In diesem Buch wird die These vertreten, dass die industriell-kapitalistische Strategie menschlicher Naturaneignung Ausdruck einer entfremdeten Bedürfnisstrukturierung ist, die aus der Entfernung von unserer tieferen menschlichen Natur resultiert. Diese Strategie des Umgangs mit unseren Mitwelten ist in Widerspruch zur Funktionsweise der Natursysteme getreten, auf deren Basis sie sich einst entfaltete. Es soll gezeigt werden, dass viele dieser Kontraproduktivitäten, die aus dem Wachstumsfetischismus der industriellen Ordnung resultieren, durch eine Re-Orientierung auf die Naturbedingungen menschlicher Existenz geheilt werden können. Der Industrialismus ist die Vergegenständlichung einer inneren Erfahrungsdimension in eben ihren destruktiven Komponenten. Die existentielle Erfahrung des aus der Natur herausgelösten, ihr gegenübertretenden Subjekts mündet in die Schaffung eines Ichs, dessen fundamentaler Lebenswille sich im ich-brauche , ich-will schon als primäre frühkindliche Lebenserfahrung artikuliert. Es ist die Erfahrung existentieller Isolation, die uns zur Errichtung gigantischer Imperien der Bedürfnisbefriedigung treibt. Im Kontext der Philosophie Martin Heideggers ist der Griff nach den Dingen der Welt nichts anderes als ein Phänomen existentieller Flucht, entstanden aus der Angst, die aus der Konfrontation mit dem Tod als Möglichkeit der eigenen Nicht-Existenz entspringt. Tatsächlich haftet unserem zerstörerischen Umwelthandeln in vielen Aspekten das Merkmal existentieller Flucht an. Wobei es sich jedoch nicht um eine bloße Flucht vor dem Tod als der angsteinflößenden, äußersten Möglichkeit des Daseins handelt, sondern um eine bewusstlose Abwendung von den inneren Dimensionen des Seins, die vornehmlich als Langeweile, Unbehagen und Schmerz wahrgenommen werden. In der entzauberten Welt der modernen Industriekultur sucht man das Glück im Technikzauber und in den Heilsversprechen der Reklamebotschaften und Supermarktregale, während die Tore zur inneren Erfahrung des Seins von Dornenhecken bewachsen im tiefen Dornröschenschlummer liegen. Wo Schönheit, Glück und Erfüllung nicht in den Innenräumen der eigenen Existenz entdeckt werden, da liegt der Beginn jener endlosen Suche nach materiellen Substituten. Weil er die Kontrolle über die causa finalis verloren hat, stellt Gerald Alonzo Smith fest[27], gibt es ein unbefriedigtes Verlangen im modernen Menschen. Die Suche nach Befriedigung durch materielle Güter wird zur Ersatzhandlung für den Verlust von Sinn, Orientierung und Richtung; das Streben nach Kontrolle über die Welt der materiellen Objekte wird so zum Surrogat für den Kontrollverlust über das eigene Leben. Doch welches Objekt kann schon dauerhafte Befriedigung verschaffen? So treibt die Gier stets nach mehr und die Furcht vor dem Verlust verfügbarer Objekte der Sinnessphäre drängt zur gewaltigen industriellen Systemexpansion, deren Schranken zunächst nicht durch das handelnde Ego, sondern durch jenes Andere der Natur gesetzt werden, das dem unbegrenzten Wachstumstrieb unersättlicher Egos seine Regenerationsgrenzen als reflexionsauslösendes Korrektiv entgegenhält.
