Wie wundervoll hätte doch alles sein können ohne dieses verdammte Miststück! Es war zum Auswachsen! Wie vermochte er seinen Arbeitstag so oft zu verlängern, ohne sich die geringsten Gedanken ob der Glaubhaftigkeit der Ausflüchte gegenüber seiner Frau zu machen? Vor allem aber, wie konnte er so naiv sein, nicht zu sehen, was um ihn herum geschah? Ständig scharwenzelte dieser widerliche Lucas Hövelmann aus der Nachbarabteilung um ‚seine Mako‘ herum und selbst dessen Chef nannte sie mitunter sein ‚süßes Schneckchen‘. Verwunderte ihn nicht, wieso dieser Trottel von Systemtechniker auffallend lange unter ihrem Tisch hockte und an ihrem Tower nach einer Problemlösung suchte, während sie Solitär spielend die Beine auffallend weit auseinander stellte?
Das war doch alles offensichtlich! Nein, er konnte diese Tusse nicht lieben, das war unmöglich und allein nur ihren körperlichen Reizen zu verfallen, erschien kaum wahrscheinlich. Es musste etwas anderes geben, was ihn an seinem ‚Hasenfratz‘, wie er sie albernerweise nannte, faszinierte. Und während er nicht müde wurde, ihr neue Kosenamen zu geben, blieb sie für ihn Kollegin Ritter, die unscheinbare Assistentin, mit der man hin und wieder ein nüchtern-sachliches Gespräch führt. Das war schon sehr ernüchternd. Kein Wunder, dass ihr Hass auf ihre Rivalin wuchs und sich bald in allerlei absurden Phantasien entlud.
Wie wäre es mit einem kleinen Unfall? In der Tat hatte Carola schon darüber nachgedacht und einen Stoß in den Rücken kurz vor der einfahrenden U-Bahn in Erwägung gezogen. So aus dem Gedränge heraus könnte es unbemerkt bleiben. Ebenso wäre die Verabreichung eines gewissen Medikamentes denkbar, das über einen längeren Zeitraum schlimme Folgen bewirkt. Darin kannte sie sich aus, nicht zuletzt aufgrund der eigenen Medikamentensucht. Doch immer wieder zögerte sie, zumal es auch hoffnungsvolle Zeichen gab.
Denn während er sich in Makos Beisein niemals verstimmt zeigte, änderte sich das bei ihrer Abwesenheit. Dann wurde er manchmal ganz melancholisch und redete sogar mit einem gewissen Respekt von seiner Frau, als bedauere er, ihr so etwas anzutun. Schon deshalb fühlte sich Carola versucht, ihm endlich die Augen zu öffnen, mit welchem Früchtchen er sich umgab.
Und eine solche Gelegenheit ergab sich tatsächlich bald. Wie es der Zufall wollte, gab es an diesem Tag ein wichtiges Projekt zu besprechen. Bereits zwei geschlagene Stunden saßen sie beide am Versammlungstisch und grübelten über Lösungswege. Es war aber auch wie verhext. Alles, was der Doktor vorschlug, wurde von ihr offenbar schon aus Prinzip abgeschmettert, ohne dass sie selbst eine gangbare Lösung aufzeigte. Das begann ihn zunehmend zu reizen, zumal das dafür vorgesehene Zeitbudget längst überschritten war.
Da platzte ihm der Kragen. „Tut mir leid, aber ich verstehe Sie nicht, Frau Ritter! Diese Antwort war wieder einmal typisch! Warum sagen Sie ja, wenn Ihre Antwort doch nein bedeutet?“
Die Angesprochene sah ihn erschrocken an und meinte für einen Moment, irgendeine Finte zu wittern. Dann aber erwiderte sie gelassen, wenn man Diskussionen von vornherein auf ihr Ergebnis beschränke, kämen sie wohl kaum zustande.
„Das ist nicht die Frage! Nur muss man das Ergebnis auch zulassen! Aber diesen Eindruck habe ich bei Ihnen leider nicht!“, intervenierte ihr Chef, der nicht mochte, wenn man ihm in Grundsatzdingen widersprach.
„Ich kann Ihnen nur versichern, dass ich meine Überlegungen nach rein sachlichen Aspekten abwäge. Im Übrigen, wo wir gerade dabei sind – ich finde dieses alberne ‚Sie‘ und ‚Frau Ritter‘, nach all der Zeit, die wir uns kennen, unangebracht.“
Er sah sie verdutzt an. „Wie kommen Sie denn darauf?“
„Ich stelle das nur mal fest, nachdem mir in letzter Zeit so einiges durch den Kopf gegangen ist.“
„Durch den Kopf gegangen? Was meinen Sie?“
„Darf ich offen reden, Herr Doktor?“
„Aber natürlich! Ich bitte darum!“ Seine Empörung wich zunehmend echter Verwunderung.
