Hendrik war jetzt so durcheinander, dass er nicht glauben wollte, was er jetzt hörte. Was redete sie da? Meinte sie das im Ernst? Ihr zynisches Grinsen ließ aber keine Zweifel.
„Um Gottes willen! Der auch?“
„Ja, der auch!“, räumte sie mit Genugtuung ein. „Er musste verschwinden, denn er hätte die Sache ans Licht bringen und somit auch dich gefährden können. Außerdem war er ein gewissenloser Lump und hatte mit seiner Geliebten bereits Pläne gegen dich geschmiedet. Diese gingen noch viel weiter, als du dir vorstellen kannst. Du solltest mir also dankbar sein. Und wenn du jetzt vernünftig bist und wir zusammenhalten, wird man niemals dahinter kommen. Ich habe dafür gesorgt, dass es unmöglich ist! Darin liegt unsere Chance.“
„Das ist nicht dein Ernst! Du bist verwirrt und sagst das nur so.“
Ihre Miene verfinsterte sich. Die Ernüchterung über seinen Unverstand traf sie tief. Noch mehr aber litt sie unter seiner offenkundigen Ablehnung, die ihr bewies, dass er zu keiner Zeit wirkliche Ambitionen hatte. Alles war nur gespielt und ihre Gefühle nichts weiter als das Resultat einer bloßen Einbildung. Allein dafür verdiente er eine Strafe.
„Das ist schade, wirklich. Ich hätte mehr von dir erwartet. Aber so ist das nun mal, wenn man mit dem Feuer spielt. Irgendwann wird man sich verbrennen.“
Erneut fasste sie nach seiner Männlichkeit und setzte zum Schnitt an.
„Halt, warte!“, schrie der Mann, halb wahnsinnig vor Angst. „Ich bitte dich, hör auf! Vielleicht hast du Recht! Ich werde mit dir kooperieren! Wir werden die Sache zusammen durchstehen, zu deinen Bedingungen!“
„Tut mir leid, aber ich glaube, dafür ist es jetzt zu spät. Und jetzt schließe die Augen. Dann erträgt man es besser.“
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Zwei Monate zuvor
Es war Spätsommer. Schon seit Wochen hatte es nicht geregnet, so dass die Pflanzen welkten und die Flüsse Niedrigwasser führten. Wieder einmal lag eine drückende Hitze über der Stadt und ließ die Luft in den Straßen flimmern. Die meisten Menschen waren an diesem Wochenende ins märkische Umland geflüchtet oder suchten Abkühlung in den nahen Freibädern. Nur vereinzelt waren Passanten unterwegs.
Unter ihnen fiel eine Frau im weißen Trenchcoat auf. Sie trug eine große Sonnenbrille, hatte trotz der Hitze den Kragen aufgeschlagen und verbarg ihr Haar unter einer hellblonden Perücke. Eilig huschte sie zur anderen Straßenseite hinüber. Ihre Bewegungen waren fahrig und unkoordiniert und zeugten von großer Angst. Immer wieder sah sie sich um, als suche sie nach etwas Bestimmten. Manchmal ging sie sogar einige Schritte zurück, setzte dann aber ihren Weg verstört fort. An der nächsten Kreuzung schlug sie plötzlich einen Haken und verschwand in das kleine Café an der Ecke, an dem sie schon fast vorüber war.
Allerdings handelte es sich um kein gewöhnliches Lokal, sondern um das weithin bekannte ‚Savoir-vivre‘ - eine Begegnungsstätte der hiesigen Intellektuellen mit vornehmlich frankophoner Klientel, das um diese Zeit reichlich besucht war. Hier setzte oder besser quetschte sie sich an einen der hinteren Tische, jedoch so, dass sie die Straße noch einsehen konnte. Das schien ihr wichtig, denn sie zog sogleich ihre Brille etwas herab und fixierte fortwährend die gegenüberliegende Seite. Dabei war sie so konzentriert, dass sie den inzwischen herantretenden Kellner, übrigens ein überaus gutaussehender Bursche mit kleinem Oberlippenbärtchen und dunklem Wuschelkopf, gar nicht bemerkte.
„Bonsoir, Madame, Sie wünschen?“, fragte dieser bereits zum zweiten Mal mit französischem Akzent und deutete eine höfliche Verbeugung an.
Die Frau sah erschrocken auf und schien ihn erst jetzt wahrzunehmen.
„Was darf ich Ihnen bringen?“, wiederholte er nun bereits zum dritten Mal.
„Ach ja, einen Kaffee mit Milch ohne Zucker, ein wenig geschäumt, wenn es geht, und bitte, schließen Sie die Tür gegenüber“, antwortete sie zögernd, wobei sie sein Namensschild auf der linken Brustseite betrachtete. „Ich bin empfindlich gegen Zugluft, Francois“, setzte sie noch schnell hinzu.