Bei vielen Beteiligten der Ökologiediskussion sind solche Ansichten verpönt. Ökologie, so heißt es, sei wissenschaftlich fundiert und dürfe nicht in die unberechenbaren Tiefen vermeintlich metaphysischer Abgründe hinabgleiten. Als wirksamster Umweltschützer gilt der qualifizierte Öko-Techniker, ausgestattet mit präzisen Messgeräten und Grenzwerttabellen im Kopf. Natur soll wieder zu dem werden, als was man sie schon immer wähnte: eine berechenbare Größe, ein für menschliche Bedürfnisse uneingeschränkt nutzbares Objekt, wie es Jehovah einst der Menschheit versprochen hatte: „ Machet Euch die Erde untertan ...” (1. Mose 1.28 Genesis). Mit manipulativen Regelwissen und der Vorfinanzierung künftiger Wiederherstellungskosten durch Ökosteuern soll der naturzerstörerische Lebensstil für diejenigen akzeptabel gemacht werden, die - wenn überhaupt - allenfalls zu graduellen Veränderungen bereit sind: Gnade uns armen Ökosündern, die wir doch bereit sind, grünen Ablass zu leisten! Kritiker mokieren sich über eine ökologische Dauermoralisierung, die als unablässig mahnendes Gebrabbel wie ein endloser Nieselregen auf die Leute niedergehe und von der keine einschneidende Umkehr erwartet werden könne. Ökologische Moralisierung mit erhobenem Zeigefinger ist in ihrer Wirksamkeit sicherlich recht begrenzt. Zu sehr haftet ihr das pastorale Gehabe einer von hoher Kanzel verkündeten Sonntagspredigt an sowie der schlechte Geruch einer Erziehungsdiktatur, welche die Frage nach der Erziehung der Erzieher unbeantwortet lässt. Während der wissenschaftliche Teil der Ökologiebewegung zur Absicherung von Glaubwürdigkeit auf die strikte Überprüfbarkeit seiner singulären Basisaussagen allergrößten Wert legt, steht der moralisierende Teil oft vor der Schwierigkeit, ökologische Verhaltensmaximen aus außerökologischen Denksystemen entnehmen zu müssen. Die wissenschaftliche Ökologie beschreibt nur was ist; aus ihr ergeben sich aber zwangsläufig keine Gebote, was zu tun wäre.
Arne Naess[28], auf dessen Arbeit später noch zurückzukommen sein wird, hat ein Konzept der Tiefenökologie entwickelt, das zur Veränderung der herrschenden anti-ökologischen Politik und sozialen Strukturen beitragen soll. Die Tiefenökologie setzt an die Stelle des Mensch-Umwelt-Bildes der bisherigen Ökologiebewegung die Vorstellung der biosphärischen Gleichheit aller Wesen. Die Plattform der Tiefenökologiebewegung definiert zum Beispiel den Wert nicht-menschlicher Lebensformen unabhängig von beschränkten menschlichen Zwecken oder erklärt die ökologische Diversität, das heißt das Zusammenleben einer Vielzahl unterschiedlicher Lebensformen in einer ökologischen Nische, zu einem Wert an sich. Die Wende wird hauptsächlich in einer neuen Beurteilung von Lebensqualität gesehen, aber nicht einfach in einem höheren Lebensstandard. Ziel ist es, die Ökologie als Wissenschaft zu transzendieren. Weisheit kann nicht lediglich durch wissenschaftliche Wahrheitserkenntnis erlangt werden, sondern entsteht viel eher in der Verbindung von Tiefenökologie, sozialer Bewegung und Wissenschaft, aus deren Synthese eine neue Ökosophie als ganzheitlich orientierter Reflexionsrahmen zur Handlungsorientierung erwächst. Kritik aus dem Lager der wissenschaftlichen Ökologie dürfte Naess vor allem auf sich ziehen, weil er seine ökologischen Normen und Werte nicht aus einem ökologischen Kontext entwickelt, sondern mit Intuition , dem Gefühl für Freude in einer Welt der Katastrophen beginnen lässt[29].
