»Sergeant… woher nehmt Ihr die Sicherheit, dass es durch das Eisen getötet werden kann?«
»Warum sollte es sonst so große Angst vor dieser Waffe haben? Geh jetzt. Ich komme später nach.«
»Ja«, sagte Jack leise. »Alles Gute, Sergeant.«
Er salutierte, nahm die Laterne zur Hand und stieg über den Sims zurück in den Stollen. Allein zurückgeblieben, lauschte MacNeil und hörte, wie sich Jacks Schritte entfernten. Dann war es vollkommen still und er spürte die Gegenwart des Biests als ein Flirren der Luft ringsum. Seine Kraft nahm zu.
Ich könnte laufen und mich aus dem Staub machen. Noch ist es nicht zu spät. Aber nein, ich laufe nicht davon.
Er holte tief Luft und war selbst überrascht von seinem zittrigen Atmen. Die Augen auf den Wolfsfluch geheftet, steckte er das eigene Schwert in die Scheide zurück. Die Hände schwitzten; er wischte sie an der Hose trocken.
Nie hatte er so große Angst verspürt wie in diesem Augenblick. Langsam kniete er nieder und fasste nach der Waffe, vorsichtig darauf bedacht, nicht mit Hammers abgetrennter Hand in Berührung zu kommen. Dann richtete er sich wieder auf. Das überlange Schwert lag verblüffend leicht in der Hand. Es glühte und strahlte ein krankes Licht aus. Und jetzt verstand MacNeil auch, warum Hammer das Schwert nur äußerst widerstrebend gezogen hatte.
Vom Wolfsfluch ging ein verführerisches Flüstern aus, das von Macht und Möglichkeiten schwärmte und seine dunkelsten Träume und Fantasien ansprach. MacNeil erschauderte, als er die fremde Kraft wie ein schrecklich süßes Gift durch alle Fasern seines Wesens sickern spürte. Kein Wunder, dass Hammer dem Biest so schnell nachgegeben hatte. MacNeil schüttelte den Kopf frei und trat an den Rand des Felssimses heran. Von dem, was es jetzt für ihn zu tun galt, würde ihn weder das Biest, noch das Höllenschwert oder die eigene Angst abhalten können.
Er packte das mit Lederstreifen umwickelte Heft mit beiden Händen und hielt das Infernaleisen mit ausgestreckten Armen vor sich. Das grelle Licht, das von der Klinge ausging, ließ ihn mit den Augen blinken.
Vorsichtig rückte er mit den Stiefelspitzen bis über die Kante und schaute nach unten.
MacNeil erinnerte sich an die Dämonen der langen Nacht, wie er auf dem Absatz hatte kehrt machen und davonlaufen wollen. Er hatte in seiner Furchtsamkeit immer eine Schwäche gesehen, einen charakterlichen Makel, den er sich nicht verzeihen konnte. Schwäche war ihm zuwider, bei sich wie auch bei anderen. Aber jetzt, da er allein an diesem schroffen Felsrand stand und auf das Riesenauge des Biests hinabblickte, erkannte er endlich die Wahrheit. Angst zu haben war keine Schande, ihr nachzugeben aber sehr wohl.
Das Biest war aufgewacht, und wenn es wieder voll zu Kräften gekommen wäre, würde es die Welt vernichten und nach seinem eigenen schrecklichen Bild neu gestalten. Früher, in der Zeit von Finsterholz, hatte er gelobt, dass er lieber sterben wollte als so etwas widerspruchslos geschehen zu lassen. Dieses Gelübde galt nach wie vor, und trotz aller Angst schöpfte er Mut aus seiner Vorstellung von Pflicht und Ehre, Mut, den er brauchte, um das Notwendige zu tun. Kurz flog ihn der Gedanke an: Warum ich? Doch die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Weil kein anderer zur Stelle ist. Weil es deine Aufgabe ist und in deiner Verantwortung liegt. Er erinnerte sich, dem toten Kind gegenüber Rache geschworen zu haben, was seinen Entschluss noch weiter festigte. Ein einziger Seufzer war von ihm zu hören; dann senkte er das lange Schwert und zielte mit der Spitze auf das Auge des Biests.
Lebwohl, Jessica, Giles. Ich war immer stolz darauf, euch als Partner zu haben. Lebwohl, Constance. Du bist, wie sich herausgestellt hat, eine sehr gute Hexe.
Das Infernaleisen kreischte vor Rage in seinem Kopf, als es endlich ahnte, was er plante. MacNeil reckte sich. Er spürte die Felskante unter den Absätzen und die Leere unter den Stiefelspitzen. Für seine Höhenangst hatte er jetzt nur ein fades Lächeln übrig. Beide Hände fest um den Griff des Schwertes geschraubt, beugte er sich vor, sprang von der Kante ab und stürzte kopfüber in die Tiefe.
