Der Anblick der Wodka auf der Tischdecke schien einen Kippschalter in mir umgelegt zu haben. Ich erstarrte für eine Sekunde, unfähig mich zu bewegen, aber sofort schauderte ich innerlich.
«Ist das alles umsonst?» – dachte ich und versuchte immer noch, die letzten Jahre mit scheuen Fingern zu erfassen. – «So viel vergeudete Mühe? So viel Hysterie, so viele Opfer? So viel Zeit verschwendet?»
Aber rücksichtslos und grob unterbrach ich mich.
«Ja», sagte ich in Gedanken, «es ist Zeit, dies zu beenden. Es reicht».
Ich wurde «wachgerüttelt “ und kehrte zu dem zurück, was geschah. Die Umgebungsgeräusche und der Lärm brachen mir durch den Kopf; wir hatten eine Feier mit Freunden. Daher der volle Tisch. Daher die «Kurzen». Vielleicht hatten alle anderen sogar Spaß. Außer wir beide. Ich und mein Mann.
Sergej steht taumelnd fast mir gegenüber, aber ich habe keine familiären Gefühle ihm gegenüber. Er versucht, die Flasche auf den Tisch zu stellen, aber sie rutscht zur Seite, fällt, schwappt wie ein Wasserfall. Einige der Mädchen schreien auf vor Schreck, aber das ist mir scheißegal.
Es stellt sich als eine Art stumme Szene heraus, die Jungs schreien um den Tisch herum und «retten» die Salate, ich weiß, dass ich nach einem Lappen rennen muss, aber ich kann mich nicht rühren. Mein Mann grinst betrunken, kommt auf mich zu, versucht mich zu umarmen.
– Valyushka-ah-ah, – seine Lippen bewegen sich ölig und schief, – ich… liebe-dii-iich… di-ch…».
«Und ich hasse dich», möchte ich antworten, aber ich verstehe, dass das nutzlos ist. Er hat bereits das Stadium erreicht, in dem von einem Menschen nur noch ein Schatten übrigbleibt. Ich habe noch nie ein Festessen abgelehnt, aber so wie er kann man nicht trinken! Die Degradation findet schon lange statt, nicht das erste Jahr, und es ist keine Änderung in Sicht.
Ich möchte meinem Mann auch sagen, dass ich seine «Liebe» nicht mehr brauche. Sie berührt mich nicht. Nirgends in mir. Berührt keine einzige Seite meiner Seele.
Ja, wir sind seit neun Jahren zusammen. Ja, ich erinnere mich noch – jung, aber schon verheiratet, mit Kinderwagen und einem müden Lächeln.
«Du konntest mir, das imaginäre Wohlergehen eines «gewöhnlichen» Lebens schenken,» – ich setze meinen inneren Monolog fort, – wie fast alle -. «Und mir schien es in diesem Moment wichtig und notwendig gewesen zu sein. Und dann fing er an zu trinken. «Wie oft habe ich dieses Thema angesprochen, wie oft habe ich dir davon abgeraten, dich abgelenkt, ermahnt. Vergeblich. Nutzlos. Die Menge Alkohol wurde nur erhöht. Du hast so viel getrunken, dass Du dich morgens nicht mal mehr erinnern konntest, was überhaupt passiert ist. Mir ging es immer schlechter. Jedes Glas, das du trankst, hat auch mein Herz befüllt.»
«Noch ein bisschen mehr und ein Blutgerinnsel wird sich in deinem Kopf lösen», sagte ich in der Vergangenheit und sah Valera dann mitleidig an. – «Selbst wenn Du überlebst, wirst Du behindert sein. Aber ich habe nicht geheiratet, um dich im Rollstuhl rum zu fahren und deinen Sabber für den Rest meines Lebens abzuwischen! Ich bin eine Frau, keine Krankenschwester!»
Alles Vergeblich. Nutzlos.
Als Antwort – gläserne betrunkene Augen.
Ich habe lange nicht aufgegeben, ich habe gekämpft. Als ich beim nächsten «Besäufnis» durch die Straßen lief und ihn suchte, mit Entsetzen, als ich mir vorstellte, meinen Mann neben einem Auto mit blinkender Notbeleuchtung auf dem Bürgersteig liegen zu sehen. Wie ich ihn morgens, fast leblos wegen der gigantischen Menge am Vortag, «wieder zu Kräften» brachte. Wie ich ihm sein schreckliches Verhalten mir gegenüber vergab, was auch nicht mehr menschlich genannt werden konnte.
Anstatt nach einem Lappen zu rennen, gehe ich auf den Balkon. Macht, was ihr wollt! Ich muss alleine sein. Wenigstens fünf Minuten. Ich atme die kühle, berauschende Luft ein, die meinen Geist ein wenig klarer macht. Das Wort «SCHLUSS!» ist jetzt raus. Es hängt direkt vor mir, schimmernd und klar.
