Am Abend erreichte Johannes wie geplant die Hütte eines alten Holzfällers, dem er die Münze zeigte, die Freder ihm mitgegeben hatte. Der zahnlose Mund des Alten murmelte etwas Unverständliches, aber seine Hand wies auf den Stall neben seinem Heim.
Johannes fand sauberes Stroh und sogar Heu, woraus er sich eine weiche Schlafstatt bereitete. Die Ziege, die den Eindringling in ihrer Behausung gleichmütig duldete, spendete ihm Wärme. Zugedeckt mit Freders löchrigem, uraltem Schaffell schlief er tief und traumlos und erwachte am nächsten Morgen frisch gestärkt. Der wortkarge Holzfäller reichte ihm einen Becher Milch und aus dem Bartgestrüpp drang ein Murmeln, das Johannes als gute Wünsche für den weiteren Weg deutete.
Er dankte dem Alten, hob die Hand zum Gruß und wanderte wieder los, immer in Richtung der Berge. Am späten Vormittag änderte sich die Landschaft. Die Bäume blieben unter ihm zurück und wichen Büschen und windzerzausten Krüppelkiefern. Es wurde steiler und manchmal musste er anhalten, um zu verschnaufen.
Mit jedem Meter, den er an Höhe gewann, nahm die Kälte zu. Er holte den dicken Reiseumhang aus dem Bündel und legte ihn um. Immer öfter hauchte er in seine klammen Hände. Der Weg war an manchen Stellen vereist und tückisch, seine Schuhe drohten mehrmals abzurutschen. Der Wind wurde stärker und pfiff ihm um die frostgeröteten Ohren. Er brachte unzählige winzige Eiskristalle mit sich, die wie Nadeln ins Gesicht stachen, als wollten sie Johannes damit zur Umkehr bewegen.
Nachdem er eine besonders schwierige Steigung überwunden hatte, blieb er keuchend stehen und schaute zurück ins Tal. Klein und verträumt lagen weit unter ihm die Katen des Dorfes im Schein der Mittagssonne. Neben ihm gluckerte der Gletscherbach. Er hob den Kopf und sah sich suchend um. Direkt vor ihm war der große Felsbrocken, der wie ein Schweinskopf aussah. Er hatte über Freders Vergleich gelacht, aber jetzt, als er den Felsen sah, musste er zustimmen.
Zwei Stunden lagen noch vor ihm nach Aussage des Alten. Abschätzend musterte er den Stand der Sonne, die den Berggrat überschritten, seinen Pfad aber noch nicht erreicht hatte. Vor Einbruch der Dunkelheit musste er bei der Eishöhle sein. Was dann kam, wusste er nicht. Aber eines war klar: Wenn die Trolle ihm kein Quartier für die Nacht gewährten, würde er in den Schneebergen erfrieren.
Unbehaglich zog er bei diesem Gedanken die Schultern hoch, packte sein Bündel mit dem Brotkanten und Freders Fell fester und machte sich wieder auf den Weg.
Als sich eine Öffnung im Fels vor ihm auftat und der Pfad geradewegs dort hineinführte, wusste er, dass er am Ziel war.
Er blieb stehen und duckte sich instinktiv hinter einen schulterhohen Felsbrocken. Wachen , sagte er sich und musterte beklommen den Eingang, vor dem zwei struppig behaarte und zerzauste Wesen standen. Wieso? Hat Freder nicht gesagt, jeder könne in die Festung? Vielleicht ist das heute nicht mehr so ...
Johannes schluckte schwer. Er hatte noch nie einen Troll gesehen. Aus der Entfernung erschienen sie ihm riesenhaft, um einiges größer als Elmar, und beide hielten einen hölzernen Speer in der Faust. Die Erzählungen von Lene und Mutter hatten sie in seiner Fantasie als turmhohe, furchterregende Monster erstehen lassen. Mehr Augen als Menschen sollten sie haben, aber wie viele es genau waren, wusste keiner zu sagen. Es wurde nur immer wieder gewarnt, dass man nicht direkt hineinschauen durfte, weil jeder, der es wagte, seinen freien Willen verlor. Ihr Fell enthielte Eisennadeln, die einem die Haut aufrissen, wenn man damit in Berührung kam. Ihre Hände würden fast über den Boden schleifen, so lang seien ihre Arme.
Was er jetzt vor sich sah, beruhigte Johannes. Die Trolle ragten nicht turmhoch auf und ihre muskelbepackten Arme waren nur wenig länger als normal. Allerdings endeten sie in Pranken von der Größe eines Schubkarrenrades. Die grobschlächtigen Wesen hielten sich gebückt, wodurch tatsächlich der Eindruck entstand, dass die kräftigen Hände am Boden schleiften. Ihr Fell war verfilzt, von undefinierbarer Farbe und sicher kratzig. Stellenweise sah man kahle Hautstellen. Da drin gibt es ganz bestimmt keine Eisenspitzen , versicherte sich Johannes im Stillen.
