp besteht, wie bei jedem reisenden Sein, aus drei verschiedenen positiven Aspekten. Zum einen beinhaltet deiner „Die gute Fee“. Du solltest gütig und mildtätig sein. Du solltest Wünsche erfüllen. Du hattest die Gabe, Träume zu erfüllen und Ersehntes zu verwirklichen. Du konntest geheime Bedürfnisse erkennen und befriedigen. Anderen eine Freude zu machen oder sie zu überraschen, bereitete dir selber die größte Freude. Du warst intuitiv und feinfühlig. Deshalb fiel es dir leicht, Menschen glücklich zu machen. Durch dich floss etwas vom Ort der Zeit ohne Zeit in die Welt. Du warst eine wunderbare Gefährtin und hast Menschen in ihren schwersten Zeiten geholfen. Ich finde es überaus bedauerlich, dass deine wunderbaren Aspekte so schändlich missbraucht wurden.“ Upper schaute beim Schlusssatz Heinrich und Martha grimmig an. „Dann beinhaltete dein Archetyp weiterhin noch den Aspekt des Kraftstrotzenden. Du solltest viel innere Stärke besitzen. Nichts sollte dich aufhalten können. Nur der Tod wäre dazu fähig gewesen.“
„Also ich, hihi“, kicherte Fridolin verschmitzt.
„Du hattest die Kraft, dich selbst aus hoffnungslosen Situationen zu befreien. Selbst, wenn du geschwächt warst, gelang dir das. Deine unerschöpfliche Kraft machte es dir auch leicht, auf jeden freundlich zuzugehen und denjenigen so zu akzeptieren wie er war. So konntest du Großes vollbringen. Leider wurde das nie von jemandem in deiner Familie gewürdigt. Im Gegenteil, auch diese starke Eigenschaft von dir wurde missbraucht und du wurdest hintergangen. Du wurdest in deinen ureigenen Fähigkeiten, in deiner enormen Kraft gebremst.“ Diesmal blickte Upper Hannah streng an.
„Ich wollte doch nur das Beste für Linda. Ihre Stärke und ihre Fähigkeiten machten mir Angst“, versuchte Hannah sich zu verteidigen.
„Im Hinblick auf die Menge Quod, die du von uns bekommen hast, Linda, wundert mich jetzt nicht mehr, dass du stärker warst als ursprünglich geplant. Na ja, es hat dir ja nicht geschadet – ganz im Gegenteil, es hat dich gerettet.“
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