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Es war nicht zu fassen. Aber am nächsten Tag wirkte diese konsternierte Frau wie verwandelt. Als diplomierte wissenschaftliche Assistentin des Amtsrates Dr. Hendrik Willberg im hiesigen Katasteramt zog sie wieder einmal alle Register. Nichts mehr erinnerte an ihre gestrige Entgleisung und sie strotzte nur so vor Energie. Hinzu kam ihre modische Eleganz.
So war ihr seitlich gescheiteltes rötliches Haar sorgfältig gestylt und vermittelte den Eindruck von Exaltiertheit und Selbstwert. Zudem sorgte ein besonderer Conditioner für den nötigen Glanz. Und während ein heller Concealer die beginnenden Schatten unter den Augen wirksam milderte, ergänzte die rahmenlose Designerbrille ihren intellektuellen Touch nahezu perfekt. Lediglich die auffallend spitzen Nägel an den von goldenen Ringen überfrachteten Fingern ließen auf eine krankhafte Manie schließen. Am raffiniertesten jedoch war ihr Kostüm aus grauem Taft, das, hauteng geschnitten, ihre Figur ganz wunderbar betonte. Darin verstand sie vorzüglich zu posieren. Jede Bewegung wirkte wie einstudiert, vor allem, wenn ihr seitlicher Rockschlitz unerlaubt viel Schenkel zeigte, welche zu allem noch in verführerischen Nahtstrümpfen steckten. Abgerundet wurde das Ganze durch einen betörenden Duft nach Amber von Prada, ihrem Lieblingsparfüm, wofür sie regelmäßig ein kleines Vermögen ausgab.
Dabei war sie mit ihrer hochgewachsenen, schlanken Gestalt durchaus nicht unansehnlich. So besaß sie ein längliches Gesicht mit einer leicht vorspringenden Nase, zwei wundervolle blaue Augen, die besonders in emotionalen Momenten äußerst rührselig dreinschauen konnten und einen bezaubernd sinnlichen Mund. Lediglich die zu flache Brust und das etwas zu kräftige Kinn milderten ihren Sexappeal.
Eigentlich hätte sie mit sich ganz zufrieden sein können und mit etwas mehr Charme wäre ihre jahrelange Einsamkeit sicher längst beendet gewesen. Und doch galt die beabsichtigte Wirkung weniger einem Mann als vielmehr einer Frau, welche – und das schien paradox – ihr weder würdig noch gewachsen schien. Unter normalen Umständen hätte sie diese zweifellos ausgestochen. Aber aufgrund der momentanen beruflichen Konstellation war das kaum möglich.
Handelte es sich doch um niemand anderen als die Vorzimmerdame ihres gemeinsamen Chefs – eine aufgedonnerte Blondine mit dem albernen Kürzel ‚Mako‘ - für Maren Kosinski. Als Abteilungsliebling nahm sie sich so manches heraus, was puren Frechheiten gleichkam. Diese beschränkten sich nicht nur auf einen schnodderigen Ton oder aufdringliche Koketterien. Es waren vor allem die ständigen Diffamierungen und verbalen Attacken, womit sie ihre Autorität als Assistentin des Doktors untergrub. Schon deshalb herrschte zwischen ihnen schon seit langem so etwas wie ein Zickenkrieg, sehr zum Amüsement der männlichen Kollegen. Aber mit Eigenschaften wie vorlaut, flippig, mannstoll und maßlos von sich eingenommen, repräsentierte diese Kosinski so ungefähr alles, was eine Frau ihrer Meinung nach nicht sein sollte. Nur sah das niemand.
Vielmehr verstand sie mit ihren Modelmaßen und dem kirschrotem Schmollmund nicht nur ihr Spatzenhirn zu verdecken, sondern auch gewisse Mannesregungen zu entfachen - vor allem die des gemeinsamen Chefs. Dabei hatte der sich anfangs noch gesträubt. Doch spätestens nach dem ersten Augenzwinkern, verbunden mit einer zweideutigen Bemerkung, begann er zu schwächeln.
Aber ehrlich gesagt, befand er sich schon seit langem in der Rolle eines willenlosen Trottels, der ihr aus der Hand fraß. Dabei war diese Mako genau genommen nichts weiter als eine gewöhnliche Tippse, welche Post machte, ihm Kaffee kochte und sich die Nägel feilte. Nicht genug, dass es ihr an fachlicher Qualifikation mangelte - sie war mit ihren gerade mal Mitte zwanzig auch bereits Mutter eines Kleinkindes, natürlich ledig, bis über die Ohren verschuldet und total abgebrüht. Der Kindesvater soll ein Trunkenbold gewesen sein, der sie verprügelte und sogar schon mal auf den Strich geschickt habe. Selbst ein Frauenhaus war ihr nicht unbekannt, wie einigen ihrer Bemerkungen zu entnehmen war. Alimente zahlte er offenbar keine, so dass die junge Mutter auf staatliche Hilfe angewiesen war. Das erzählte sie auch noch überall herum, um bedauert zu werden.
