Zwei Stunden Vorsprung, dachte er, und nicht auf der Suche nach einem Magier, dem es irgendwie gelungen war, sich auch ohne Spruch unsichtbar zu machen. Pfeifer grinste, stand auf und klopfte seine rote Robe ab. Dann blinzelte er zum Himmel, der hier im Schatten der Bäume heller war, als er draußen auf der Straße gewirkt hatte.
Noch ungefähr eine Stunde bis Sonnenuntergang. Genug Zeit, um sich um Kyan zu kümmern.
Pfeifer näherte sich den Toten, die immer noch auf der Straße lagen. Wie schwarze Kreaturen der Nacht krächzten ein halbes Dutzend Saatkrähen ihn an, bevor sie sich davonmachten. Eine, die auf der Schulter eines Soldaten von Realgar hockte, legte den Kopf schief und beäugte den Störenfried mit kalter Dreistigkeit. Ich sehe dich, schien die Krähe zu sagen, und ich werde dich wiedersehen.
Pfeifer erschauerte und warf einen Stein nach dem Vogel. Die Krähe suchte schimpfend das Weite. Pfeifer machte sich an die Arbeit.
Der Zauberer schleifte Realgars drei Mordgesellen von der Straße fort, tief in den dunkler werdenden Wald. Wie Stanach ging es ihm nur um Kyan.
Er würde Kyan Rotaxt ein richtiges Steingrab bauen. Wieder sah er zur Sonne. Wahrscheinlich konnte er Reorx den Geist des Zwerges anvertrauen, wenn die Sonne den Stein im letzten Tageslicht rot färben würde.
Das fand Pfeifer passend.
»Genau«, sagte er leise zu dem Toten, während er arbeitete. »Du sollst nicht unbegraben gehen, mein Freund Kyan. Wenn man in Thorbardin erfährt, daß Kyan Rotaxt tot ist, wird ein Prinzregent um dich trauern.«
Während er arbeitete, dachte der Magier nach. Realgars Männer hatten sie schon angegriffen, als er, Kyan und Stanach erst höchstens ein Schimmern in der Luft nach dem Transportzauber waren. Haben wir so viel Pech, fragte er sich, oder haben sie so viel Glück?
Pfeifer schob den letzten Stein an seinen Platz und ging zur Straße, um sich neben Kyan zu setzen. Von der Sonne sah man nur noch einen roten Glanz und schräge, goldene Strahlen hinter dem Horizont im Westen. Die Straße nach Norden war bereits in Dunkelheit getaucht.
Pfeifer glättete das dunkle Lederwams über dem zerfetzten, blutigen Kettenhemd, das Kyan Rotaxt nicht vor dem Armbrustbolzen geschützt hatte. Vielleicht, dachte er, als er sich bückte, um seinen Freund aufzuheben und zu seinem Grab zu tragen, vielleicht hat Realgar diese Straße bewachen lassen, weil er schon Leute in Langenberg hat, die Sturmklinge suchen. Entweder kommen sie auf dem Rückweg hier vorbei, oder Realgar will sichergehen, daß kein anderer Suchender in die Stadt gelangt.
Er legte Kyan in das Steingrab und legte dann sorgfältig die Decksteine über seinen Körper. Wie beabsichtigt beschien das letzte, glutrote Sonnenlicht die Steine.
»Laß das den Widerschein des Lichts von der göttlichen Esse sein«, murmelte er. »Ade, Kyan Rotaxt.«
Ohne nachzudenken, glitt seine Hand zu der Flöte an seinem Gürtel. Während er gearbeitet hatte, waren ihm leise, traurige Töne durch den Kopf gegangen. Pfeifer schüttelte den Kopf. Kyans Totenklage mußte noch eine Zeitlang ungesungen bleiben. Die Klänge der Flöte würden in der klaren Nachtluft weit zu hören sein.
Die Nacht senkte sich schnell über die Straße, und Pfeifer setzte sich ins Gras. Den Rücken an Kyans Grabhügel gelehnt, sah er zu, wie die ersten, frühen Sterne am Himmel auftauchten und die Stellen markierten, wo die zwei Monde, der rote und der silberne, bald aufgehen würden. Er würde warten, wie er es Stanach versprochen hatte.
Pfeifer holte tief Luft. Stanach war kein Kämpfer, dachte er, und kein Zauberer. Aber er hatte einen Schwur geleistet und wollte diesen Eid halten, was auch immer geschehen mochte.
Er überlegte, ob er versuchen sollte, Stanach einzuholen, doch dann verwarf er die Idee. Es war sinnlos, sich in der Dunkelheit womöglich zu verfehlen. Wenn Stanach das Königsschwert heute nacht fand, würde er morgen zurück sein.
