Stanislawski-Seminar - genannt nach dem russischen Schauspieler, Regisseur und Theaterpädagogen Konstantin S. Stanislawski und eigentlich eingerichtet und durchgeführt als Grundausbildung für Schauspieler. Für Theaterwissenschaftler sollte es nur eine allerdings wichtige Übung sein. Das hieß: Gespielt musste werden, selbst wenn es amateurhaft blieb. Die Studenten des Seminars bekamen zur Aufgabe, vorbereitet zu erscheinen, und zwar mit der Idee zu einer Etüde, die sie ihren Kommilitonen aus dem Stegreif vorspielen sollten.
Geradezu Horror für Uwe! Er verstand die Welt nicht mehr. Da hatte er einst in seiner Kammer an Ideen für Filme gewerkelt, und jetzt versagte er, wenn es um simple Einfälle für kurze Spielchen ging. Das Problem war, dass man die Idee dann selbst realisieren musste. Also schien es ratsam, der Phantasie nicht zu viel Freilauf zu lassen, sondern besser dicht am selbst erlebten Alltag zu bleiben. So ernüchternd prosaisch das Spiel auch ausfallen würde! Für Laien war es kompliziert genug; denn die Requisiten, die man eigentlich gebraucht hätte, musste man sich vorstellen! Und dann auch noch so damit umgehen, dass die Zuschauer erkennen konnten, womit man hantierte.
So kam denn Uwe auf die Idee, den Leuten vorzuführen, was er jüngst mit seinem Proviant erlebt hatte, den sie in der Mensa in Empfang nehmen konnten. Meist war das Brot und Marmelade, auch Margarine und Obst. Diesmal hatte es neben Marmelade auch einen Hering gegeben, aber einfach so, ganz ohne Verpackung! Wie das kostbare Stück rund eine Stunde lang neben Büchern, Schreibblock und Turnschuhen in einer Aktentasche transportieren? Uwe opferte für den Hering zwei Blatt Papier vom Schreibblock und hoffte, dass die Tüte, in der die Marmelade immerhin gereicht wurde, den Transport überstehen würde. Aber das war nicht gelungen. Hering und Marmelade waren sich innig nahe gekommen. Und Uwe war nicht bereit gewesen, auf beides zu verzichten. Also hatte er die Marmelade gründlich vom Hering abgeleckt. Und er hielt diesen Vorgang für eine interessante physische Handlung. Denn darauf vor allem kam es an im Stanislawski-Seminar, auf die physische Handlung!
Wobei, wie gesagt, auf der Bühne grundsätzlich nicht die realen Gegenstände zur Verfügung standen. Was bezüglich eines Herings ja sogar recht plausibel war. Manchmal gelangen den Studenten mit vorgestellten Gegenständen sogar verblüffend genaue Darstellungen. Meist aber wurde lange herumgerätselt, was da wohl eben zu sehen gewesen war. Uwe hatte sich an dem Tag wirklich redlich Mühe gegeben, hatte gründlich geleckt. Aber ein Hering war nicht zu sehen gewesen. Also begann die Raterei. Allen voran Professor Otto Lang, der mit seinen funkelnden Augen noch im Nachhinein geradezu entgeistert auf die Bühne starrte, so dass Uwe ordentlich mulmig wurde. Da die Seminarteilnehmer bei bestem Willen nicht dahinter kamen, was er da soeben vorgeführt hatte, musste Uwe Auskunft geben. Welch Entsetzen! Vor allem beim Professor. Er konnte einfach nicht fassen, dass man Marmelade von einem Hering ableckt. Igittigitt! Der Mann hatte offenbar keine Ahnung, was Hunger ist. Was man ihm natürlich nicht aufs Brot schmieren konnte. Ab diesem Tag war das Seminar für Uwe gelaufen. Da auch andere Wissenschaftler mit dem Spielen so ihre Probleme hatten, wurden sie noch im ersten Semester zu einer Gruppe zusammengefasst, die in besonderen Seminaren für Kunst aufgeschlossen werden sollte. So lernte Uwe ganz außerplanmäßig die Uta von Naumburg kennen.
Welch steinerne Schönheit indessen ganz und gar kein Ersatz war für die Befriedigung natürlicher Bedürfnisse. Mit Uwes Mannwerdung sah es nach wie vor erschreckend elend aus. Aus den verschiedensten Gründen. Zunächst einmal verhinderte die Dreierbelegung des Zimmers, dass man irgendwie ein Weib mit auf Bude hätte bringen können. Abgesehen davon, dass Uwe ja gar keine Bettgespielin zur Verfügung stand. Zum anderen war just auf Belvedere eine Moraldebatte im Gange. Auf strenge Trennung zwischen Mädchen- und Männer-Kavalierhaus wurde gedrungen. Weil nämlich ein Student zwei Studentinnen geschwängert hatte. Gleichzeitig! Dieser Dussel!
