»Sprich nicht so«, sagte Flint in gereiztem Tonfall. »Es gibt noch Hoffnung.«
»Nein, die gibt es nicht«, widersprach Wilde und rang nach Luft. Flint wischte ihm den Schweiß von der Stirn.
Wilde grinste bitter. »Du warst immer schon die Sanfte, Jess. Wie wär's jetzt mit einem letzten Kuss, eh? Zum Abschied. Und danach verschafft mir der Tänzer einen anständigen Abgang.«
Flint hatte gegen Tränen anzukämpfen, musste aber unwillkürlich schmunzeln. »Du warst schon immer ein Romantiker, Edmond.«
Sie beugte sich weiter vor, wischte mit dem Ärmel Blut von seinen Lippen und gab ihm einen zarten Kuss.
Wilde hob die Hand und umfasste streichelnd ihre linke Brust. Halb erschrocken, halb amüsiert, richtete sich Flint wieder auf. Wilde nickte dem Tänzer zu, der daraufhin seinen Dolch zur Hand nahm und umstandslos in Wildes Herz stieß. Der Bogenschütze verkrampfte und grinste Flint zu.
»Von wegen Romantiker.«
Und dann hauchte er mit einem langen Seufzer sein Leben aus. Die Augen brachen. Flint griff mit zitternder Hand aus und drückte ihm die Lider zu.
»Adieu, Edmond. Ich wünschte, es wäre anders für dich ausgegangen.«
»Jessica?« Der Tänzer sah sie an. »Ich musste es tun.«
»Natürlich. Danke, Giles.«
»Was machen wir jetzt?«, fragte Constance. »Die Trolle sind besiegt, das Biest ist tot. Aber was ist mit Duncan, mit Jack und Hammer?«
»Wir sollten uns eine Weile ausruhen«, schlug Flint vor. »Duncan und die anderen werden bald zurück sein.«
»Und wenn nicht?«, fragte Constance ruhig. »Was, wenn nicht?«
»Dann steigen wir nach unten und suchen sie«, antwortete der Tänzer.
Vogelscheuchen-Jack taumelte durch den Stollen und hielt die Laterne am schmerzenden Arm vor sich ausgestreckt. Er wusste nicht mehr, wie lange er schon unterwegs war. Jedenfalls taten ihm die Füße schrecklich weh und die Laterne war so schwer geworden, dass er sie kaum noch zu halten vermochte. Wie in Trance schleppte er sich weiter. Das Echo seiner schlurfenden Schritte war schnell verhallt. Er versuchte, den Wald zu Hilfe zu rufen, was ihm aber nicht gelang. Er war zu müde und zerstreut. Ihm schwirrte der Kopf und er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Ernstliche Sorgen brauchte er sich nicht zu machen; das war ihm klar. Ein paar Stunden Schlaf - und er wäre wieder auf der Höhe. Er war geneigt, sich auf den fest getrampelten Lehmboden des Stollens zu legen, ahnte aber, dass er später womöglich nicht mehr die Kraft fände, wieder aufzustehen. Und darum tappte er weiter, mit hängendem Kopf, schwerfällig Schritt für Schritt.
Er hatte das Biest schreien hören, doch das qualvolle Geheul war längst verhallt, in den Stollen wieder Stille eingekehrt. Es war alles beim Alten geblieben. Jack fragte sich, ob die Träume des Biests mit dessen Tod wohl ausgeträumt sein würden und ob es ihn womöglich selbst träfe, da er sich ja in einem dieser Träume bewegte. Es tat sich aber nichts. Oder, falls doch eine Veränderung eingetreten war, so hatte er nichts davon bemerkt. Nein, dermaßen müde und erschöpft konnte nur sein, wer noch lebte. Wenn aber die Träume immer noch so wirklichkeitsnah erschienen, war das Biest vielleicht gar nicht ganz tot.
Der Gedanke schreckte ihn aus seiner Benommenheit hoch. Er blieb stehen und sah sich um. Das Biest war tot.
Kein Zweifel. Das Infernaleisen hatte es ein für allemal unschädlich gemacht… Trotzdem, er wollte auf Nummer Sicher gehen. Er nahm mit übereinander geschlagenen Beinen auf dem Boden Platz, weitete behutsam sein Bewusstsein und versuchte, mit den Bäumen Zwiesprache zu halten. Zwar war er immer noch zu weit weg, um mit dem Wald in Verbindung treten zu können, spürte aber doch ganz deutlich, dass von der dunklen, unheilvollen Präsenz des Biests nichts übrig geblieben war. Es schien, als hätte es nie existiert. Jack stand wieder auf und grinste trotz schmerzender Glieder. Vielleicht gab es ja doch noch einen Rest an Gerechtigkeit in der Welt. Mit diesem tröstlichen Gedanken setzte er seinen Weg durch den Stollen fort.
