Unterdessen blickte Trublot als schweigsamer Bursche, der sich seine Vergnügungen allein zu verschaffen pflegte, Adèle nach, während diese schwerfällig hinter den Gästen hin und her ging. Er war sehr kurzsichtig, und so wie er sie sah, war sie hübsch mit ihren ausgeprägten Zügen einer Bretonin und ihrem Haar, das eine Farbe hatte wie schmutziger Hanf. Gerade als sie den Braten auftrug, ein in der Kasserolle geschmortes Stück Kalbfleisch, legte sie sich halb über seine Schulter, um die Mitte des Tisches erreichen zu können; und während er so tat, als wolle er seine Serviette aufheben, kniff er sie kräftig in die Wade. Das Dienstmädchen schaute ihn verständnislos an, als hätte er sie um Brot gebeten.
»Was gibtʼs?« fragte Frau Josserand. »Hat sie Sie gestoßen, Herr Trublot? Oh, dieses Mädchen! Sie ist von einer Ungeschicklichkeit! Aber das ist nun mal nicht anders. Die ist noch ganz neu, die muß erst herangebildet werden.«
»Allerdings; es ist weiter nicht schlimm«, erwiderte Trublot, der seinen starken, schwarzen Bart mit der Gelassenheit eines jungen indischen Gottes kraulte.
Die Unterhaltung wurde lebhafter in diesem Eßzimmer, das zuerst eisig war und nach und nach vom Geruch der Speisen erwärmt wurde.
Frau Juzeur vertraute Herrn Josserand wieder einmal die Traurigkeiten ihres dreißigjährigen einsamen Lebens an. Sie hob die Augen gen Himmel, sie begnügte sich mit der folgenden taktvollen Anspielung auf das Drama ihres Lebens: ihr Mann habe sie nach zehntägiger Ehe verlassen, und niemand wisse warum; weiter sage sie nichts darüber. Jetzt lebe sie allein in einer stets verschlossenen Wohnung, die daunenhaft wohlig sei und die nur Priester beträten.
»Das ist so traurig in meinem Alter!« murmelte sie schmachtend, während sie mit zierlichen Gebärden ihr Kalbfleisch aß.
»Ein recht unglückliches Frauchen«, raunte Frau Josserand mit einer Miene tiefen Mitgefühls Trublot ins Ohr.
Aber Trublot warf gleichgültige Blicke auf diese Frömmlerin mit den hellen Augen, die voller Vorbe halte und Hintergedanken steckte. Das war nicht sein Geschmack.
Es entstand eine Panik. Saturnin, auf den Berthe nicht mehr aufpaßte, da sie allzusehr mit ihrem Onkel beschäftigt war, vergnügte sich mit seinem Fleisch, das er in kleine Stückchen zerschnitt und daraus auf seinem Teller Muster zusammenlegte. Dieses arme Geschöpf brachte seine Mutter, die Angst vor ihm hatte und sich seiner schämte, zur Verzweiflung; sie wußte nicht, wie sie ihn loswerden sollte, wagte aus Eigenliebe nicht, einen Arbeiter aus ihm werden zu lassen, nachdem sie ihn seinen Schwestern geopfert hatte, indem sie ihn aus einem Internat herausnahm, wo sein eingeschlafener Verstand allzu langsam erwachte; und all die Jahre hindurch, die er unnütz und beschränkt im Haus umherschlich, stand sie tausend Ängste aus, wenn sie ihn in Gesellschaft vorführen sollte. Ihr Stolz blutete.
»Saturnin!« rief sie.
Aber glücklich über den Matsch auf seinem Teller, fing Saturnin an, höhnisch zu grinsen. Er hatte keinen Respekt vor seiner Mutter, schimpfte sie mit der Scharfsichtigkeit von Verrückten, die laut denken, freiheraus eine grobe Lügnerin und ein zänkisches Weib. Sicher hätten die Dinge eine schlimme Wendung genommen, er hätte ihr den Teller an den Kopf geworfen, wenn Berthe, die wieder an ihre Rolle dachte, ihn nicht starr angesehen hätte. Er wollte Widerstand leisten; dann erloschen seine Augen, er blieb bis zum Ende der Mahlzeit düster und schlapp, wie in einem Traum, auf seinem Stuhl sitzen.
»Hoffentlich haben Sie Ihre Flöte mitgebracht, Gueulin?« fragte Frau Josserand, die das Unbehagen ihrer Gäste zu zerstreuen suchte.
Gueulin spielte aus Liebhaberei Flöte, aber einzig und allein in Häusern, wo er sich behaglich fühlte.
»Mein Flöte, gewiß«, erwiderte er.
