Octave war mit Trublot allein geblieben und suchte diesen auszufragen.
»Eine reizende Person.«
»Ja, nicht übel.«
»Das Fräulein in Blau ist ihre ältere Schwester, nicht wahr? Sie sieht nicht so gut aus.«
»Bei Gott! Sie ist mager!«
Trublot, der mit seinen kurzsichtigen Augen hinschaute, ohne etwas sehen zu können, hatte die Bulligkeit eines kräftigen, in seine Geschmacksrichtung verrannten Mannestieres. Er war befriedigt zurückgekommen und knabberte schwarze Dinger, in denen Octave zu seiner Überraschung Kaffeebohnen erkannte.
»Sagen Sie mal«, fragte Trublot unvermittelt, »im Süden sind die Frauen wohl fett?«
Octave lächelte und stand sich sogleich bestens mit Trublot. Beiden gemeinsame Ansichten brachten sie einander näher. Auf einem abseits stehenden Kanapee tauschten sie Vertraulichkeiten: der eine sprach von seiner Chefin aus dem »Paradies der Damen«, von Frau Hédouin, einer verdammt schönen, aber zu kalten Frau; der andere sagte, er sei bei seinem Börsenmakler, Herrn Desmarquay, von neun bis fünf in die Korrespondenzabteilung gesteckt worden, und dort bei seinem Chef sei ein fabelhaftes Dienstmädchen.
Unterdessen hatte sich die Tür des Salons geöffnet, drei Leute kamen herein.
»Das sind Vabres«, flüsterte Trublot und beugte sich zu seinem neuen Freund hinüber. »Auguste, der große, der ein Gesicht wie ein kranker Hammel hat, ist der älteste Sohn des Hausbesitzers: dreiunddreißig Jahre alt, dauernd Kopfschmerzen, die ihm die Augen hinaustreiben und die ihn einst daran gehindert haben, weiter Latein zu lernen; ein mürrischer Bursche, der Kaufmann geworden ist ... Der andere Théophile, diese gelbhaarige Mißgeburt mit dem schütteren Bart, dieser kleine achtundzwanzigjährige Greis, der von Husten- und Wutanfällen geschüttelt wird, hat es mit einem Dutzend Berufen versucht, hat dann Madame Valérie geheiratet, die junge Frau, die vorausgeht ...«
»Ich habe sie schon gesehen«, fiel Octave ein. »Sie ist die Tochter eines Kurzwarenhändlers aus dem Viertel, nicht wahr? Wie diese kleinen Schleier doch täuschen können! Sie war mir hübsch vorgekommen ... Dabei sieht sie nur sonderbar aus mit ihrem verkrampften Gesicht und dem bleifarbenen Teint.«
»Auch so eine, die nicht mein Traum ist«, meinte Trublot. »Sie hat prächtige Augen, es gibt Männer, denen das genügt ... Oje, ist die mager!«
Frau Josserand hatte sich erhoben, um Valérie die Hände zu drücken.
»Wie!« rief sie. »Herr Vabre ist nicht mitgekommen? Und auch Herr und Frau Duveyrier haben uns nicht mit ihrem Besuch beehrt? Sie hatten uns doch zugesagt. Oh, das ist aber sehr schlimm!«
Die junge Frau entschuldigte ihren Schwiegervater, den sein Alter in seiner Wohnung zurückhalte und der im übrigen abends lieber arbeite. Was ihren Schwager und ihre Schwägerin angehe, so hätten sie ihr aufgetragen, für sie um Entschuldigung zu bitten, da sie eine Einladung zu einer offiziellen Abendgesellschaft erhalten hätten, von deren Besuch sie nicht Abstand nehmen könnten.
Frau Josserand kniff die Lippen zusammen. Sie versäumte keinen einzigen Sonnabendempfang bei diesen Angebern aus dem ersten Stock, die geglaubt hätten, sie würden sich was vergeben, wenn sie an einem Dienstag in den vierten Stock hinaufgestiegen wären. Ihre bescheidene Teegesellschaft war freilich nicht so viel wert wie deren Konzerte mit großem Orchester. Aber nur Geduld! Wenn ihre beiden Töchter erst verheiratet waren und sie zwei Schwiegersöhne mit deren Familien hatte, um ihren Salon zu füllen, würde auch sie Chöre singen lassen.
»Halte dich bereit«, flüsterte sie Berthe ins Ohr.
Es waren etwa dreißig Personen anwesend, die sich ziemlich drängten, denn der den Töchtern des Hauses als Zimmer dienende kleine Salon wurde nicht geöffnet. Die Neuankömmlinge tauschten Händedrücke mit den Anwesenden aus. Valérie hatte sich neben Frau Juzeur gesetzt, während Bachelard und Gueulin ganz laut abfällige Bemerkungen über Théophile Vabre machten, den sie einen »Taugenichts« nannten, was sie komisch fanden. In einem Winkel saß Herr Josserand, der zu Hause so sehr in den Hintergrund trat, daß man ihn für einen Gast hätte halten können und man ihn stets suchte, selbst wenn er vor einem stand, und lauschte bestürzt einer Geschichte, die einer seiner alten Freunde erzählte: Bonnaud, er kenne doch Bonnaud, den ehemaligen Chef der Buchhaltungsabteilung bei der Nordbahn, der, dessen Tochter sich im vergangenen Frühjahr verheiratet habe? Also Bonnaud habe vor kurzem entdeckt, daß sein Schwiegersohn, ein sehr gut aussehender Mann, ein ehemaliger Clown sei, der zehn Jahre lang von einer Kunstreiterin ausgehalten worden sei.
