Zum Zeitpunkt des Unfalls hatte er von Melodys Ärzten recht anschaulich erfahren, wie die Narben aussehen würden und was ihm noch wichtiger war, was durch plastische Chirurgie rekonstruiert werden konnte und was nicht. Und obwohl ihn der Gedanke an die Narben auch heute noch abstieß, musste er zugeben, dass ihr Körper das Versprechen seiner Jugend erfüllt hatte.
Mit fünf Fuß sechs war Melody die kleinste im Raum, aber sie machte ihren Mangel an Größe mit einem fast perfekten Körper mehr als wett. Ihre langen, glänzendroten Haare fielen ihr wie ein Wasserfall fast bis zur Taille. Ihr Gesicht war als klassisch schön zu bezeichnen und ihre katzenhaften Augen deuteten in ihrer grüngoldenen Intensität und Form, auf ein tiefes unberührtes, leidenschaftliches Naturell hin. Im Gegensatz zu all den magersüchtigen Frauen ähnelte sie einem › Peter Paul Rubens-Gemälde ‹. Sie war eine prachtvolle Frau mit vollen Brüsten, schmaler Taille und göttlich abgerundeten, gebärfreudigen Hüften – eine Frau, der Gott alles geschenkt hatte, um sie zu einer liebreizenden Erscheinung zu machen.
Stuart spürte einen schmerzhaften Schlag in seinem Unterleib, als er feststellte, dass er sie immer noch begehrte. Für ihn repräsentierte sie so viele Dinge, und nicht nur seine ehemalige Verlobte. Sie war seine feste Verbindung zur Familie und zur Show gewesen. Und jetzt, wo sie ausgezeichnete Verbindungen in die Filmwelt hatte, wäre sie noch sehr viel wertvoller für ihn geworden. Auch ihre neuentdeckte Reife und das Selbstvertrauen, von dem sie nie etwas gezeigt hatte, als er sie zum letzten Mal sah, faszinierten ihn. Dennoch konnte er sich nicht helfen. Er traute ihr nicht und hätte sich nicht einmal darüber gewundert, wenn sie hier allen etwas vormachte. Vielleicht war sie noch immer wütend darüber, wie er und ihre Familie sie behandelt hatten und plante eine Art von Rachefeldzug.
»Setz' dich, Stuart, damit wir anfangen können!«, brachte ihn Owens Stimme mit einem Ruck in die Gegenwart zurück. »Wir wollen Melodys Ideen hören.«
Unbeholfen schritt Stuart zu seinem Stuhl.
»Ich weiß nicht genau, wer unsere Vorstellungen präsentieren soll«, fuhr Owen an Melody gewandt fort. »Traditionell wären es Georg und Richard, unsere ausführenden Produzenten, und natürlich Robert, auf dessen Schultern jetzt der Großteil der verantwortlichen Leitung liegt. Es wäre wohl an ihm, dir den Handlungsstrang vorzustellen und den Deal abzuschließen … Aber ich möchte zuvor einräumen, dass es von Anfang an meine Idee war, … und wenn du auf jemanden böse sein willst, sollte das wohl ich sein.« Erwartungsvoll hielt er inne, sah seiner Frau in die Augen und wandte sich dann wieder seiner Tochter zu. »Ich bin mir nicht sicher, ob wir Familie und Geschäft wirklich voneinander trennen können, wie es wahrscheinlich richtig wäre, aber ich möchte, dass du dauerhaft zur Show zurückkehrst.« Er hob abwehrend seine Hände, als es darauf ein tumultartiges Stimmengewirr aufkam. »Lasst mich doch erst einmal aussprechen! … Du musst wissen, dass wir uns nicht einig waren, als es darum ging, dich zu bitten, wieder zurückzukommen, Melody. Ich denke nicht, dass wir uns mit der Vergangenheit beschäftigten sollten, aber deine Mutter und ich wollen dich zurück. Und wir wollen, dass du das weißt, ehe es hier weitergeht.«
Melody war fassungslos.
Für einen Augenblick herrschte absolute Stille im Konferenzraum.
Es fiel ihr schwer zu verarbeiten, was ihr Vater da gerade angekündigt hatte, und konnte an einigen verblüfften Gesichtern erkennen, dass dies keineswegs dem ursprünglichen Plan entsprang. Es war offensichtlich, dass er ihnen damit einen Strich durch die Rechnung machte und abwarten wollte, wie es sich weiterentwickelte.