Doch ist es nicht gerade der ganzheitliche und fächerübergreifende Blick, der das Wesen ökologischer Problemlösungen ausmacht? Vielen natürlichen Prozessen liegen keine monofunktionalen Kausalmechanismen zugrunde, da manifeste Wirkungen nicht nur jeweils einer spezifische Ursache zugeordnet werden können, zumeist herrschen komplexe Ursache-Wirkungsvernetzungen und vielfältige Funktionskreisläufe. Eine ökologische Therapie für die moderne Industriegesellschaft, welche die multifunktionale Vernetzung und ganzheitliche Struktur der Wirklichkeit auf den Blickwinkel künstlicher Laborwelten verengt, kann bloß eine singuläre, aber keine umfassende Handlungsorientierung für eine menschliche Zukunft bieten. Wie die Schulmedizin viele psychosomatische Krankheiten mit ihren überlieferten Methoden nicht heilen kann, weil ihre primären Ursachen nicht im Körper, sondern in der menschlichen Psyche liegen, so können auch viele der Probleme, die nach außen hin als Wirtschafts- oder Umweltfragen in Erscheinung treten, allein mit den Methoden der Wirtschaftswissenschaft bzw. der wissenschaftlichen Ökologie nicht gelöst werden. Wirtschafts- und Umweltprobleme sind Probleme unserer Lebensweise und wurzeln letztlich in den psycho-sozialen Tiefenstrukturen unseres Seins. Nur so ist es zu erklären, dass in Bezug auf die Umwelt viele machbare Alternativen überhaupt nicht umgesetzt werden. Es scheint, dass unser Mitfühlen mit dem Leiden anderer Wesen erst dann offenkundig wird, wenn es in irgendeiner Weise im Hinblick auf die Erfahrung existentieller Bedrohung des eigenen Selbst ins Bewusstsein tritt. So werden schon seit Jahrzehnten Schweine, Rinder und Hühner in industrieller Massentierhaltung geschunden und Schlachttiere auf Transporten zu Tode gequält, aber erst als Rinderwahnsinn und Dioxin in Hühnereiern als Bedrohung für die eigene Gesundheit ins Blickfeld gerieten, zeigten sich ruckartig statistische Einbrüche in den Fleischverzehrskurven. Umweltprobleme werden erst dann zu echten Problemen, wenn die Gefährdungen sich nicht durch abstrakte Zahlen und den Hinweis auf die ferne Zukunft manifestieren, sondern wenn sie handfest durch die Sinnespforten auf das dann plötzlich sensible Selbst einwirken. Obwohl die schädlichen Einwirkungen von Kohlendioxid und Schadstoffemissionen der industriellen Produktion auf das globale Klima schon seit langem bekannt sind, regte sich massiver Handlungsdruck doch erst, als offensichtlich wurde, dass uns im wahrsten Sinne des Wortes die Luft auszugehen droht. Was sich dann äußerlich als Streit um Grenzwerte darbietet, ist letztlich eine Auseinandersetzung um die Art und Weise, wie wir leben wollen. Inzwischen hat die Umweltkrise eine Dimension erreicht, wo rein technische Lösungsvarianten und gesetzgeberisches Flickwerk, das der tatsächlichen Entwicklung zumeist weit hinterherhinkt, allesamt zu kurz greifen und zudem oft neue, unberechenbare Gefahrendimensionen heraufbeschwören. Stark gesunken ist das Vertrauen in die Künste der Gift-Alchimisten, die uns weismachen wollen, durch die gentechnische Produktion schadstoffverschlingender Superbakterien und Wunderorganismen die Umwelt wieder clean zu bekommen. Was nützen Fahrverbote zur Reduzierung des bodennahen Ozons, wenn Zahl und Stärke der Fahrzeuge keinerlei Kontrolle unterliegen? Angesichts der Komplexität und Bedrohlichkeit der Umweltgefahren dominieren vor allem die vier Reaktionsmuster des Verdrängens , des Verharmlosens , des geschäftigen Scheinhandelns und der Resignation . Nicht alle Umweltprobleme können nach den klassischen Regeln von Ursache und Schuld aufgeschlüsselt und therapiert werden. Die Verantwortungsstrukturen der modernen Gesellschaft sind so komplex geworden, dass es oft kaum noch möglich ist, dass Verbindungsgefüge zwischen einer Einzelhandlung in einem multi-kausalen Wirkgefüge, wie einem modernen Industriebetrieb, und ihren ökologischen Folgen, zum Beispiel im Hinblick auf Veränderungen der regionalen Umweltqualität trennscharf aufzudröseln. Wie Ulrich Beck feststellt, sind wir im Labyrinth “ beweisbarer Unbeweisbarkeiten ” gleich dem Werdegang von Herrn Josef K. in Franz Kafkas „ Der Prozess ” gefangen, in den uns das System der „ organisierten Unverantwortlichkeit ” gesperrt hat: „ Gefahren werden zu Risiken kleingerechnet, wegverglichen und als unwahrscheinliche 'Restrisiken' rechtlich und wissenschaftlich normalisiert, wodurch Proteste zu Ausbrüchen von 'Irrationalität' stigmatisiert werden können.”[30]
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