»Still, still!« murmelten eifrige Stimmen.
Berthe hatte das Klavier geöffnet.
»Mein Gott«, erläuterte Frau Josserand, »es ist ein anspruchsloses Stück, eine einfache Träumerei ... Herr Mouret, Sie lieben doch Musik, nehme ich an. Treten Sie doch näher ... Meine Tochter spielt es ziemlich gut, oh, bloß als Dilettantin, aber mit Seele, ja, mit viel Seele.«
»Jetzt hat sie ihn geschnappt!« sagte Trublot leise. »Der Dreh mit der Sonate.«
Octave mußte sich erheben und stand jetzt in der Nähe des Klaviers. Wenn man die einschmeichelnde Zuvorkommenheit sah, mit der Frau Josserand ihn umgab, so schien es, als lasse sie Berthe einzig und allein für ihn spielen.
»›An den Ufern der Oise‹«, erklärte sie. »Es ist wirklich hübsch ... Nun, wohlan, mein Liebling, und sei nicht aufgeregt. Herr Mouret wird nachsichtig sein.«
Das junge Mädchen fing ohne, jede Aufregung an, das Stück zu spielen. Im übrigen ließ ihre Mutter sie nicht mehr aus den Augen, sie sah dabei aus wie ein Unteroffizier, der bereit ist, einen Verstoß gegen die Dienstvorschrift mit einer Ohrfeige zu ahnden. Sie war verzweifelt, daß das durch fünfzehn Jahre tägliches Tonleiterüben kurzatmig gewordene Instrument nicht die Klangfülle vom großen Flügel der Familie Duveyrier hatte; und ihrer Meinung nach spielte ihre Tochter niemals laut genug.
Schon beim zehnten Takt hörte Octave, der eine andächtige Miene aufsetzte und bei den Bravourläufen mit dem Kinn wackelte, nicht mehr hin. Er betrachtete die Zuhörer, die höflich zerstreute Aufmerksamkeit der Herren und das gekünstelte Entzücken der Damen, jene ganze Abspannung, wie sie Leute empfinden, die wieder sich selbst überlassen sind, die wieder von den tagtäglichen Sorgen erfaßt werden, deren Schatten in ihre müden Gesichter steigt. Mit weit aufgerissenem Mund und blutdürstig fletschenden Zähnen träumten Mütter in einem unbewußten Sichgehenlassen sichtlich davon, daß sie ihre Töchter unter die Haube brächten; das war die Sucht in diesem Salon, eine rasende Gier nach Schwiegersöhnen, die diese Spießbürgerinnen bei den asthmatischen Klängen des Klaviers verzehrte. Die Töchter, die sehr müde waren, schliefen ein, hatten den Kopf zwischen die Schultern eingezogen und vergaßen, sich gerade zu halten. Octave, der eine Geringschätzung für junge Mädchen hegte, interessierte sich noch mehr für Valérie; sie war entschieden häßlich in ihrem merkwürdigen, mit schwarzem Atlas besetzten gelben Seidenkleid; und unruhig, trotz allem verlockt, kam er immer wieder auf sie zurück, während sie mit unstet umherirrenden Augen, durch die schrille Musik gereizt, das verzerrte Lächeln einer Kranken aufsetzte.
Aber eine Katastrophe trat ein. Es hatte geklingelt, ein Herr kam ohne jede Behutsamkeit herein.
»Oh, Herr Doktor!« sagte Frau Josserand mit zorniger Stimme.
Doktor Juillerat machte eine entschuldigende Handbewegung und blieb an Ort und Stelle stehen.
In diesem Augenblick hob Berthe mit langsamer werdendem und ersterbendem Anschlag eine kleine Phrase hervor, die von der Gesellschaft mit beifälligem Gemurmel begrüßt wurde. Ah, entzückend! Köstlich! Frau Juzeur verging vor Wonne, fühlte sich gleichsam gekitzelt. Hortense, die neben ihrer Schwester stand und die Seiten umblätterte, verharrte störrisch im prasselnden Regen der Töne und lauschte angestrengt auf das Geläute der Türglocke; und als der Doktor eingetreten war, hatte sie vor Enttäuschung eine so heftige Handbewegung gemacht, daß sie soeben eine Seite auf dem Notenhalter zerrissen hatte. Aber jäh erzitterte das Klavier unter Berthes zerbrechlichen Händen, die wie Hämmer drauflosschlugen: es war das Ende der Träumerei in einem betäubenden Getöse wütender Akkorde.
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