Sie holte tief Luft und ließ sie langsam durch ihre leicht gespitzten Lippen heraus, während sie ihre Gedanken sammelte und Gefühle ordnete. Für einen Moment fühlte es sich für sie an, als sei sie einen Marathon gelaufen, so sprachlos machten sie seine Worte. Die ganze Situation verlief nicht so, wie sie sie sich ursprünglich ausgemalt hatte. Sie schloss kurz die Augen und wünschte sich Ryan an ihre Seite. Die Empfindungen, die gerade ihren Körper durchströmten, waren kaum zu verkraften und erstaunten sie. Allein an Ryan zu denken ließ sie lächeln und machte es ihr leichter ihre durcheinander geratenen Gedanken zu sortieren.
»Daddy …« Unbewusst war sie zu dieser Anrede zurückgekehrt, die sie seit ihrem achten oder neunten Lebensjahr nicht mehr gewählt hatte. Sie sah, wie sich seine braunen Augen augenblicklich mit Tränen füllten, legte ihre behandschuhte Hand auf die seinen, die geballt auf dem Tisch lagen. »Du hast mich mehr als überrascht, und ich muss gestehen, dass ich dich und alle hier niedermachen wollte! … Nein, lass' mich bitte ausreden …«, bat sie ihn, als er sich anschickte sie zu unterbrechen. »Zwischen uns ist viel geschehen und es sind neun Jahre vergangen. Ich werde meine Meinung noch einmal ändern … Das ist ja wohl das Vorrecht einer erwachsenen Frau, richtig, Mom?« Sie grinste ihre zustimmend nickende Mutter an. »Also werde ich nicht um den heißen Brei herumreden! Ich verstehe, dass die Show einen Aufschwung braucht. Gut. Ich werde für die ursprünglich vorgeschlagenen zwölf Wochen zurücckommen.« Sie wandte sich an ihre Agentin. »Mir ist klar, dass du um die Details feilschen willst, Maisie, aber das Geld steht augenblicklich im Hintergrund. Das kannst du im Anschluss regeln. Aber, und ich betone das ausdrücklich: Es ist nur für diese zwölf Wochen!« Als sie den Ausdruck ihres Onkels Richard bemerkte, fügte sie hinzu: »Und ich werde zum üblichen Tarif arbeiten …«
»Du bist völlig verrückt, Melody!«, unterbrach Maisie sie sanft. »Du bist eine mehrfach ausgezeichnete Preisträgerin und kannst deine Dienste nicht einfach für eine Seifenoper verschleudern!«
»Du solltest mich besser kennen, meine Liebe.« Melody lächelte ihre langjährige Freundin an. »Natürlich zahle ich dir deine volle Provision«, fügte sie scherzhaft hinzu.
»Es geht nicht um die Provision, Melody«, widersprach ihre Agentin. »Ich habe bei dieser Sache einfach ein schlechtes Gefühl!«
»Ich weiß, dass es dir nicht darum geht. Aber du bekommst sie trotzdem«, erwiderte Melody. »So haben wir es immer gehalten. Außerdem habe ich vorher schon für sehr viel weniger gearbeitet, und ich bin mir sicher, dass ich es wieder tun werde, wenn mich ein Filmdrehbuch richtig anspricht. Aber wenn ich damit dazu beitrage, dass deine beiden wildgewordenen Söhne weiterhin an dieser Privatschule bleiben können, dann soll das so sein. Ich möchte auch dieses Jahr wieder zum Elterntag eingeladen werden, hörst du? Schließlich habe ich jedesmal so viel Spaß dabei …« Sie verstummte und schaute in die Runde. »Und nun genug von diesem Thema! … Maisie und Onkel Richard besprechen die verbleibenden Details. Ich bestehe nicht darauf, die Skripts zu genehmigen. Ihr könnt mich in diesen zwölf Wochen auf jede bekannte, grausame Art und Weise töten, die euch gefällt. Aber ich werde mich nicht überreden lassen auch nur einen Tag länger zu bleiben! … Ich bin andere Verpflichtungen eingegangen und werde niemanden im Stich lassen. Bis zu meinem nächsten Filmdreh ist es eh noch ein Vierteljahr hin. Es scheint also vorbestimmt zu sein.« Sie nahm einen Schluck Wasser zu sich, als die Gespräche um sie herum wiederaufkamen. Dabei waren ihr die hier und da geflüsterten Kommentare nicht entgangen.
»Sie hat ja vielleicht Nerven! Tut so, als wäre sie hier die langersehnte Königin und behauptet, dass ihr Geld nichts bedeutet …«
»Wir könnten noch heute die erforderlichen Korrekturen am Skript vornehmen. Ich gehe jetzt nach Hause, damit Cathrine herkommen kann, damit sie mit den anderen Autoren so schnell wie möglich den Rohentwurf verfassen kann …«
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