„Setze es wieder zusammen!“, hörte er ihn hinter sich knurren.
Ruckartig fuhr er herum und starrte ihn verständnislos an. „Was?“, brachte er mühsam hervor.
Die zusammengezogenen Augenbrauen und der sich verfinsternde Blick zeigten ihm, dass er diesmal keine zweite Aufforderung bekommen würde. Er hatte sie ja auch verstanden. Sie erschien ihm nur so widersinnig, dass er sich vergewissern wollte, nicht falsch gehört zu haben.
„Zusammensetzen?“, flüsterte er. „Warum? Sie ist doch tot.“ Erneut drängten sich Tränen in seine Augen und er wagte nicht, den Kopf zu drehen und einen Blick auf die Mutter zu werfen.
„Das ist sie erst, wenn du es nicht schaffst, den Behälter wieder zusammenzusetzen, bis die Sonne untergegangen ist.“ Der ausgestreckte Zeigefinger des Trollkönigs wies zur Decke.
Johannes’ Augen folgten der Geste, doch er konnte nicht in das gleißende Licht sehen, das sich dort oben in die dünnen Strahlenfinger aufteilte, um die einzelnen Säulen in der Höhle zu erleuchten.
Sie mussten längst weitergewandert sein, denn er war bereits eine ganze Weile hier. Aber noch immer fielen die Strahlen auf dieselbe Stelle, die sie schon vorhin angestrahlt hatten, als er in dieses Gewölbe gekommen war. Magie , sagte er sich, das ist die Magie des Trollkönigs .
„Wenn die Sonne gesunken ist, werden auch die Lichtstrahlen, die du siehst, verschwinden. Nun denn – das ist dein Kampf: Du hast Zeit bis zum letzten Sonnenstrahl.“
Johannes schluckte. Er wusste nicht, wie spät es war. Irgendwann am Nachmittag hatte er die Höhle erreicht. Der lange Marsch durch endlose, blaue Gänge, der Abstieg zu den Räumen des Königs, der Aufenthalt hier in diesem eisigen Gewölbe des Grauens. So viel verschwendete Zeit, so viel Reden ohne Nutzen ...
Hastig überflog sein Blick die Splitter und Bruchstücke am Boden.
Ich kann das schaffen , versicherte er sich selbst und schon griffen seine Hände nach den ersten Teilen. Immer wieder probierte er, verglich Kanten und Flächen, setzte zusammen und nahm auseinander. Er kam voran. Die Hälfte war fast geschafft. Wunderbarerweise fügten sich die Splitter, die passten, von selbst aneinander, so dass der Brocken nicht wieder auseinanderfiel.
Als er den Kopf hob, um einen Blick auf den Trollkönig zu werfen, sah er, dass es im Gewölbe dunkler geworden war. Irritiert schaute er sich um und bemerkte zwei kleinere Säulen nahe dem Eingang, auf die kein leuchtender Strahl mehr fiel.
Die Sonne sank! Ihr Licht schwand. Ein Blick auf die Säule der Mutter an seiner Seite verriet ihm, dass sie nach wie vor leuchtete. Ich schaffe es, Mutter , flüsterte er ihr zu, ich schaffe es!
Seine eiskalten Finger hatten Mühe, die kleinen Teile aufzuheben und einzupassen. Immer öfter musste er in die Hände hauchen, weil die Schmerzen vom Frost fast nicht mehr zu ertragen waren. Er spürte kaum noch, ob sie etwas ergriffen hatten oder nicht. Und es wurde immer dunkler.
Wieder hob er den Kopf und sah drei weitere Säulen ohne Licht. Nur noch zwei Reihen von ihm entfernt. Auch das kleine, blonde Mädchen stand schon im Finsteren und die Dunkelheit kroch auf ihn zu wie einer der Nachtmahre, von denen Lene oft erzählt hatte. Sie kam näher und sein Herz verkrampfte sich. Schlotternd vor Angst, Kälte und innerer Erregung richtete er die Augen wieder auf den beinahe fertigen Eisklotz vor sich. Nur noch wenige Teile fehlten und während seine Hände die Splitter fast blind einzupassen versuchten, huschte sein fahriger Blick bereits über die verbliebenen, um schneller den nächsten zu finden.
Noch drei waren übrig. Er wimmerte leise, weil ihm alles wehtat. Die Knie, die er kaum noch spürte, die Arme, die Finger, in die der Frost biss wie ein wütendes Tier. Noch zwei, noch eines ...
Als er die Hand nach dem letzten Bröckchen ausstreckte, legte sich die Pranke des Trollkönigs auf seine Schulter und zerrte ihn zurück.