Doch erstaunlicherweise störte das niemandem, am wenigsten den Doktor, obgleich er normalerweise ein von Sachlichkeit und strengen Prinzipien geprägter Mann war. Und doch vergaß er das sehr schnell, sobald es seine Mako wieder mal darauf anlegte. Als man beispielsweise neulich im Rahmen eines wichtigen Gesprächs zusammensaß und nach einer Problemlösung suchte, starrte er ihr während des Kaffeeservierens derart in den Ausschnitt, dass es sogar der sonst so trägen Kollegin Kern aus der Nachbarabteilung auffiel. Darüber entsetzt, warf sie ihm einen empörten Blick zu, was er aber in seiner Gedankenverlorenheit nicht mal mitbekam. In der Tat fehlte nicht viel und er hätte ihr vor versammelter Runde auch noch auf den Hintern geklapst, so vernarrt schien er in sie zu sein.
Was fand er nur an dieser Schlampe? Etwa dieses billige Flitterspray im Haar oder das Piercing an der Lippe? Lächerlich! Ebenso zeigte das ihren ganzen linken Arm bedeckende Tattoo ihre Abgeschmacktheit, vornehmlich, wenn sie ihr verboten knappes Top mit den Spaghettiträgern trug. Am schlimmsten aber war ihre Frisur. Wie konnte man sich nur so entstellen! Während die ganze linke Seite weit ausrasiert war, baumelte das übrige Haupthaar in stumpfen abgebrochenen, mit irgendwelchem Gel versteiften Strähnen ständig wild durcheinander und erinnerte an einen explodierenden Wellensittich. Das war weder hipp noch trendy, sondern einfach nur peinlich.
Daraus blieb nur zu folgern, dass dieser hochgestochene Analytiker und wohlkalkulierende Übermensch gar nicht so hochgestochen war. Vielmehr entpuppte er sich als armseliges Würstchen, sobald ihm das Hirn unter die Gürtellinie glitt. Dabei hatte seine Assistentin doch wesentlich mehr zu bieten. Nur sah er das nicht. Selbst als er neulich infolge eines flüchtigen Zusammenstoßes ihre Brust berührte und damit eine heiße Welle in ihr auslöste, zeigte er sich eher erschrocken.
Die Sache war die, dass sie, vor einem Regal stehend, an ihm vorbei musste, indes er aufgrund Platzmangels noch höflich sein Jackett gegen den Bauch drückte. Im Moment ihres Passierens aber blieb ihr Hacken so unglücklich an einer Linoleumkante hängen, dass sie beinahe gefallen wäre. Glücklicherweise fing er sie auf, wobei es dann zu dieser Berührung kam und sie sich darüber ganz pikiert gab. Dabei wollte ihr scheinen, als währte seine Hilfe länger als nötig. Natürlich konnte das auch trügen, zumal er sich auch sofort entschuldigte. Und doch plagte sie seither die Ungewissheit. Die Folge waren mehrere schlaflose Nächte mit der quälenden Frage, was wohl geschehen wäre, hätte sie ihm in diesem Augenblick statt Ablehnung ein Wohlgefallen signalisiert.
Es blieb unbegreiflich, aber obwohl Carola wusste, dass ihr Schatz (wie sie ihn insgeheim längst nannte) verheiratet war und neben zwei Kindern noch diese Geliebte besaß, konnte sie ihre Gefühle für ihn nicht abstellen. Ihr Verlangen nach ihm führte zu einer geradezu schmerzhaften Sehnsucht, die nicht selten in überaus bizarren Träumen endete, deren Inhalt sie niemandem gestehen konnte.
Das war ja auch kein Wunder, denn nach ihrer letzten großen Enttäuschung vor nunmehr gut zehn Jahren mit einem völlig ungeeigneten Mann, musste ihr dieser Doktor mit seinem resoluten Auftreten und der geschliffenen Kasuistik wie ein Ideal erscheinen. Zudem entsprach er mit seinem Gardemaß von 190 cm, der schlanken Gestalt und den fein geschnittenen Zügen durchaus dem Sinnbild der Männlichkeit schlechthin, auch wenn seine Stirnecken bereits weite Schneisen aufwiesen und zahllose Fältchen sein fortgeschrittenes Alter verrieten. Aber womöglich war es gerade das, was sein Charisma ausmachte. Allein sein Lächeln vermochte in ihr ein Feuerwerk zu entfachen und jeder noch so flüchtige Körperkontakt einen Schauer.
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