„Ich finde, Sie schenken Frau Kosinski zu viel Aufmerksamkeit und das ist nicht gut für Sie und vor allem das Arbeitsklima.“
„So so, finden Sie das?“ Sein Ton wurde sofort wieder zynisch. „Und deshalb bieten Sie mir das Du an? Wie soll ich das verstehen?“
„So, wie ich es sage! Sehen Sie mich doch endlich als gute Freundin an und nicht als ewige Assistentin. Es kränkt mich.“
„Ja aber, und überhaupt“. Er kam ins Stammeln und wusste für einen Moment nichts zu erwidern. Dann aber schaute er beinahe erheitert drein. „Nun ja, Carola wäre schon einfacher“, kicherte er, wobei man ihm sein Unbehagen ansah. „Aber das ist völlig unmöglich! Man könnte ja sonst etwas denken! Deshalb sollten wir es beim Sie belassen.“
„Interessant, wie Sie das sagen und dabei nicht einmal erröten. Mit ihr da draußen haben Sie offenbar nicht so ein Problem.“ Sie wies mit dem Kinn in Richtung Vorzimmer.
Der Doktor fühlte sich unangenehm berührt. Was erlaubte sie sich eigentlich? Und doch wagte er keinen Einwand. Vielmehr überging er diesen Lapsus mit der Bemerkung, dass dies jetzt nicht das Thema sei. Vielmehr erwarte er bei Sachgesprächen etwas mehr Selbstdisziplin und Zielorientierung.
„Oh ja, vor allem Zielorientierung“, stichelte Carola weiter und deutete mit einem vielsagenden Kopfnicken zu jener Ecke hin, wo sie ihn neulich mit seiner Mako erwischt hatte. An diesem Tag war sie unangekündigt ins Zimmer geplatzt und hatte diese kleine Schlampe vor ihm stehend vorgefunden. Diese rückte gerade ihren Rock zurecht, während er sich, auf dem Stuhl sitzend, die Hose zuknöpfte. Gott, war ihm das peinlich, hingegen dieses Luder nur schamlos grinste. Auch wenn die Hereintretende so tat, als hätte sie nichts bemerkt, tat es dennoch weh.
„Ich glaube, es ist besser, wenn wir das Gespräch ein anderes Mal fortsetzen“, blockte der Doktor peinlich berührt ab, setzte sich an seinen Schreibtisch und widmete sich wieder seinen Akten.
„Ja, natürlich! Es ist ja angenehmer, solche Peinlichkeiten zu vermeiden, nicht wahr? Doch sie werden dadurch nicht besser, im Gegenteil!“
„Ich muss doch sehr bitten, Frau Ritter! Das sind Dinge, die Sie nun wirklich nichts angehen!“
‚Schwein‘ dachte Carola und hätte ihm am liebsten eine geknallt. Was lag ihr jetzt nicht alles auf der Zunge. Und hätte er noch ein Wort gesagt, sie hätte sich vergessen. Er schien das auch zu ahnen, denn er vertiefte sich auffallend schnell in seine Unterlagen. Was blieb ihr, als verbittert den Raum zu verlassen und die Tür hinter sich zuzuknallen? Im Vorzimmer wäre sie beinahe noch mit seiner Gespielin kollidiert, die unmittelbar hinter der Tür in einer Akte wühlte. Natürlich hatte sie gelauscht und freute sich nun diebisch über diese Abfuhr. Carola würdigte sie keines Blickes.
Kaum wieder in ihrem Zimmer, musste sie durchatmen. Dieser Mann war nichts weiter als eine Null, dessen blendende Fassade einen faulen Kern umhüllte! Dabei war er früher ganz anders gewesen. Sie war überzeugt, dass ihn erst Makos Einfluss ruiniert und zur Lachnummer hatte verkommen lassen. Begriff er denn nicht, was sie aus ihm machte? War er wirklich so schwach, sich dagegen zu wehren?
Sie stürzte auf die Toilette und musste sich übergeben. Dort saß sie eine ganze Weile zusammengekauert und heulte Rotz und Wasser. Kaum aber war diese Schwäche vorüber, beschloss sie, ihren schon lange gefassten Plan endlich in die Tat umzusetzen. Dabei rang sie noch sehr mit sich und war so verwirrt, dass sie die beabsichtigte Botschaft in Textform verfassen musste, um sie im Bedarfsfall auch flüssig abzurufen. Immer wieder formulierte sie diese Zeilen, korrigierte, verwarf und schrieb am Ende neu, denn es hing viel davon ab. In jedem Fall aber musste es glaubhaft klingen.
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