»Ich habe gerade die Berichte der Kundschafter gelesen«, entgegnete Rullianus schließlich. »Marbod hält sich zurzeit am ganz anderen Ende seines Reiches auf.«
»Wie es der Zufall will, habe ich die Berichte auch gelesen«, gab Augustus spöttisch lächelnd zurück. »Marbod selbst wird dort ohnehin nicht angreifen. Vielleicht schickt er seine Freunde vor, um zu zeigen, dass man jederzeit mit ihm rechnen muss.«
Rullianus überlegte wieder. »Ich sehe da noch ein ganz anderes Problem«, sagte er. »Wie lange sind diese Cherusker schon unsere Verbündeten?«
»Spar dir deine rhetorischen Fragen.« Augustus machte eine wegwerfende Handbewegung.
Rullianus überging den Einwurf des Princeps. »Diese Sueben sind nicht nur wegen ihrer eigenen Überfälle ein Risiko. Sie hetzen unsere Verbündeten gegen uns auf.«
»Denen du ohnehin nicht über den Weg traust.«
»Wozu sie uns ja auch keinen Grund liefern. Sie haben in der Vergangenheit oft genug die Seite gewechselt.«
»Ihre Hilfstruppen sind hervorragend«, widersprach ihm Augustus.
»Solange sie für uns kämpfen.«
»Dazu werden sie bald wieder Gelegenheit bekommen.« Der Princeps richtete sich in seinem Sessel auf.
»Wie soll ich das verstehen?«, fragte Rullianus.
»Varus wird in ein paar Wochen zu einer weiteren Inspektionsreise ins Innere der Provinz aufbrechen. Allerdings wird er diesmal statt der üblichen Eskorte drei Legionen der Rheinarmee samt Hilfstruppen mitnehmen. Er hat von mir den Auftrag bekommen, an die Albis zu ziehen, den Strom zu überqueren und diesen Sueben einen Denkzettel zu verpassen. Die XVII. und die XVIII. unter dem Kommando von Caius Numonius Vala sind dabei. Und die XIX. Deine XIX.«
Rullianus zog eine Augenbraue hoch. »Vala und ich. Da werden die Sueben nicht viel zu lachen haben.«
Caius sah, dass Augustus seinem Vater einen kurzen Blick zuwarf, bevor er weitersprach: »Nicht nur die. Wir haben in der Provinz hier und da Probleme mit der Steuereintreibung.«
»Und Varus greift nicht richtig durch«, sagte Rullianus kopfschüttelnd.
»Varus ist ein erstklassiger Statthalter.«
»Aber er ist es gewohnt, Provinzen zu verwalten, in denen die Leute wissen, was Gesetze sind, was Steuern sind und warum man sie bezahlt. Das Problem in Germanien ist grundsätzlicher. Für die Leute dort sind unsere Steuern nichts anderes als Tribute, die der eine Stamm dem anderen so lange abpressen kann, wie das Kriegsglück auf seiner Seite ist. Dass sie mit ihren Steuern eine staatliche Ordnung erhalten, kümmert sie nicht, weil sie mit dieser Art von Ordnung gar nichts anfangen können. Dass unsere Gesetze den Frieden sichern, macht auf sie überhaupt keinen Eindruck, weil Frieden für sie kein erstrebenswerter Zustand ist. Wer Frieden bringt, ist nach ihrer Logik geradezu ein Unruhestifter.«
In diesem Augenblick schaltete sich Quintus ein, der das Gespräch die ganze Zeit aufmerksam, aber schweigend verfolgt hatte. »Da spricht der Soldat«, sagte er ruhig. »Kann es sein, dass Leute wie du und Vala nach all den Jahren bei den Legionen den Frieden selbst als eine Art unnatürlichen Zustand betrachten? Haben wir die meisten unserer Kriege nicht selbst vom Zaun gebrochen oder zumindest provoziert, um anschließend zu behaupten, die anderen hätten uns keine Wahl gelassen?«
Rullianus schien für einen kurzen Moment verunsichert. Offenbar war er Widerspruch nicht gewohnt, zudem strahlte Quintus nicht zuletzt durch sein höheres Alter eine überlegene Gelassenheit aus, auf die er nicht recht zu antworten wusste. »Natürlich haben wir das«, gab er zurück. »Aber alles andere hätte uns über kurz oder lang den nächsten Bürgerkrieg beschert.«
»Dann stimmst du mir zu, dass wir im Grunde nicht besser sind als sie. Wir fallen bei jeder Gelegenheit übereinander her.«
»Legionäre wollen beschäftigt werden.«
»Oder man entlässt sie mit einem Landgut.«
»Und wohin soll man sie entlassen, wenn es bei uns keine Landgüter mehr gibt? Oder willst du dein eigenes zur Verfügung stellen? Wenn man es passend parzelliert, dürfte es doch für ein paar Kohorten reichen!«
»Davon gehe ich aus«, sagte Quintus mit einem süffisanten Lächeln, ohne auf die Provokation einzugehen. »Aber du hättest Verständnis dafür, dass ich mich wehren würde, wenn man mir mein Land wegnehmen wollte?«
Rullianus begriff, dass er in die Falle gegangen war. Er blickte zu Augustus, als erwartete er Unterstützung von dieser Seite.