Schluss», denke ich. – So einfach ist das! Jetzt über das Geländer steigen, ein kurzer Flug und es ist wirklich «vorbei». Aber nein! Das ist keine Option, das ist eine Niederlage. Vollständiger und endgültiger Verlust. Ich bin nicht so. Ich bin eine Frau. Jung, stark, ab sofort – ambitioniert! Habe ich ein so unrühmliches Ende verdient?! Natürlich nicht. Niemand wird mich dazu bringen, mich selbst anzuspucken und es zu akzeptieren. Wie dieser eine Frosch, Sahne steif schlagend, werde ich meine Pfoten benutzen, um aus dem Glas zu kommen. Wer kann mich aufhalten? Wer außer mir selbst?!»
Ich kehrte in das Wohnzimmer zurück, holte mir einen Lappen, stumm und automatisch, räumte ich die Unordnung auf.
Bald war die Feier, irgendwie von selbst, zu Ende. Die Gäste zerstreuten sich, ich begleitete meinen murmelnden Ehemann zum Bett.
Ich setzte mich auf einen Stuhl in der Mitte des großen Raumes.
Das Wort «Vorbei!» ist verschwunden. Verschwunden. Aufgelöst. Weg.
Ich brauchte es nicht mehr. Ich habe mich schon unwiderruflich ohne das Wort entschieden. Ich verdiene das Beste. Jetzt werden ganz andere Worte mein Leben erhellen. Großzügiger, interessanter und vielversprechender.
Und genau in diesem Moment, als ich aus dem Ohrwinkel das betrunkene Schnarchen meines Mannes hörte und die Reste der gescheiterten Feier beobachtete, wurde mir endlich klar, dass ich früher oder später definitiv glücklich in diesem Leben werden würde.
Swipe nach rechts.
Weiter.
Noch weiter.
Dzynnnnnnn. Dzynnnnnnnn.
Ein Klingeln. Wie es bekanntlich für den Lehrer klingt. Aber wo gibt es das. Die ganze Neun «B» reißt sich von den Schultischen ab, als wäre es keine gewöhnliche Schulglocke, wie nach einer Unterrichtsstunde, sondern eine Feueralarmsirene. Deckel klatschen, Lärm und Krach beginnen, Aktentaschen flackern.
Pause!
Auch ich kann nicht still sitzen bleiben.
Obwohl ich ein Mädchen bin, war ich nie ruhig. In der Mittelschule hing ich den Jungs überhaupt nicht hinterher. Aufs Dach – also aufs Dach, durch die Grube schwimmen? Ja, easy! Die Brüder Soboli, aus dem Nachbarhaus – Zhenya, Vovka und ich – unsere kleine Kampfkompanie. Es gab natürlich auch eine große «Gang», ich versteht doch was ich meine – oder?
Tante Natasha, die Schwester meiner Mutter, kam zu Besuch und beschwerte sich bei ihr über ihre Nichte, also über mich. Tante Natashas Tochter – Nadyuha, ist mit mir in derselben Klasse und erzählt anscheinend einiges zu Hause.
– «Deine Valyuha», – sagt Tante Natasha zu meiner Mutter, – «steckt in der Schule ihre Nase überall rein, mit ihr solltest du mal ein ein ernstes Wort sprechen!»
Sicher, dass ich das Gespräch nicht höre, wird weiter über mich gesprochen, aber die Tür zu meinem Zimmer ist bloß angelehnt und ich bekomme alles mit.
Rechtschaffener Zorn beginnt in mir zu kochen. Erstens Nadyuha, diese Petze, ihr werd» ich es noch zeigen! Und zweitens ist meine Mutter sehr streng, zuerst wird sie mich bestrafen und erst danach wird sie mit mir sprechen.
«Sie rauchen alle in der Schule, hinter der Ecke», beharrt Tante Natasha.
– «Meine Tochter roch wie eine Dampflokomotive, dafür habe ich ihr schon die Ohren langgezogen, aber Valyuha ist dort definitiv auch dabei!»
Ich bin bis in die Tiefe meiner Seele empört! Was? Rauchen? Ich?!
Nun, ich habe es versucht, aber es hat mir nicht gefallen. Es hat auch einfach nicht geklappt, richtig daran zu ziehen. Und wenn es schon nicht geklappt hat, dann werde ich es auch nicht weitermachen, wofür denn auch? Ich bin doch nicht blöd?!
Ich schnappe mir meine Jacke und schleiche nach draußen, bevor es Stress gibt. Gegen Abend wird sich meine Mutter vielleicht beruhigen und runterkommen. Aber wenn ich ihr jetzt unter die Augen trete, werde ich für eine Woche Hausarrest haben!
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