Die eiskalte Luft sauste an ihm vorbei, als er, das Infernaleisen voran, auf das Biest zuflog. In seinem Kopf schrien Schwert und Ungeheuer lautlos auf, doch er lachte über beide. Das Auge rückte rasend schnell näher.
Bald füllte dessen Silber und Gold MacNeils gesamten Gesichtskreis aus. Er starrte in ein Meer aus gleißendem Licht. Und schließlich tauchte das Schwert darin ein, getrieben von der Wucht des langen Sturzes. Zusammen mit der Waffe verschwand MacNeil im Leib des Biests, das nach einem kurzen Augenblick tiefer Stille gellend zu schreien anfing.
Abschied
Der Schrei riss plötzlich ab und die Stimme des Biests verstummte für immer.
Im Kellergewölbe löste sich der Nebel auf. Er zog sich in die Mauern zurück und verschwand spurlos. In der klaren Luft konnte sich das Fackellicht wieder ungehindert ausbreiten. Es wurde heller und die Schatten wirkten nicht mehr gar so dunkel. Der Tänzer streckte die letzten beiden Trolle nieder und sah sich verwundert um, als er gewahrte, dass keine weiteren nachrückten. Flint setzte sich auf dem blutüberströmten Boden nieder und schloss die Augen. Constance ließ die Hände an die Seite zurückfallen und senkte den Kopf vor Erschöpfung.
»Es ist tot«, sagte sie leise. »Das Biest ist tot.«
»Bist du sicher?«, fragte der Tänzer.
»Ja. Ich spüre es genau.«
Seufzend zuckte der Tänzer die Achseln und steckte das Schwert in die Scheide. Dann warf er einen Blick auf Flint und eilte zu ihr. Als er die Wunde sah, an der Stelle, wo einst das linke Ohr gesessen hatte, entfuhr ihm ein zischend gehauchter Fluch. Er zog ein Taschentuch aus der Tasche und drückte es sanft an ihren Kopf. Sie wimmerte und schlug protestierend die Augen auf, hob dann aber selbst die Hand, um das Taschentuch an Ort und Stelle zu halten. Die Zähne aufeinander gebissen, ließ sie es geschehen, dass der Tänzer einen Streifen Tuch um ihren Kopf wickelte, der den Notverband auf der Wunde fixieren sollte. Schweiß trat ihr vor die Stirn; ihr wurde übel und schwindelig vor Schmerzen. Trotzdem rang sie sich zum Dank ein Lächeln ab, als der Tänzer ihr besorgt in die Augen schaute.
»Wir haben gewonnen, Giles. Wir haben tatsächlich gewonnen.«
»Sieht so aus, Jessica.«
»Wenn sich so ein Sieg anfühlt, wäre ich nicht gern dabei, falls ihr eine Niederlage einstecken müsst«, sagte Wilde.
Flint sah sich schnell um, und mit Giles' Hilfe trat sie herbei und ging neben dem gefallenen Bogenschützen in die Knie. Auf dem Rücken liegend, starrte er mit schmerzerfüllten Augen unter die Decke und hielt mit beiden Händen das Gedärm zurück, das aus dem aufgeplatzten Unterleib hervorzuquellen drohte. Rings um ihn herum hatte sich eine große Blutlache gebildet. Blut trat ihm auch aus dem Mund und rann übers Kinn. Er konnte nicht einmal mehr den Kopf heben, als sich Flint über ihn beugte und eine Hand auf seine Hände legte. Sie warf einen flüchtigen Blick auf den Tänzer, der kurz den Kopf schüttelte. Auch Constance kniete sich neben Flint auf den Boden.
»Kannst du nichts für ihn tun?«, fragte Flint leise.
Die Hexe schüttelte den Kopf. »Ich hab all meine Zauberkraft verausgabt. Es dauert, bis sie wieder nachwächst.«
»So viel Zeit bleibt mir nicht mehr«, sagte Wilde. Er schluckte unter Schmerzen. »Typisch. Ich hab immer nur Pech gehabt.«
»Bleib ruhig liegen«, sagte Flint.
»Wozu? Schlimmer kann's gar nicht wehtun. Wo ist der Tänzer?«
»Hier. Ich bin hier, Wilde.«
»Ich bin nicht mehr zu retten. Aber es könnte noch eine Weile dauern, bis ich endlich sterbe. Mir wär's lieber, es ginge schneller zu Ende. Tu mir den Gefallen. Sorg dafür, dass ich wenigstens mit einem Rest an Würde abtreten kann.«
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