Doch der Princeps schien den Wortwechsel vor allem unterhaltsam zu finden. Schließlich ergriff er selbst wieder das Wort. »Wir sind bei unserer Ausgangsfrage: unterwerfen oder erziehen? Ich würde sagen, eine entschlossene Kombination aus beidem. Entschlossener als bisher. Härtere Strafen und reizvollere Belohnungen. Sie müssen verstehen, dass es keinen Sinn hat, sich uns zu widersetzen. Und sie müssen verstehen, dass sie aus ihrem Land mehr machen können, wenn sie von uns lernen.«
»In Germanien gibt es nicht viel zu holen«, sagte Rullianus mit abfälligem Unterton.
»Du solltest die Berichte genauer lesen. Unsere Landvermesser entdecken fast jeden Tag neue Hinweise auf Bodenschätze. Und die Äcker sind in weiten Landstrichen weitaus besser, als das Klima vermuten lässt. Ein paar von ihren Anführern haben bereits verstanden, was die neue Zeit ihnen für Möglichkeiten bietet. Ein paar andere beginnen es zu ahnen. Ein paar hundert Personen haben schon das Bürgerrecht. Und es werden mehr.«
»Das Bürgerrecht macht sie noch lange nicht zu Römern«, entgegnete Rullianus.
Augustus zog eine Augenbraue hoch. »Was sind denn Römer anderes als die Nachfahren derer, die irgendwann das Bürgerrecht bekommen haben?«
»Princeps«, sagte Rullianus und sah Augustus eindringlich an, »diese Barbaren werden niemals mit uns auf einer Stufe stehen. Sie kennen keine Loyalität. Sie verstehen nur eine Sprache.«
»Ich glaube, sie verstehen zwei Sprachen. Du sprichst eine davon. Varus spricht die andere. Und so findet jeder einen, der ihn versteht.« Augustus lächelte hintergründig. »Und da es zu einer Provinz Germanien schon wegen der Sicherung der Grenze zu Gallien keine Alternative gibt, müssen wir die Gangart wechseln. Mit dem neuen Feldzug zeigen wir den Einwohnern der Provinz und ihren Nachbarn, wo ihre Grenzen sind. Und zwar in jeder Hinsicht: die Grenzen des Landes und die Grenzen dessen, was wir zu dulden bereit sind. Und um die Zusammenarbeit zwischen Armee und Verwaltung besser zu koordinieren, werde ich einen Sondergesandten mit weitreichenden Befugnissen einsetzen. Jemanden, der keine eigenen Interessen vor Ort hat und weder der Armee noch der Verwaltung verpflichtet ist, aber beide Seiten kennt.«
Rullianus beugte sich vor und blickte wieder auf seinen Becher. Caius sah, wie er versuchte das Misstrauen in seinem Blick wie angestrengtes Nachdenken aussehen zu lassen. Die Idee mit dem Sondergesandten schien ihm nicht zu behagen.
Der Princeps fuhr unbeirrt fort. »Jemanden, dem ich voll und ganz vertrauen kann. Jemanden, der die Interessen des Staates im Auge hat und nicht die seiner eigenen Karriere.« Es klang wie ein Seitenhieb.
»Ich nehme an, du hast schon jemanden dafür ausgesucht«, sagte Rullianus lauernd.
»Das habe ich.«
»Und der Betreffende weiß, was ihn erwartet.«
»Er weiß es. Er weiß nur noch nicht, dass er ausgesucht wurde.«
»Dann wird es wohl auch Zeit, dass Varus davon erfährt.«
»Du willst damit sagen, es wird Zeit, dass du es erfährst.«
Rullianus lachte leise auf. »Ich will mich nicht vordrängeln. Vielleicht sollte dein Auserwählter es erst einmal selbst erfahren.«
Augustus lächelte und der ironische Zug um seine Mundwinkel war unübersehbar. »Es wäre ja auch gar nicht deine Art, dich vorzudrängeln.« Der Princeps machte eine Pause und beugte sich vor, um seinen Becher auf dem kleinen Tisch neben der Karaffe abzustellen. Die Spannung war kaum zu ertragen. Caius hörte, wie sein Vater Luft durch die Nase einzog. Augustus lehnte sich wieder zurück, dann blickte er Quintus gerade in die Augen. »Quintus Cornelius Castor«, sagte er, »mir fällt niemand ein, der für diese Aufgabe besser geeignet ist als du.«
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