»Ach ja, dieser junge Mann«, murmelte Frau Juzeur und nahm Herrn Josserands Arm an. »Sie haben ihn also eingeladen? Ich habe ihn heute beim Concierge gesehen. Er sieht sehr gut aus.«
Frau Josserand nahm eben Trublots Arm, als Saturnin, der allein am Tisch zurückgeblieben war und den der ganze Radau um die zwanzig Francs nicht aus dem Schlaf geweckt hatte, in den er mit offenen Augen verfallen war, in einem jähen Wutanfall seinen Stuhl umwarf und schrie: »Ich will nicht, Himmelsakrament! Ich will nicht!«
Gerade dies befürchtete seine Mutter immer besonders. Sie gab ihrem Mann einen Wink, er möge Frau Juzeur wegführen. Dann machte sie sich los vom Arm Trublots, der begriff und verschwand; aber er mußte sich wohl irren, denn er flitzte hinter Adèle drein nach der Küche hin. Ohne sich um den übergeschnappten, wie sie ihn nannten, zu kümmern, feixten Bachelard und Gueulin in einer Ecke und versetzten einander Klapse.
»Er war ganz komisch, ich habe schon geahnt, daß heute abend so etwas kommt«, murmelte Frau Josserand ganz besorgt. »Komm schnell, Berthe!«
Aber Berthe zeigte Hortense gerade das Zwanzigfrancsstück.
Saturnin hatte ein Messer ergriffen. Er sagte ein um das andere Mal: »Himmelsakrament! Ich will nicht, denen werde ich den Bauch aufschlitzen!«
»Berthe!« rief die verzweifelte Stimme der Mutter.
Und als Berthe herbeieilte, hatte sie gerade noch Zeit, Saturnin bei der Hand zu packen, damit er nicht in den Salon ging. In Zorn geraten, schüttelte sie ihn, während er ihr mit seiner Verrücktenlogik alles auseinandersetzte.
»Laß mich nur machen, sie müssen dran glauben ... Es ist besser, sage ich dir ... Ihre schmutzigen Geschichten habe ich satt. Die verraten uns alle.«
»Das ist ja nicht zum Aushalten!« schrie Berthe. »Was hast du denn? Was schwatzt du da?«
Von einer dumpfen Wut getrieben, sah er sie verstört an und stammelte: »Man will dich schon wieder unter die Haube bringen ... Niemals, hörst du! Ich will nicht, daß man dir was zuleide tut.«
Das junge Mädchen konnte nicht umhin zu lachen. Wo habe er das denn her, daß man sie unter die Haube bringen wolle?
Aber er nickte: er wußte es, er fühlte es.
Und als seine Mutter eingriff, um ihn zu beruhigen, faßte er das Messer so fest, daß sie zurückwich. Sie zitterte indessen, daß dieser Auftritt zu hören sein könnte; schnell sagte sie zu Berthe, sie solle ihn wegbringen und ihn in sein Zimmer einschließen, während er, immer närrischer werdend, die Stimme erhob.
»Ich will nicht, daß man dich unter die Haube bringt, ich will nicht, daß man dir was zuleide tut ... Wenn man dich unter die Haube bringt, schlitze ich ihnen den Bauch auf.«
Da legte ihm Berthe die Hände auf die Schultern und sah ihn starr an.
»Hör mal«, sagte sie, »verhalte dich ruhig, oder ich hab dich nicht mehr lieb.«
Er schwankte, ein Ausdruck der Verzweiflung ließ sein Gesicht weich werden, seine Augen füllten sich mit Tränen.
»Du hast mich nicht mehr lieb, du hast mich nicht mehr lieb ... Sag das nicht. O bitte, sag, daß du mich noch liebhast, sag, daß du mich immer liebhaben wirst und daß du nie einen anderen liebhaben wirst.«
Sie hatte ihn beim Handgelenk ergriffen und führte ihn weg; er war folgsam wie ein Kind.
Im Salon nannte Frau Josserand, ihre Vertraulichkeit übertreibend, Campardon ihren lieben Nachbarn. Warum habe Frau Campardon ihr nicht die große Freude bereitet mitzukommen? Und auf die Antwort des Architekten hin, seine Frau sei stets ein wenig leidend, erhob sie laut Einspruch; man hätte sie auch in Morgenrock und Pantoffeln empfangen, sagte sie. Aber ihr Lächeln ließ Octave, der mit Herrn Josserand plauderte, nicht los; alle ihre Liebenswürdigkeiten waren, über Campardons Schulter hinweg, an ihn gerichtet. Als ihr Gatte ihr den jungen Mann vorstellte, legte sie eine so lebhafte Herzlichkeit an den Tag, daß er in Verlegenheit geriet.
