In Harrys Kopf spielte sich etwas sehr Schmerzhaftes ab. Als Hagrid mit der Geschichte ans Ende kam, sah er noch einmal den blendend hellen, grünen Blitz vor sich, deutlicher als jemals zuvor – und er erinnerte sich zum ersten Mal im Leben an etwas anderes – an ein höhnische, kaltes, grausames Lachen.
Hagrid betrachtete ihn traurig.
»Hab dich selbst aus dem zerstörten Haus geholt, auf Dumbledores Befehl hin. Hab dich zu diesem Pack hier gebracht… «
»Lauter dummes Zeug«, sagte Onkel Vernon. Harry schreckte auf, er hatte fast vergessen, daß die Dursleys auch noch da waren. Onkel Vernon hatte offenbar seine Courage wiedergewonnen. Die Fäuste geballt, sah er Harry mit finsterem Blick an.
»Jetzt hörst du mir mal zu, Kleiner«, schnauzte er. »Mag sein, daß es etwas Seltsames mit dir auf sich hat, vermutlich nichts, was nicht durch ein paar saftige Ohrfeigen hätte kuriert werden können – und was diese Geschichte mit deinen Eltern angeht, nun, sie waren eben ziemlich verrückt, und die Weit ist meiner Meinung nach besser dran ohne sie. Haben's ja nicht anders gewollt, wenn sie sich mit diesem Zaubererpack eingelassen haben – genau was ich erwartet hab, ich hab immer gewußt, daß es mit ihnen kein gutes Ende nehmen würde -«
Doch in diesem Augenblick sprang Hagrid vom Sofa und zog einen zerfledderten rosa Schirm aus seinem Umhang. Wie ein Schwert hielt er ihn Onkel Vernon entgegen und sagte:»Ich warne dich, Dursley – ich warne dich – noch ein Wort… «
Nun, da Onkel Vernon Gefahr lief, vom Schirm eines bärtigen Riesen aufgespießt zu werden, verließ ihn der Mut wieder; er drückte sich gegen die Wand und verstummte.
»Schon besser so«, sagte Hagrid schwer atmend und setzte sich aufs Sofa zurück, das sich diesmal bis auf den Boden durchbog.
Harry lagen unterdessen immer noch Fragen auf der Zunge, hunderte von Fragen.
»Aber was geschah mit Vol-, 'tschuldigung – ich meine Du-weißt-schon-wer?«
»Gute Frage, Harry. Ist verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Noch in der Nacht als er versucht hat, dich zu töten. Macht dich noch berühmter. Das ist das größte Geheimnis, weißt du… Er wurde immer mächtiger – warum hätte er gehen sollen?
Manche sagen, er sei gestorben. Stuß, wenn du mich fragst. Weiß nicht, ob er noch genug Menschliches in sich hatte, um sterben zu können. Manche sagen, er sei immer noch irgendwo dort draußen und warte nur auf den rechten Augenblick, aber das glaub ich nicht. Leute, die auf seiner Seite waren, sind zu uns zurückgekommen. Manche sind aus einer Art Trance erwacht. Glaub nicht, daß sie es geschafft hätten, wenn er vorgehabt hätte zurückzukommen.
Die meisten von uns denken, daß er immer noch irgendwo da draußen ist, aber seine Macht verloren hat. Zu schwach, um weiterzumachen. Denn etwas an dir, Harry, hat ihm den Garaus gemacht. In jener Nacht geschah etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte – weiß nicht, was es war, keiner weiß es -, aber etwas an dir hat er nicht gepackt, und das war7s.«
Hagrid betrachtete Harry voller Wärme und Hochachtung, doch Harry fühlte sich nicht froh und stolz deswegen, sondern war sich ganz sicher, daß es sich hier um einen fürchterlichen Irrtum handeln mußte. Ein Zauberer? Er? Wie sollte das möglich sein? Sein Leben lang hatte er unter den Schlägen Dudleys gelitten und war von Tante Petunia und Onkel Vernon schikaniert worden; wenn er wirklich ein Zauberer war, warum hatten sie sich nicht jedes Mal, wenn sie versucht hatten, ihn in den Schrank einzuschließen, in warzige Kröten verwandelt? Wenn er einst den größten Hexer der Welt besiegt hatte, wie konnte ihn dann Dudley immer herumkicken wie einen Fußball?
»Hagrid«, sagte er leise,»du mußt einen Fehler gemacht haben. Ich kann unmöglich ein Zauberer sein.«
Zu seiner Überraschung gluckste Hagrid.