Nach einer Weile fiel ihm eine eigentümliche Veränderung der Schatten auf, die vor ihm lagen. Er hob die Laterne hoch in die Luft und plierte ins Dunkle. Sein Herz hüpfte vor Freude, als er sah, wie sich aus dem Licht-und-Schatten-Muster weiter vorn die Umrisse einer Holzstiege herausbildeten. Er war also fast am Ziel, musste nur noch über die Stufen nach oben steigen und durch die Falltür klettern, um endlich die Dunkelheit hinter sich lassen zu können. Am Fuß der Treppe angekommen, blieb er stehen und runzelte die Stirn. Er erinnerte sich daran, wie endlos lang der Abstieg gewesen war. Ihm wurde ein wenig bange. Doch dann besann er sich. Gleichgültig, wie viele Stufen es auch sein mochten. Er hatte es fast geschafft und wollte sich durch nichts und niemanden aufhalten lassen. Er war auf dem Weg nach Hause, in den Wald.
So schnell es seine müden Beine erlaubten, hastete er die Holzstiege hinauf. In der Hoffnung, die Falltür zum Keller möglichst bald ausmachen zu können, hielt er die Laterne am weit ausgestreckten Arm, aber lange Zeit sah er nichts als Stufen und Dunkelheit. Erst als der Raureif in den Haaren zu schmelzen begann und wie Tränen übers Gesicht perlte, bemerkte er, dass die Kälte mehr und mehr nachließ. Ja, es wurde geradezu warm.
Kribbelnd kehrte Leben in Hände, Füße und Gesicht zurück. Was sich dann wie tausend Nadelstiche anfühlte, peinigte ihn so sehr, dass er die Zähne aufeinander beißen musste. Trotzdem lächelte er und sein Grinsen wurde so breit, dass ihm schließlich auch noch die Wangen wehtaten. Als plötzlich die Falltür über ihm auftauchte, musste er jäh anhalten, um nicht mit dem Kopf davor zu stoßen. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Was, wenn die Luke verriegelt und verrammelt und niemand zur Stelle wäre, der sie öffnen konnte? Für immer würde er dann in der dunklen Falle stecken… Aber Jack mochte über diese Möglichkeit nicht länger nachdenken. Er griff mit der freien Hand aus und stemmte sie unter die Tür. Sie ging einen Spalt auf, fiel dann aber wieder zu. Jack fluchte leise vor sich hin. Er hatte vergessen, wie schwer der Eichendeckel war. Er setzte die Laterne auf der obersten Stufe ab und nahm auch den anderen Arm zu Hilfe. Wieder ließ sich die Tür nur ein Stück weit bewegen. Jack holte tief Luft und bot alle Kraft auf, die ihm geblieben war. MacNeil hatte das Offnen der Klappe so leicht aussehen lassen. Doch auf einmal war ihr die Last genommen und die Klappe wurde von oben aufgezogen. Licht flutete durch die Öffnung. Jack war geblendet und sah nichts, fühlte sich aber von starken Händen aus dem Schacht gezogen, raus aus der Unterwelt und hinauf ins Kellergewölbe.
Flint und der Tänzer ließen die Falltür wieder zuklappen, und Constance half Jack dabei, sich hinzusetzen, ehe die Beine unter ihm wegknickten. Er grinste glücklich, als er endlich wieder sehen konnte, entsann sich aber dann der schlechten Nachrichten, die er mitzuteilen hatte.
»Ich bin der Einzige«, sagte er leise. »Hammer und Sergeant MacNeil werden nicht zurückkommen.«
»Sind beide tot?«, fragte Constance nach.
»Hammer mit Sicherheit und wahrscheinlich auch der Sergeant. Er hat sich geopfert, um das Biest zu vernichten.«
»Was ist passiert?«, wollte der Tänzer wissen.
»Sergeant MacNeil hat sich mit dem Wolfsfluch dem Ungeheuer entgegengeworfen.« Jack senkte den Blick, aber dann hob er das Gesicht und schaute dem Tänzer in die Augen. »Ich hätte es auch getan, aber das wollte er nicht zulassen. Er sagte, es sei seine Pflicht. Er war ein tapferer Mann, der tapferste, dem ich je begegnet bin.«
»Ja«, bestätigte Flint. »Das war er.«
Es blieb für eine Weile still. Jeder ging seinen eigenen Gedanken nach. Constance verlor auch den letzten Rest an Kraft, den sie aufgespart hatte, um MacNeil willkommen zu heißen - den sie jetzt aber nicht mehr brauchte.
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