„Liebend gern, Madame“, erwiderte der Kellner charmant. „Nur bitte ich zu bedenken, dass es draußen drückend warm ist und andere Gäste wiederholt um diese - wie sagt man auf deutsch? - Ventilation gebeten haben.“
„Was kümmert mich Ihre Ventilation!“, empörte sie sich sofort, seinen frankophonen Slang nachäffend. „Zugluft ist schädlich für die Bronchien. Das wird Ihnen jeder Arzt bestätigen. Außerdem weht er den Straßenstaub herein. Also bitte!“
Doch Francois zögerte. Verunsichert über diese unerwartete Forschheit schlug er vor, den Platz zu wechseln. Auf der anderen Seite wäre es sicher angenehmer.
„Das hätten Sie wohl gern!“, blaffte ihn die Frau erneut an.
„Ich verstehe nicht!“
„Oh, ich glaube, Sie verstehen das sehr gut! Sie wollen mich nur aus einem ganz bestimmten Grund hier weg haben. Meinen Sie, ich merke das nicht? Aber das könnte Ihnen so passen!“
Der völlig verblüffte Kellner hielt für einen Moment die Luft an. Dann besann er sich aber und entgegnete gleichmütig: „Wenn Sie meinen! Nur fürchte ich, dann müssen Sie mit der Zugluft leben. Ich werde die Tür jedenfalls nicht schließen!“
„Wie bitte? Das ist ja wohl die Höhe! Ich möchte den Chef sprechen! Sofort!“ Ihre Empörung war so groß, dass sich gleich einige der Gäste umdrehten und zu ihr hinschauten. Man schüttelte die Köpfe und tuschelte, was die Frau nur noch mehr verärgerte. „Da haben Sie es! Das haben Sie doch beabsichtigt! Aber Ihr Plan wird nicht aufgehen! Ich habe Sie durchschaut und werde das verhindern! Was ist? Worauf warten Sie? Nun gehen Sie schon!“
Der Kellner blies die Backen auf und hatte alle Mühe, nicht laut aufzulachen. „Wie Sie wünschen.“ Daraufhin ging er mit einem schiefen Lächeln davon.
Am Tresen erwartete ihn bereits der Chef, ein kleiner seriös, wirkender, überaus schmächtiger Mittfünfziger mit silbrigem Haar und dunklem Anzug. Er hatte das Geschehen bereits beobachtet und machte sich seinen Reim darauf.
„Schon wieder?“, fragte er schmunzelnd den Zurückkehrenden.
„Oui. Heute möchte sie die Tür geschlossen haben. Angeblich zieht es.“
„Na, wenigstens nicht die Stores wie beim letzten Mal.“
„Soll ich rufen die Gendarmerie?“
„Nein, nicht wieder so ein Aufsehen. Das können wir uns nicht leisten. Ich werde noch einmal mit ihr reden. Vielleicht kann ich sie beruhigen.“
„Und wenn nicht?“
„Dann bleibt uns immer noch die Polizei. Aber ehrlich gesagt, möchte ich das nicht, denn irgendwo tut sie mir leid. Sieh‘ sie dir nur an, dieser elegante Gang, diese vornehme Zurückhaltung. Ohne diese Brille und den albernen Mantel sähe sie sicher ganz passabel aus, eine richtige ‚belle femme‘. Ich wette, sie hat studiert, vielleicht sogar promoviert. Und doch hat sie irgendein Problem. Deshalb auch diese Aufmachung.“
„Aufmachung?“ Francois sah ihn fragend an.
„Ja natürlich! Diese alberne Perücke wirkt doch lächerlich. Sie versucht, sich zu verstecken. Das merkt man doch sofort! Womöglich leidet sie unter einer Paranoia? Solche Leute versuchen sich immer zu verstecken.“
„Mon dieu!“
„Und jetzt guck‘ nicht so! Ich werde jetzt zu ihr gehen und sehen, was ich für sie tun kann.“
Mit diesen Worten begab sich der Chef zum betreffenden Tisch. Dort klopfte er mit einer Serviette einige Krümel vom Tischtuch, richtete die kleine in der Tischmitte stehende Blumenvase zurecht und legte vorschriftsmäßig die Serviette über den Arm. „Sie wünschen, verehrte Dame?“, fragte er in Erwartung ihres Anliegens und deutete eine höfliche Verbeugung an.
Die Frau wollte gleich auffahren und hatte auch schon einiges parat. Doch das verständnisvolle Lächeln ihres Gegenübers samt dem mitfühlenden Blick irritierten sie. Verdammt, da war doch was! Im Nu wurde aus Wut Verlegenheit und sie lächelte verschämt, als wüsste sie genau, dass sie sich wieder einmal verrannt hatte und in Erklärungsnot befand.
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