Fasziniert beobachtete Geary die beiden, die sich wie zwei Schlachtkreuzer belauerten: die Schilde auf maximaler Leistung, alle Waffen feuerbereit, aber doch völlig beherrscht, sodass die Situation sich nicht in ein Blutbad verwandeln konnte. Und er hatte nicht die geringste Ahnung, warum die beiden sich so feindselig verhielten. »Danke, Captain Desjani«, sagte er behutsam, während er sich fragte, ob wohl ein falsches Wort von seiner Seite genügen würde, um den Streit offen ausbrechen zu lassen. Er war nicht so von sich eingenommen, dass er geglaubt hätte, die beiden würden sich um ihn streiten, aber diese Erkenntnis half ihm nicht weiter, da er nach wie vor nicht wusste, was zwischen ihnen vorgefallen war.
Desjani verließ die Kabine, und es kam ihm fast so vor, als würde sich die Luke hinter ihr mit besonders viel Wucht schließen. Geary atmete schwer aus und sah Rione an. »Ich habe eine Menge um den Kopf, wie Sie wissen.«
»Das ist mir mehr als einmal deutlich geworden«, stimmte sie ihm in diesem merkwürdig distanzierten Tonfall zu.
Einen Moment lang musterte er sie und wunderte sich, wie sie mal so vertraut und mal so fremd erscheinen konnte, was manchmal sogar beides zugleich der Fall war. »Wer stattet mir diesen Besuch ab? Rede ich mit Victoria oder mit Co-Präsidentin Rione?«
»Das kommt darauf an. Rede ich mit John Geary oder Black Jack Geary?«
»Ich bin immer noch John Geary.«
»Tatsächlich? Vor Kurzem habe ich Black Jack zu sehen bekommen. Er war im Begriff, jemanden erschießen zu lassen. Er wollte es wirklich.«
»Er war nicht der Einzige, der das wollte.« Er wandte den Blick ab. »Mag sein, dass Sie Black Jack gesehen haben. Aber Black Jack hat keine Entscheidung getroffen.«
»Er stand aber dicht davor, nicht wahr?« Rione war mehr als eine Armlänge von ihm entfernt, sodass sie körperlich und emotional zu ihm auf Abstand blieb. »Was war das für ein Gefühl zu wissen, dass Sie hätten tun können, was Sie wollten?«
»Ein beängstigendes.«
»War das alles?«
Er atmete tief durch und dachte daran zurück, welche Gefühle ihm da durch den Kopf gegangen waren. »Ja. Es war beängstigend, weil es so verlockend war. Weil ich diese Idioten für das bezahlen lassen wollte, was sie angerichtet hatten. Und ich wusste, ich würde mit dem davonkommen, was ich tun wollte. Und dieses Wissen machte mir Angst.« Geary richtete seinen Blick wieder auf Rione. »Und was fühlen Sie?«
»Ich?« Sie schüttelte den Kopf. »Warum sollte ich irgendetwas fühlen?«
»Heißt das, zwischen uns ist es aus? Sind Sie hergekommen, um mir das zu sagen? Gehen Sie mir deshalb seit der Konferenz aus dem Weg?«
»Aus?« Sie schien eine Minute zu benötigen, um über seine Frage nachzudenken, dann schüttelte sie erneut den Kopf. »Nein. Es gibt da … einige andere Dinge, um die ich mich kümmern muss. Aber ich möchte gern in John Gearys Nähe bleiben. Ich glaube, er könnte mich brauchen.«
»Und was ist mit Black Jack?«, fragte er, da er sich erinnerte, dass Rione ihm ohne Umschweife erklärt hatte, ihre oberste Loyalität gelte der Allianz, nicht ihm.
»Wenn er sich wieder zeigt, wäre ich auch gern in der Nähe.« Sie sagte es in einem ruhigen, nahezu gefühllosen Ton, während sie ihm in die Augen sah.
Um dafür zu sorgen, dass ich ehrlich bleibe?, überlegte er. Oder um sicherzustellen, dass du dich in einer Position befindest, um die Macht zu nutzen, von der Black Jack ohne zu zögern Gebrauch machen würde?
Oder um sicherzustellen, dass Black Jack der Allianz keinen Schaden zufügt, und um das notfalls dadurch zu verhindern, indem du mir im Schlaf ein Messer ins Herz jagst? Ist mir eigentlich je der Gedanke gekommen, dass ich mit einer Frau schlafe, die mich im wahrsten Sinne des Wortes umbringen könnte, wenn sie glaubt, nur so das beschützen zu können, woran sie glaubt? Und woran ich ebenfalls glaube?
Aber wenigstens kann ich sie auf diese Weise auch im Auge behalten.
»Es ist noch ein weiter Weg zurück zur Allianz«, erklärte er. »Aber wir werden es schaffen, und wenn sich uns noch so viele Syndiks in den Weg stellen. Diese Flotte wird heimkehren. Und Captain John Geary wird ebenfalls heimkehren. Jegliche Hilfe, die Sie dabei leisten können, ist gern gesehen. Und Sie selbst sind auch immer gern gesehen.« Jedenfalls fast immer.
»Dass die Flotte es zurück nach Hause schafft, daran glaube ich jetzt auch«, stimmte Rione ihm leise zu. »Ob es John Geary ebenfalls gelingen wird, das werden wir sehen.«