»Kein Zauberer, was? Nie Dinge geschehen lassen, wenn du Angst hattest oder wütend warst?«
Harry blickte ins Feuer. Nun, da er darüber nachdachte… Alle seltsamen Dinge, die Onkel und Tante auf die Palme gebracht hatten, waren geschehen, als er, Harry, aufgebracht oder zornig gewesen war… Auf der Flucht vor Dudleys Bande war er manchmal einfach nicht zu fassen gewesen… Manchmal, wenn er mit diesem lächerlichen Haarschnitt partout nicht hatte zur Schule gehen wollen, hatte er es geschafft, daß sein Haar rasch nachwuchs… Und das letzte Mal, als Dudley ihn gestoßen hatte, da hatte er doch seine Rache bekommen, ohne auch nur zu wissen, was er tat? Hatte er nicht eine Boa constrictor auf ihn losgelassen?
Harry wandte sich erneut Hagrid zu und lächelte, und er sah, daß Hagrid ihn geradezu anstrahlte.
»Siehst du?« e sagte Hagrid. »Harry Potter und kein Zauberer – wart nur ab, und du wirst noch ganz berühmt in Hogwarts.«
Doch Onkel Vernon würde nicht kampflos aufgeben.
»Hab ich Ihnen nicht gesagt, der Junge bleibt hier?«, zischte er. »Er geht auf die Stonewall High und wird dafür dankbar sein. Ich habe diese Briefe gelesen, und er braucht allen möglichen Nonsens – und Zauberspruchfibeln und Zauberstäbe und -«
»Wenn er gehen will, wird ihn ein großer Muggel wie du nicht aufhalten können«, knurrte Hagrid. »Lily und James Potters Sohn von Hogwarts fernhalten! Du bist ja verrückt. Sein Name ist vorgemerkt, schon seit seiner Geburt. Er geht bald auf die beste Schule für Hexerei und Zauberei auf der ganzen Welt. Nach sieben Jahren dort wird er sich nicht mehr wiedererkennen. Er wird dort mit jungen Leuten seinesgleichen zusammen sein, zur Abwechslung mal, und er wird unter dem größten Schulleiter lernen, den Hogwarts je gesehen hat, Albus Dumbled-«
»ICH BEZAHLE KEINEN HIRNRISSIGEN ALTEN DUMMKOPF, DAMIT ER IHM ZAUBERTRICKS BEIBRINGT!«, schrie Onkel Vernon.
Doch nun war er endgültig zu weit gegangen. Hagrid packte den Schirm, schwang ihn über seinem Kopf hin und her und polterte:»BELEIDIGE NIE – ALBUS DUMBLEDORE – IN MEINER GEGENWART!«
Pfeifend sauste der Schirm herunter, bis die Spitze auf Dudley gerichtet war – ein Blitz aus violettem Licht, ein Geräusch wie das Knallen eines Feuerwerkskörpers, ein schrilles Kreischen – und schon begann Dudley einen Tanz aufzuführen, mit den Händen auf dem dicken Hintern und heulend vor Schmerz. Gerade, als er ihnen den Rücken zuwandte, sah Harry ein geringeltes Schweineschwänzchen durch ein Loch in seiner Hose hervorpurzeln.
Onkel Vernon tobte. Er zog Tante Petunia und Dudley in den anderen Raum, warf Hagrid einen letzten, angsterfüllten Blick zu und schlug die Tür hinter sich zu.
Hagrid sah auf den Schirm hinab und strich sich über den Bart.
»Hätt die Beherrschung nicht verlieren dürfen«, sagte er reuevoll,»aber es hat ohnehin nicht geklappt. Wollte ihn in ein Schwein verwandeln, aber ich denke, er war einem Schwein so ähnlich, daß es nicht mehr viel zu tun gab.«
Unter seinen buschigen Augenbrauen hervor blickte er Harry von der Seite an.
»Wär dir dankbar, wenn du das niemandem in Hogwarts erzählst«, sagte er. »Ich – ähm – soll eigentlich nicht herumzaubern, um es genau zu nehmen. Ich durfte ein wenig, um dir zu folgen und um dir die Briefe zu bringen und – einer der Gründe, warum ich so scharf auf diesen Job war -«
»Warum sollst du nicht zaubern?«
»Nun ja – ich war selbst in Hogwarts, doch ich – ähm – man hat mich rausgeworfen, um dir die Wahrheit zu sagen. Im dritten Jahr. Sie haben meinen Zauberstab zerbrochen und alles. Doch Dumbledore hat mich als Wildhüter dabehalten. Großartiger Mann, Dumbledore.«
»Warum hat man dich rausgeworfen?«
»Es wird spät und wir haben morgen viel zu erledigen«, sagte Hagrid laut. »Müssen hoch in die Stadt und dir alle Bücher und Sachen besorgen.«
Er nahm seinen dicken schwarzen Umhang ab und warf ihn Harry zu.
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