Wenn man einen Treffpunkt ausmacht, hatte Kyan einmal gesagt, dann hält man ihn entweder ein, oder man rennt einige Tage seinen Freunden hinterher, die herumlaufen und einen suchen.
Beim Bier in Thorbardins Wirtshäusern hatte Kyan oft seine Grenzlandgeschichten erzählt. Auf einer solchen Sauftour durch die Stadt hatte er diese Weisheit von sich gegeben. Pfeifer senkte den Kopf. Er würde keine neuen Weisheiten mehr von Kyan Rotaxt hören, und auch keine Abenteuergeschichten. Kyan lag ermordet in der Außenwelt.
Die Bürger von Langenberg hatten sich nie besonders für Glaubensfragen interessiert, bis zu dem Tag, als der rote Drache zuschlug. Die Stadt beherbergte Anhänger der Religion der neuen Götter, der Religion der alten Götter und der verbreiteteren Religion der Gleichgültigkeit. Hier in Langenberg waren die Sucherfürsten keine Eiferer, und die Gläubigen der alten Götter machten nicht viel Aufhebens um ihr Bekenntnis. In manchen Städten schlugen sich Andersgläubige gegenseitig die Köpfe ein. In Langenberg verlief das Leben in Ruhe und Beschaulichkeit. Es war zu schön für religiöse Streitigkeiten.
Satt von den Produkten der fruchtbaren Höfe im Flußtal und dem Wild, das in Feld und Wald reichlich vorhanden war, bewies Langenberg den alten Spruch, daß der hungrige Mann kämpft, während der wohlgenährte zufrieden lächelnd seinem nächsten Mahl entgegensieht. Als im Norden Solace zerstört wurde, hätten die Bewohner von Langenberg zum Himmel schauen sollen. Doch das taten sie nicht.
Als Verminaard in seiner roten Rüstung, vom leichten Sieg über Solace gestärkt, anrückte, nahm er Langenberg in einem Tag ein. Er brauchte kein ganzes Drachenheer, nur einen einzigen, seinen feuerroten Ember. Auch seine Soldaten, die noch nach verbranntem Vallenholz und Tod stanken, brauchte er kaum.
Während seine Armee die Stadt überrannte, setzten Verminaard und der rote Drache Ember die Höfe im Tal in Brand. Unbarmherzig brachten sie Zerstörung und Tod. Bis die Felder zu brennendem Ödland geworden waren, hatten seine Truppen Langenberg umstellt, waren einmarschiert und hatten die Stadt erdrosselt, wie das nasse Lederband eines Folterknechts beim Trocknen schrumpft und die Kehle des hilflosen Opfers zuschnürt.
Der Drachenfürst gab seinen Soldaten die Freiheit, ihren Blutdurst zu befriedigen. Als die halbe Stadt zerstört und ein großer Teil der Bevölkerung tot war oder als die Sklaven für die Minen von Pax Tarkas ausgesondert waren, machte Verminaard dem Plündern, Schänden und Morden ein Ende. Er übergab dem Offizier Karvad das Kommando über die besetzte Stadt und trug ihm auf, jeglichen verbliebenen Reichtum aus der Stadt und ihren Bewohnern herauszupressen. Der dunkeläugige, hagere, junge Karvad erinnerte jeden, der ihm begegnete, an einen Vielfraß, auch wenn mancher diesen Vergleich gegenüber dem mißlaunigen, verschlagenen Tier wohl ungerecht fand.
Scheußliche Drakonier, betrunkene menschliche Soldaten und sogar Goblins bevölkerten jetzt die Straßen von Langenberg. Es waren brutale, zügellose Sieger, die sich nahmen, was sie wollten, wann sie wollten, und ohne Zögern jeden umbrachten, der sich dagegen wehrte. Sie waren wie Wölfe in einer Herde ohne Schäfer.
Während die Elfen den Menschen die Schuld in die Schuhe schoben, gaben die Zwerge, die voller bitterer, uralter Verachtung in ihrer Bergfeste Thorbardin hockten, beiden Rassen wegen ihrer vergangenen und gegenwärtigen Sünden die Schuld. Sie hätten sie auch gerne für die zukünftigen Sünden verurteilt.
In Langenberg versuchten die Menschen Tag für Tag, die Besatzung durch die brutale Armee des Drachenfürsten Verminaard zu überleben. Als sich die Sklaven in den Minen von Pax Tarkas erhoben und in die Berge flüchteten, wandte Verminaard seine Aufmerksamkeit von dem unbedeutenden Langenberg ab und überließ den Ort völlig Karvad.
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