Er war zerstreut, sein rotes Haar und sein roter Backenbart waren noch struppiger als sonst; was die jungen Damen da mit ihrem Onkel anstellten, erregte sein höchstes Interesse. Er war bei einer Versicherungsgesellschaft angestellt, und gleich nach Büroschluß pflegte er Bachelard aufzusuchen und ihn nicht mehr zu verlassen, während er in seinem Gefolge dieselben Cafés und dieselben verrufenen Orte abklapperte. Hinter dem großen schlotterigen Körper des einen konnte man stets mit Sicherheit die fahle kleine Gestalt des anderen erblicken.
»Feste! Lassen Sie ihn nicht los!« sagte er unvermittelt wie ein Mann, der die Schläge beurteilt.
Der Onkel verlor in der Tat den Boden unter den Füßen. Als Adèle nach dem Gemüse, wäßrigen grünen Bohnen, Vanille- und Johannisbeereis auftrug, entstand unverhoffte Freude rings um die Tafel; und die Töchter des Hauses mißbrauchten die Situation, um ihren Onkel die Hälfte der Flasche Champagner trinken zu lassen, für die Frau Josserand bei einem benachbarten Kolonialwarenhändler drei Francs bezahlte. Der Onkel wurde zärtlich, er vergaß seine Schwachsinnskomödie.
»Zwanzig Francs, he! Weshalb zwanzig Francs? Ach, ihr wollt zwanzig Francs! Aber ich habe doch wahrhaftig keine. Fragt Gueulin. Nicht wahr, Gueulin, ich habe meine Börse vergessen, du hast im Café bezahlen müssen ... Wenn ich das Geld hätte, meine Kätzchen, würde ich es euch ja geben, ihr seid doch zu niedlich.«
Gueulin mit seiner kalten Miene lachte mit dem Kreischen eines schlecht geschmierten Flaschenzugs. Und er murmelte: »Dieser alte Gauner!« Dann ließ er sich mit einemmal hinreißen und rief: »Durchsuchen Sie ihn doch!«
Da stürzten sich Hortense und Berthe erneut ohne jede Zurückhaltung auf den Onkel. Das Gelüst auf die zwanzig Francs, das von ihrer guten Erziehung im Zaum gehalten wurde, machte sie schließlich toll; und sie ließen alle Rücksicht fahren. Die eine untersuchte mit beiden Händen die Westentaschen, während die andere die Finger bis zum Handgelenk in die Taschen des Überrocks versenkte.
Jedoch der Onkel kämpfte, hintenübergeworfen, noch immer; aber ihn packte das Lachen, ein von den Rülpsern des Rausches zerschnittenes Lachen.
»Ehrenwort! Ich habe nicht einen Sou ... Hört doch auf, ihr kitzelt mich ja!«
»In der Hose!« rief Gueulin energisch, den dieses Spiel erregte.
Und kurz entschlossen wühlte Berthe in der einen Hosentasche herum. Die Hände der Mädchen bebten, sie wurden beide brutal, sie hätten den Onkel noch geohrfeigt. Aber Berthe stieß einen Siegesschrei aus: aus der Tiefe der Tasche holte sie eine Handvoll Kleingeld hervor, das sie auf einen Teller streute; und dort lag in einem Haufen von Zweisousstücken und einigen Silbermünzen ein Zwanzigfrancsstück.
»Ich habʼs!« sagte sie, während sie über und über rot und mit aufgelöstem Haar das Stück in die Luft warf und wieder auffing.
Die ganze Tischgesellschaft klatschte in die Hände, fand das sehr drollig. Es entstand Getöse, das war die Fröhlichkeit des Abendessens. Frau Josserand betrachtete ihre Töchter mit dem Lächeln einer gerührten Mutter. Der Onkel, der sein Kleingeld wieder einsammelte, sagte mit lehrhafter Miene, wenn man zwanzig Francs haben wolle, dann müsse man sie verdienen. Und zu seiner Rechten und Linken schnauften müde und befriedigt die Töchter des Hauses mit noch bebenden Lippen und waren ganz entkräftet von ihrer Begierde.
Es ertönte ein Glockenschlag. Man hatte langsam gegessen, die Gäste trafen bereits ein. Herr Josserand, der beschlossen hatte, ebenfalls wie seine Frau zu lachen, pflegte bei Tisch gern etwas von Béranger14 vorzusingen; aber seine Frau, deren poetischen Geschmack er verletzte, gebot ihm Schweigen. Sie beschleunigte den Nachtisch, zumal der Onkel, der mißmutig geworden war, seit man ihm das Geschenk von zwanzig Francs abgenötigt hatte, Streit suchte, indem er sich beklagte, sein Neffe Léon habe nicht einmal geruht, sich herzubemühen und ihm zum Namenstag Glück zu wünschen. Léon sollte erst zur Abendgesellschaft kommen. Als man sich endlich erhob, sagte Adèle, der Architekt von unten und ein junger Mann seien gekommen und befänden sich im Salon.
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