„Es war wohl zu leicht“, hörte er den Herrscher brummen, als er unbeholfen auf dem Po landete, „ich dachte nicht, dass du es schaffst. Deshalb muss ich es dir ein bisschen schwerer machen.“
Ein neuer Eisbrocken krachte zwischen Johannes‘ Füßen auf den Boden. Auch dieser zerplatzte in unzählige Bruchstücke und begrub den noch fehlenden Splitter von der Seele der Mutter unter sich.
„Finde nun das letzte Teil!“, höhnte der Trollkönig. „Und wisse: Wenn es dir nicht rechtzeitig gelingt, bist du auf immer in dieser Höhle gefangen. Du wirst mein neues Schmuckstück sein!“ Mit einem rauen Lachen wies er auf eine leere Eissäule, die Johannes noch gar nicht gesehen hatte, weil kein Lichtstrahl auf sie gefallen war. „Die Dunkelheit ist noch zwei Säulen entfernt, spute dich!“ Wieder erklang das hässliche Lachen.
Während er zu begreifen versuchte, dass er das niemals schaffen würde, ruckte sein Kopf erneut in Richtung Ausgang. Alle Stelen waren finster außer dreien. Eine von ihnen war das Eisgefängnis der Mutter.
Johannes erkannte, dass der Trollkönig nie vorgehabt hatte, ihn gehenzulassen. Er wird mich in die leere Säule sperren , dachte er, er hat nicht umsonst gesagt, ich sei ein schöner Junge .
Der Schock war unbeschreiblich. Als er sich mit steifen Gliedern aufrappelte und auf den kleinen Haufen Eisbröckchen starrte, verließ ihn alle Hoffnung. Wie sollte er darin den letzten Seelensplitter finden?
Drei Säulen , schrie es in ihm, nur noch drei Säulen! Beeil dich!
Gleichzeitig vernahm er eine andere Stimme in seinem Inneren. Du findest ihn eh nicht , verkündete sie und es klang unendlich hoffnungslos.
„Doch!“, stieß Johannes hervor und seine Hände fuhren in die Überreste des zweiten Eisbrockens, um sie auszubreiten. Ist das eine weitere Seele gewesen? , fragte er sich und Schuldgefühle drohten ihn zu überwältigen. Hat dieses Ungeheuer eines der Lebewesen hier drin sterben lassen, um mich aufzuhalten?
Er versuchte sich zu erinnern, wie der letzte Splitter ausgesehen hatte. Schmal, scharfkantig, so lang wie sein Daumen. Es gab unzählige davon. Sollte er jeden einzeln aufnehmen und probieren? Wieder huschte sein Blick zu den anderen Säulen. Der Sonnenstrahl auf der dritten war merklich blasser geworden und kaum noch zu sehen.
Mutter , flüsterte er in Gedanken, während seine Finger fast abwesend über die Bröckchen tasteten auf der Suche nach dem fehlenden Eisstück, hilf mir doch! Zeig ihn mir!
Er musste an seine Schwester denken und war froh, dass sie sich in Sicherheit befand und nicht hier. Szenen fielen ihm ein, in denen sie miteinander gespielt hatten, im Sommer und auch im Winter, in dem es so frostig war wie hier unten in diesem Eisgefängnis. Was hatte Eva einmal geantwortet, als er sie fragte, ob sie nicht friere? ‚Wenn mir kalt ist, gehe ich rein zu Mutter und kuschle mich an sie. An ihren Bauch. Und dann legt sie ihre Arme um mich. Sie hat so warme Hände. Alles an ihr ist warm.‘
Alles an ihr ist warm ...
Die Worte setzten sich fest in seinem Kopf.
Alles an ihr ist warm ...
Er ließ sich zurück auf seine Fersen sinken und musterte die ausgebreiteten Bruchstückchen. Warm , ertönte es erneut in ihm, warm !
Da sah er es.
Einer der Splitter lag in einer winzigen Wasserpfütze. Nur einer von so vielen. Die Pfütze stand in einer ebenso kleinen Kuhle, die die Form des Splitters hatte.
Wie von selbst griffen seine Finger zu. Sie entnahmen ihn aus seinem feuchten Bett und fügten ihn in die verbliebene Lücke ein. Und als Johannes aufschaute, um froh in das Gesicht der Mutter zu sehen, erlosch der Sonnenstrahl auf ihrer Eissäule.
Freder saß auf der Bank neben seiner Haustür und rauchte eine Pfeife. Die Sonne war untergegangen und eben hatte sein kleiner Gast ihm eine gute Nacht gewünscht und war mit der Puppe im Arm in der Kate verschwunden. Er hörte sie durch das offene Fenster summen.
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