Die Hochschulleitung sah sich gezwungen, strengere Maßstäbe anzulegen. Doch diese Strenge tangierte Uwe ja gar nicht. Sein Problem war nach wie vor, überhaupt erst einmal an eine Frau heranzukommen. Er lebte, wie auch seine Zimmergenossen, im Ratstannenweg ausgesprochen isoliert. Wenn sie abends ihr Zimmer erreichten, war grundsätzlich noch Selbststudium angesagt. Meist bis spät in die Nacht. Von Frauen war nur die Rede. Bei dem Thema hatte meist Heinrich das Sagen, denn er hatte in Schönberg in Mecklenburg eine Freundin und war fest entschlossen, ihr treu zu bleiben. Erich war solo, hatte aber wohl schon bisschen Erfahrung. Jedenfalls verstand er, diesen Eindruck zu erwecken.
Was für Uwe durchaus nahe gelegen hätte, nämlich sich im Studienjahr eine Freundin anzulachen, kam nicht zustande, weil – zumindest nach allererster Sondierung – in der Gruppe keine Frau war, die sein Interesse geweckt hätte. Einige Wochen später allerdings, sozusagen nach zweiter Sondierung, kam ihm Ellen ins Visier, und zwar beim Fechten. Nicht nur, dass er gegen sie antreten musste, er konnte sie während dieses Unterrichtes stets gut beobachten. Und er fand, dass sie nicht nur eine attraktive Figur hatte, sondern dass sie überhaupt ein echt appetitliches Mädchen war. Forsch, agil, und immer gut gelaunt.
Vorerst jedoch, so lange seine Erkundungen gewissermaßen aus der Ferne erfolgten, war für Uwe nach zwei, drei Wochen ziemlich gewiss: Auf ganz Belvedere gab es nur eine Studentin, die ihn erregen konnte, wenn er an sie dachte: Ruth-Maria! Sie war von stattlicher Figur, vollbusig, sehr impulsiv, und verdammt gut anzusehen. Doch leider zu groß für ihn. Und außerdem schon liiert, nämlich mit Götz, der im letzten Studienjahr war und wie sie schon einen gewissen Sonderstatus genoss. Also Ruth-Maria, eine zweifellos künftige Film-Diva, musste Uwe sich aus dem Kopf schlagen.
Das war sein Problem. Er träumte noch immer von einer auffallenden Schönheit, eben von einer potentiellen Film-Diva. Schließlich hatte er noch zu Hause im Kino genug davon bewundern können. Allen voran: Sonja Ziemann. Sie war zurzeit seine heimliche Geliebte. Für sie wäre er durchs Feuer gegangen. Auch im Kreistheater hatte Uwe noch eine heimliche Flamme gehabt. Ingeborg Ottmann, eine junge Schauspielerin, die neben dem gastierenden Erich Ponto als Faust ein himmlisches Gretchen gespielt hatte.
Solch hinreißend schöne Frauenzimmer waren leider auf Belvedere nicht auszufinden. Uwe ergriff Ernüchterung. Er nahm sich vor, bescheidener zu sein. Ein schönes, aber eben leider unerreichbares Idol im Kopf blockiert fürs Leben! Das musste sich ändern! Auch durfte er auf gar keinen Fall wie früher völlig die Übersicht verlieren, wenn er sich denn doch verknallen sollte. Er musste es grundsätzlich ruhiger angehen. Der tägliche Umgang mit teils sehr viel erfahreneren Männern hatte ihn ohnehin desillusioniert.
Mittlerweile war Uwes Überzeugung: Man muss Liebe als Abenteuer begreifen, wenn nicht gar als Lotterie. Das heißt, Nieten waren hinzunehmen. Und eigentlich galt nur ein Grundsatz: Keine Gelegenheit verpassen! Nach einer Niederlage musste sofort zu neuem Angriff übergegangen werden. Er fühlte sich durchaus gerüstet. Immerhin war sein Selbstvertrauen gewachsen. Und er war auch nicht mehr geradezu mittellos. Als gelernter Schriftsetzer galt er als Arbeiter. Das hatte zu einem recht ordentlichen Stipendium geführt. So wurde er denn fast zu eigener Überraschung sofort aktiv, als ihm eines Tages eine junge Frau unübersehbar auffiel.
Der Ort des Ereignisses war das Nationaltheater Weimar. Dort fanden sich die Studenten aus verständlichen, nämlich beruflichen Gründen relativ oft ein, wenn auch nur in den obersten Rängen. Dort konnten sie, ohne besonderes Aufsehen zu erregen, auch mal hämisch über Schauspieler unten auf der Bühne lachen; denn natürlich bildeten sie sich ein, dass man dies und jenes hätte besser spielen können. Abgesehen davon, dass das Training möglichst wahrhaften Spiels im Seminar durchaus die Befähigung förderte, auf der Bühne realistisches Spiel von äußerlicher und leerer Theatralik zu unterscheiden.
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