Die Wächter hatten ihn bemerkt und beäugten ihn misstrauisch. Beklommen schluckte er. Was hatte Freder gesagt? Einige Trolle verstehen noch die Sprache der Menschen. Wenn du einen solchen findest, erkläre ihm, warum du gekommen bist.
Er fasste sich ein Herz, schob sich hinter dem Felsbrocken hervor und marschierte auf den zu, der ihm am nächsten war. Mit jedem Schritt schien dieser zu wachsen. Als er schließlich vor dem Wächtertroll stand, reichte er ihm nicht mal bis zur Hüfte. Um in sein finsteres Gesicht sehen zu können, musste er den Kopf in den Nacken legen. Dabei bemerkte er entgegen allen Schilderungen nur zwei Augen, in die er nicht zu blicken wagte und die im Vergleich zu dem massigen Körper winzig erschienen. Das Kinn war kantig und die Haut faltig, grau und spärlicher behaart als der Rest des Ungetüms. Dessen Nase ähnelte einer Gurke und die großen Ohren standen vom Kopf ab wie Scheunentore.
„Verstehst du mich?“, fragte er zaghaft.
Das zottelige Wesen brummte unwillig und machte eine ruppige Geste in Richtung des zweiten Wächters.
Er begriff und stapfte hinüber zu diesem. „Ich möchte zu eurem König“, erklärte er.
Der Trollwächter zog die buschigen Augenbrauen zusammen und musterte ihn.
„Bitte“, beeilte sich Johannes hinzuzufügen.
„Warum?“ Die Stimme des Hünen knarrte wie ein schlecht geschmiertes Gartentor.
„Ich ... ich will ihm einen Handel anbieten“, gab Johannes hastig zurück und dachte dankbar an Freder, der diese Antwort vorgeschlagen hatte.
Der Troll kratzte sich träge den behaarten Bauch. Dann zog er die gurkenförmige Nase hoch und spuckte den Rotz in den Schnee neben sich.
Angewidert wandte sich Johannes ab, als er den Geruch erkannte, den er bei sich zu Hause erstmals wahrgenommen hatte.
„Handel?“, knarrte sein Gegenüber, überlegte kurz und bellte ein, zwei Brocken in einer unverständlichen Sprache zu dem zweiten Wächter hinüber. Dann drehte er sich um und lief in die Höhle hinein.
„Komm!“, befahl er über die Schulter und Johannes beeilte sich, ihm zu folgen.
Die rauen Felswände wurden nach wenigen Metern zu Flächen aus glattem, glänzendem Eis. Sie schimmerten wie Spiegel und ließen das Innere der Höhle in einem unwirklichen Blau erstrahlen. Die Festung der Trolle war unerwartet hell, obwohl sie tief in den Berg hineinführte. Dampfwölkchen bildeten sich vor dem Mund von Johannes und sein Blick wanderte an glitzernden Säulen empor, die höher aufragten als die höchsten Kiefern des Waldes. Ab und zu sah er andere Trolle, die ihn unverhohlen anstarrten. Trotz der klirrenden Kälte, die ihn zittern ließ, trug keiner von ihnen Schuhe oder Kleidung oder gar ein umgehängtes Fell. Der Frost schien den Wesen nichts auszumachen.
Die gigantische Höhle schien ein verzweigtes Labyrinth zu sein. Längst hatte er in dem Gewirr aus Gängen, Gewölben und Kammern die Orientierung verloren. Würde er den Rückweg allein finden?
Irgendwann kamen sie an einen klaftertiefen, kreisrunden Abgrund, der die Mitte der Feste zu bilden schien. Über dem gigantischen Loch wölbte sich eine riesige Kuppel. Ganz oben schien das Eis sehr dünn zu sein, denn es schimmerte Sonnenlicht hindurch, das die Höhle bis in die tieferen Stockwerke erhellte und Fackeln unnötig machte.
So müssen die Paläste der Könige aussehen, von denen Lene immer erzählt hat , dachte Johannes staunend.
Steile und beängstigend schmale Pfade aus Eis schmiegten sich an die Wände der tiefen Klamm, wanden sich spiralförmig abwärts und verbanden so die tieferen Stockwerke miteinander. Der barfüßige Troll ging mit sicheren Schritten voran, als sie einen dieser rutschigen Abstiege betraten. Es gab kein Geländer oder Seil zum Festhalten und Johannes musste höllisch aufpassen, um nicht abzurutschen auf dem glatten Untergrund.
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