Es trafen Gäste ein, beleibte Mütter mit mageren Töchtern, aus dem Büroschlaf nicht richtig erwachte Väter und Onkel, die Herden heiratsfähiger Töchter vor sich her trieben. Zwei mit rosa Papier verhüllte Lampen tauchten den Salon in Dämmerlicht, und darin ertranken die schäbigen alten Möbel mit ihrem gelben Samt, das Klavier mit der stumpf gewordenen Politur, die drei verräucherten Schweizer Ansichten, die schwarze Flecken auf die kalte Nacktheit der in Weiß und Gold gehaltenen Fächer der Wandtäfelung setzten. Und in dieser geizigen Helligkeit traten die Gäste in den Hintergrund, ärmliche und gleichsam abgenutzte Gestalten mit Toiletten, die man mühselig ausstaffiert hatte, ohne sich deshalb in sein Schicksal zu ergeben. Frau Josserand trug ihr feuerrotes Kleid vom Vorabend; allein um die Leute irrezuführen, hatte sie den Tag damit verbracht, Ärmel an das Mieder zu nähen und sich einen Spitzenumhang anzufertigen, um ihre Schultern zu verdecken, während ihre Töchter in schmutziger Unterjacke neben ihr wütend die Nadel hin und her gezogen und ihre einzigen Toiletten, die sie seit dem vorigen Winter so Stück für Stück änderten, mit neuen Garnituren aufgefrischt hatten.
Nach jedem Anschlagen der Glocke kam Geflüster aus der Diele. Man plauderte leise in dem düsteren Raum, in den das gezwungene Lachen einer jungen Dame dann und wann einen falschen Ton hineinbrachte. Hinter der kleinen Frau Juzeur stießen Bachelard und Gueulin einander mit dem Ellbogen an, wobei sie Unanständigkeiten vom Stapel ließen; und Frau Josserand paßte mit beunruhigten Blicken auf die beiden auf, denn sie fürchtete, daß ihr Bruder sich vorbeibenehmen könnte. Aber Frau Juzeur konnte alles hören; ihre Lippen bebten leise, sie lächelte mit engelhafter Sanftmut über die schlüpfrigen Geschichten. Onkel Bachelard stand in dem Ruf, ein gefährlicher Mann zu sein. Sein Neffe hingegen war keusch. So schön die Gelegenheiten auch sein mochten, Gueulin lehnte die Frauen aus theoretischen Gründen ab, nicht etwa weil er sie verachtete, sondern weil er das fürchtete, was auf das Glück folgte: immer Scherereien, pflegte er zu sagen.
Endlich tauchte Berthe auf. Sie ging rasch auf ihre Mutter zu.
»Oje, hat das Mühe gekostet!« flüsterte sie ihr ins Ohr. »Er wollte nicht schlafen gehen, ich habe ihn eingesperrt und zweimal abgeschlossen ... Aber ich habe Angst, er schlägt da drin alles kaputt.«
Frau Josserand zupfte sie heftig am Kleid.
Octave, der in ihrer Nähe stand, hatte soeben den Kopf gewandt.
»Meine Tochter Berthe, Herr Mouret«, sagte sie mit ihrer holdesten Miene und stellte sie ihm vor. »Herr Octave Mouret, mein Liebes.« Und sie blickte ihre Tochter an.
Die kannte diesen Blick gut, der gleichsam ein Gefechtsbefehl war und in dem sie die Lehren vom vergangenen Abend wiederfand. Sogleich gehorchte sie mit der Willfährigkeit und Gleichgültigkeit einer Tochter, die sich nicht mehr um den Bart des Freiers zu scheren pflegt. Sie sagte ihre kurze Rolle ganz hübsch her, hatte die leichte Anmut einer bereits müden und in allen Themen bewanderten Pariserin, sprach mit Begeisterung vom Süden, wo sie niemals hingekommen war.
An das steife Benehmen der unschuldigen Mädchen aus der Provinz gewöhnt, war Octave entzückt von diesem Geschnatter eines kleinen Frauchens, das sich kameradschaftlich anvertraute.
Aber Trublot, der seit dem Ende der Mahlzeit verschwunden war, kam verstohlenen Schrittes zur Tür des Eßzimmers herein; und Berthe, die ihn bemerkt hatte, fragte ihn unbesonnenerweise, wo er herkäme. Er schwieg sich aus, sie stand betreten da; um sich aus der Verlegenheit zu helfen, stellte sie dann die beiden jungen Leute einander vor.
Ihre Mutter hatte sie nicht aus den Augen gelassen, von nun an nahm sie die Haltung eines kommandierenden Generals an, leitete die Angelegenheit von dem Sessel aus, in den sie sich gesetzt hatte. Als sie meinte, die erste Plänkelei habe ein befriedigendes Ergebnis gezeitigt, rief sie ihre Tochter mit einem Wink zurück und sagte leise zu ihr: »Warte mit deinem Musizieren, bis Vabres da sind ... Und spiele laut!«
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